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Konzert-Bericht
 
Ziemlich bezaubernd

CocoRosie
Devendra Banhart

München, Registratur
12.10.2004

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Coco Rosie
Das erste Anzeichen für einen gelungenen Konzertabend war der blaue Übertragungswagen des BR, der im Hof der Registratur stand, um den mittlerweile angesagtesten Veranstaltungsort der Stadt durch einen mächtigen Kabelstrang mit der Außenwelt zu verbinden. Der als idealistischer Independent-Förderer verehrte Club 2 firmierte als Veranstalter, präsentiert wurde das ganze vom in Sachen neueinteressante Musik hochkompetenten und -geschätzten Zündfunk. Wirklich schlecht konnte das gar nicht werden.
Der hohe, fast quadratische Konzertsaal im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Münchner Gaswerke am Altstadtring, den über zwei Wände eine Empore einrahmt, war von Beginn an sehr gut gefüllt und bester Dinge. Devendra Banhart, der ja schon Anfang des Jahres in München ein ziemlich intimes akustisches Konzert gegeben hatte, war diesmal mit einer ganzen Band angereist, die dem Vortrag der skurrilen Liedchen, die in ihrer Stimmung irgendwo zwischen Kinderlied und Spottgesang angesiedelt sind, mehr Druck bzw. dynamische und stilistische Bandbreite verschaffen sollte. Vor allem sorgte sie aber für jede Menge selbstironisches undchaotisches Hippietum auf der Bühne. Allen voran Kyle Field aka "Little Wings" der im sonnenblumengelben Poncho mit rosa Söckchen angetan eine durchaus eigenwillige Bühnenperformance ablieferte. Die Songs von Banhart verlassen sich auf Platte ganz auf das eindringliche, an Daniel Johnston und Tiny Tim gemahnende Vibrato des Kunstabsolventen und sind ausnehmend spartanisch instrumentiert. Hier kam zu den ein bis zwei Akustikgitarren noch Melodiegitarre, Bass und Schlagzeug. Allerdings ohne essentielles beizusteuern und mancher Song gewann nicht immer durch die durchweg sympathischen Bemühungen der Band. Nicht zuletzt, da auchdas Zusammenspiel oft nicht ohne größere Reibungsverluste gelang. Trotzdem sehr unterhaltsam und auch mal anrührend.

Als dann die Schwestern Bianca und Sierra Casady die Bühne betraten, wich die ausgelassene Stimmung, die sich breit gemacht hatte, einer freudigen Anspannung und wer das Debüt-Album der beiden kannte, konnte sich schon fragen, ob es gelingen würde, die seltsam zerbrechlichen Songgebilde live in einem Club mit vielleicht dreihundert Besuchern umzusetzen. Um es vorwegzunehmen, es gelang auf eine wirklich bezaubernde Art und Weise.

Musiziert wurde im Sitzen, die Bühnenbeleuchtung um einiges zurückgedreht, auf die Wand waren verstörende Zeichnungen und verwackelten Szenen projiziert. Sierra begleitete das Material an Akustikgitarre, Keyboard oder Harfe und Bianca hatte eine Vielzahl musikalischer Kinderspielzeuge sowie Geräusche und Textpassagen auf Diktiergerät zur Hand und rezitierte so die ausnehmend hübsche Lofi-Soundkulisse, die auch auf dem Debüt-Album so zu gefallen vermochte. Statt Laptop und Sequencer hatten die beiden zur Komplettierung des Materials eine geduldige Freundin, die die von ihnen auf die schnelle in einen Fisher Price-Sampler gesungene Melodien im Takt abzuspielen hatte, und eine Human-Beatbox in Form des französischen Rappers Spleen mitgebracht. Vor dem Hintergrund dieser analogen Schein-Elektronik kamen die Stimmen der Schwestern, die sich in ihren konträren Ansätzen wunderbar ergänzen, toll zur Geltung. Während Bianca unverkennbar in den Genuss einer klassischen Gesangsausbildung gekommen ist, klingt Sierra in manchen Momenten wie eine besonders rotzige Variante von Billie Holiday. Ihre überlappenden Wechselgesänge, häufiges Markenzeichen des ungleichen Schwesternpaares, erreichten live eine Intensität, die das Material auf ihrem Debüt "La Maison de Mon Rêve" kaum erreicht.

Das ganze Konzert über stand das Auditorium gebannt und stumm, strahlte oder staunte die beiden Schönheiten an, als brächten sie die ersehnte Heilsbotschaft. Die ersten Reihen waren nicht, wie man vermuten könnte, von verliebten Jünglingen besetzt, sondern fast ausnahmslos von jungen Damen, die aber auch einen emotional deutlich envolvierten Eindruck machten. Die Bühnenshow war äußerst reduziert und dennoch hatte alles eindeutig Performance-Charakter. Besonders hübsch, wie bei dem Diskurs-Gospel "Jesus Loves Me" das Spiel mit Gender & Race, das im Refrain "Jesus loves me but no my wife, not my nigger friends or their nigger lives" formuliert wird, in der Stageperformance Umsetzung fand. Bianca, mit aufgemaltem Schnurrbart, nahm dem schwarzen Mann an ihrer Seite kurzer Hand die fette Goldkette ab, um mit ihr den Takt zu klimpern - Politik. Das frenetische Jubeln, das zwischen den Stücken regelmäßig ausbrach, wurde freundlich-distanziert entgegengenommen, Ansagen gab es kaum, am Ende eines langen und erfüllenden Konzertabends ein paar Kusshände zum Abschied, bevor man beseelt in die neblige Nacht entlassen wurde.

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Surfempfehlung:
www.cocorosie.com
www.konzert-buero.de/bands/cocorosie/
www.cargo-records.de/de/home.cfm?p=3253
www.younggodrecords.com/Artists/DevendraBanhart/
www.xlrecordings.com/devendrabanhart/
Text: -Dirk Ducar-
Foto: -Dirk Ducar-


 
 

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