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EMMA RUTH RUNDLE
 
Zwischen Enthüllung und Verschleierung
Emma Ruth Rundle
Niederschmetternd, bedrohlich und intensiv - ohne Band im Rücken widmet sich Emma Ruth Rundle auf ihrer aktuellen LP "Engine Of Hell" fragilen, verletzlichen Songs, die rau und ungeschminkt ihre tiefe Verzweiflung und unendliche Hoffnungslosigkeit einfangen und nur auf das nötigste Beiwerk beschränkt keine klanglichen Schlupflöcher bieten, um die Schonungslosigkeit der Texte zu maskieren. Das Resultat ist ein Album für einsame Stunden, für gedimmtes Licht, für Momente voller Verwundbarkeit, mit dem uns die ursprünglich aus Los Angeles stammende Ausnahmekünstlerin ihre Seele offenbart. Mitte Juli stellt sie die Platte bei fünf Konzerten in Berlin, Hamburg, Leipzig, Bochum und Wiesbaden nun auch live in Deutschland vor - solo an Klavier und Gitarre, ohne großes Beiwerk, ganz konzentriert auf die emotionale Kraft ihrer Lieder.
"Ich fühle mich, als hätte ich im Lotto gewonnen!", hatte uns Emma Ruth Rundle bei unserem letzten Treffen vor vier Jahren offenbart. Vorbei schien die Zeit, in der sie eindringlich und unverblümt die dunkelsten Momente ihres Lebens in kathartische Songs über Verlust, Herzschmerz und selbstzerstörerisches Verhalten übersetzte. Nach ihrem düsteren Gothic-Folk-Meisterwerk "Marked For Death" im Jahre 2016 sah es tatsächlich so aus, als hätte sie mit dem Nachfolgealbum einen Weg aus der Dunkelheit gefunden, denn die Lieder auf "On Dark Horses" wirkten oft überlegter und waren eher Ergebnis eines kreativen Reifungsprozesses als Therapie in Songform. Inzwischen ist davon allerdings nicht mehr viel übrig, denn in den letzten zwei Jahren hat nicht nur die Pandemie das Leben von Emma Ruth Rundle ordentlich umgekrempelt. Die 38-jährige Amerikanerin kehrte dem Alkohol und den Drogen, die sie seit ihrem zwölften Lebensjahr immer wieder an den Rand des Abgrunds gebracht hatten, ebenso den Rücken wie ihrer Ehe mit Jaye-Jayle-Frontmann Evan Patterson. "Unser Rock'n'Roll-Lebensstil war weder gut für mich noch meinen Körper", erzählte sie letztes Jahr im Interview mit The Guardian. Während Patterson es genoss, eine kreative Partnerin an seiner Seite zu haben, fühlte sich Rundle eher eingeengt. Die Songs auf "Engine Of Hell" sind so nicht zuletzt auch Resultat einer langen Sinnsuche und reinigenden Katharsis und endete damit, dass Rundle Louisville, Kentucky, wo sie gemeinsam mit Patterson gelebt hatte, verließ und viele Tausend Meilen entfernt in Portland, Oregon - der Heimat ihrer Schwester und wichtigsten Bezugsperson Sarah Ray-, allein einen Neuanfang wagte.

Mit ihrem aktuellen Album hat sie nun den Wunsch nach einem musikalischen Selbstportrait verwirklicht, das ehrlich, echt und unvollkommen ist. Thema der Songs sind allerdings weniger die jüngsten Veränderungen an sich, sondern vielmehr der Weg dorthin, wenn sich Rundle mit einer Sammlung von Jugenderinnerungen über ihre eigene Bestimmung klarzuwerden versucht. "Auf diesem Album geht es um die kleinen Momente", erklärt sie im Videochat mit Gaesteliste.de. "Ich hatte den Wunsch, eine ehrliche Geschichte zu erzählen und meine Wahrheit zu enthüllen. Gleichzeitig wollte ich sie aber auch so weit verschleiern, dass ich keine detaillierte Story erzähle, im Sinne von: Das ist passiert, diese Personen waren beteiligt und so habe ich mich gefühlt. Es ging eher um die Balance zwischen Enthüllung und Verschleierung. Es geht darum, die richtigen Zeilen zu finden, die etwas mit dir machen. Das gelingt nicht immer. Manche Zeile fühlen sich immer peinlich an, wenn ich sie singe, aber manche fühlen sich auch wirklich richtig an und fangen etwas ein, das schwer zu beschreiben ist. Genau danach suche ich."

