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Konzert-Bericht
 
Gummipuppe und Guillotine

Alice Cooper
Black Mirrors

Northeim, Waldbühne
22.06.2024

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Alice Cooper
"Ich bin Alice, ich bin der Meister des Wahnsinns, der Sultan der Überraschung. Ich bin Alice, also hab keine Angst, schau mir einfach in die Augen, oh yeah. Sie hängen mich an den Galgen und schlagen mir den Kopf ab, aber wie Lazarus aufersteht, komme ich von den Toten zurück", singt Alice Cooper in "I’m Alice". Der Song vom aktuellen Album "Road" erklingt als Rausschmeißer aus der Konserve und fasst zusammen, was den Erfinder des Schock-Rocks ausmacht. Über ein halbes Jahrhundert ist der Zeremonienmeister mit seiner "Rocky Horror Show" unterwegs, die sich für die laufende Tour "Too Close for Comfort" nennt. In der wunderschön gelegenen Waldbühne am Rande Northeims feiern 6.500 Fans ihn und seine famose Band.
Als Anheizer stellt die belgische Combo Black Mirrors ihre Mixtur aus Hard- und Blues-Rock vor. "Lay My Burden Down" wird ordentlich ausgedehnt, erhält ein paar psychedelische Spritzer und bietet Pierre Lateur (Gitarre), Gino Capon (Bass) und Edouard Cabuy (Schlagzeug) reichlich Gelegenheit, sich auszutoben. Frontfrau Marcella Di Troia übt sich im Ausdruckstanz, bis sie wieder kraftvoll schreit, kreischt, aber vor allem klasse singt. Die Brüsseler Band ordnet sich irgendwo zwischen den Blues Pills und Pristine ein, also eine Schublade, die der geneigte Rockfan gern aufzieht.
Nach einer halbstündigen Umbaupause fällt der Vorhang, zwei Horror-Clowns präsentieren eine Zeitungsseite des "German Chronicle" mit der Schlagzeile, Alice Cooper sei aus Deutschland verbannt. Trotzdem rollt die Band den Rock-Teppich aus für Vincent Damon Furnier alias Alice Cooper. "My leather is black and so are my eyes", singt er im Auftaktsong "Lock Me Up" und beschreibt sein Outfit damit selbst. Dazu schwarze Handschuhe und ein Zylinder auf dem schulterlangen Haarschopf. In dem einzigen Song, der nicht mindestens 30 Jahre auf dem Buckel hat, dem neuen "Welcome To The Show", doziert er, einen Säbel schwingend: "Ich spiele die Kreatur, weil ich weiß, wie’s geht". Freilich gab es Zeiten, in denen zwischen Trunkenheit und Drogenrausch die Grenze zwischen dem wahren Ich und der Kunstfigur verschwamm. Inzwischen genießt Cooper - nach eigenem Bekunden seit 40 Jahren trocken - das Tourleben, jung gehalten durch gesunde Ernährung und viel Schlaf. Bei Mick Jagger sei das bestimmt auch so, vermutete Cooper unlängst in einem Interview mit Zeitschrift Classic Rock. "Ich habe Alice erfunden, um meinen persönlichen Lieblingsrockstar verkörpern zu können", erklärt er dort. Und viele Fans scheinen dies nach wie vor zu lieben. Schließlich ist der 76-Jährige, dessen Stimme über die Jahre nicht gelitten hat, der Pate des Schockrocks, lange vor Nachahmern wie Kiss oder Marilyn Manson.

