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28.01.2002
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Dream Theater - Six Degrees Of Inner Turbulence

Dream Theater - Six Degrees Of Inner Turbulence
Elektra/Eastwest
Format: 2CD

Potzblitz & zugenäht! Gerade erst drei Monate ist es her, daß uns die ProgMetal-Recken aus New York mit einem dreifachen Live-Album allererster Güte bereicherten. Und trotz mehrerer anspruchsvoller Side-Projekte, in denen irgendwie alle Bandmitglieder stecken, reichen Energie und Kreativität offenbar aus, um direkt noch ein neues Studiowerk nachzuschieben. Weil man ja nicht kleinlich ist, griff man auch hier gleich zum doppelten Lottchen - um sechs (!) neue Stücke zu verewigen.

Beim ersten Durchhören der Scheiben zieht man unwillkürlich Vergleiche zu den Vorgängeralben - aber das ist bei dieser Band schon im Ansatz verkehrt. Dieses Album ist anders! Das wird schon beim Opener "The Glass Prison" klar, der wegen seiner Vielschichtigkeit vorsichtshalber in drei Teilen daherkommt. Es beginnt treibend, trocken, die Musik vermittelt eine gehetzte Grundstimmung. Tempo und Härte werden fortlaufend gesteigert - stellenweise sind sogar Death Metal-Grunts zu vernehmen, die sich mit LaBries klassischer Gesangslinie hervorragend vertragen. Das Ganze steigert sich regelrecht in ein Höllentempo mit Gitarren- und Keyboardsoli hinein, um sich dann zum Ende hin versöhnlich aufzulösen. Ruhiger geht's mit "Blind Faith" weiter; Pianoklänge und ein langes Solo lassen reichlich Platz zum musikalischen Mitschwimmen. Es folgt das sehr ruhige, fast schon melancholische "Misunderstood", das mit akkustischen Gitarrenklängen beginnt, immer mehr Samplesounds untermischt, um dann mit verwirrenden Harmoniesprüngen aufzuwarten, hart an der Grenze zu klassisch anmutenden Harmonien. Das Midtempostück "The Great Debate" betrachtet in knapp 14 Minuten kritisch die aktuelle politisch - wissenschaftlich - moralische Diskussion in den USA und anderswo (Stichworte: Ground Zero, Stammzellen) - ein sehr schönes Abschluß-Solo von Petrucci weckt die Hoffnung auf ein Happy End. Mit "Disappear" werden die Grenzen des Rock deutlich überschritten; das ist ruhige, melancholische Experimentalmusik.

Anspieltip gefällig? Klar, kein Problem! Nehmen wir doch einfach das Titelstück; ist auch nur schlappe 42 Minuten lang. Aufgepeppt mit Intro und Outro, ergeben die "Six Degrees Of Inner Turbulence" einen Achtteiler, der eigentlich alles hat, was man von einem komplette Dream Theater-Album erwarten würde. Die Fans von Metropolis & Co. dürfen aufatmen; this is what you've expected. Hier finden wir Instrumentalteile in epischer Breite mit perfekt gesampeltem Symphonieorchester, wunderschöne, traumtheatralische Gesangsmelodien, schnelle, harte Parts und entsprechende Atempausen. Selbstverständlich kriegen auch alle Saiten und Tasten mehrfach ihre wohlverdiente Solochance. Alles in Allem liegt hier ein Album vor, das stellenweise von den gewohnten Pfaden der Band abweicht. Mutig, komplex, vielseitig und faszinierend - wenn man sich die nötige Ruhe zum Zuhören nimmt. Und die wird dem Hörer förmlich aufgezwungen.



-Stephan Kunze-


 

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