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Jede Menge Saitenhiebe

Steph Strings
Johna

Köln, Blue Shell
27.04.2023

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Steph Strings
Das sage mal einer, man könnte heutzutage mit handgemachter Akustik-Mucke niemandem mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Ganz ohne offizielle Promo hatte es die australische Gitarristin und Songwriterin Steph Strings jedenfalls geschafft, ihre ersten Headliner-Konzerte in Deutschland nicht nur auszuverkaufen - obwohl sie bisher nur ein paar EPs veröffentlicht hat -, sondern obendrein jede Menge junger Damen dazu bewegen können, sich einer Musikrichtung zuzuwenden, die diese normalerweise nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden.
Was war passiert? Nun, die Gitarrenvirtuosin aus Melbourne hatte offensichtlich schon auf der Highschool begonnen, sich ihre Fertigkeiten anzueignen (wie ein frühes Video von 2016 vermuten lässt), landete einen Insta-Viral-Hit, verdingte sich als Straßenmusikerin und erwarb sich dann Down Under schnell einen Namen als zunächst noch instrumental agierende Live-Musikerin. In der Folge ist sie dann mit allerlei Landsleuten als Support Act durch die Gegend gezogen. Darunter Kollegen wie Kim Churchill, Jack Botts oder die Pierce Brothers und zuletzt auf Festivals auch Vance Joy, Xavier Rudd oder John Butler - dessen Art des wieselflinken Saitengreifens und Gitarrentrommelns sie selbst sehr verinnerlicht hat und mit dem sie gerne und oft verglichen wird. Im letzten Jahr schließlich luden die Pierce Brothers Steph dann ein, sie auch auf ihrer Europa-Tour als Support zu begleiten - und hier hinterließ Steph dann offensichtlich einen solch bleibenden Eindruck, dass viele der auf dieser Tour anwesenden Fans nun auch bei ihrer ersten Headliner-Tour in Europa für ausverkaufte Häuser sorgten. Und so kam Steph auch an ihre Zielgruppe, denn die Pierce Brothers gehören ja zur Gattung der pflegeleichten Folkpop-Stars, die mit ihrem romantischen Sommer-Pop-Sound insbesondere junge Damen ansprechen. Nicht schlecht für eine Künstlerin, die eigentlich erst am Anfang ihrer Karriere steht, noch keinen Longplayer im Angebot hat, erst vor Kurzem angefangen hat, bei ihren Songs auch mit Lyrics und Gesang zu arbeiten - und die noch nicht ein Mal eine Wikipedia-Seite hat.

Als Support in Köln dabei war die Songwriterin Johna, die lange Zeit selber in der Domstadt gelebt hatte und Steph nun bei den beiden Deutschland-Terminen begleitete. Lange Zeit schrieb Johna ihre eigenen Songs auf Englisch - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich den klassischen Songwriter-Traditionen US-amerikanischer Künstlerinnen verpflichtet fühlte und weil sie sich einen Namen als Support-Act für internationale Acts gemacht hatte. Für ihr aktuelles Album "Postkarten" vollzog sie nun den Schwenk zu ihrer Muttersprache und erschuf eine Reihe - nun ja - musikalischer Postkarten auf Deutsch. Dabei erzählt sie aus ihrem Leben in Köln Nippes und heutzutage Leverkusen und lässt kaum noch Referenzen auf ihre "englischsprachige Zeit" zu. In Köln jedenfalls spielte sie einzig eine Coverversion von Carrie Underwoods "Choctaw County Affair" - aber nicht, weil sie sich als Country-Künstlerin sieht, sondern weil sie eine Prise Blues und Power in ihrem ansonsten durchweg balladesk angelegten Solo-Set brauchte. Insgesamt funktionierte dieser Mix aus Liedermacher- und Deutschpop-Flair mit Americana-Hintergrund recht gut und wurde auch von Publikum wohlwollend aufgenommen - auch wenn das wenig mit dem zu tun hatte, was Steph im Folgenden zu bieten hatte.
Es gab dann nämlich jede Menge Premieren: Wie gesagt befand sich Steph auf ihrer ersten Headliner-Tour und spielte ihr erstes ausverkauftes Konzert in Deutschland - und dabei dann auch erstmals einige neue Tracks ihrer gerade veröffentlichten EP "Lion". Dass das dann ausgerechnet im Kölner Blue Shell stattfand, stellte Steph dann vor eine ungewohnte Herausforderung, denn normalerweise sitzt sie während der Performance auf einem Stuhl (das ist deswegen notwendig, da sie ihre Gitarre zuweilen mit beiden Händen gleichzeitig bearbeitet und dabei auch auf Body und Saiten herumklopft). Da es im Blue Shell aber keine wesentlich erhöhte Bühnenplattform gibt, konnten sie während der Performance nur diejenigen Fans sehen, die sich bis an den Bühnenrand vorgekämpft hatten. Ergo ließ sich Steph dazu hinreißen, einige Songs im Stehen zu spielen - was sie ansonsten niemals täte -, damit die Leute im hinteren Teil des Clubs auch etwas sehen könnten. Und dann gab es noch eine Premiere, die Steph dann selber überraschte, denn ihr riss bei einem der im Stehen gespielten Songs eine Saite - was dazu führte, dass sie während der Show auf der Bühne eine neue Saite aufziehen musste, während das Publikum mit Musik vom Band unterhalten wurde.

