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Orange Blossom Special 25 - 1. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Garten
26.05.2023

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Orange Blossom Special 25
Es sind ja wahrlich schon so einige lyrische Worte verloren worden über das vermutlich einzige Festival der Welt, zu dem man gerne einige Stunden unterwegs ist, um dann - hunderte von Kilometern von daheim entfernt - zu Hause zu sein in einer Familie, von der man im Vorfeld vielleicht gar nicht alle kannte und die sich nur ein Mal im Jahr trifft. Also weiter so, dann genau dieses Gefühl stellte sich nun auch zur 25. Jubiläumsausgabe des zärtlich "OBS" genannten Ereignisses wieder ein - die zugleich auch das erste "richtige" Festival nach der pandemiebedingt noch etwas eingeschränkten Veranstaltung vom Vorjahr war.
Hier war wieder (fast) alles an seinem gewohnten Platz und alles war so, wie einst vor der Pandemie. Sicher, das Festival war nicht ganz ausverkauft und die Americana-Fans waren auch nicht zurück gekommen - das hatte aber nicht nur Nachteile, denn so konnten die verbleibenden Fans die Veranstaltung entspannter genießen und es blieb auch mehr Raum für die nachwachsenden Festival-Generation. Kurzum: Lange suchen musst man als Besucher eigentlich gar nicht, um so allerlei finden zu können. Deswegen war das diesjährige Festivalmotto "Finden Suchen" - Eichhörnchen-Motiv hin oder her - auch eher etwas rätselhaft gewählt; es sei denn, dass das eine Anspielung auf die vielen schönen Überraschungen auf dem OBS 25 gewesen sein könnte. Davon später mehr.

Zunächst mal ging es am ersten Tag los, bevor es eigentlich los ging, denn der erste Walking Act des Festivals - der umtriebige Songschmied Gregor McEwan - war aufgrund seiner mitgebrachten Koffer-PA eigentlich gar kein Walking Act, sondern hatte seinen Verstärker und seinen Mikroständer schon in der Nähe des Haupt-Tores aufgebaut, bevor noch die Türen zum Einlass auf das Festivalgelände geöffnet waren und gab einige Gassenhauer seines inzwischen umfangreichen Repertoires zum Besten. Gregor, der im richtigen Leben (das ja beim OBS dankenswerterweise außen vor bleibt) Hagen heißt, erwies sich an diesem Tag als veritables Powerhouse, denn er wiederholte diese Aktion noch zwei Mal - vor dem OBS-Mural beim Ausgang und an der Litfaßsäule im hinteren Bereich des Geländes (auf dem wieder eine LED-Wand aufgebaut war, auf der das Programm der Hauptbühne übertragen wurde).

So richtig offiziell ging es dann los mit dem Auftritt des Power-Pop/Punk/Rock-Trios Get Jealous. Marike, Otto und Drummer Marek präsentierten ihr - ähem - "ehrliches Herrengedeck auf rosa meliertem Glitzertablett" (© Rembert) mit einer dergestalt körperbetonten Begeisterung, als würden sie für ihr Tun ordentlich bezahlt. Dabei stellte sich heraus, dass es Frontperson Otto offensichtlich darum geht, den Projektnamen in den Lyrics anschaulich zu verarbeiten - und gab so manche amüsante Eifersuchtsanekdote zum Besten. Gerne auch gestenreich und als Animation zu interpretieren. Das Publikum fraß dem Trio bereits nach den ersten Powerchords aus der Hand und folgte (fast) unwidersprochen den Tanzanweisungen Ottos. Bei der Bitte, sich vor dem nächsten Mosh-Gewusel spannungssteigernd erst mal hinzuhocken, folgten bis auf einen pikierten Herrn so ziemlich das ganze Auditorium, um dann auf Kommando aufzuspringen und umso wüster herumzuhüpfen. Inzwischen kennt man das ja vom OBS, aber früher, als die älteren Gründungsväter noch anwesend waren, wäre so etwas ja undenkbar gewesen. Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass es Rembert gelungen ist, das Festival fit für die Gegenwart zu machen.

