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Konzert-Bericht
 
Teil 1 - Peace, Love, Rock'n'Roll

Static Roots Festival

Oberhausen, Zentrum Altenberg
07.07.2023

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Cordovas
Auch mit dem systembedingten Abstand einiger Tage lohnt sich ein Blick zurück auf das diesjährige Static Roots Festival - dem nach wie vor einzigen vollberuflichen Americana-Festival mit internationalem Flair auf deutschem Boden, das auch in diesem Jahr wieder wie gewohnt im Zentrum Altenberg in Oberhausen stattfand. Denn wieder war es Festival-Macher Dietmar Leibecke gelungen, ein musikalisch und menschlich vollständig schlüssiges Programm zusammenzustellen. Eines, das sich auf dem Papier vielleicht gar nicht so spektakulär gelesen hatte (etwa weil Evangeline Gentle, die Cordovas, Malin Pettersen und John Blek & The Rats zur Spezies der Wiederholungstäter gehörten), sich am Ende aber aufgrund eines geschickten Timings, der musikalischen Darbietung, der heiter-entspannten Atmosphäre und der menschlichen und musikalischen Ausnahmequalitäten aller Beteiligten als goldrichtig erwies.
Eingefasst wurde das Festival wieder mit einem Rahmenprogramm. Eingangs mit der alljährlichen Tour de Ruhr, bei der ortsfremde Festivalbesucher auf Wunsch am Tag des Festivals vor dessen Beginn durch das Ruhrgebiet geführt werden - dieses Mal auf dem Wasser mit musikalischer Begleitung des Songwriters Dylan Earl, der später im Line-Up des Festivals auftreten sollte. Zur kulinarischen Versorgung waren diverse befreundete Food-Truck-Unternehmen angereist, am zweiten Tag gab es während der Halbzeitpause das ebenfalls zur Tradition gewordene Familienfoto mit allen interessierten Fans und Musikern und wie gewohnt führte der kanadische Radiomacher Jeff Robson mit interessanten Facts und erstaunlich treffenden Einschätzungen der Acts durch das Programm. Und nach dem eigentlichen Festival sorgte am späten Samstag-Abend der Lokalmatador Fisch für Laune, der sein Programm aus immer wieder gehörten Cover-Versionen gerne vortrug, um die After-Show-Gäste zum Mitsingen zu bewegen.

Das eigentliche Musikprogramm ging dann aber am Nachmittag des Freitags (mit Sicherheit einem der heißesten seiner Art) mit einem Auftritt von One Eleven Heavy los. Dabei handelt es sich um ein transkontinentales Projekt der Musikfreunde Nick Mitchell Maiato und James Toth (der auch als Solo-Künstler bzw. seinem alten Projektnamen Wooden Wand reüssiert), die sich in Oberhausen im Band-Format präsentierten, um ihrer gemeinsamen Vorliebe für improvisatorisch angelegte Groove-orientierte Westcoast-Sounds nachgehen zu können. Auf den Spuren von Acts wie Grateful Dead, Little Feat oder The Band jammten sich One Eleven Heavy im Folgenden hauptsächlich durch die Songs ihrer aktuellen LP "Poolside", die mit Tracks wie "Bama Yeti", "Rizzo In The Wig" oder "Michael Landon" einiges über die psychedelische Weltsicht der Songwriter Maiato und Toth verrät - denn dabei handelt es sich um Songs über reisende Yetis, gemeinschaftlichen Drogenkonsum und eine Hommage an den Schauspieler Michael Landon, der den Little Joe in der TV-Serie "Bonanza" bzw. die Hauptrolle in "Unsere kleine Farm" spielte. Einige der anwesenden Fans bemängelten das mangelnde Charisma der beiden Frontleute und eindeutige Hits im Programm. Das konnte man aber auch anders sehen, denn James und Nick gingen so sehr in ihrem soulvollen Gitarrenspiel (Warzen, Haken, Ösen und Wagnisse inklusive) und der rhythmischen Integration mit ihren Bandmembers auf, dass sie es offensichtlich gar nicht mehr für nötig hielten, sich als Performer in den Vordergrund drängen zu müssen. Popmusik machen One Eleven Heavy sowiese schon mal gar nicht - was ja nicht unbedingt unsympathisch ist. Und sympathisch sind die Jungs allemal.