Viele der neuen Lieder klingen todtraurig - die Künstlerin selbst ist sehr glücklich über ihr neues Werk, ist es ihr doch gelungen, genau das umzusetzen, was ihr vorschwebte. "Eine Platte wie diese wollte ich schon sehr lange machen", verrät Rundle. "Schon bevor "On Dark Horses" entstanden ist, wollte ich ein Album aufnehmen, das vollkommen reduziert ist, etwas, das völlig anders ist als das, was ich bisher gemacht habe, gleichzeitig aber repräsentiert, wie ich eigentlich Musik schreibe. Ich wollte eine Platte haben, die mich ohne Band zeigt, denn ich glaube, dass das der Kern, das Herzstück meiner Arbeit als Künstlerin ist. Ich liebe Alben wie Sibylle Baiers "Colour Green" oder Nick Drakes "Pink Moon". Ich liebe die Unvollkommenheit, die verstimmte Gitarre, und deshalb habe ich schon lange den Wunsch gehegt, selbst auch eine Platte zu machen, die auf diese Art und Weise produziert ist."

Die Intimität und Eindringlichkeit der neuen Lieder ist aber nicht allein dem Aufnahmeprozess an sich geschuldet. Anstatt sich wie in der Vergangenheit auf die Gitarre zu beschränken, widmet sich Rundle auf der neuen Platte auch wieder ihrer "ersten Liebe", dem Klavier, ein Instrument, das ihr in jungen Jahren von ihrem Vater nähergebracht wurde. "Je älter ich werde, desto mehr weiß ich zu würdigen, was für ein ungewöhnlicher Musiker mein Dad ist", gesteht sie. "Sein Klavierspiel ist sehr meditativ, er setzt sich einfach hin und kanalisiert Musik, die aus einer anderen Dimension zu stammen scheint. Man könnte sie vielleicht als Jazz oder als Jazz-beeinflusst bezeichnen, letztlich ist es wohl zeitgenössische Avantgarde. Damit aufzuwachsen, hatte für mich zur Folge, dass ich diese Art des Spielens einfach verinnerlicht habe. In jungen Jahren war das Klavier mein Hauptinstrument, aber es war ziemlich unpraktisch, die Keyboards überallhin mitzunehmen, und sie klangen damals - anders als heute - auch einfach nicht gut. Mit dem Gitarrespielen habe ich dann gewissermaßen aus Bequemlichkeit angefangen."

Spätestens nach "On Dark Horses" und "May Our Chambers Be Full", ihrer Kollaboration mit den Sludge-Rockern Thou aus dem Jahre 2020, spürte Rundle allerdings, dass es Zeit für neue klangliche Impulse war. "Ich hatte den Punkt erreicht, an dem ich das meiste, was ich mit der Gitarre ausdrücken wollte, bereits gesagt hatte", erklärt sie. "Ich hatte das Verlangen, mich wieder dem Klavier zuzuwenden, denn wie für meinen Dad ist es auch für mich ein Instrument, an das ich mich zum Improvisieren setzen kann, ohne darüber nachdenken zu müssen, während meine Herangehensweise an die Gitarre analytischer ist. Das Klavier ist wie meine Muttersprache für mich, es gibt da eine Verbindung, die mit Worten nicht zu beschreiben ist, und mich dem Instrument jetzt wieder zu widmen, hat gewissermaßen ein Zeitportal geöffnet." So führte die Hinwendung zum Piano dazu, dass sich Rundle dieses Mal wieder stärker von der Musik inspirieren ließ, die sie als Teenager besonders geprägt hatte. "Ich habe das Gefühl, dass die Platte stark von Tori Amos beeinflusst worden ist", sagt sie. "Ich habe sie damals einfach geliebt, ihr Klavierspiel und ihr Songwriting, und meine Beschäftigung mit dem Piano ließ all diese Erinnerungen an die Zeit zurückkommen, in der ich viel Klavier gespielt habe. Das war fast wie eine Zeitreise!"