Freilich: Früher war mehr Lametta. Keine Boa constrictor mehr um den Hals, keine Tortur in einer Eisernen Jungfrau, keine Todesspritze. Aber angekündigt durch "Welcome In My Nightmare" beginnt in der Mitte des Sets der humorvoll-selbstironische Pseudogrusel. Zwar wurde kein Frankenstein-Schloss aufgebaut, sondern nur zwei Treppen an die Bühnenseiten platziert. Von einer dirigiert der Maestro mit einer Stichwaffe die unten aufspielende Band, auf den vier Videoscreens regnet es in Strömen, Bodennebel wabert über die Bühne. "Cold Ethyl" schleift Cooper als Gummipuppe über die Bühne, ein Mordopfer aus der Gefriertruhe oder ein alkoholgeschwängerter Albtraum? Im folgenden Song, "Go To Hell", stürmt eine Furie heran, Cooper entwendet ihr die Peitsche und reißt ihr die rote Perücke vom Kopf. Die Rächerin kriecht von dannen. Doch Cooper entgeht seiner Strafe nicht. Zur "Ballad Of Dwight Fry" erscheint er in einer Zwangsjacke, ein Folterknecht mit Gasmaske und Atemschläuchen piesackt ihn mehrfach mit einem Elektroschocker. Eine Frau in einem Barockgewand und aufgetürmter Hofdamenfrisur, gespielt von seiner Frau Sheryl, führt Cooper schließlich zur Guillotine, die Hinrichtung wird vollstreckt, das abgeschlagene Haupt der jubelnden Menge präsentiert. Auch die Barockdame mag’s mit Toten, küsst den Cooper-Kopf und die Band schmettert hymnisch und vielstimmig "I Love The Dead". Da mag Cooper singen: "Ich bin so beängstigend wie ein Herzinfarkt" - das alles ist natürlich weder gruselig noch gesundheitsgefährdend. Zu "Elected" ist der Untote wieder da und offenbart dem Wahlvolk von US-Flaggen umrahmt: "I'm your yankee doodle dandy in a gold Rolls Royce, I wanna be elected"; man fühlt sich unangenehm an Donald Trump erinnert.

Wer Coopers Konzerte kennt, wünscht sich ein paar neue Showelemente hinzu. Immerhin wird eine fotografierende Paparazza von seltsamen Vogelwesen von der Bühne gezerrt und zu "Feed My Frankenstein" torkelt ein Riesenmonster in Alice-Gestalt über die Bühne. Hits wie "No More Mr. Nice Guy", "I’m Eighteen", "Under My Wheels" und "Billion Dollar Babies" mit ins Publikum geschossenen Konfettischlangen werden gefeiert, die Comeback-Hits "Poison" (1989) und "Hey Stoopid" (1991) euphorisch mitgegrölt. Coopers Tourband, die beim aktuellen Album massiv in den Songwriting-Prozess einbezogen wurde, bevor Cooper und Bob Ezrin den Feinschliff besorgten, legen ein tighten Sound hin. Ryan Roxie (Gitarre), Chuck Garric (Bass), Tommy Henriksen (Gitarre), Glen Sobel (Schlagzeug) und Nita Strauss (Gitarre) dürfen immer mal wieder kompetente Soli einstreuen, vor allem im "Black Widow Jam", während sich der Master of Disaster für das Finale erholen darf. Wie gewohnt bunte Riesenballons für’s Publikum und passend zum Ferienanfang in Niedersachsen: "School’s Out For Summer", verwoben mit Pink Floyds "Another Brick In The Wall". Cooper wünscht augenzwinkernd schreckliche Träume, doch um kurz vor zehn ist es im Juni immer noch taghell. Im Dunkelen gruselt’s sich halt besser.

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Surfempfehlung:
alicecooper.com
www.facebook.com/AliceCooper
www.instagram.com/alicecooper
www.zdf.de/nachrichten/panorama/prominente/alice-cooper-konzerte-deutschland-tour-100.html
www.spiegel.de/panorama/leute/alice-cooper-auf-deutschland-tour-musiktipps-statt-wahlempfehlungen-vom-altrocker-a-a59474ff-5077-44d4-b8fb-d1fbd21491f5
www.blackmirrors.net
Text: -Martin Jedicke-
Foto: -Martin Jedicke-

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