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HONEYGLAZE
 
Keine Zeit für große Pläne
Honeyglaze
"Erfolg hat drei Buchstaben: Tun!", so heißt es. Honeyglaze wissen, dass das stimmt. Für das Trio aus dem Süden Londons ging zuletzt alles so schnell, dass gar nicht viel Zeit blieb, große Pläne zu schmieden oder vagen Vorstellungen von Perfektion nachzujagen. Stattdessen verließen sich die Indie-Shootingstars ganz auf ihre Intuition und begeistern nun auf ihrer selbstbetitelten Debüt-LP für die geschmackssichere Speedy-Wunderground-Talentschmiede mit Songs, die mit furchtlosem Stylehopping und gefühlvollem Storytelling beeindrucken und dabei ehrlich und direkt ohne große Gimmicks auskommen, dafür aber mit viel Persönlichkeit glänzen und noch dazu individuellen Ausdruck stets über die bedingungslose Kompatibilität mit den Trends des Zeitgeistes stellen.
Zufall, Schicksal, glückliche Fügungen - die Bandgeschichte von Honeyglaze ist schon nach weniger als drei kurzen Jahren voll davon. Das Trio aus dem Süden Londons kam zusammen, als sich Sängerin und Gitarristin Anouska Sokolow für einen der ersten Auftritte ihres frischen Soloprojekts nicht in gängige Singer/Songwriter-Klischees fügen und statt allein lieber mit Band auftreten wollte. Weniger als eine Woche später stand sie mit Bassist Tim Curtis und Schlagzeuger Yuri Shibuichi auf der Bühne, und schon bald danach war klar, dass daraus mehr werden musste als ein einmaliges Erlebnis. Kurz danach verhinderte der Pandemie-Lockdown weitere Live-Konzerte, aber selbst das sorgte nur für einen kurzzeitigen Dämpfer, denn von der YouTube-Live-Session, die Honeyglaze in der Garage einer Freundin für das FarmFest 2020 einspielten, war der Produzent und Labelchef Dan Carey so begeistert, dass er die Band kurzerhand in seine Speedy-Wunderground-Familie holte, zu der auch Black Country, New Road, Black Midi oder Squid gehören, und den dreien so den Weg für ihr betont lebendig klingendes Debütalbum ebnete.

Darauf sprühen Honeyglaze bei Nummern wie "Star", "Burglar" oder "Half Past" nur so vor grungiger Energie, die Carey herrlich rau und ungefiltert eingefangen hat, ohne dabei zu vergessen, dass seine Schützlinge auch auf poppigerem Terrain eine Wucht sind, etwa, wenn bei "Shadows" Teenage-Angst-Poesie und Jangle-Pop in klassische Postpunk-Bahnen gelenkt werden oder bei "Souvenir" Indie-Pop-Melancholie durchscheint. Deshalb sind Honeyglaze mit alten Helden wie Aztec Camera oder The Sundays bereits genauso verglichen worden wie mit Indie-Größen des Hier und Jetzt, etwa Whitney oder Julia Jacklin, und klingen am Ende doch vor allem wie sie selbst. Textlich sind in die Coming-of-Age-Lieder derweil mitten aus Anouskas Leben gegriffen, ohne bei banaler Tagebuch-Lyrik zu verharren, wenn sie von Eifersucht und Unzulänglichkeit, toxischen Beziehungen oder einfach nur vom Geruch von Kaffee auf der Kleidung singt. Einige Wochen vor der Veröffentlichung ihres Albums nahmen sich die drei Zeit für ein Gespräch mit Gaesteliste.de.
GL.de: Die Pandemie hat vieles verändert. Was macht für euch den größten Unterscheid, wenn ihr an eure ersten Auftritte Ende 2019 zurückdenkt?

Anouska: Wir fühlen uns jetzt viel sicherer und selbstbewusster. Ich glaube, das liegt einfach daran, dass wir inzwischen mehr Live-Erfahrung haben.

Yuri: Wir sind nun öfter auf Tour und deshalb ersetzen unsere Konzerte bisweilen unsere Proben. Wir experimentieren inzwischen viel mehr auf der Bühne und ich denke, dass ist die größte Veränderung verglichen mit unseren ersten Aufritten.

Tim: Wir sagen nie nein, wenn wir die Möglichkeit bekommen, live zu spielen und wir mögen es, neue Lieder in das Live-Set zu packen, auch wenn wir zuvor vielleicht nur einmal während einer Probe daran gearbeitet haben, weil wir nie wissen, wann wir die nächste Gelegenheit bekommen, sie zu spielen.

Anouska: Songs praktisch live vor Publikum zu proben, ist wirklich aufregend, weil es die Rückmeldung des Publikums gibt. Man nimmt den Song viel intensiver wahr und hört plötzlich Dinge, die einem nie auffallen würden, wenn man nur zu dritt hinter verschlossenen Türen übt.