Was in diesem Jahr auffiel, war der Umstand, dass so ziemlich jede Band, die tagsüber spielte, ihr eigenes Publikum hatte, denn nach jeder Show fand quasi ein Austausch desselben statt. So standen dann, als die Indie-Songwriter-Entdeckung des letzten Jahres - Philine Sonny mit ihrer Band - dieses Mal auf der Hauptbühne aufspielte, ganz andere Leute in der ersten Reihe als noch bei Get Jealous. Musikalisch hat Philine seit dem letzten Jahr mächtig nachgelegt und überraschte erst mal mit betont cool rockenden Rausschmeißern wie z.B. "Gatekeeper" oder "Drugs"; zeigte aber im Folgenden die ganze Bandbreite ihres Könnens. "Eigentlich soll man ja auf einem Festival keine Balladen spielen", erklärte sie eingangs einer Ballade, "aber ihr seit ja schon etwas älter und könnt sicher mit dem Reden an euch halten." Als pfiffige, redegewandte Performerin mit schnippischer Note macht ihr jedenfalls bereits jetzt niemand mehr aus der hiesigen Nachwuchs-Szene etwas vor. Hat Philine musikalisch, songwriterisch und performerisch im letzten Jahr also mächtig zugelegt, so war sie sich in einer Sache treu geblieben: Wie im letzten Jahr hatte sie auch dieses Mal keinerlei Merch zum Festival mitgebracht, so dass sich die Fans, die im Anschluss an die Show den Weg zum Meet & Greet mit der Künstlerin aus dem Ruhrgebiet gefunden hatten, mitgebrachtes Zeug wie Poster, Tickets oder Kinder signieren lassen mussten. Immerhin: Philine arbeitet gerade an einer Veröffentlichung, die dann auch physisch als LP erscheinen soll. Falls sie also noch mal beim OBS aufspielen sollte (man weiß ja nie), wird es dann endlich auch Merch geben.

Den nächsten Act - das Wahlberliner Psychedelia-Brit-Pop-Trio Love'n'Joy - kündigte Rembert mit den Worten an: "Die hätte ich auch gebucht, wenn sie nicht aus der Ukraine stammten." Dass das Trio überhaupt im Ausland auftreten kann, ist einer Ausnahmegenehmigung zu verdanken, nach der Love'n'Joy als Kulturbotschafter der Ukraine von der Regelung ausgenommen sind, dass Männer über 18 das Land eigentlich nicht mehr verlassen dürfen. Musikalisch hat das aber wenig zu bedeuten, denn mal abgesehen davon, dass sich Sänger Anton Pushkar oft hinter einer wehenden ukrainischen Flagge verbarg und dass auf der drei Tage vor der russischen Invasion fertiggestellten zweiten LP "Half Home" auf einigen Tracks eine ukrainische Flöte namens "Soplika" zu hören ist, haben es Love'n'Joy nicht so mit der Folklore. Tatsächlich kamen die Jungs eher mit der notwendigen Starpower-Attitüde einer britischen Band daher - und auch ihre Songs pendeln ordentlich zwischen Psychedelia, Jangle-Pop und Beat-Sounds hin und her. Dass es doch um etwas anderes ging, machte Anton deutlich, als er für seinen in Yalta auf der Krim festsitzenden Vater zusammen mit dem Publikum einen - ziemlich schrägen - Geburtstagsgruß anstimmte. Ein wenig konzentrieren sollten sich die Jungs aber schon, denn die Spenden für die Ukraine, die die Fans nach der Show beim Meet & Greet abgaben, vergaßen sie zunächst mal. (Sie wurden dann aber nachgereicht.)

Auch die Minibühne kam in diesem Jahr wieder zum Einsatz. Am Freitag spielte hier die Kölner Musikerin Julia Zech mit ihrem Trio Lightning Jules auf, zu dem neben Keyboarderin Sarah Elena Esser auch noch Drummer Nico "bei wem spiele ich eigentlich nicht mit?" Stallmann gehört, der bei den letzten beiden OBS noch bei Tom Allan & The Strangest hinter dem Drumkit saß. Den Namen Lightning Jules hatte sich Julia bereits zu Beginn ihrer Laufbahn als Musikerin zugelegt, aber nachdem sie zunächst mal mit Pierce Black das Folk-Duo-Projekt Stereo Naked gegründet hatte, war die Sache etwas auf den Backburner gerutscht, so dass ihre vor kurzem erschienene EP "Broken Record" tatsächlich die erste Lightning Jules Veröffentlichung darstellte. Als Lightning Jules lässt Julia ihrer Vorliebe für Indie-, Dream- und New-Wave-Pop freien Lauf, spielt selber elektrische Gitarre und hat in Zukunft auch deutsche Songs im Angebot. Zeitlich ideal im Line-Up platziert zogen Lightning-Jules das vor der Minibühne versammelte - traditionell etwas jüngere - Publikum mit ihrem entspannten, aber nicht zu gelassenen Sundowner-Indie-Pop in ihren Bann.