Tori Amos ist allerdings nicht die einzige Heldin aus Rundles Jugend, die auf "Engine Of Hell" ihre Spuren hinterlassen hat. Der Song "Citadel" wurde durch "Castle On A Cloud" aus "Les Miserables" inspiriert, bei "Razor"s Edge" leuchten Smashing Pumpkins in der Ferne, und auch PJ Harveys "White Chalk" beeinflusste Rundle in ihrer Herangehensweise: "Ich liebe, was sie auf dem Album gemacht hat, und die Platte zu hören, hat mich in dem Glauben bestärkt, dass es okay ist, mich zu verändern, dass ich mich entwickeln darf, stimmlich und in der Art und Weise, wie ich das präsentiere, was ich als Künstlerin tue." Gerade in puncto Gesang ist die Veränderung unüberhörbar. Vom Zwang befreit, gegen eine laute Rockband ansingen zu müssen, setzt Rundle auf der neuen LP wieder viel öfter ihre Falsettstimme ein und unterstreicht auch damit die emotionale Seite der Lieder.

Doch so eng Rundles künstlerisches Wirken auch mit ihrem eigenen Leben und dem Wunsch, durch die kreative Betätigung mehr über sich selbst zu erfahren und daran zu wachsen, verknüpft sein mag, ist es inzwischen längst auch ihr Broterwerb - auch wenn es sich für sie nicht immer so anfühlt. "Darüber nachzudenken, fühlt sich seltsam und surreal an", gesteht Rundle. "In gewisser Weise gibt es schon Parallelen zu einem Job, weil auch das Kreativsein Disziplin verlangt, weil du jeden Tag da sein musst und deiner Tätigkeit nachgehen musst. Wenn ich an einem Album arbeite, für das es eine Deadline gibt, stehe ich jeden Morgen auf, mache mir eine Tasse Tee, nehme sie mit zu einem Instrument und beginne zu spielen, um an einem Song zu arbeiten. Da gibt es kein 'Ach, dafür ist später auch noch Zeit!' Ich bin fest davon überzeugt, dass du Kunst und Kreativität wie einen Job angehen solltest: In erster Linie ist wichtig, präsent zu sein. Es gibt da die Idee eines Dreiecks. Ein Drittel der Zeit wirst du sehr produktiv sein, ein Drittel ist neutral und ein Drittel gelingt dir gar nicht, aber du musst immer präsent sein, damit das möglich wird."
Künstlerisch tätig ist Rundle allerdings nicht nur als Musikerin. Schon lange ist sie auch als bildende Künstlerin aktiv. Im Mai dieses Jahres fand in Los Angeles unter dem Titel "Dowsing Voice" ihre erste Einzelausstellung statt, ein ambitioniertes Multimedia-Projekt, bei dem ihre Kunstwerke und ihre Musik eine Einheit bildeten. Ein Zeichen, dass ihre Arbeit als Visual Artist für sie an Bedeutung zugenommen hat, ist das allerdings nur bedingt. Für Rundle unterstreicht das eher die Existenz künstlerischer Zyklen. "Ich habe für 'Engine Of Hell' unglaublich viel Zeit aufgewendet", erklärt sie. "Als das alles fertig war und in Richtung Presswerk unterwegs war, wurde es Zeit, umzuschalten und mich der Malerei oder den bildenden Künsten zuzuwenden. Nach der Fertigstellung einer Platte gibt mir das die Möglichkeit, die dort thematisierten Dinge weiter zu ergründen. In meiner neuesten Bilderserie verarbeite ich die Gefühle, die die Arbeit am Album in mir ausgelöst hat. Es geht immer noch darum, Gedanken und Emotionen klarzukriegen, nur dass ich mich dafür dann der visuellen Künste bediene. Irgendwann steht dann die nächste Tournee an und die Musik fängt mich wieder ein."