GL.de: Stilistisch seid ihr kaum einzuordnen. Ist das immer etwas Gutes oder kann eine zu große Bandbreite auch manchmal hinderlich sein?

Yuri: Für uns funktioniert das prima, weil wir ziemlich gut darin sind, uns auf das einzulassen, was die anderen einbringen. Unsere Musik ist ein seltsamer Mix aus den Einflüssen, die wir als Individuen mitbringen. Wir haben keine klare Vision, keine gemeinsamen Referenzpunkte, auf die wir uns beziehen. Ich denke, das trägt dazu bei, dass das was wir machen, die Art, wie wir spielen, sich ein bisschen abhebt.

GL.de: Honeyglaze haben als Anouskas Soloprojekt begonnen. Wie hat sich die Dynamik seitdem verändert?

Yuri: Anfangs war es so, dass Noush einen Song mitgebracht hat und Tim und ich eher unterstützend beteiligt waren. Jetzt ist der Prozess viel kollaborativer. Die Songs sind nicht schon fertig, bevor wir loslegen, sondern nehmen erst bei der gemeinsamen Arbeit Form an. Es ist eine echte Zusammenarbeit, vom Anfang bis zum Ende.

GL.de: Kontrolle und Verantwortung abzugeben, ist nicht immer leicht...

Anouska: Wenn ich ehrlich bin, wusste ich von Anfang an oft nicht, was ich wirklich von den Songs wollte, die ich geschrieben hatte. Das hat dazu geführt, dass ich stets sehr offen für die Ideen war, die die beiden einbringen wollten (lacht) Zumindest hoffe ich das! Die beiden wissen sehr genau, was sie tun, während ich meistens eher ratlos bin!

Tim: Ich denke, wir sind immer sehr demokratisch gewesen und das ist für mich einer der Aspekte, die mir an der Band so gefällt. Selbst als Noush noch mehr allein geschrieben hat, dachte ich nie: Ach schade, ich hätte gerne mehr beigetragen.

GL.de: Anders als viele Bands derzeit, die mit dem Fünf-Jahres Plan bis zur großen Kohle in der Hand ihren ersten Auftritt spielen, scheint ihr eine Band zu sein, der es weniger um Ruhm und Geld, sondern voll und ganz um die Musik geht. Darf man das so sagen?

Yuri: Der Eindruck ist genau richtig. Es macht uns einfach unglaublich Spaß, gemeinsam Musik zu machen. Für mich ist das immer das Fundament gewesen. Wenn man ein Konzert nach dem anderen spielt, ist es manchmal leicht zu vergessen, dass wir all das machen, weil wir es lieben, aber ich bin dabei, weil es sich einfach toll anfühlt, mit den anderen beiden zu spielen. Mehr erwarte ich gar nicht und deshalb mache ich mir über die Zukunft auch keine allzu großen Gedanken.

GL.de: Es gibt also keine "Wo sehen wir uns in fünf Jahren"-Szenarien?

Anouska: Nein. Ich denke, das liegt daran, dass wir keine großen Ambitionen hatten, als wir zusammengefunden haben. Damals dachten wir, dass wir nur diese Show spielen und seitdem heißt es ständig, wenn sich uns neue Chancen eröffnen: Oh, das klingt gut, lasst uns das machen!

Tim: Die Zukunft ist so ungewiss, dass ich es albern fände, Vorhersagen darüber zu reffen, wo wir in fünf Jahren sein werden. Das Wichtigste für mich ist, dass wir den Punkt erreichen, an der wir uns ganz auf die Musik konzentrieren können, ohne Zeit und Gedanken an andere Jobs, andere Wege, den Lebensunterhalt zu sichern, verschwenden müssen.

GL.de: Angst, dass dadurch die Musik zum Job wird und sich die Dynamik verändert, habt ihr nicht?

Yuri: Nein! Ich denke, das liegt nicht zuletzt daran, dass wir, selbst wenn wir im Studio sind, die meiste Zeit damit verbringen, herumzualbern. Wir sind schon jetzt solch enge Freunde, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sich das Ganze je zu sehr wie ein Job anfühlen könnte. Wir haben immer Spaß zusammen und ich denke, das ist der gesündeste Weg, um gemeinsam Musik zu machen.

Anouska: Ich denke, wir sind alle sehr ehrlich. Wenn wir etwas machen sollen, was wir nicht tun möchten, dann sagen wir das einfach. Für gewöhnlich fällt es uns sehr leicht, uns auf das zu einigen, was wir tun wollen und was nicht.

GL.de: Lasst uns über euer Album sprechen. Das Tolle an der Platte ist nicht zuletzt, dass sie ehrlich und echt klingt, als würde man ein Live-Konzert von euch hören...

