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Die Zeichen der Zeit
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Als könnten sie in die Zukunft sehen: Fertiggestellt wurde die dritte LP der Bostoner Underground-Supergroup E bereits letzten November, doch nicht nur ob des geradezu prophetischen Titels "Complications", dem auf dem Albumcover abgebildeten Gehirnscan und düster anmutenden Songtiteln zeichnet das dritte gemeinsame Werk von Sängerin/Gitarristin Thalia Zedek (Come, Uzi, Live Skull, Thalia Zedek Band), Sänger/Gitarrist/Effektspezialist Jason Sanford (Neptune) und Sänger/Schlagzeuger Gavin McCarthy (Karate) unabsichtlich, aber mit geradezu gespenstischer Exaktheit das Bild des Lebens in Zeiten der Coronavirus-Pandemie vor. Textzeilen wie "Don't isolate me, don't erase me, quarantine" (aus "Contagion Model"), "I join you, by virus" (aus "Acid Mantle"), "The sickness is rising" (aus "Miasma") oder "You'll sit in the park / Watch out for the cops" (aus "Dead Drop") könnten aus den Überschriften von Zeitungsartikeln der letzten Tage und Wochen gepflückt sein, unterstreichen aber letztlich natürlich nur, wie tief wir auch schon vor dem Ausbruch von COVID-19 im Schlamassel gesessen haben.
Musikalisch gelingt es den drei alten Haudegen derweil brillanter denn je, eigene Stärken zu betonen und trotzdem nie den gemeinsamen Weg aus den Augen zu verlieren. Wirkte die Noise-Rock-Schwere des vor zwei Jahren erschienenen Vorgängers "Negative Work" bisweilen wie ein Kompromiss, wie eine Einigung auf einen gemeinsamen Nenner, knüpft "Complications" nun wieder stärker an die elektrisierende Spannung des selbstbetitelten Debüts von 2017 an und lässt auch mehr als zuvor Querverweise auf die alten Helden zu, die in den 70er- und 80er-Jahren den Grundstein für die Indierock-Welt legten, in der Zedek, Sanford und McCarthey auch schon mit ihren alten Bands freigeistig und experimentell immer wieder neue Maßstäbe setzten. Von den Musikern selbst treffend als "schrill, aber tanzbar" beschrieben, verfeinern E mit "Complications" das seit jeher angestrebte Zusammenspiel von Technik und menschlicher Note und verbinden konzeptionelles Denken mit freischwingender Kreativität. Dazu gehört auch, dass E auch weiterhin auf einen etatmäßigen Bassisten verzichten.

"Wir haben uns schon früh und ganz bewusst dazu entschieden, ein Trio mit zwei Gitarren und Schlagzeug, aber ohne Bass zu bleiben", erklären die Musiker im Gaesteliste.de-Interview. "Wir waren der Meinung, dass dieser Ansatz das traditionelle Trio-Rockformat durcheinanderwirbeln und neue demokratische Strategien beim Schreiben der Lieder erzwingen würde. Da es keinen Bassisten gab, waren wir alle dazu aufgerufen, eine gewisse Verantwortung für das untere Ende des Soundspektrums der Kompositionen zu übernehmen. Manchmal ist dieser Bereich bereits zur Genüge mit Gavins Toms gefüllt, manchmal haben Thalia und Jason abwechselnd tiefe Töne auf den Gitarren übernommen. Als Strategie zwang dieses Vorgehgen uns alle drei dazu, überholte Annahmen über die typische Rollenverteilung in einer Band abzuwerfen und mehr Verantwortung zu übernehmen." Zugleich kam auch Sanfords technischer Erfindungsgeist zum Zuge, denn auch auf den ersten beiden Platten von E fehlten die ganz tiefen Töne nicht. Sie stammten aus Sanfords selbst gebautem Bass-E-Stomper, hergestellt aus einem auf E gestimmten Sägeblatt und einem Gitarren-Tonabnehmer, eingebaut in ein Tretpedal, und seinem "Low A Oscillator". Die Band erklärt: "E und A waren die einzigen echten Bassnoten auf den ersten beiden Platten, aber sie funktionierten fast unterschwellig, ganz unten im Audiospektrum, und schafften eine Grundlage, über der die anderen melodischen, harmonischen und rhythmischen Inhalte schweben können."

