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Alle guten Dinge sind drei

Synästhesie Festival

Berlin, Kultubrauerei
19.11.2022

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Avishag Cohen Rodrigues
Sicherlich gehört das Synästhesie Festival zu einer der am diversesten besuchten Veranstaltungsreihen überhaupt. Und so kam es denn, dass das Gewusel aus alten und neuen Punks, Goths, Anarchisten, Trans- und Queer-Leuten, Hippies, Rockern, Binären und Nicht-Binären, Crossdressern, Studenten und überhaupt jeder Menge unterschiedlichster Musikfans für eklektisches Liedgut links der Mitte ein ungefähres Bild von der Stimmung vermittelte, die im alten Berlin Ende des ausgehenden letzten Jahrhunderts geherrscht haben musste.
Gut in dieses Bild passte dann auch Cosey Mueller mit ihrem hartnäckigen, dystopischen Cold Wave E-Pop-Club, der obendrein auch noch an die härteren Aspekte der Neuen Deutschen Welle erinnerte. Cosey ist die eine Hälfte des Berliner Duos Das Das und hat sich als Solo-Künstlerin mit schnarrender E-Gitarre, unerbittlichen, harten Synthie-Grooves und betont gleichförmigen Sprechgesang ganz der Erforschung der Wirkung tranceartiger Wiederholungen in einem dezidiert monotonen Umfeld verschrieben. Das heißt nicht, dass das Ganze keinen Unterhaltungswert hätte, der durch die effektive Psychedelisiserung im Maschinenhaus erneut unterstützt wurde.

Dummerweise ergab sich durch technische Probleme im Kesselhaus eine unschöne Verschiebung des in dieser Spielstätte geplanten Programmes, die im Folgenden das Venue-Hopping unnötig erschwerte. Und so verzögerte sich die Show der aus San Francisco stammenden Neo-Psychedeliker Asteroid #4 um fast eine halbe Stunde. Anders als The Brian Jonestown Massacre oder die nachfolgend spielende Tess Parks haben sich Asteroid #4 dabei der klassischen, Beat-orientierten Westcoast-Variante des Psychedelia Genres verschrieben, wie sie in den 60s aus der Taufe gehoben wurden, reichern ihre Tracks mit Acid- und Fuzz-Elementen an und spielen im Allgemeinen deutlich schneller als die vorgenannten.

Auch am zweiten Tag galt: Alle guten Dinge sind drei (Spielstätten). Zum Glück hatte man aber nicht wieder der Frannz Club, sondern das kleinere - aber besser beleuchtete - Panda-Theater als dritte Venue ausgewählt, das als Local Stage über den Hinterausgang des Hauptgebäudes erreicht werden konnte. Dort spielte die aus New York stammende Musikerin Avishag Cohen Rodrigues ein beeindruckendes Set und betätigte sich dabei - mit viel Feedback und Drive und unterstützt von einem Live-Drummer - als Gitarristin und Sängerin sozusagen als One-Woman-Jesus & Mary Chain und nahm das Publikum mit einem Malstrom aus verzerrten Gitarrenriffs und verhallten Noir-Vocals in ihren Bann. Im zweiten Teil der Show ließ sie sich zusätzlich von einer Bassistin unterstützen und nutzte die Gelegenheit für Ausflüge ins Publikum, wo sie den Zuschauern aus nächster Nähe die Unerbittlichkeit ihrer Musik nahebrachte. Einen dicken Coolness-Bonus gab es für Avishags Outfit und die absolut unnötige aber stylishe Sonnenbrille, die sie die ganze Show über trug. Für manch einen Musikliebhaber war Avishags Set ein unerwarteter Höhepunkt des Festivals.

Im Kesselhaus hatte sich inzwischen Tess Parks bereit gemacht, die Songs ihrer neuen (und eigentlich erst zweiten) Solo-LP "And Those Who Were Seen Dancing" zu präsentieren. Man muss wissen, dass die kanadische Wahl-Londonerin zwischen ihrem Solo-Debüt "Hot Blood" zwei Scheiben mit Antony Newcomb von The Brian Jonestown Massacre gemacht hat, um die Sache musikalisch richtig einordnen zu können. Denn wie Newcomb auch ist Tess Parks die Verfechterin eines Ein-Riff-Ein-Song-Prinzips. Das bedeutet, dass der Großteil ihres Materials aus Songs besteht, sie auf einem einzigen, sich hypnotisch ins Unterbewusstsein bohrenden Riff bestehen, auf dem sie dann - eigentlich ohne große Variationen, aber stets unterhaltsam und mitreißend herumreitet. Das ist auch bei ihren neuen Songs so, nur dass hier mehr organische Keyboards wie E-Piano, Mellotron oder Orgeln zum Einsatz kommen als bislang. Die musikalische Konsequenz, die Tess Parks auch in Berlin erfolgreich demonstrierte, übertrug sich (leider) auch auf die Bühnenshow, denn Tess präsentierte sich stoisch und fast ohne sich zu bewegen in gleißendes Rotlicht getaucht.

