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Was übrig bleibt

Ocie Elliott
Harrison Storm

Köln, Stadtgarten
15.11.2022

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In Köln sind Jon Middleton und Sierra Lundy a.k.a. Ocie Elliott ja schon öfter zu Gast gewesen - allerdings bisher stets nur als Support Acts für befreundete Acts und Labelkollegen. Insofern war es eine schöne Überraschung, dass sie bei der ersten Deutschland-Show im Rahmen ihrer ersten Headliner-Tour in der Domstadt auf ein ausverkauftes Auditorium im Stadtgarten-Club trafen; denn gerechnet hatte damit so richtig niemand - schon gar nicht Jon und Sierra selber. Der Stadtgarten war dann nicht nur ein bisschen ausverkauft - sondern so richtig. Die Fans drängten sich sogar so dicht, dass der als Support-Act agierende Australier Harrison Storm eingangs seiner Show die Leute bat, in die linke Seite der Halle aufzurücken, damit die draußen noch Wartenden auch noch Einlass finden konnten.
Wie Ocie Elliott veröffentlicht auch Harrison Storm seine Songs in Form von EPs auf dem kanadischen Singer/Songwriter-Label Nettwerk. Man kannte sich also und Jon und Sierra hatten Harrison so lange bekniet, sie auf der Tour als Support zu begleiten, bis er schließlich "ja" sagte. Weil Jon und Sierra nicht in Kategorien wie "Konkurrenz" oder "Wettbewerb" denken, war die Wahl von Harrison als Begleiter sicherlich eine gute, denn der australische Surfer-Dude beackert - zumindest auf der Bühne - sein Metier auf eine ganz ähnliche Weise, wie das auch Ocie Elliott tun. Auf den bislang vier EPs des Meisters richtet Harrison seine Songs zwar gemeinhin in einem gefälligen Folkpop-Setting an - setzte aber bei der Show in Köln konsequent auf das Whisper-Folk-Setting und präsentierte einige seiner älteren Tracks - wie die Titeltnummern seiner EPs "Be Slow" und "Falling Down" - sowie eine Coverversion von Lana Del Reys "Video Games" (um die er das Publikum zuvor um Erlaubnis bat) und neues Material seiner für das nächste Jahr angedachten Debüt-LP alleine mit Gitarre und Kickboard. Dabei zeigte er sich als unterschwellig virtuoser Gitarrist, der sein Können aber stets im Sinne des Songs auslebte und - sagen wir mal - wagemutiger Sänger; denn zuweilen betätigte sich Storm als eine Art männlicher Sirene und übertrieb es es wenig mit der performerischen Romantik. Als Entertainer macht Storm aber so schnell niemand was vor. So parlierte er ungezwungen über sein Metier und gestand etwa, dass sein neuer Song "In Good Time" aus einer Art Writers-Block heraus entstanden ist. Anschließend pries er sein Merch-Material mit den Worten an: "Wenn ihr gerne Kleidung tragt, dann kommt zum Merch und kauft ein T-Shirt. Und wenn ihr keines kaufen wollt, dass kommt und sagt 'Hallo' - tragt dabei aber bitte Kleidung."
Die folgende Umbaupause bestand dann einfach daraus, dass ein Roadie Harrisons Mikro abbaute und Jon Middleton Sierras Mellotron hereintrug und anschloss. Dabei trug er übrigens noch eine schneidige Lederjacke. Als Jon und Sierra dann auf die Bühne traten, und das Set mit "We Fall In" begannen, hatte er ein lappiges T-Shirt und ein altes Käppi aufgesetzt. Ohne Frage sind Ocie Elliott die Meister des Understatements schlechthin. Performerisch jedenfalls geht es einzig um die Songs - und den Gesang. Denn auf die Frage, was ihn eigentlich angetrieben habe, mit Sierra das Projekt Ocie Elliott zu initiieren, hatte Jon mal gesagt, dass es ihm darum ginge, jenes Gefühl wieder zu evozieren, das er und Sierra gefühlt hatten, als sie das erste Mal zusammen gesungen haben. Kein Wunder also, dass Ocie Elliott-Konzerte stets eine besonders intensive, intime Sache sind. Meist singen Jon und Sierra mit geschlossenen Augen - pflegen sich aber danach stets glücklich anzulächeln; ganz so, als haben sie das angesprochene Ur-Gefühl tatsächlich wieder verspürt.

Musikalisch passiert da eigentlich gar nicht so viel. Zwar spielt auch Jon Middleton virtuos, aber zurückhaltend Gitarre und Sierra entlockt ihrem Instrument allerlei überraschende Klangfarben - aber im Wesentlichen tragen alleine die Songs das Geschehen. Und die sind so hinreißend komponiert, werden so empathisch vorgetragen, und sind so prägnant auf das Wesentliche verdichtet, dass es da keine Sekunde Redundanz, Langeweile oder gar irgendwelche Längen gäbe. Kein Wunder also, dass man nun wirklich während der ganzen Show die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können - denn mit dieser fast schon spirituellen Attitüde zogen Jon und Sierra das Publikum mühelos in ihren Bann. Das haben sie früher zwar auch schon getan - aber eben nicht als Headliner vor mehreren hundert Zuschauern. Fast wirkte das, als wäre es Jon und Sierra unangenehm auf der Bühne zu stehen - das täuscht aber. Man darf hier nicht die performerische Intensität mit einer Distanz zum Publikum verwechseln.

So richtige Entertainer sind Jon und Sierra zwar nicht - aber ein paar Ansagen leistete sich das Pärchen von Vancouver Island dann doch schon. So überraschte Sierra zunächst mal mit einer Vorstellung auf akzeptablem Deutsch und im Folgenden wechselten sich Jon und Sierra ab, als es darum ging, die Stories hinter einigen ihrer Songs zu erläutern - beispielsweise die von dem Song "Tracks", der nach einer abenteuerlichen Wanderung in der kanadischen Wildnis entstanden war, auf der es aber zum Glück in regelmäßigen Abständen Kneipen gefunden hätten. Ernster ging es dann zu, als Sierra die Geschichte hinter dem neuen Song "What Remains" - dem Titeltrack der vor einigen Wochen veröffentlichten aktuellen EP - erzählte. Diesen Song hatte sie nämlich zu der Zeit geschrieben, als ihr Vater eine Krebsdiagnose erhalten hatte und sie diesen dann vier Wochen Zeit mit ihm verbrachte, bis er schließlich verstarb. Dadurch hätte der Song eine ganz neue, heilende Bedeutung gewonnen und wurde zu einer Hymne an das Vermächtnis ihres Vaters. Und dessen Lieblingssong, "Run To You", gab es dann um Folgenden gleich hinterher.

Damit wären wir übrigens beim Thema dieser Geschichte: Was bleibt eigentlich nach einer Show von Ocie Elliott? Irgendwie deutlich mehr als nach einem Besuch eines Konzertes üblicherweise bleibt, denn Ocie Elliott nehmen die Hörer mit auf ihre Reise auf der Suche nach der Magie der performerischen Glückseligkeit, auf die sie sich selbst mit jeder Show begeben. Und so etwas hinterlässt einen nachhaltigeren Eindruck als etwa die flüchtige Erinnerung an irgendwelche handwerklichen Highlights oder perfekt reproduzierte Lieblingssongs. Ein Ocie Elliott-Konzert ist eine Art musikalischer Ganzkörpererfahrung für alle relvanten Sinne. Das musste einfach mal gesagt werden.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
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