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Lichen Slow - Rest Lurks

Platte der Woche

KW 10/2023


Lichen Slow - Rest Lurks
Rock Action/Pias/Rough Trade
Format: LP

Wie sein Arab Strap-Kumpel Aidan Moffat reklamierte auch Malcolm Middleton seit ungefähr 2002 - schon während der aktiven Band-Zeit - immer mal wieder Scheiben unter eigenem Namen oder als Human Don't Be Angry für sich. Nachdem Moffat mit seinem Projekt Nyx Nótt und der fiktiven Werbejingle-Instrumental-Scheibe "Themes From" die Sache mit den Solo-Projekten zuletzt doch etwas selbstverliebt auf die Spitze getrieben hatte, nimmt Middleton sein neues Projekt Lichen Slow songwriterisch wieder wesentlich ernster. Allerdings nicht alleine, denn Lichen Slow ist eine Kollaboration zwischen Middleton und dem umtriebigen Kollegen Joel Harries, der als Solo-Künstler, zusammen mit Quincey Brown als Dreampop-Outfit Team Leader und als Mitglied der Instrumental-Band 72% eine ähnlich produktive musikalische wie Malcolm Laufbahn vorzuweisen hat. Da beide Protagonisten die Zwänge, Regeln und Nöte des Musikbusiness redlich bekannt sind, legten sie ihr (nach einer sich langsam entwickelnden Flechtenkrankheit benannten) gemeinsames Projekt als Band an, die "von Gegenseitigkeit und Geduld geprägt ist", wie es in der Bio heißt. Das bedeutet unter dem Strich: Alles ist möglich, nichts wird erzwungen und das gemeinsame Projekt entwickelte sich dementsprechend zwanglos über einen sehr langen Zeitraum. Der Titel des Albums und auch die aktuelle Single - "Hobbies" - deutet schon an, mit welcher Attitüde die Jungs das Ganze dann wohl angingen. Nun haben Lichen Slow genügend brillante Songs beisammen, um einen Longplayer zu füllen.

Worum geht es? Nun - ähnlich wie bei Arab Strap entstanden die Songs zum Teil aus Gegensätzen und Reaktionen darauf, wobei die beiden Protagonisten (gesanglich unterstützt von Harries' Team Leader-Kollegen Quincey Brown) die Songs bewusst aus verschiedenen Richtungen angingen - und zwar durchaus mit der Absicht, sich selbst zu überraschen. Ergo gibt es auch kein klassisches Genre, dass Lichen Slow anpeilen: Dreampop, Indie-Rock, Elektronica, Psychedelia, Folk-Pop - alles ist ganz egal, so lange es nur interessant klingt und irgendwie Sinn macht. Dazu gibts morbide, schwarzhumorige Lyrics über Ängste und Neurosen, Halluzinationen und mystische Traumata. Leider ist nicht bekannt, wer was geschrieben hat - aber es ist anzunehmen, dass Harries eher an einer vielleicht verzerrten Wahrnehmung der Realität interessiert ist, während Middleton eher die genüsslich die Psyche aufbohrt (so, wie das Moffat bei Arab Strap ja eigentlich auch immer macht).

Gerade der fehlende Druck und die damit einhergehende Offenheit machen sich durch eine lockere, pulsierende Grundstimmung bemerkbar - auch wenn die Songs natürlich grundsätzlich eher melancholisch angelegt sind. Klanglich sicherlich behilflich ist dabei der Umstand, dass Harries als Bassist agiert und sich dessen oft am Rande des Falsetts bewegender, feminin anmutender Gesang einen interessanten Kontrapunkt zu Middletons stoischem Gegrummel bildet. Auch wenn das ja gar vielleicht nicht das Ziel der Übung war, erschufen Harries und Middleton mit dieser Scheibe eine ziemlich coole, zeitlose Indiepop-Scheibe, die gerade von ihrer Offenheit und ihren Gegensätzen und nicht etwa einer cleveren Strategie oder einem Masterplan lebt. Dass dabei eine Reihe richtig guter Songs gelungen ist, ist dann ein erfreulicher Nebeneffekt.


-Ullrich Maurer-


Video: "Hobbies"
Video: "Preset"

 
 
 

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