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Herzensglut

Weyes Blood
Sam Burton

Köln, Kulturkirche
03.02.2023

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Weyes Blood
Selbst wenn sie nicht in eigener Sache unterwegs ist, ist Natalie Mering a.k.a. gut beschäftigt. Gerade erst gastierte sie als Gastsängerin auf dem aktuellen Album von Altmeister John Cale - davor immer mal wieder gerne bei Drugdealer, Tim Heidecker, Zella Day oder Lana Del Rey. Vielleicht ist das auch mit der Grund, warum sie dem Rolling Stone weiland erzählte, dass sie es nicht eilig habe, mit ihrer Musik in die Pop-Charts zu gelangen. Lange wird sich das allerdings nicht mehr verhindern lassen, denn Natalies gerade laufende Tour, auf der sie ihre letzten beiden Alben "Titanic Rising" und "And In The Darkness, Hearts Aglow" (Teil eins und zwei einer geplanten Trilogie) präsentierte, war restlos ausverkauft.
Das Geheimnis, warum es gerade Natalie Mering gelang, die Fans in Massen in die gebuchten Venues zu locken, während allenthalben potentiell lukrative Touren selbst etablierter Acts wegen fehlender Ticket-Verkäufe abgesagt werden, erklärt sich sicherlich auch über die Qualität ihrer Kunst, aber auch über die Tatsache, dass es ihr offensichtlich gelungen ist, die einzige Zielgruppe zu erreichen, mit der sich im Live-Geschäft heutzutage noch Umsätze erzielen lassen: Junge Damen, die in Natalie wohl ein substantielles Vorbild sehen (gleichwohl sie mit Mitte 30 eigentlich bereits zu alt für diese Zielgruppe zu sein scheint). Will meinen: Qualität setzt sich halt offensichtlich doch noch durch und in der Kölner Kulturkirche tummelte sich dann ein bunt gemischtes Publikum, das neben den gestandenen Middle-Agern, die Natalies Laufbahn mitverfolgt haben und ihr Kernpublikum ausmachen, sowie Traditionalisten aus der Gruppe von Musikfans, die sich altersmäßig der sozialen Prägung wegen eigentlich schon vom Live-Geschäft hätten verabschieden müssen, eben auch jüngere Fans umfasste.

