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07.05.2024
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DRAHLA

Ähnlich, aber doch anders

Drahla
Wenn es darum geht, die Vergangenheit im Hier und Jetzt hörbar zu machen, sind Drahla ganz vorne mit dabei. Schon auf ihrem Debütalbum "Useless Coordinates" hatte die Band aus dem nordenglischen Leeds aus kribbeligem Post-Punk, verspielter Art-Punk-Grandezza, schlankem No-Wave-Minimalismus und messerscharfem Noise-Rock einen bemerkenswert unberechenbaren Sound geformt, der mit Jazz-affinen Saxofon-Farbtupfern eine besondere, herrlich wilde Note bekam. Fünf Jahre, eine lähmende Pandemie und einschneidende persönliche Rückschläge später, die beinahe das Ende von Drahla besiegelt hätten, begeistern Sängerin und Gitarristin Luciel Brown, Bassist Rob Riggs, Schlagzeuger Mike Ainsley und der neu hinzugestoßene Gitarrist Ewan Barr auch auf ihrem just veröffentlichten famosen zweiten Album namens "angeltape" mit bedingungsloser Kompromisslosigkeit, herausfordernder Komplexität und einer betont eindringlichen Performance, die durch mutigen Experimentalismus und oft auch durch wohlige Düsterkeit mitreißt. Im Mai ist die Band nun für gleich sieben Konzerte in Deutschland zu Gast und wird in Köln, Mainz, Hamburg, Leipzig, Berlin, Dresden und München auftreten. Zuvor allerdings widmeten sich Luciel und Rob im Zoom-Interview den Fragen von Gaesteliste.de.

GL.de: Um mit einer allgemeineren Frage einzusteigen: Welche Rolle spielt die Musik derzeit in eurem Leben?

Luciel: Oh Gott, das ist eine schwierige Frage! Ich denke, wieder Musik zu machen, war definitiv eine Art Rückgewinnung eines Teils meiner Identität, würde ich sagen. An dem Punkt, an dem wir jetzt stehen, spielt sie wieder die gleiche Rolle wie zuvor: Sie ist ein kreatives Ventil, denn wir machen ja auch das Artwork und die Videos selbst.

Rob: Ich sehe das ganz ähnlich. Wichtig ist auch die Freundschaft zwischen uns allen in der Band. Die Musik bringt uns alle zusammen, sie ist das besondere Band, das uns verbindet, und es war wirklich toll, wieder zu diesem Punkt zurückzukehren.
GL.de: Auf dem neuen Album geht ihr noch kompromissloser vor als in der Vergangenheit - was war der Auslöser dafür?

Luciel: Es war keine bewusste Entscheidung, einen bestimmten Sound zu kreieren, wir haben uns das vorher nicht überlegt. Das lag sicherlich daran, dass wir lange keine Musik gemacht hatten und die Band nicht mehr wirklich existierte, bevor wir diese Platte gemacht haben. Ich denke, es gab eine Menge isolierter individueller Inspirationen, denn wir sind die Sache alle aus einem anderen Blickwinkel angegangen. Wir waren uns nicht sicher, in welche Richtung es gehen sollte, also haben wir einfach was ausprobiert. Daraus hat sich dann alles entwickelt.

Rob: Matt Benn, der die Platten aufgenommen hat, hatte ein wirklich gutes Gespür dafür, wie wir live klingen, und er hat das sozusagen auf den Punkt gebracht, zumal das wirklich das war, was wir machen wollten: die Energie der Live-Konzerte einzufangen. Mit Matt zu arbeiten, war fantastisch. Er hat einfach verstanden, was wir machen wollten, ohne dass wir irgendwelche Diskussionen führen mussten. Er war sofort in der Lage, den Sound einzufangen.

GL.de: Oft gleichen eure Songs einem Drahtseilakt, euer Sound ist ein fortwährender Spagat zwischen Chaos und Kontrolle. Wie kommt es dazu?

Rob: Ich denke, da kommen verschiedene Dinge zusammen. Unsere Musikgeschmäcker schließen viele verschiedene Genres ein, da geht es wirklich von einem Ende des Spektrums zum anderen. Wir mögen Jazz, aber Mike zum Beispiel steht auch voll auf Metal, und deshalb ist dazwischen alles erlaubt. Wenn wir das jetzt in der Rückschau betrachten, ist es irgendwie verständlich, warum wir klingen wie wir klingen. Wenn wir alle gemeinsam im Raum sind und spielen, dann werfe ich persönlich einfach meine Ängste ab. Wir arbeiten unter der Woche alle, und wenn du dann zur Probe kommst, willst du einfach Dampf ablassen. Viele der schrägen, heavy Parts haben dort meiner Meinung nach ihren Ursprung. Das ist ein Ventil.