Für "Complications" entschloss sich die Band nun, das untere Ende des Soundspektrums passend zum Albumtitel zu "verkomplizieren". Dafür baute Sanford ein neues Gerät, das er Monosequencer taufte: "Im Wesentlichen handelt es sich um einen patchbaren Low-End-Bass-Synthesizer, der eine Sequenz von bis zu vier Tönen durchläuft - bis zu zwölf individuell abstimmbare Töne stehen auf dem Gerät zum Patchen zur Verfügung. Der Monosequencer stoppt jeweils nach vier Tönen, deren Dauer durch ein analoges Rädchen einstellbar ist. Wenn die Sequenz wiederholt werden soll, muss sie jedes Mal manuell neu ausgelöst werden. Das Gerät ist mit einem flachen Tretsensor ausgestattet, sodass das Retriggering mit einem Fußtritt erfolgen kann." Anders als normale Sequencer, die Endlosschleifen erzeugen können, verlangt der Monosequencer nach einem aktiven Eingriff und nutzt dabei den menschlichen Körper als Teil des Prozesses. "Nachdem die Musik von E schon früh als 'Soulmusik für Maschinen' beschrieben worden ist, sucht der Monosequencer nach einer neuen Position im Zwischenraum von Mensch und Maschine." Am Ende, da sind sich E sicher, ist es so, wie die Komponistin Laurie Spiegel in dem ihr gewidmeten Kurzfilm 'Little Doorways To Paths Not Yet Taken' sagte: 'Die elektronische Erweiterung unseres Selbst ist eine äußerst menschliche Sache, keine Entmenschlichung."

In gewisser Weise ist "Complications" so klanglich wie textlich ein mahnendes globalgesellschaftliches Statement des seit Beginn demonstrativ kollaborativ agierenden Trios, das sich auf der neuen Platte auch die Aufgaben in puncto Text und Gesang gleichberechtigt teilt. Deshalb baten wir die jeweiligen Verfasser der Texte um Statements zu den Inhalten und bekamen mal mehr, mal weniger ausführliche Antworten.

"Caught"
Bei Thalia Zedeks Eröffnungssong trifft der Geist von Comes "Eleven: Eleven"-Ära auf idiosynkratische E-Magie.

"Ein Lied über Konformität. Soldaten und Verhaltensweisen, die mal mehr, mal weniger befolgt werden. Autoritätsgehorsam ist kein Alibi."

"Acid Mantle"
Jason Sanford streift hier klanglich die Spleenigkeit der Talking Heads und die Unerbittlichkeit von Fugazi.

"Der Säuremantel ('Acid Mantle') ist eine Barriereschicht, die wir alle auf unserer Haut haben. Wenn Viren in diese äußere Schicht eindringen, kann man nur hoffen, dass sie im eher alkalischen Körperinneren nicht überleben. Dieses Lied betrachtet das Aufbrechen dieser äußeren Schicht als Mittel, die Unterschiede zwischen uns aufzulösen. In gewissem Sinne ist die Viruspenetration ein großer Gleichmacher, der individuelle Identitäten effektiv löscht und uns alle zu einem kontinuierlichen Medium für die Verbreitung und Entwicklung einer völlig anderen lebensähnliche Einheit macht."

"Contagion Model"
"It's contagious, spread it around", brüllt uns Gavin McCarthy hier geradezu prophetisch entgegen, während sich die Band an den Fersen von Mission Of Burma zu heften scheint.

"Ideen, Verhaltensweisen, Krankheiten... alles ansteckend. Waffenmedien, Unternehmen Macht, politisches Fehlverhalten... ansteckend."

"Sunrise"
Zedek wirft hier einen Song, der mit seinem zurückgenommenen Tempo auch gut auf ihre letzten Solowerke gepasst hätte, in den Strudel der E'schen Intensität.

"Es geht um Hoffnung für die Zukunft, Erneuerung durch Wiederholung, Vorwärtsbewegung, die ewige Spirale."

"Miasma"
Sanford hantiert hier mit unterschwelligem Post-Punk-Minimalismus und rückt den Text in den Vordergrund.

