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Tocotronic - Kapitulation

Platte der Woche

KW 27/2007


Tocotronic - Kapitulation
Vertigo/Universal
Format: CD

Der Vorab-Pressewirbel zu dieser Platte war gewaltig, die Wochen vor der Veröffentlichung folgten einer fast schon inszenierten Choreographie. Die Rede ist von "Kapitulation", dem neuen Werk von Tocotronic. Jeder kleine Infoschnipsel wurde von Fans und Presse aufgesogen, die Band spielte die neuen Songs bereits auf Festivals oder bei einem umjubelten Konzert in der Berliner Volksbühne. Ein Berliner Stadtmagazin titelte so schlicht wie richtig: Deutschlands wichtigste Rockband ist zurück! Wer hätte das Anfang der 90er gedacht, als das damalige Trio in verwaschenen Cordhosen und Trainingsjacken dilettantisch drauflosrockte. Betrachtet man das Phänomen Tocotronic rückblickend, so war es wohl in erster Linie die Sloganhaftigkeit der Texte, die diese Band heraushob und, ob sie es mochten oder nicht, zur Stimme einer Generation machten.

Im weiteren Verlauf ihrer Karriere wurde die Musik ausgefeilter, entfernte sich textlich aber immer mehr von konkreten Aussagen. Schlussendlich landete man auf "Pure Vernunft darf niemals siegen", gleichwohl kommerziell erfolgreich, in abstrakten Fantasy-Welten, zu denen manchem alten Fan der Zugang fehlte. "Kapitulation" geht wieder klar in eine konkretere Richtung und ist in gewisser Weise eine Rückkehr zu den Wurzeln. Produziert von Moses Schneider und eingebettet in einen wunderbar rumpeligen Sound gelingt es den Texten von Dirk von Lowtzow zu fesseln, manchmal gar zu bezaubern. Da ist es plötzlich wieder dieses Gefühl, das man bei dieser Band Anfang der 90er hatte - dass ein Text, dass eine Band Dinge von Bedeutung ausdrücken kann, kurzum das Rockmusik wichtig ist.

Tocotronic sind wichtig. Sie sind wie ein fratzenziehender Spiegel. Sie erinnern uns, die wir nun mehr oder minder saturiert in Redaktionen, Büros und Agenturen herumsitzen, daran, dass es mal etwas anderes gab als Geld und bürgerliche Karriere. Auch wenn sie das so platt nicht sagen. Aber genau darum geht es auf "Kapitulation". Es geht ums Nein-Sagen, ums Nicht-Mitmachen, ums melancholische Opponieren, das heute vielleicht nötiger wäre als vor 15 Jahren. Tocotronic brauchen dafür nicht zu brüllen, Dirk von Lowtzows gehauchtes "Fuck It All" entwickelt mehr Kraft als stumpfe Phrasen. Tocotronic machen Musik für Menschen, denen bei aller "Wir sind wieder wer"- und Aufschwungseuphorie ein flaues Gefühl im Magen bleibt. Die sich nach etwas anderem sehnen. Denen klar ist das etwas fehlt. Die sich einen Funken Utopie erhalten haben. Oder um es mit ATTAC zu sagen: Die daran glauben, dass eine andere Welt möglich ist.



-Carsten Wilhelm-



 
 
 

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