Luciel: Der Aspekt der Kontrolle kommt vielleicht dadurch ins Spiel, dass wir zwar, wie ich das eben schon erwähnt habe, alle die Musik aus verschiedenen Blockwinkeln angehen, gleichzeitig aber auch ein Bewusstsein dafür haben, was die anderen tun, und vielleicht führt das zu der Balance von Chaos und Kontrolle.

GL.de: Eben klang schon an, dass sich die Band nach eurer ersten LP praktisch aufgelöst hat. Wie habt ihr dann wieder zusammengefunden?

Rob: Als wir 2021 wieder anfingen, gemeinsam zu proben, hatten wir ziemlich zu kämpfen. Es fühlte sich einfach seltsam an, dort weiterzumachen, wo wir aufgehört hatten, denn in der Zwischenzeit war viel passiert. Es fühlte sich einfach nicht natürlich an. Im nachfolgenden Jahr haben wir ein paar Konzerte gebucht und Ewan an der Gitarre dazugeholt. Zunächst sollte er nur bei den Live-Shows dabei sein, aber dann fingen wir kurz darauf an, zusammen mit ihm zu schreiben, und ihn dabeizuhaben, veränderte die Dynamik, plötzlich gab es viel mehr Freiheiten.

Luciel: Wir haben Ewan gebraucht, um zu dieser neuen Dynamik zu kommen, damit es ähnlich, aber
doch anders klingt.

GL.de: Ihr habt gerade die Effekte von Ewans Einstieg beschrieben, aber was war ursprünglich der Grund, die Band live vom Trio zum Quartett zu erweitern?

Luciel: In erster Linie war das als Unterstützung für mich gedacht. In der Phase, in der wir nicht aktiv waren, habe ich sehr plötzlich meinen Vater verloren, und für eine Weile wusste ich nicht, ob ich überhaupt weiter Musik machen wollte. Ich glaube, damals wusste niemand von uns, ob die Band je wieder zusammenkommen würde. Als wir dann doch wieder loslegten, hatte ich das Gefühl, dass es helfen würde, noch jemand an der Gitarre dabeizuhaben. Ich wollte zwar weitermachen, aber ich wusste auch, dass ich mir in meiner persönlichen Situation damit eine Menge auflud. Das war der eigentliche Grund, aber als Ewan dann dazustieß, war das sehr aufregend. Unsere Art, Gitarre zu spielen, ergänzt sich wirklich gut, und das Zusammenspiel ergibt sich ganz natürlich.

Rob: Dadurch haben sich auch mehr Möglichkeiten ergeben, den Sound auszuweiten und voranzukommen.

GL.de: Obwohl eure Songs weiter oft sehr komplex sind, hat mit Ewan tatsächlich auch eine neue Klarheit Einzug gehalten. Ist das dem Umstand geschuldet, dass ihr nun genauer überlegt, wer welche Rolle ausfüllt, anstatt auf einen großen Wall of Sound abzuzielen?

Luciel: Ja! Es hilft sogar in textlicher Hinsicht, denn manchmal schreibe ich etwas, aber dann ist es zu kompliziert, Gitarre zu spielen und gleichzeitig eine bestimmte Art von Gesangsmelodie dagegenzusetzen. Ewan dabeizuhaben, gibt mir viel mehr Freiheiten und sorgt auch für mehr Klarheit beim Gesang. Als wir ein Trio waren, hatte ich das Gefühl, viel mehr Gitarre spielen zu müssen, jetzt dagegen habe ich die Möglichkeit, in manchen Passagen nur zu singen.

Rob: Im Zusammenspiel der Gitarren sind die Gitarrenparts jetzt viel melodischer, weil es ein Hin und Her zwischen Lu und Ewan gibt.

Luciel: Einen großen Unterschied macht auch, dass wir jetzt mit Jamie [Lockhart] einen festen Live-Tontechniker haben, der richtig toll ist. Er sorgt dafür, dass wir auch auf der Bühne viel mehr Klarheit haben, während zuvor der Gesang durchaus schon mal etwas verlorengegangen ist. Deshalb waren unsere früheren Konzerte auch eine Art Wall of Sound - das lag daran, dass der Sound einfach nicht hundertprozentig stimmte. Jamie dabeizuhaben, hat gerade für mich beim Gesang viel verändert.

GL.de: Tatsächlich darf man sich einbilden, dass der Gesang dieses Mal viel stärker in den Gesamtsound eingebettet ist, während Musik und Stimme zuvor bisweilen wie zwei unterschiedliche Einheiten anmuteten. Ist das eine bewusste Veränderung gewesen?

Luciel: Nun, wir schreiben zunächst die Musik, und den Gesang füge ich später hinzu. Tatsächlich sind sie also immer noch voneinander getrennt, aber ich wusste, dass ich dieses Mal mit dem Gesang viel mehr herumspielen wollte. Ich wollte meinen Gesangsstil über die Länge der Platte variieren und mich mehr auf die Musik beziehen, die Rob und ich zuvor gemacht haben. Deshalb gibt es dieses Mal eine größere Bandbreite. Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, aber ich denke, dass der Gesangsvortrag dieses Mal etwas sanfter ist, mehr gesungen, wenngleich es immer noch Songs gibt, die sehr direkt sind und bei denen die Texte eher gesprochen sind. Ich wollte mich selbst herausfordern, und ich hatte das Gefühl, dass ich dieses Mal mehr Raum hatte, das zu tun.

