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Bitte nicht stören

Skullcrusher
Herban Fog

Köln, Die Wohngemeinschaft
11.02.2023

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Skullcrusher
Also eines steht mal fest: Helen Ballentine a.k.a. Skullcrusher macht ihre Musik gewiss nicht, um Spaß dabei zu haben. Tatsächlich schien es der inzwischen in L.A. residierenden Songwriterin sogar unangenehm zu sein, ihr Seelenleben auf ihrer ersten Europa-Tour auch in der Kölner Wohngemeinschaft musikalisch offenzulegen, denn sie erweckte mit ihrem schüchtern/introvertierten Auftritt den Eindruck, bloss niemanden stören zu wollen. Jedenfalls gehörte die Show, die sie zusammen mit ihrem Multiinstrumentalisten Dan absolvierte, zu den zurückhaltendsten Inszenierungen, die an diesem Ort bislang zu bestaunen gewesen sind. Immerhin schien Helen mit diesem Ansatz auf ein gesteigertes Interesse seitens des Publikums zu treffen, denn trotz des nicht zu knapp bemessenen Eintrittspreises war nämlich die Wohngemeinschaft recht gut gefüllt.
Zu der etwas gedämpften Stimmungslage des Abends passte dann auch der Support-Act. Statt der krankheitsbedingt ausgefallenen Britin Clara Mann durfte nämlich wieder die in dieser Hinsicht stets verlässliche Barbara Hoefgen mit ihrem Solo-Projekt Herban Fog aufspielen. In den letzten Jahren hat sich Barbara als verlässlicher Notnagel für die Booking-Agenturen empfohlen, denen im Köln/Bonner in letzter Sekunde die eigentlich gebuchten Support-Acts abspringen. Barbara, die bereits seit Zeiten des ersten Brit-Pop-Booms in den 90ern in der Musikszene unterwegs ist, griff dabei auf ihr bewährtes Programm aus düsteren Depri-Balladen zurück, zollte wie üblich ihrem Idol Nico mit einem Cover Tribut (und ebenso Nick Cave) und präsentierte ansonsten Songs aus ihrem Repertoire - wie zum Beispiel dem charmanten "Come Home", dessen Ursprünge bereits bei ihrem Bandprojekt Dorian zu suchen sind. Barbara scheint sich inzwischen an solcherlei Kamikaze-Aufträge gewöhnt zu haben, denn anders als z.B. im Falle ihrer Cat Power-Support-Slots kurz vor der Pandemie, hatte sie sich und ihre Gitarre souveräner im Griff. Und wie gesagt: Rein atmosphärisch war das Set ja durchaus geeignet, auf das, was Skullcrusher im Folgenden zu bieten hatte, einzustimmen.
Die Sache ist dabei die: Helen Ballentine setzt sich in ihren Songs mit der Aufarbeitung ihrer schwierigen Kindheit auseinander. In einem der Gespräche mit Gaesteliste.de erklärte Helen, dass die Verarbeitung ihrer Kindheitserinnerungen dazu diene, dem "Publikum mehr Kontext zu vermitteln, damit es nachvollziehen kann, wer ich bin und um mich besser verstehen zu können". Dem steht dann allerdings gegenüber, dass Helen keine klassische Storytellerin ist - und es somit der Phantasie des Zuhörers überlassen bleibt, sich aus den nicht eben detailreichen oder konkreten Szenarien, Gedanken, Bildern und Emotionen, die sie in ihren Lyrics entwirft, etwas zusammenzureimen. Und dann legt Helen auch keinerlei Wert darauf, auf der Bühne irgendetwas über sich oder den Gehalt ihrer Songs preiszugeben. Jeden Ansatz etwas mehr als die Ankündigung einzelner Tracks (ohne deren Titel zu erwähnen) erstickte sie sozusagen selber. "Das nächste Stück ist ein neuer Track, den ich noch nicht veröffentlicht habe und den ich live spiele, um zu sehen, was die Leute davon denken", kündigte sie etwa einen neuen Song an in dem mehrfach von "Change" die Rede ist, und ergänzte dann: "Mir gefällt er jedenfalls." Ob der Song denn auch dem Publikum gefallen hatte, hinterfragte Helen im Folgenden dann aber gar nicht, sondern vermeldete, dass es noch zwei Stücke zu hören gäbe - wieder ohne die Titel zu erwähnen ("Storm In Summer" und "Lullaby in February"). Will meinen: So richtig etwas über Helen Ballentine lernen oder sie besser verstehen konnte das Publikum über die inhaltliche Ebene so jedenfalls nicht wirklich. Sich auf der Bühne zu erklären ist also nicht Helens Ding. Eher schon, die atmosphärischen - und vielleicht emotionalen - Möglichkeiten ihres Materials auzuloten.