Seit Neuestem hat Rundle aber auch noch eine weitere kreative Spielwiese für sich entdeckt. Beginnend mit "Return", der einnehmenden Vorabsingle aus "Engine Of Hell", ist sie auch stärker in die Konzeptionierung und Umsetzung ihrer Videos eingetaucht. "Für 'Return' hatte ich schon sehr früh Bilder im Kopf", erinnert sie sich. "Allerdings war es ein langer Weg, herauszufinden, wie sie Realität werden können, weil ich kein Netzwerk an Leuten hatte, auf das ich zurückgreifen konnte. Deshalb habe ich damit angefangen, selbst Equipment zu kaufen und mir selbst die Handhabung beizubringen, denn zunächst dachte ich, ich könnte vielleicht meinen Freund Liam von der Band Mizmor fragen, ob er mir hilft, den Clip zu drehen, und ich wollte auch meine Schwester einbinden - und beide waren am Ende auch tatsächlich beteiligt. Dann allerdings führte eins zum anderen, und meine Freundin Kristin Cofer, die eine wunderbare Fotografin ist und auch als Videoregisseurin für Emily Jane White gearbeitet hat, stellte den Kontakt zu Ethan Indorf her, der letztlich für Kamera und Schnitt des Clips zuständig war. Er ist dafür verantwortlich, dass alles so wunderschön und cineastisch aussieht."

Dennoch war das Ganze ein langer Prozess, denn ähnlich wie beim Songwriting hatte Rundle auch hier ganz spezielle Vorstellungen. "Die Grundidee war, die Beziehung zweier göttlicher Figuren darzustellen, die im Dialog miteinander stehen. Das war von Beginn an mein Konzept, das sich dann immer weiterentwickelt hat. Wir fragten uns, ob es nicht cool wäre, uns an Wim Wenders' 'Der Himmel über Berlin' anzulehnen und an 'Das siebente Siegel' [von Ingmar Bergman]. Der Surrealismus hat bei der Entstehung des Clips eine große Rolle gespielt, genauso wie die Fotos, die George Clarke für das Album-Artwork gemacht hat, denn durch sie begann ich, mir auszumalen, in welcher visuellen Umgebung dieses Album existieren soll. Das Ganze war eine wirklich tolle Erfahrung, durch die ich erleben durfte, was es heißt, Regie zu führen und deine eigenen Kunstfilme zu drehen. Das ist etwas, was ich auf jeden Fall weiterverfolgen will."

Die Veränderungen in ihrem Leben und die neue Sicht auf ihr künstlerisches Tun haben dazu geführt, dass Rundle ihren weiteren Weg als Mensch und Musikerin jetzt viel deutlicher sieht, wie sie abschließend verrät. "Ich weiß inzwischen mehr über meine eigenen Songwriting-Fähigkeiten und was meine Grenzen sind", sagt sie. "Wenn ich mir das Album jetzt anhöre, stelle ich fest, dass sich meine Beziehung zu den Songs seit den Aufnahmen bereits verändert hat. Ich kann nun auf die Platte schauen und sehe, wer ich werde und wie die Jahre vor der Entstehung des Albums mich beeinflusst und geprägt haben. Diese Veränderungen manifestieren sich in der Musik, bevor sie mir selbst bewusst werden, das ist sehr spannend. Vielleicht werde ich in drei Jahren keinerlei Beziehung mehr zu diesen Liedern haben, aber wenn ich sie mir jetzt anhöre, sagen sie unglaublich viel aus über meinen Weg als Mensch und Musikerin."
Weitere Infos:
emmaruthrundle.com
www.facebook.com/emmaruthrundle
twitter.com/EmmaRuthRundle
instagram.com/emmaruthrundle
emmaruthrundle.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Emma Wondra-
Emma Ruth Rundle
Aktueller Tonträger:
Engine Of Hell
(Sargent House/Cargo)
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