Musikalisch tobte sich Steph - absolut souverän und bemerkenswertem handwerklichen Geschick - mit ihrem virtuellen Highspeed-Gitarrenspiel aus und hatte offensichtlich jede Menge Spaß dabei. Stilistisch einzukreisen ist das alles nicht, denn Steph mischt munter alle möglichen Spielarten, die sich mit einer akustischen Gitarre darstellen lassen - Blues, Folk, Country, Jazz, Klassik usw. - in einem atemberaubenden Tempo und einem wilden Mix aus Fingerpicking, perkussiver Slap-Stechnik, und Akkord-Strumming zu einer ganz eigenen Genre-Subnische zusammen. Es fallen ja für gewöhnlich nicht so viele Meisterinnen vom Himmel - Steph Strings gehört aber zweifelsohne zu dieser Kategorie.

Ursprünglich hatte Steph als Instrumental-Künstlerin begonnen - weil sie sich ja "Steph Strings" und nicht "Steph Sings" nenne - dann jedoch sei ihr irgendwann klar geworden, dass Pfeifen und Summen ihr dann doch nicht ausreichten und hatte begonnen, Songtexte zu schreiben. Heutzutage besteht ihr Set zu etwa zwei Dritteln dann auch aus Songs, in denen sie Geschichten aus ihrem Leben erzählt: "Dusty Road" ist ein Song über das Leben auf Tour, "Layla" das Porträt einer "Hexe", die sie in der Provinz getroffen habe und die ihr vorhergesagt habe, dass sie ein Mal vor vielen Menschen Musik spielen würde, "Catacombs" ist eine Parabel über die Vergänglichkeit, die Steph nach einem Besuch der Pariser Katakomben unter dem Eindruck der dort aufgestapelten Totenschädel geschrieben hatte, "Wildfire" handelt von den australischen Buschfeuern, die am Vorabend der Pandemie ja auch vielen anderen australischen Songwritern als Inspiration gedient hatten und "Lion" ist etwa ein Empowerment-Song, der dazu auffordert, stets so wild und stark wie ein Löwe sein zu wollen. Insgesamt ist das alles sehr schlüssig und zeigt, dass die Entscheidung, ihre eigenen Songs mit Gesang anzureichern, genau die richtige gewesen ist (zumal sie zuvor ja bereits als Straßenmusikern diesbezügliche Erfahrungen gesammelt hatte).

Dennoch ist natürlich das Gitarrespielen die eigentliche Triebfeder für Steph. Alleine schon deswegen, weil sie selber so viel Spaß an ihrem Tun zu haben scheint, kommt sie dabei weniger selbstverliebt daher, als so manche ihrer männlichen Kollegen und betrachtet ihre Virtuosität eher als Mittel zum Zweck, denn als Selbstzweck. Auf Nachfrage erklärte Steph nach der Show denn auch, dass ihr künstlerisches Ziel im Leben auch nicht sei, schneller als John Butler spielen zu können (obwohl das tatsächlich der Fall ist - und sie mittlerweile auch mit John und dessen Frau befreundet ist), sondern mit ihrer Musik die Welt bereisen und Leute treffen zu können und dabei ihr Auskommen zu finden. Momentan geht das auch noch in vollem Umfang auf: Nach der Show stellte sich Steph an den Merch-Tisch und verbrachte dort eine gute Stunde damit, sich mit den Fans zu unterhalten. Mal sehen, wie lange sie so etwas noch ermöglichen kann, denn bei ihrem nächsten Besuch in Köln wird das Blue Shell mit Sicherheit von der Kapazität her nicht mehr ausreichen.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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