Yuri: Das ist genau die Arbeitsweise, die Dan Carey praktiziert! Wir haben die Patte praktisch live im Studio eingespielt und hoffentlich hat sie deshalb die Energie unserer Auftritte behalten. Wir haben das Fundament der Platte in nur zwei Tagen eingespielt und bei kaum einem Song gab es mehr als zwei oder drei Takes. Außerdem haben wir immer drei Lieder am Stück gespielt, anstatt jedes einzeln anzugehen. Die Platte enthält alle Songs, die wir bis zu dem Zeitpunkt geschrieben hatten. Dan hat uns gewissermaßen unter Zugzwang gesetzt, als er vorschlug, ein Album aufzunehmen.

GL.de: Wonach sucht ihr mit euren Songs?

Anouska: Ich mache mir über das Songwriting nicht allzu viele Gedanken. Für gewöhnlich schreibe ich sehr schnell. Wenn ich die Idee für ein Konzept habe, versuche ich, in die richtige Stimmung zu kommen und es in einem Rutsch fertigzustellen. Manchmal mache ich mir Notizen, um etwas später in einem Song zu verarbeiten, und oft weiß ich anfangs nicht oder bin mir unsicher, was sie bedeuten, bis ich sie im Kontext eines Songs sehe. Dann wird mir oft vieles klarer. Eine feste Herangehensweise habe ich aber nicht.

GL.de: Bedeutet das, dass die Lieder außer euch selbst keinen Adressaten haben?

Anouska: Ich denke, es geht um den Effekt der Katharsis. Du hast ein Gefühl, das du etwas vermitteln möchtest. Das ist gar nicht so anders, als jemanden etwas in einem Gespräch darzulegen. Oft habe ich einfach Gefühle, die ich teilen möchte und das passiert dann in Form eines Songs! Du verdichtest die Gefühle, die du hast, auf poetische Weise in einem zweiminütigen Song und das gibt dir die Chance, sie hinter dir zu lassen und dich anderen Dingen zuzuwenden.

GL.de: In gleich mehreren Songs blitzt euer Faible für trockenen Humor auf, und mit "Creative Jealousy" habt ihr sogar ein Lied geschrieben, das von der Unfähigkeit handelt, Lieder schreiben zu können. Wie kam es dazu?

Anouska: Das ist einfach so passiert! Ich wusste nicht, wovon ich singen sollte, als habe ich genau davon gesungen! Das war einfach etwas, dass mich zum Lachen gebracht hat, als ich es geschrieben habe. Dann habe ich es an die Jungs geschickt und gesagt: Guckt mal, wie albern das ist (lacht)! Bei "Female Lead" war es ganz ähnlich. Ich hatte diese dramatische Nummer mit 60er-Jahre-Einschlag geschrieben und habe dann etwas ganz Albernes daraus gemacht!

GL.de: Auch wenn die Frage vielleicht ob der immer noch nicht ganz ausgestandenen Pandemie etwas seltsam klingt: Welche Wünsche, Hoffnungen und Ziele habt ihr für die (nähere) Zukunft?

Yuri: Wenn uns diese Platte die Chance gibt, um die Welt zu reisen, neue Menschen und andere Kulturen kennenzulernen und zu sehen, was sich anderswo in der Musikszene tut, dann wäre das unglaublich!

Anouska: Ich möchte einfach weiter schreiben und ich bin gespannt darauf, was für eine Art von Musik dabei entsteht.

GL.de: Letzte Frage: Was macht euch derzeit als Musiker besonders glücklich?

Anouska: Mich macht glücklich, mehr und mehr mit Künstlern auftreten zu dürfen, zu denen ich aufschaue oder aufgeschaut habe. Das sorgt bei mir jedes Mal für ein wohliges Kibbeln: Wow, diese Band will mit uns spielen! Ich respektiere diese Künstler, die haben etwas gemacht, das mir wirklich etwas bedeutet. Das ist solche eine Ehre, die Bühne mit diesen Musikern zu teilen!

Tim: Mich macht es glücklich, dass wir die Chance haben, mit anderen Künstlern, die wir bewundern, eine Community aufzubauen. Das ist neu und aufregend für uns, einfach total unglaublich!

Yuri: Für mich sind es die Momente, die es nur bei den Konzerten gibt, mit dem Publikum, dem Licht und dem Sound, wenn wir beim Spielen solch eine Spannung aufbauen, dass es sich an bestimmten Punkten im Song anfühlt, als wärest du high. Du verlierst dich in deiner Musik und wenn du dieses Gefühl durch dein Spiel ausdrücken kannst, dann ist das für mich einer der größten Glücksmomente!
Weitere Infos:
www.facebook.com/honeyglazemusic
instagram.com/honeyglaze_
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Holly Whitaker-
Honeyglaze
Aktueller Tonträger:
Honeyglaze
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