Die kanadische Songwriterin Evangeline Gentle war ja bereits im letzten Jahr zu Gast auf dem Static Roots Festival gewesen. Damals wurde sie von dem Gitarristen Nick Ferrio begleitet und hätte in diesem Jahr eigentlich mit einer kompletten Band auftreten sollen. Da sie aber kein Funding von der kanadischen Regierung bekommen konnte (was jedes Jahr neu beantragt werden muss), wurde daraus nichts, so dass sie nun ganz alleine auf die Bühne steigen musste. Conferencier Jeff Robson wies aber ganz richtig darauf hin, dass das in diesem Fall gar kein Nachteil sei, da man so noch näher dran sein könne, an den Songs der Kanadierin. Was er damit meinte, wurde schnell deutlich, als Evangeline die Songs ihres Debüt-Albums sowie einige inzwischen neu hinzugekommene anstimmte. Evangelines Kunst als Songwriterin und Performerin liegt nämlich weniger darin begründet, dass sie ihre Geschichten erzählt, sondern darin, dass es ihr gelingt, Kraft ihres Gesangsvortrages und der fragilen Schönheit des Materials die Gefühle zu evozieren, die zur Entstehung dieser Geschichten führten. Besonders deutlich wurde das bei Tracks wie "The Strongest People Have Tender Hearts" (den Evangeline im letzten Jahr nicht gespielt hatte, wofür sie sich nachträglich entschuldigte) oder bei "Ordinary People", dem Lead-Track des Debüt-Albums. Das löste dann sogar bei hartgesottenen Rationalisten und stilistisch vorbelasteten Zuschauern höchst emotionale Reaktionen und die eine oder andere Träne aus. Während des gesamten Vortrages von Evangeline hätte man demzufolge sogar fallende Stecknadeln noch als störend empfunden. Evangeline hat dabei vielleicht gar nicht mal so eine große Stimme - aber eine, die zum Zuhören zwingt und ein großes Herz hat sie sowieso. In den brillant konstruierten, harmonisch und melodisch komplex und anspruchsvoll strukturierten Songs kann man sich dank des Vortrages als Zuhörer geradezu verlieren. Auch und besonders als Frau - denn aus ihren diesbezüglichen Präferenzen macht Evangeline kein Hehl und diese - nicht nur in Songs wie "Gay Bar" - auch oft genug zum Thema ihres Materials. Insbesondere die nun als Singles veröffentlichten neuen Tracks wie "Kill The Headlights", "Sarah" und jetzt auch "Gay Bar" (die eine junge Joni Mitchell auch nicht besser hätte hinbekommen können) machen dann doch neugierig auf das nun für den Herbst angekündigte zweite Album. Wer sich übrigens gefragt haben sollte, wieso Evangeline stets so adrett gekleidet ist und immer wieder mit neuen Frisuren überrascht, dem sei gesagt, dass sie als Day-Job in einem Vintage-Fashion-Store und als Friseurin arbeitet. (Was unter anderem auch der Grund dafür ist, dass die Produktion neuen Materials so lange dauert.).

Einer der Gründe, warum Evangeline Gentle überhaupt Musik macht - bzw. auf dem Static Roots aufspielten kann - liegt in der Ermutigung ihres Freundes und Mentors Jim Bryson, der sie als Produzent unter seine Fittiche nahm (wie er das auch schon bei Kathleen Edwards oder Suzie Ungerleider getan hatte), um ihre Songs in Form bringen zu können. Und genau dieser Jim Bryson war nun auch auf dem Static Roots zu Gast. Musikalisch agiert Bryson mindestens genauso freistilig jenseits klassischer Americana-Klischees wie auch Evangeline Gentle - hat aber eine ganz andere Attitüde, was die Performance betrifft. Das zeigte sich schon, als er Evangeline bei deren Gig bei ihrem Song "Sundays" begleitete, wie dann auch in seinem Solo-Set. Musikalisch erinnerte Jims Vortrag aufgrund seines Timbres, des stoischen Gesanges und der eigenwilligen Struktur seines Materials tatsächlich an den Indie-Helden Bill Callahan - aber performerisch outete sich der Meister als gewiefter Comedian, der allerdings Mühe hatte, seine ausufernden Geschichten, Ad-Libs und spontanen dramaturgischen Schwenks unter Kontrolle zu halten. Insgesamt war das alles recht amüsant und kurzweilig - allerdings nicht unbedingt im musikalischen Sinne. Evangeline schien es indes zu gefallen und sie gesellte sich gegen Ende der Show dann auch noch mal zu Jim auf die Bühne.

Das irische Trio Rowan aus Cork galt als Dietmar Leibeckes diesjährige "Wildcard". Das ist ein Act, der musikalisch nicht ins strikte Americana-Format passt, aber live mächtig was her macht. Da es in diesem Jahr aber so einige Acts gab, die diesem Format in stilistischer Hinsicht entsprochen hätten, war die Klassifizierung als "Wildcard" in diesem Fall gar nicht so angebracht. Sei es drum: Rowan spielten ihren Gig als Hommage an den verstorbenen Static Roots-Mentor Willie Meghan, der wohl stets einen Platz im Herzen von Dietmar haben wird. Der quirlige Frontmann Dylan Howe und seine Freunde Fionn Hennessy-Hayes und Kevin Herron machen dabei zeitgemäße Rockmusik. Das meint eine breitwandig angelegte, zuweilen recht brachiale, vom Blues vollkommen losgelöste Post-punkige Variante mit BritPop-Flair im Stile kontemporärer Gitarrenpop-Bands. Viele Fans lobten die tollen Songs, die Rowan im Gepäck hatten - meinten damit aber vermutlich eher die unbändige Energie, mit der die Jungs da ihre Riffs und Grooves verteilten. Erkennbare Melodien, griffige Refrains oder gute Geschichten (= das, was gute Songs eigentlich auszeichnen sollte), fanden sich da eigentlich nicht im Angebot. Wohl aber eifrige Gitarrenarbeit und eine erfrischend lebendige, manische Energie. Allerdings sang Dylan Howe konsequent mit geschlossenen Augen - was der Perfomance dann nicht besonders zuträglich war. Da alle Tracks auf ungefähr demselben Energie-Level dargeboten wurden, war es zudem nicht einfach, die dezidiert nicht im Storyteller-Modus angelegten Selbstfindungs-Lyrics Howes goutieren zu können. Als Kontrastprogramm funktionierte das aber dennoch recht gut.