Jascha Kreft und Tammo Dehm waren als Odd Couple (damals noch als Trio) bereits 2017 beim OBS #17 zu Gast gewesen. Obwohl sich die Herren für diese Show einen zweiten Gitarristen geleistet hatten - dafür Bassist Dennis Schulze aber auf seinen Synthesizer (nicht aber bewusstseinserweiternde Getränke) verzichtete, hatte sich am grundlegenden musikalischen Konzept - dem gepflegten Bühnen-Abriss im KrautROCK-Modus - gegenüber früher wenig geändert. Raum für Feinheiten gab es da wenig - dafür aber viel knüppelharte Unerbittlichkeit und im direkten Vergleich zum letzten Auftritt mehr psychedelisches Gegniedel. Dass Odd Couple bei all dem auf Deutsch singen, fällt fast gar nicht ins Gewicht, denn Deutsch genug ist ihre Musik auch so. Gegebenenfalls ließen sich mit solch kämpferischer Attitüde sicher auch Geländegewinne erzielen. Die Seele streichelten Odd Couple jedenfalls nicht direkt.

Nach mehreren vergeblichen Anläufen in dieser Hinsicht, stand im Folgenden der Auftritt von Husten auf dem Programm. Bereits mehrfach war angedacht gewesen, das gemeinsame Bandprojekt von Gisbert zu Knyphausen, Tobi Friedrich und Moses Schneider beim OBS unterzubringen. Würde es wohl in diesem Jahr klappen? Zumindest Tobi Friedrich wurde im Vorfeld des Auftrittes bereits im Publikum gesichtet. Das war im letzten Jahr aber auch so - und da war Gisbert bekanntlich mit Husten (also der Krankheit in dem Fall) ausgefallen. Auch in diesem Jahr fühlte sich der Meister nicht so ganz wohl, und haute sich vor der Show sicherheitshalber noch mal ein paar Stunden aufs Sofa. Dann indes gab es Entwarnung: Das komplette Husten-Live-Ensemble (zu dem dann auch noch Gitarrist Marcus Schneider, Drummer Ben Lauber und Keyboarder Arne Augustin gehören) stand dann tatsächlich zur verabredeten Zeit auf der Bühne - und lieferte. Eigentlich war Husten ja nur ins Leben gerufen worden, um Musik, die bei den anderen Projekten der Beteiligten nicht so recht passen wollte, eine Heimat zu geben. Inzwischen funktioniert das Ganze aber auch als gut geölte Live-Kapelle. Obwohl es da performerisch eigentlich nichts auszusetzen gibt (auch weil alle inkl. Gisbert neben Gefühlsduselei im besten Sinne auch gut rocken können), scheinen Husten indes zu polarisieren. Erstaunlich oft war im Vorfeld und auch nach der Show zu hören, dass Husten den einen oder anderen nicht vollständig "mitgenommen" hätten. Schwer zu ergründen, woran das eigentlich gelegen haben könnte. Nun: Geradlinig massentauglich ist das, was die Band da zu bieten hat, gewiss nicht. Die Spannbreite reicht dabei von feinsinnigen, komplex strukturierten Balladen wie "Kirchenschiff" über transzendente Songwriter-Kost wie das auf der LP mit Sophie Hunger vorgetragene, aber hier alleine gesungene Duett "Dasein" bis hin zu munteren Rausschmeißern wie dem neuen Song "Lass mich bitte nicht in Ruh". An der musikalischen Vielfalt kann es also nicht liegen, dass Husten nicht jedem zu gefallen scheint. Oder vielleicht ja doch. Ach so: Sophie Hunger hat ja tatsächlich noch nicht auf dem OBS gespielt, wie Gisbert ganz richtig sagte. Vielleicht könnte er da ja mal eine Connection zu der guten Freundin herstellen.

Es folgte dann noch der erste Teil des diesjährigen Drei Tage-Witzes - verkörpert und interpretatorisch ausgelebt von Rembert und Simon Baranowski. Das kann aber ohne physische Präsenz vor Ort im Nachhinein nicht so recht in Worte gefasst und wertgeschätzt gefasst werden - deswegen lassen wir das lieber.
Surfempfehlung:
orangeblossomspecial.de
www.facebook.com/Orangeblossomspecialfestival
www.instagram.com/obsfestival
www.youtube.com/channel/UCG0xhV8MziEAr-lnutmRBIA
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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