Fast ganz ohne Licht wollten im Folgenden Jared Artaud und Brian McFadyen a.k.a. The Vacant Lots im Maschinenhaus auskommen. Die beiden Düsterboys präsentierten ihren "Soundtrack For Today's Shattered Society" (so ihre Bandcamp-Seite) im Stile ihres großen Vorbildes Alan Vega. Vielleicht war die Sache mit der Beleuchtung da auch Mittel zum Zweck, denn das Ganze klang dann doch seeeehr nach einer Show der logischerweise verblichenen Vorreiter-Band Suicide. Das kam aber gut an: Man hätte jedenfalls keinen Millimeter freien Platz im Maschinenhaus finden können.

Auf einer anderen Welle schwimmen seit jeher Jasmine Golestaneh und Eddie Cooper mit ihrem Projekt Tempers, denn das Duo hat sich auf eine Art Noir-Synthie-Pop spezialisiert, der aber bei aller Melancholie und Düsternis stets auch mitreißende Club-Elemente enthält. Auf dem im April erschienenen neuen Album "New Meaning", das Tempers hier präsentierten, geht es um die Frage, wie man unseren Dauer-Krisen-Modus im Angesicht der sich aufdrängenden Unsicherheiten am Besten auf der persönlichen Ebene bewältigen kann. Ein Teil dieser Antwort lautet dann sicherlich: Durch Tanzen. Früher krankten Tempers-Auftritte an einer (im Snythie-Pop-Genre gar nicht unüblichen) statischen Präsentation. Hier jedoch mühte sich insbesondere Jasmine das Publikum mit coolen Moves, Posen und Gesten zum mitfeiern auf dem Vulkan zu bewegen. Dass sie (und auch der etwas stoischere Kollege Eddie) das dummerweise oft im hinteren Teil der Bühne und teilweise verdeckt von den Mikroständern taten, tat ein performerisches Problem auf, über das sich viele Musiker offensichtlich überhaupt nicht im klaren sind.

Stimmungsmäßig durchatmen konnte man im Folgenden im Maschinenhaus, wo Philine Meyer und ihre Jungs von dem Projekt Roller Derby sicherlich das poppigste Set des ganzen Festivals spielten. Das soll nicht heißen, dass die Musik von Roller Derby wirklich fröhlich angelegt ist - aber zumindest wurden die schön komponierten Dreampop-Songs lebhaft und mit einer gewissen performerischen Eleganz dargeboten (und im zweiten Teil der Show sogar erkennbar ausgeleuchtet). Wären wir nicht in Deutschland, so könnte man der jungen Band eine große Karriere prophezeien.

Mit der Verpflichtung der Shoegaze-Legende Slowdive als Headliner im Kesselhaus hatten sich die Macher des Festivals einen langgehegten Wunsch erfüllt. Nachdem sich Neil Halstead und Rachel Goswell zwischen 1995 und 2014 mit Solo-Alben und/oder dem gemeinsamen Folkpop-Projekt Mojave 3 beschäftigt hatten, war die Band ja 2014 wieder zusammengekommen und hatte 2017 nach 22 Jahren "Pause" gar die selbst betitelte Scheibe "Slowdive" mit neuem Material veröffentlicht. Die Show im Kesselhaus stand indes ganz im Zeichen der Nostalgie und machte noch ein Mal deutlich, warum die Band weiland mit Noise-, Psychedelia- und Ambient-Elementen im Postpunk-Umfeld dereinst eine ganze Subnische geprägt hatte. Natürlich sind Neil und Rachel in der zweiten Phase der Band zwar älter, aber nicht zeitgemäßer geworden und präsentierten die Songs dann (im Falle von Rachel sogar gut gelaunt und fröhlich) mit einem gewissen Old-School-Flair.

Einen wiederum sehr würdigen Schlusspunkt des zweiten Tages setzte im Panda Theater das kanadische Punk-Outfit Lemongrab, das mit seiner überbordend hyperaktiven Show nicht nur das mitreißendste Konzert des Festivals spielte, sondern auch die positivsten Vibes verbreiteten. Leonie Dishaw und ihre Musiker hatten nicht nur den meisten Spaß auf der Bühne, sondern auch das lustigste Publikum. Innerhalb weniger Minuten war der ganze Panda Club eine wogende und tobende Partyszene und es wurde gemosht auf Teufel komm raus. Die Band selbst setzte sich dabei mit nerdigem Charme in Szene, coverte Brian Eno und ließ in Bezug auf die haarsträubenden Bühnenoutfit und die mit ironischer Distanz aufgeblasenen Stadien-Posen jedenfalls kein Auge trocken - und niemanden kalt. Was auch ganz gut so war, denn mittlerweile hatte es angefangen zu schneien.
Nächstes Jahr dann bitte gerne wieder so - aber vielleicht mit etwas mehr Mut zur Beleuchtung, denn düster genug ist das meiste, was hier geboten wird, ja nun wirklich auch ohne dass man das Licht ausdreht.

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Surfempfehlung:
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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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