Dass die Kölner Show ausgerechnet in der Kulturkirche ausgerichtet werden konnte, passte sehr gut zur spirituellen Grundstimmung, die Natalie gerade auch auf ihrer aktuellen LP insinuierte. Das wurde von den Musikern im Folgenden allenthalben begeistert thematisiert. Auch von Sam Burton, der in Trio-Besetzung mit seiner Songwriter-Kollegin Haylie Hostetter a.k.a. Lady Apple Tree den Support machte. Eigentlich ist der inzwischen in L.A. lebende Mann aus Salt Lake City keine Plaudertasche und konzentrierte sich darauf - meist mit geschlossenen Augen - die Songs seines Debüt-Albums "I Can Go With You" so eindringlich wie möglich zu intonieren. Als indes seine Kollegin ihre Debüt-Single, das Lovin Spoonful-Cover "Didn't Want To Have To Do It" präsentierte, an dem Burton ebenfalls mitgewirkt hatte, nutzte Sam die Möglichkeit, seine Musiker vorzustellen - und seine 12-saitige Gitarre zu stimmen. So etwas dauert recht lange und ist der Grund dafür, dass dieses Instrument im Live-Kontext bei Solo-Shows eher selten eingesetzt wird. Dafür entschuldigte sich Sam mit den Worten: "Aber wir sind ja in einem Gotteshaus - und eine der Eigenschaften, die Gott einfordert, ist es ja, Geduld zu haben." Die Sache war dabei die: Zusammen mit seinen Kollegen Ben Schwab und Marina Allen hat Sam Burton ein Unternehmen namens Sylvie am Start, das dezidiert als Westcoast-Retro-Projekt angelegt ist. Und in diesem Sinne präsentierten Burton und seine Musiker auch stimmungsmäßig ihr Set - gefühlt unterlegt noch mit einer Prise John Denver- oder Glen Campbell-Country Romantik. Das dann zwar alles recht nett und gefällig - aber denn auch viel zu lang für ein Support-Set (insbesondere unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die meisten der Anwesenden zu dieser Zeit schon zweieinhalb Stunden gestanden hatten). Hinzu kam dann noch, dass die mit diversen Keyboard-Gestellen und elektrischen Kerzenständer im "Phantom-der-Oper-Stil" opulent zugestellte Bühne im Folgenden aufwendig umgebaut werden musste. Da es in der Kulturkirche einen ordnungsamtlich sanktionierten Curfew gibt (eine Tatsache, über die sich Natalie im Folgenden kaum noch einkriegen konnte), drängte dann die Zeit so sehr, dass ein Roadie vorsorglich den beim Berliner Konzert noch gegeben Track "Wild Time" von der Setlist strich. Sagen wir mal so: Das hätte man durch einen früheren Beginn der Show etwas eleganter lösen können.
Die ganze Tour stand unter dem Motto "In Holy Flux" - einem der Songtitel des aktuellen Weyes Blood-Albums. Angesichts dessen und des Umstandes, dass die Show halt nun mal in einer Kirche inszeniert wurde - vor allen Dingen aber, weil Gott und die Welt Themen des Albums sind, hätte zu befürchten gestanden, dass aus der ganzen Veranstaltung eine sakrosankte, liturgische Angelegenheit hätte werden können. Weit gefehlt indes, denn da war dann Natalie Merings schnippischer, zuweilen überheblicher, aber auch selbstironischer Humor - und der Umstand, dass Natalie als Performerin inzwischen Gefallen an einer theatralischen Selbstinszenierung gefallen hat, die deutlich größer als das Leben ist. Dazu gehörte - neben der Bühnendekoration, einer ausgefeilten Beleuchtungsstrategie und einer Backdrop-Projektion - vor allem auch die Wahl ihres Bühnenkostüms. Ein weißes Fließkleid mit Umhang und integriertem Lichteffekt, der am Ende der Show auch noch als Projektionsfläche für Unterwasser-Lichteffekte diente, machte deutlich, dass Natalie ihre Erfahrungen mit der Modezeitschrift Vogue offensichtlich mit Gewinn genossen hatte. War es früher oft so, dass Natalie als Performerin mit meist geschlossenen Augen sang, so präsentierte sie sich gleich bei dem ersten Track "It's Not Me, It's Everybody" als extrovertierte Entertainerin du jour. So stellte sie den Mikroständer zur Seite und versuchte sich erfolgreich an den Dance-Posen, die sie in dem Video zu dem Song bereits charmant etabliert hatte. Das bedeutete dann zwar nicht, dass die Show im Folgenden zu einer Musical-Inszenierung umgebogen wurde - aber einige lebhafte Momente bei etwas druckvolleren Songs wie "Children Of The Empire" oder dem als Zugabe gegebenen "Everyday" (das Natalie als "Dancetrack" verstanden haben wollte) sowie gar ein Sprung vom Drumpodest erhöhten im Zusammenspiel mit der Licht-Dramaturgie den Unterhaltungsfaktor enorm. Es ging aber auch ganz anders: Für die Narcissus-Emulation "God Turn Me Into A Flower" hatte Natalie den britischen Dokumentarfilmer Adam Curtis gebeten, eine Collage zu entwerfen, die dann auf das Bühnen-Backdrop projiziert wurde. Das war optisch gesehen nicht die allerbeste Idee, denn weder die Filmschnipsel, noch Natalie selbst waren in dieser Phase besonders gut zu erkennen (denn da wurde das Licht schlicht weitestgehend ausgeschaltet). Wenn man indes genau hinschaute, konnte man sehen, dass sich Natalie hier trotz großer Emotionalität hinter dem Song zurücknahm und sich vollkommen in dessen Dienst stellte. Ansonsten kebbelte sich Natalie gerne schnippisch mit dem Publikum, thematisierte die Kirchen/Gott-Situation (die satanischen Stücke aus ihrer Vergangenheit wolle sie lieber draußen auf dem Parkplatz spielen), wunderte sich über einen Curfew in der Kirche (wohl weil am nächsten Tag eine Sunday-School angesetzt sei (den Einwand, dass der nächste Tag ein Samstag sei, wischte sie mit der Bemerkung, dass man doch an jedem Tag Sonntagsschulen ansetzen könne)) und mahnte, die Stimmung nicht mit hereingerufenen Publikumswünschen zu verderben. Diese Art von kommunikativem - wenngleich auch nicht restlos sympathischem - Humor, sorgte dann für einen interessanten Kontext, innerhalb dessen sich Natalie vom dann doch recht komplexen philosophischen Gehalt ihrer Texte absetzte und deutlich machte, dass auch ernsthafte, anspruchsvolle Kunst unterhaltsam sein darf. Und ein wenig mystisch obendrein.