"In der Geschichte der Medizin galt die Miasma-Theorie lange als vornehmliche Erklärung für die Ausbreitung von Seuchen. Es wurde angenommen, dass 'schlechte Luft' dafür verantwortlich ist. Mit der Zeit gewann ein stärker wissenschaftlich fundiertes Verständnis der Infektionsträger und der physikalischen / mechanischen Übertragung von mikroskopisch kleinen Keimen mehr Akzeptanz. In den letzten Wochen haben wir während der aktuellen Pandemie eine merkwürdige Umkehrung dieser Annahmen gesehen. Zuerst wurde der Öffentlichkeit vermittelt, dass COVID-19 sich hauptsächlich auf Oberflächen ausbreitet, und erst später wurde anerkannt, dass es eine Tröpfchen-Übertragung gibt und wir alle zwei Meter Abstand halten sollen, bevor nun enthüllt wurde, dass es auch zu einer Aerosolisierung des Virus kommen kann, was bedeutet, dass winzige, unsichtbare, miasmatische Viruspartikel in der Luft hängen können, die möglicherweise noch Stunden später zu Infektionen führen können. Ich behaupte nicht, dass das Lied 'Miasma' all dies vorausgesehen hat, aber es reflektiert allgemeine Vorbehalte gegen den 'neuesten Fortschritt in der Medizin und versucht, die Dinge in ein historisches Licht zu rücken, damit wir verstehen können, dass die Ärzte heute vielleicht auch nicht immer die richtigen Antworten haben. Schnallt die Bettgurte fest!

"Dead Drop"
Mit McCarthy am Mikro zeigen sich E von ihrer kantigsten Seite, und dazu passt auch der Text.

"Die Themen dieses Songs sind Gier, Narzissmus, Perversion... Spionage und Geheimnisse."

"Gelding"
Sanford unterstreicht mit diesem Song, dass E weder hohes Tempo noch einen krawalligen Sound brauchen, um ein intensives Gefühl des Unbehagens zu schüren.

"Zu Beginn von 'Der Staat' sagt Kephalos zu Sokrates: "Lassen Sie mich Ihnen sagen, je mehr die Freuden des Körpers schwinden, desto größer wird für mich die Freude und der Charme des Gesprächs." In 'Gelding' habe ich darüber nachgedacht, wie mein Sinn für Sexualität für mich als jüngeren Menschen einen wichtigen Teil meiner Identität ausgemacht hat. Nun, da ich kurz vor der Vollendung eines weiteren Lebensjahrzehnts stehe, spüre ich, wie einige meiner sexuellen Triebe verblasst sind, ohne dass ich mich dadurch eingeschränkt fühle. In 'Gelding' (zu Deutsch: Wallach) stelle ich mir einen Protagonisten vor, bei dem diese Kastration ganz plötzlich und versehentlich auftritt, anstatt allmählich mit den Jahren. Der Protagonist merkt jedoch zu seiner großen Überraschung, dass das Leben immer noch lebenswert ist und sogar eine größere Klarheit herrscht, sobald der Dunst des fleischlichen Verlangens verzogen ist."

"Like A Leaf"
Mit McCarthy am Mikro und mit explosiver Präzision als Antreiber am Schlagzeug kehren E hier auf klassisches Bostoner Oldschool-Indierock-Terrain zurück.

"Der Text dreht sich um Familie und Kinder." [Zeilen wie "Sometimes along the way we break down, yeah... we all break down" deuten derweil an, dass die aufwühlende Musik hier textlich ihre Entsprechung findet.]

"Apiaries Near Me"
In diesem Song teilen sich Zedek und Sanford den Gesang. Beide schrieben eigene Texte für den aufbrausenden, dunkel funkelnden Song, die hier ineinander verschmelzen und so neue Bedeutungen erzeugen.

"In Thalias Text geht es um Spezies, Einfachheit und Überleben. Jason hingegen verwendet die Metapher des 'Hive Mind', um den Verlust von Identität und individuellem Wissen zu symbolisieren, um so Kritik an unserer stark vernetzten digitalen Kultur zu üben, während er gleichzeitig die nicht-metaphorische und allzu reale Möglichkeit eines Bienen-Massensterbens verurteilt."

Weitere Infos:
abandcallede.com
www.facebook.com/ABandCalledE
abandcallede.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Lindsey Metivier-
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Aktueller Tonträger:
Complications
(Silver Rocket/Lokal Rekorc/Import)

 
 

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