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Kate Bollinger
John Myrtle

Berlin, Schokoladen
26.01.2023

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Kate Bollinger
Ihre erste Europa-Tour hatte die aus Richmond, Virginia, stammende, aber inzwischen in L.A. lebende Songwriterin Kate Bollinger eigentlich bereits für den Herbst letzten Jahres angedacht - dann jedoch musste sie sich ihre akut schmerzenden Weisheitszähne ziehen lassen, so dass ihr Deutschland- und Berlin-Debüt zum Abschluss der nun endlich realisierten Tour im kalten Januar im ausverkauften Schokoladen absolvieren musste. Apropos ausverkauft: Die ganze Tour war letztlich ausverkauft. Das spricht natürlich für das Standing der smarten Songwriterin, denn ein offizielles Debütalbum ist ja immer noch nicht in Sicht, obwohl Kate eine bemerkenswerte Entwicklung als Musikerin durchlaufen hat, seit sie 2017 erste eigene Songs postete und dann seit ca. 2018/2019 so richtig durchstartete. Gerade in den letzten Monaten machte Kate durch eine Reihe von bemerkenswerten Kollaborationen auf sich aufmerksam: So freundete sie sich mit Matthew E. White an, mit dem sie inzwischen auch an neuen Songs arbeitete, ließ sich das Jacques Dutronc-Cover "J'aime les filles" von Jonathan Wilson produzieren oder wurde von Michael Collins a.k.a. Drugdealer gebeten, den Song "Pictures Of You" zusammen für das aktuelle Drugdealer-Album "Hiding In Plain Sight" zu schreiben und einzuspielen. In den USA arbeitet Kate mit einer wechselnden Crew von - meist aus dem Jazz-Umfeld stammenden - Musikern und ihrem musikalischen Partner John Trainum zusammen. Auf ihrer Europa-Tour war sie allerdings alleine unterwegs und ließ sich dabei von Musikern supporten, die sie zum Teil erst auf der Tour kennengelernt hatte.
In London etwa, war sie auf den rührigen John Myrtle getroffen, der dortselbst seit einigen Jahren als schrulliger Songschmied sein Unwesen treibt und bereits 2021 seine Debüt-LP "Myrtle Soup" veröffentlicht hatte - aus der er dann im Schokoladen auch einige Tracks zum Besten gab. Die Sache ist dabei die, dass John (den Kate scherzhaft "American John" nennt, weil er einen coolen amerikanischen Akzent emulieren kann) ein durchaus lebhafter, amüsanter Plauderer ist, dem aber wohl eine traurige Seele innewohnt, die ihn dazu bemüßigt, seine klassischen Beat-Pop-Balladen mit einer melancholischen Note darzubieten. Dazu befleißigt er sich einiger interessanter Themen und schreibt Songs über Spinnen, Elstern oder eine Schnecke namens "Cyril" auf der einen Seite und auf der anderen solche über die Drangsale der Liebe. Richtiges Männerschmerz-Feeling kann dabei aufgrund seiner selbstironischen, hemdsärmeligen Präsentation, die ihn als hilfloses Opfer der Umstände darstellt, natürlich nicht entstehen - aber das tut es ja bei Johns offensichtlichen Inspirationsquellen wie etwa Ray Davies oder Paul Heaton (The Housemartins oder The Beautiful South) ja auch nicht. Dabei traf John mit seinem zurückhaltenden, aber virtuos ausgeführtem Gitarrenspiel im Schokoladen genau jenen Ton, der bestens zu dem passte, was Kate Bollinger im Solo-Setting auch zu bieten hat. Das passte dann also nicht nur menschlich, sondern auch musikalisch.