Musikalisch überzeugte diese Show dann auch auf überwältigend grandiose und emotionale Weise in jeder Beziehung. Das hatte viele Gründe. Zum einen gibt es zur Zeit schlicht niemanden, der/die so schön singt wie Natalie Mering. Punkt. Wo andere mit Technik und Manierismen zu punkten versuchen, verlässt sich Natalie ganz auf die emotionale Intensität ihrer einschmeichelnd sanftmütigen Alt-Stimme. Dann gibt es auch nur wenige Kolleg(inn)en Natalies, die sich kompositorisch so hemmungslos dem Melodiewesen zuwenden und diesem alle anderen Aspekte erst mal unterordnen. Auch scheut sich Natalie als Songwriterin niemals, Opulenz als legitimes Mittel zur Betonung eben dieser Aspekte zu betrachten. All das kam nun auch bei der Bühnenpräsentation zum Tragen. Unterstützt von ihrer Band - bei der nicht nur Pianist Walt McClement sondern auch alle anderen irgendeine Art von Tasteninstrument (und ein Gesangsmikrophon) zur Verfügung hatten - gelang es, die orchestrale Urgewalt der Studioproduktionen auf eine organische Art nicht nur zu emulieren, sondern in gewisser Weise auch auszuweiten. Und zwar in dem Sinne, dass die Tracks zumindest in Sachen Intensität und Dynamik nochmal deutlich emotionaler, intensiver und irgendwie auch mystischer ausgelegt erschienen. Mehr war hier denn tatsächlich mal mehr. Gitarren spielten in diesem Umfeld keine besonders große Rolle. Zwar griff Natalie selbst zur Akustikgitarre - aber Special-Effects wie die gedoppelte Steel-Gitarre bei "Andromeda" ließen sich natürlich nicht reproduzieren. Dafür gab es dann mehr Neo-Klassik und Minimalmusik in Songs wie z.B. "Movies". Übrigens: Die üblichen Vergleiche mit geschätzten Kolleginnen oder stilistische Kategorisierungsversuche liefen hier ins Leere. In Kombination aller Elemente agiert Natalie Mering in einer ganz eigenen künstlerischen Genussmittelklasse.

Der durchdachten Dramaturgie, bei der Natalie die jeweils melodischsten Tracks "It's Not Just Me, It's Everybody" und "Andromeda" wie eine Klammer am Anfang und gegen Ende des Sets platzierte und mit dem Titeltrack des neuen Albums "Hearts Aglow" den fulminanten Schlusspunkt setzte, konnte sich wohl niemand im Publikum entziehen. Zum wiederholten Male setzte Natalie bei diesem Track das leuchtende Herz ein, das sie bereits im Artwork ihres Longplayers, auf ihrer Website und einem Videoteaser zu "In Holy Flux" verwendet hatte. "In Zeiten wie diesen müssen wir unsere Herzen leuchten lassen, nachdem wir so lange in den Schatten gelebt haben", erklärte sie, als sie Fans im Publikum entdeckte, die auch leuchtende Herzen im Gepäck hatten, "das ist jedenfalls, wie ich mich fühle."

Viel hinzuzufügen gibt es da eigentlich nicht - außer vielleicht, dass es schwierig sein dürfte, in diesem Jahr noch einem grandioseren, erfüllenderen und musikalisch überzeugenderen Konzerterlebnis beizuwohnen.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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