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Konzert-Bericht
 
Do the Metal!

Jack Daniel's Rocknights

Göttingen, Zentralmensa
15.11.2003

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Electric Eel Shock
Göttingen hat ein Rock'n'Roll-Problem. Seit letztes Jahr mit der Outpost der einzige Club, in dem Bands mittlerer Größe auftreten konnten, geschlossen wurde, ist konzertmäßig nicht mehr viel los. Dabei gäbe es in der Studentenstadt reichlich Publikum, und man erinnert gerne an vergangene Konzerte von Ash, Element Of Crime oder auch an die Jack Daniel's Rocknights vor zwei Jahren, damals mit Therapy? als glorreichem Headliner. Doch heute sind die Zeiten in dieser Hinsicht mager, und wenn es die Jack Daniel's Rocknights nicht mehr gäbe, würden die über 25 000 Studenten dieser Stadt und sonstige Rock'n'Roll-interessierte Menschen aus der Region vollends auf dem Trockenen sitzen.
Was auf den Plakaten der diesjährigen Rocknights "Universität" genannt wird, entpuppt sich als das ästhetisch wie akustisch alles andere als ansprechende Foyer der Zentralmensa. Zu was für Abstrusitäten so etwas führt, kann sich jeder, der mit dem Gebäude vertraut ist, vorstellen. Da werden die Räume der Wohnheimverwaltung und des Studentenwerks zu "dressing rooms" (Sepultura Gang runter, letzte Tür links), vor der Mensa-Kasse werden Merchandise-Stände aufgebaut, das von Studenten jeglicher Fachrichtung so geliebte Café Zentral wird von den Sanitätern kurzerhand zur Notaufnahme umfunkioniert, und die Kickertische und Flipperautomaten müssen der eigens eingerichteten Garderobe weichen.

Die Tatsache, dass es an der Abendkasse keine Karten mehr gibt, scheint zu bestätigen, dass es dem Göttinger nach Rock dürstet. Keine schlechten Vorraussetzungen für die erste Band des Abends: Electric Eel Shock aus Tokyo betreten die Bühne und sind - nehmen wir es ruhig vorweg - das heimliche Highlight der Nacht. Indierock-Kids wie gestandene Metalheads staunen nicht schlecht über die drei kleinen Japaner, die alle ausgetreten Klischees des Rock und Metal über den Haufen werfen und mit nur vier Songs den Begriff Coolness neu definieren. Mit ihren brachialen Riffs und jeder Menge Krach sind sie musikalisch irgendwo zwischen den MC5, Black Sabbath und der Jon Spencer Blues Explosion anzusiedeln, wenngleich diese Verweise nur einen sehr vagen Eindruck der Geschehnisse vermitteln können. Was die drei innerhalb von schmerzlich kurzen zwanzig Minuten bringen, ist unfassbar und größtenteils seit Spinal Tap verboten. So dachte man jedenfalls. Und wer hätte ernsthaft für möglich gehalten, dass eine Band ihr Konzert mit einem Cover von "Iron Man" beginnen und mit einem Song namens "Do The Metal" beenden kann, ohne dass es auch nur im Geringsten peinlich wäre? Dazwischen schmeißt Bassist Kazuto Posen und springt von seinem Amp. Sänger und Gitarrist Aki fordert das Publikum auf, sich für die Mailinglist der Band einzutragen, und ein "Sex, Drugs & Email" Sprechchor wird angestimmt... Okay. Und das alles trotz oder gerade weil die Band drei der fünf Auftritte auf der Jack Daniel's Tour wegen Trommler Gians Rückenverletzung absagen musste. Brutal gut.

Dagegen wirken The Flaming Sideburns, die wohl einzige finnisch-argentinische Band der Welt nicht nur wegen der immer gleichen Stones-, Stooges- und New York Dolls-Riffs mehr als farblos. Daran kann auch ihr schrilles Outfit nichts ändern. Sänger "Speedo" Martinez traktiert den Mikroständer wie Mick Jagger und sieht mit der Kippe im Mund aus wie ein Möchtegern-Ryan Adams. Als er beim Song "Save Rock'n'Roll" auch noch sein hellblaues Glitter-Oberteil ins Publikum wirft und ein nicht zu verachtender Bierbauch zum Vorschein kommt, muss man sich doch insgeheim eingestehen, dass ob so zahlreicher Geschmacksverirrungen überhaupt nichts gerettet wird...

Und ein Beispiel dafür, dass der Rock'n'Roll gar nicht unbedingt gerettet werden muss, bringt wenig später Danko Jones. Der Kanadier liefert einen so souveränen Auftritt, dass man hätte denken konnte, hier den eigentlichen Headliner auf der Bühne zu sehen. Der Sound rauh und ungeschliffen, die Songs intensiv und geradlinig. Danko singt von bad women, bad love & bad attitude: "If you want to play the blues, get yourself a woman." Daneben erfreut Danko das Publikum mit der Aussage, dass heute Nacht nicht nur die letzte, sondern auch die beste Show der Jack Daniel's Tour sei. Außerdem bringt er die simple wie leicht vergessene Essenz der Sache auf den Punkt: Vier Bands aus vier Erdteilen gemeinsam unterwegs. So herrscht nach ca. einer Stunde mit "We Sweat Blood", dem Titelsong des aktuellen Albums, die Gewissheit, dass es dem Rock eigentlich recht gut geht. Ganz nebenbei: Schlagzeuger Damon Richardson spielte das Konzert mit einem gebrochenen Fuß.

Als Sepultura kurz vor Mitternacht auf die völlig vernebelte Bühne gehen, wird schnell klar, dass die Brasilianer heute Abend außer Konkurrenz spielen. Allein die Tatsache, dass sich die Thrashmetal-Fraktion im Publikum schon rein optisch stark vom Rest abhebt, spricht Bände. Es scheint, als prallten hier zwei Welten aufeinander, so sehr fällt die Band aus dem musikalischen Rahmen des Abends. Dennoch, die Hütte brennt. Gnadenlos pumpen Cavalera, Kisser, Paolo Jr. und der wohl ewig neue Sänger Derrick Green "Refuse/Resist", "Against", "Biotech Is Godzilla" (mit eingeflochtenem "Dazed And Confused") regelrecht ins Publikum, die Lautstärke jenseits von Gut und Böse. Zu einer Mischung aus hauptsächlich neueren Stücken wie "Mind War", "Messiah" oder "More Of The Same", und älteren wie der ersten Zugabe "Arise" wird gemosht, gepogt und crowdgesurft, was das Zeug hält. Als nach "Roots Bloody Roots" alles vorbei ist, liegt kein Stein mehr auf dem anderen. Und während an der katastrophal organisierten Garderobe Leute über eine Stunde auf ihre Jacken warten, und Electric Eel Shock immer noch mehr CDs verkaufen als alle anderen zusammen, macht sich die seltsame Erkenntnis breit, dass das Mensa-Essen übermorgen vielleicht etwas anders schmecken wird.

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Surfempfehlung:
www.sepultura.com.br
www.dankojones.com
www.electriceelshock.com
www.theflamingsideburns.com
Text: -Christian Spieß-
Foto: -Christian Spieß-


 
 

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