Musikalisch lebt Kates Musik im Live-Ambiente normalerweise vom jazzigen Zusammenspiel mit ihren Musikern. Das bedingte dann, dass sie für ihren Solo-Vortrag auf der akustischen Gitarre eigene, abgewandelte Arrangements zurechtlegen muss. Und das führte dann erstaunlicherweise dazu, dass ihr Material auf diese Weise ganz neue - oder sagen wir mal andere - Dimensionen einnahm, als die Studio-Produktionen ihrer Singles und der EPs "Words Become A Sound", "I Don't Wanna Lose" und "See It Through The Light" es hätte vermuten lassen. Besonders deutlich wurde das bei den älteren Titeln wie "A Couple Things", "Candy" oder dem als Publikumswunsch eingeforderten "Untitled", die im Zusammenspiel mit Kates ungemein smoother, unter die Haut gehenden Gesangsstimme und den im Flüsterton sich ins Unterbewusstsein schiebenden Lyrics eine balladeske, intensive Verdichtung erfuhren, die ganz deutlich machte, dass hier weniger tatsächlich mal mehr ist. Jazzig agiert Kate auch in diesem Zusammenhang noch - nur dass es hier eher um Ton, Harmonien und die Atmosphäre geht, als um eine frickelige Selbstdarstellung. Gerade in letzter Zeit hatte Kate ja bereits als Songwriterin bewiesen, dass ihr das Label "Jazz-Pop" alleine nicht mehr genügt - was ja auch insofern unsinnig ist, da sie zunächst mit Folksongs angefangen hatte und heutzutage auch vor klassischem Pop, Indie-Rock und Soul keineswegs zurück schreckt. Kate hatte dann auch einige neue Tracks wie "Morning Moon" und "The Boys In My Head" (tatsächlich "Boys" und nicht etwa "Voice" und - so Kate - ein Lied über "wesenseigene Gedankengänge") im Gepäck, die sich nahtlos in das balladeske Setting des restlichen Vortrages einfügten und sich wohl später auf der gerade in Arbeit befindlichen Debüt-LP wiederfinden werden.

Als Performerin überzeugte Kate mit ihrer charmanten Art, die es ihr ermöglichte, spontan auch auf überraschende Situationen einzugehen und dabei das Publikum mit einzuziehen. Als ihr nämlich mitten im Vortrag eine Kontaktlinse aus dem Auge rutschte, machte sie den - letztlich vergeblichen - Versuch, diese wieder einzusetzen, zum Teil der Show. Als sie dann das Dutronc-Cover "J'aime Les Filles" anstimmen wollte, musste sie einräumen, dass das nicht möglich wäre, da sie sich zwar ein Solo-Arrangement ausgedacht hätte, aber den Text des gerade erst vor der Tour eingespielten Songs noch nicht auswendig könne - und jetzt wegen der rausgefallenen Kontaktlinse auch nicht mehr lesen könne. Dafür versuchte sie dann, auf spontane Publikumswünsche einzugehen, musste aber dann auch vor einigen nicht eingeübten Akkorden und Texten bei Songs wie dem Drugdealer-Track "Pictures Of You" kapitulieren. Immerhin: Ganz auf französische Tracks verzichten mussten die Fans nicht, denn an ihren selbst geschriebenes Chanson "Je reverai a toi" konnte sie sich noch erinnern. Letztlich zeigte diese Situation dann ja auch die menschliche Seite einer ansonsten ja durchaus souveränen Künstlerin. Tatsächlich wünschte man sich als Konzertbesucher so etwas gerne öfter, denn es ist allemal sympathischer als Musiker, die alleine über ihr handwerkliches Geschick auftrumpfen wollen.
Kate Bollinger
NACHGEHAKT BEI: KATE BOLLINGER

GL.de: Kate, hast du denn auf deiner Europa-Tour jetzt auch in Frankreich gespielt und dort den Champagner probiert, der deinen Nachnamen trägt?

Kate: Ja, habe ich. Ich habe jetzt zum ersten Mal in Paris gespielt und dort auch den Champagner getrunken. Der schmeckt übrigens sehr gut.

GL.de: Was hast du denn alles so gemacht, seit wir uns 2019 das letzte Mal gesprochen haben?