Nachdem Helen kurz vor der Pandemie die Arbeit in einer Kunst-Galerie aufgegeben hatte, weil sie die Arbeit dort unglücklich gemacht hatte, begann sie dann zunächst mal, reduzierte Folk-Songs zu schreiben - die zwar auch nicht den Eindruck hinterließen, dass sie Helen wirklich glücklich machen könnten - die sie aber mit ihren EPs und dem Debüt-Album dann allerdings allmählich (und mit Hilfe von Produzent Adrew Sarlo) in einem erweiterten auralen Setting mit psychedelischen Effekten und Field-Recordings anreicherte. In etwa diese Richtung entwickelte sich dann auch die Live-Präsentation des Materials, die auch in Köln zum Tragen kam - allerdings mit entscheidenden Unterschieden: Bei den Studio-Aufnahmen verwendete Helen weitestgehend Akustik-Gitarren, während bei der Bühnenpräsentation dann zwei E-Gitarren zum Einsatz kamen. Auch das Prinzip, fast alle Vocals bei den Studioproduktionen zu doppeln, wurde bei der Live-Präsentation fallen gelassen. Und letztlich spielte der Begriff "Tempo" bei der Live-Show nun wirklich überhaupt keine Rolle mehr. Während auf "Quiet The Room" zuweilen sogar mal ein Schlagzeug zu hören ist, flossen die einzelnen Tracks auf der Bühne freischwebend ineinander und wenn überhaupt, dann gab es Energie-Ausbrüche nur in Sachen Dynamik oder Kinetischer Energie (beispielsweise indem Helens Musikus auch mal einen Verzerrer bemühte oder den Finger gar nicht mehr vom Delay- oder Hall-Filter nehmen wollte). Auch legten die Musiker keinen gesteigerten Wert darauf, die einzelnen Nummern im Sinne klassischer Live-Versionen aufzubohren. Tatsächlich wirkten manche der Songs - wie etwa der gleich zu Beginn gegebene Titeltrack unfertig und bewahrten so ihren skizzenhaften, fragmentarischen Charakter. Dafür gab es dann aber zwischen den Nummern "You Are My House" und "It's Like A Secret" noch ein Instrumental. Zugaben gab es natürlich keine und gleich nach der Show flohen Helen und ihr Musiker mit dem Aufzug vor den Fans. Man wollte ja nicht stören...

So - nachdem sich das alles anhört wie eine Meckerorgie sondergleichen, muss dann allerdings doch attestiert werden, dass diese mystische Präsentationstechnik und die Reduktion auf wesentliche klangliche Elemente (inklusive des Gesangs) am Ende dann doch Sinn machten und sogar für eine größere Klarheit sorgten. Auch wirkten die psychedelischen Effekte und lautmalerischen Keyboard- und Bass-Einsätze längst nicht so irritierend wie die Rausch- und Noise-Elemente der Studioproduktionen. Außerdem klang Helen Ballentine in diesem Setting nicht mehr ganz so arg nach dem Whisperfolk-Ansatz der frühen Phoebe Bridgers. Sagen wir mal so: Eine Skullcrusher-Show sollte man als Betrachter nicht unbedingt mit den Erwartung an einen zünftigen Singer/Songwriter-Abend angehen, sondern sich auf den atmosphärischen Flow einlassen. Und das ist dann erstaunlich lohnend, kurzweilig schlüssig und sinnstiftend.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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