GL.de: Lu, wonach suchst du beim Texten und wie hat sich das über die Jahre verändert?

Luciel: Ich denke, verändert haben sich vor allem die Inhalte. Ich schreibe, ohne dabei an Songs zu denken. Ich schreibe einfache Geschichten, Gedichte, Notizen oder Erinnerungen nieder, und später schaue ich sie mir an und suche nach zündenden Ideen, die ich dann ausarbeiten kann. Viel von dem, was ich schreibe, hat mehrere Bedeutungen. Ich benutze gerne Metaphern, denn ich mag es nicht, wenn die Dinge zu direkt sind. Das ist eine Art Selbstschutz, weil die Inhalte so persönlich sind.

Rob: Ja, du möchtest dich nicht vor allen entblößen, die unsere Songs hören.

Luciel: Wir haben für diese Platte auch viele Effekte beim Gesang benutzt, und das war etwas, was ich unbedingt machen wollte, gerade weil die Texte so persönlich sind. Wenn beim Gesang Effekte benutzt werden und die Stimmen aufgeschichtet werden, bringt das die Emotionen stärker zur Geltung, finde ich. Ich denke, die Texte sind dieses Mal wirkungsvoller!

GL.de: Lu, wenn du sagst, du denkst zunächst beim Texten nicht an Songs - warum sie dann nicht als Gedichte oder Kurzgeschichten veröffentlichten? Was macht für dich das Songformat besonders reizvoll?

Luciel: Ich würde schon gerne mal ein Buch mit Poesie veröffentlichen, denn was ich schreibe, gefällt mir in dem Format besser als die Songtexte, die dann daraus entstehen. Aber letztlich war es eine natürliche Schlussfolgerung: Ich hatte all diese Sachen geschrieben und diese Platte fängt genau diese Zeitperiode ein. Es wäre unlogisch gewesen, das, was ich geschrieben hatte, nicht als Songtexte zu verwenden, denn sie sind einfach ein Teil des Ganzen. Es fühlt sich einfach richtig an. Mich hinzusetzen mit dem Ziel, einen reinen Songtext zu schreiben, würde sich für mich seltsam anfühlen. Ich denke, es ist wichtig, sich Notizen zu machen, wenn dich etwas bewegt. Dadurch ist es besonders authentisch, weil es nicht erzwungen ist.

GL.de: Seit euren frühesten Veröffentlichungen haltet ihr die DIY-Fahne hoch. Neben euren beiden Alben habt ihr auch bereits diverse 7"- und 12"-Singles und Tapes veröffentlicht. Was treibt euch in dieser Hinsicht an?

Rob: Es ist uns wichtig, etwas in der Hand halten zu können. Eine Band wie Throbbing Gristle war früher sehr gut darin, interessante Wege zu beschreiten und damit etwas auf ungewöhnlichen Wegen rüberzubringen. Es gibt so viele Möglichkeiten! Wir sind alle Kunst-interessiert, wir sind alle kreative Menschen. Wir würden uns wie Drückeberger fühlen, wenn wir unsere Sachen nur bei Bandcamp hochladen würden. Wenn man so viel Zeit darauf verwendet, die Songs zu perfektionieren, dann will man sie auch auf eine Art und Weise veröffentlichen, die den Aufwand rechtfertigt. Wir möchten auch einfach am DIY-Gedanken festhalten.

Luciel: Wir haben letzte Woche die fertigen Vinyl-LPs bekommen, und als wir das Album auf dem Plattenspieler abgespielt haben - das war der Moment, in dem es sich echt angefühlt hat!


GL.de: Letzte Frage: Was macht euch als Musiker gerade besonders glücklich?

Luciel: Ich denke, das Glück ist der Stolz auf die Platte, dass wir in der Lage waren, etwas zu erreichen, auf das wir wirklich stolz sind, und dass wir tatsächlich zurückgekommen sind.

Rob: Der leichtere Weg für uns wäre gewesen, kurzerhand zu sagen: "Ja, das war's, es fühlt sich zu schwer an, wieder einzusteigen." Aber wir haben nicht aufgegeben, obwohl es schwer war und es Zeiten gab, in denen wir uns gefragt haben, ob wir das Richtige tun, ob es das ist, was wir tun wollen. Aber am Ende hat sich alles wieder zusammengefügt und es hat sich wieder ganz natürlich angefühlt!







Weitere Infos:
drahla.bandcamp.com
www.instagram.com/instantdrahla
www.facebook.com/drahlamusic
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -George Brown-
Drahla
Aktueller Tonträger:
angeltape
(Captured Tracks/Cargo)
 

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