Kate: Ich komme ja aus Richmond in Virginia. Dort gibt es nur eine relativ kleine Musikszene. Deswegen bin ich jetzt quer durch das Land umgezogen und lebe jetzt in L.A. Ich brauchte einfach mal einen Tapetenwechsel, denn ich war zuvor nicht besonders viel herumgekommen und habe Richmond kaum je verlassen. Ich werde aber irgendwann wieder dorthin zurückkehren, denn dort leben meine Familie und meine Freunde. Die Umgebung ist mir schon wichtig. Seit ich nach L.A. gezogen bin, habe ich mit einigen neuen Leuten Songs geschrieben - und diese werden nur dann gut, wenn die Umgebung sich natürlich anfühlt und sich eine gewisse Freundschaft entwickelt. Es ist schwer für mich, mit jemandem zu arbeiten, den ich nicht kenne und mit dem sich keine Chemie entwickelt.

GL.de: Du hast ja inzwischen neue Freunde gefunden, oder?

Kate: Ja - während der Pandemie habe ich mich noch in Richmond mit Matthew E. White angefreundet. Wir haben uns regelmäßig bei seinem kleinen Übungsraum getroffen und dann auf dem Dach zusammen musiziert und Songs geschrieben. Er hat mich dann auch in L.A. besucht und wir haben in einem kleinen Park zusammen Stücke geschrieben, die zu meinen Lieblings-Songs geworden sind. Wir haben auch die Streicher zu dem Song "Lady In The Darkest Hour" zusammen mit seinem Haus-Arrangeur Trey Pollard in Matts Spacebomb-Studio in Richmond aufgenommen.

GL.de: Zumindest deine letzte EP "See It Through The Light" ist ja während der Pandemie entstanden. Wieso klingt deine Musik eigentlich letztlich so lebensbejahend, während viele deiner Kolleg(innen) ja nachdenkliche oder sogar deprimierende Musik während der Pandemie machten? Betrachtest du Musik vielleicht als "Gegenmittel" gegen dystopische Zeiterscheinungen?

Kate: Ja, ich denke, das sehe ich ähnlich. Ich sehe Musik wie eine Fernseh-Serie, die ich mir anschaue, um alles um mich herum zu vergessen. Eine Prise Eskapismus ist sicher dabei. Ich schreibe in düsteren Zeiten eher lebensbejahende Musik. Aber ich mache das eigentlich nicht absichtlich - das passiert einfach so.

GL.de: Du hast uns ja schon mal erzählt, dass du viel mit der Intuition arbeitest. In deiner Bio steht ja, dass du eigentlich keine Veränderungen magst. Deine Musik verändert sich aber offensichtlich ständig. Hat das vielleicht auch mit der Intuition zu tun?

Kate: Oh ja. Es hat ja in den letzten Jahren trotzdem eine Menge Veränderungen für mich gegeben. Zum Beispiel bin ich ja quer durch das Land an die Westküste gezogen. Ich denke, in meinem Leben haben sich einige Veränderungen ergeben, die ich eigentlich vermeiden wollte. Es gibt aber keinen Masterplan. Es kommen halt alle meine Seiten langsam zum Vorschein. Ich würde heute sagen, dass ich Veränderungen mag - und gleichzeitig nicht mag.

GL.de: Woher kommen dann die Veränderungen in deiner Musik? Angefangen hast du ja mal mit Folksongs, dann kamen die Jazz-Sachen hinzu und heutzutage ist ja vom Chanson bis zum Indie-Rock scheinbar alles möglich. Kommt das durch die Zusammenarbeit mit deinen Musikern?

Kate: Auf jeden Fall. Meine Musik verändert sich mit meinen Musikern und mit den Leuten, mit denen ich Songs zusammen schreibe. Ich habe viel mit meinem Gitarristen John Trainum geschrieben, der auch viele meiner Songs produziert hat. Ich habe mir auch die "Get Back"-Serie von Peter Jackson angeschaut und war beeindruckt davon, wie viel die Beatles live aufgenommen haben - also als Band zusammen in einem Raum. Das will ich bei meiner nächsten Scheibe auf jeden Fall auch machen. Ich denke nämlich, dass zu viel von der heutigen Musik perfekt und poliert klingt und ich möchte, dass meine neue Scheibe vor allen Dingen natürlich klingt. Ich bevorzuge sogar meistens meine Demo-Versionen.