Bei einem wie gewohnt psychedelisch mehrdimensionalem Gespräch mit dem Cordovas-Frontmann Joe Firstman im Vorfeld der insgesamt dritten Cordovas-Show auf einem Static Roots Festival, erklärte dieser auf die Frage, was ihm als Musikus am Wichtigsten sei: "Das Unerwartete und die richtigen Leute zu finden." Mit der aktuellen Cordovas-Besetzung ist Joe diesem Ziel zweifelsohne einen guten Schritt näher gekommen. Nachdem der bisherige Cordovas-Gitarrist Toby Weaver die Band verlassen hatte, kamen Joe und Gitarrist Lucca Soria auf die Idee, statt einen neuen zweiten Gitarristen zu engagieren, Luccas Partnerin Kelsey Leppperd zur gesanglichen Verstärkung mit einzubinden. Mit Hilfe des Produzenten Cory Hanson - unter dessen Regie das aktuelle, zum Zeitpunkt der Show noch nicht veröffentlichte Cordovas-Album "The Rose Of Aces" in der mexikanischen Homebase der Band eingespielt wurde - arbeiteten die Cordovas intensiv an den Gesangsvorträgen und -Arrangements. Das erklärte dann auch den Überraschungscoup, den sich die Cordovas für das Static Roots Festival ausgedacht hatten. "Wir versuchen das jetzt mal, weil wir in Mexico richtig gut darin geworden sind", meinte Joe Firstman nämlich zur Begrüßung, während sich zunächst mal nur Lucca Soria und Kelsey Lepperd zu ihm auf die Bühne gesellten. Im Folgenden spielte das Trio dann eine Reihe inspirierter Akustik-Versionen neuer und alter Songs - im CSNY-Stil. Das funktionierte dann so gut, dass es dem Trio keine Mühe bereitete, das Publikum bei dem unveröffentlichten, hymnischen, neuen Song "Sky, Land & Sea" mit den Worten "Bloß nicht drüber nachdenken" zum enthusiastischen Mitsingen des Refrains zu bewegen. Später kamen dann natürlich auch noch die beiden fehlenden Bandmember Colton Stephens und der neue Keyboarder C.H. McCoy hinzu und dann ging die Party nahtlos weiter - bzw. noch mal so richtig los. Lucca Soria etwa schien durch das Fehlen eines gitarristischen Gegenparts geradezu befreit aufzublühen und steigerte sich in seine vielfingrige - dann natürlich elektrische - Gitarrenarbeit geradezu hinein. Angesteckt von der allgemeinen Spielfreude und Begeisterung standen Joe Firstman und Lucca Soria mehrfach am vordersten Bühnenrand, "duellierten" sich in klassischer Rockmanier und gesellten sich gar feiernd ins Auditorium. Wer sich in Erinnerung an die letzte Show der Cordovas auf dem Static Roots Festival 2019 darüber mokiert hatte, dass Joe Firstman sich damals zu sehr in den Mittelpunkt gestellt habe, der durfte dieses Mal feststellen, dass eher Lucca Soria im Zentrum stand - sich die ganze Band aber stets hinter dem jeweiligen Song zurücknahm und dennoch jeder die Möglichkeit bekam, sich zu entfalten. Sowohl Colton Stephens, der die Show mit einem Drumsolo beendete, wie auch C.H. McCoy und Kelsey Lepperd mit Lead-Vocal-Einlagen wurde die Möglichkeit gegeben sich entsprechend einzubringen. Und bei der abschließenden Jam-Session standen schließlich alle am Mikrofon und verabschiedeten sich auf diese Weise vom Publikum. Kurzum: Das war dann tatsächlich mal eine Show, bei der das Unerwartete im Vordergrund und die richtigen Leute auf der Bühne standen.
Surfempfehlung:
staticrootsfestival.com
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twitter.com/StaticRootsFest
www.instagram.com/staticrootsfestival
www.youtube.com/staticrootsfestival
www.facebook.com/groups/1151532058239968
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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