GL.de: Deine Musik scheint ja ständig in alle Richtungen zu wachsen. Ist das die Art von Musik, die du selber gerne hörst - oder spiegelt das nur dein Leben wider?

Kate: Ich denke, das begann als Reflexion des Lebens - aber ich liebe auch eine Art von Musik, die ein bisschen unwirklich und magisch erscheint und eine ganz eigene eigene Atmosphäre hat. Es kann ganz gut sein, einen Plan zu haben - man sollte aber auf jeden Fall für spontane Ideen und Stimmungen offen sein.

GL.de: Du meintest ja mal, dass deine Songs im Prinzip vertonte Tagebucheinträge seien. Es scheint aber, dass du inzwischen mehr Sinn für Poesie, Fantasy, Folklore, Metaphern und Traumszenarien entwickelt hast.

Kate: Na ja, ich schreibe schon noch auf diese Art. Einen meiner neuen Songs habe ich zum Beispiel beim Laufen in einem Park über die Umgebung geschrieben, in der ich mich befand - und es ist schon ein Stream-Of-Consciousness-Tagebuch-Eintrag. Aber ich verwende heutzutage mehr Metaphern und mehr Poesie, damit ich meine Karten nicht mehr für jedermann ersichtlich auf den Tisch legen muss.

GL.de: Welche Rolle spielen denn die allgegenwärtigen Krisenszenarien, die zur Zeit in Serie über uns hereinzubrechen scheinen?

GL.de: Die allgegenwärtigen Krisenszenarien sind im richtigen Leben ja schwer genug auszublenden. Was ich an der Musik mag, ist die Fähigkeit, dich aus diesen Stimmungen dann herauszureißen. Wenn diese Krisen-Dinge also sowieso jedem gewärtig sind, ist es doch ganz schön, wenn man mit der Musik ein wenig davon Abstand nehmen kann. Es gibt natürlich großartige Musiker, die sehr politisch sind und das ist auch gut so - meine Musik war aber noch nie politisch. Bei mir geht es immer um Eskapismus, Liebe und solche Sachen. Musik ist einfach die Weise, auf die ich mich am besten ausdrücken kann. Jedenfalls besser als mit Worten oder im Gespräch. Ich liebe es einfach, Dinge zu machen. Und wenn ich schon Dinge machen kann, dann sollen sie besser schön als düster sein.

GL.de: Kannst Du uns denn schon ein bisschen vom neuen Album erzählen?

Kate: Ja. Ich hatte schon länger diese Idee, dass ich zwar meine Fühler in alle möglichen Richtungen strecken wollte, dass ich aber etwas habe, was sich als roter Faden durch meine Musik zieht und es als mein Projekt erkennbar macht. Ich mag es, in verschiedenen Settings und Genres zu experimentieren - ob alleine, mit einem Freund oder der Band, ob draußen mit Vogelstimmen im Hintergrund oder im Studio. Das, was die Sache aus meiner Sicht dann zusammenhält ist das, was mir in der letzten Zeit widerfahren ist - der Umzug, die Aktualisierung meines Lebens und die neuen Leute, die ich getroffen habe - was sich dann in der Musik widerspiegelt. Den Namen des Albums kann ich dir noch nicht verraten, weil es auch noch ein Arbeitstitel ist - aber es wird auf jeden Fall ein Thema geben.

GL.de: Was machst du denn als Musikerin am Liebsten - und was findest du eher schwierig?

Kate: Ich liebe es zu reisen, andere Musiker und Songwriter zu treffen und live zu spielen. Das ist das Beste an meinem Job. Was nicht so schön ist, ist eine tolle Show hinlegen zu müssen, wenn man nicht so besonders gut drauf ist oder wenn etwas vorgefallen ist, was dem entgegen steht. Es ist nicht so schön, wenn der Druck da ist, sich auf der Bühne zu offenbaren und verletzlich zu zeigen, wenn man sich nicht gut fühlt. Aber nehme solche Herausforderungen auch an; denn wenn es zu solchen Situationen kommt, hilft mir das fast immer, dass mich nach einer solchen Show dann selber besser fühle.

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Surfempfehlung:
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Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
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