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EXPLOSIONS IN THE SKY
 
Die Geschichte musst du dir selbst erzählen
Explosions In The Sky
Backstageräume sind ja meist nicht gerade für ihre Gemütlichkeit berühmt, doch diese Abstellkammer hat einen ganz besonders spröden Charme. Vor mir sitzt kurz vor dem Auftritt im Kölner Gebäude 9 im Februar 2007 sichtlich gut gelaunt Maunaf Rayani, Gitarrist der Band Explosions In The Sky, und freut sich, dass wir beide den gleichen Laptop haben.
Hattet ihr schon eine Menge Inteviews heute?

"Oh ja, Michael und ich waren letzten Monat extra für Interviews hier und wir hatten so um die 15 Interviews pro Tag. Für mich ist das heute das dritte und die anderen Jungs haben auch schon welche gegeben."

Und was war die am häufigsten gestellte Frage?

"Ob wir nicht mal daran gedacht hätten, auch zu singen. Das ist wirklich verrückt, jeder fragt uns danach..."

Hast du den Eindruck, dass sie sich wünschen, dass ihr singen würdet?

"Nein, so habe ich die Frage nicht aufgefasst. Ich glaube, sie meinen eher, dass im Sinne einer Weiterentwicklung nun der richtige Moment wäre um Gesang hinzuzufügen. Uns erscheint das aber völlig abwägig. Wir machen nun schon seit acht Jahren unsere Musik und haben unseren Sound entwickelt und brauchten die ganze Zeit keinen Gesang, warum solten wir jetzt welchen brauchen? Ich denke auch, wenn wir jetzt etwas hinzufügen würden, dann würde das etwas von dem wegnehmen was wir jetzt geschaffen haben."

Und wie lautet dann die Antwort?

"Schlicht und einfach: Nein. Klar, niemand weiß, was morgen kommt, aber wir haben unseren sehr speziellen Sound und keiner hat das Bedürfnis zu singen."

Und wie kam es, dass ihr keinen Gesang habt?

"Es passierte einfach. Am Anfang haben wir uns zusammengesetzt und in die Runde gefragt: "Ok, wer singt?" Es folgte Schweigen. Und dann haben wir gespielt und gemerkt, wir brauchen keinen Gesang. Es fühlte sich vollständig an ohne Gesang. Und wir hätten gesungen, wenn wir den Eindruck gehabt hätten, es wäre nicht vollständig."

Eure Songtitel sind oft recht lang und implizieren Geschichten hinter den Songs, aber dann wird keine Geschichte erzählt.

"Darin liegt die große Schönheit von Instrumentalmusik. Du musst die Geschichte selbst erzählen. Die Musik und die Titel können versuchen, Hinweise darauf zu geben, wie die Geschichte geht. Und selbst wenn wir sie mit Worten erzählen würden, wüsste ich nicht, ob sie bei dir so ankäme wie sie gemeint ist. Musik ist eine so viel universellere Methode der Verständigung als Worte."

Wie kommt ihr auf die Titel?

"Wir picken überall Sätze und Phrasen auf, die uns gefallen, in Büchern und Filmen. Wir notieren sie und lesen sie den anderen vor."

Eine kollektive Entscheidung also. Dann habt ihr wahrscheinlich auch nicht so etwas wie einen Songwriter.

"Es gibt keinen Führer, wir sind alles sehr gleichberechtigt in der Band. Vom Schreiben der Songs, über den Titel, die Frage, wo wir spielen, wann wir spielen bis dahin, wie teuer die Tickets sein sollen. Immer sind es wir vier, die es entscheiden. Das macht allerdings auch den Prozess des Songschreibens ziemlich schwierig. Wenn drei Leute einen Song mögen und einer mag ihn nicht, dann wird er verworfen. Wir haben so viel Musik weggeschmissen. So ungefähr zwei Alben in den letzten drei Jahren. Einfach fort... Aber um das mal positiv zu sehen: Wenn ein Song vier Ohrenpaare überzeugen muss und nicht nur eines, dann macht ihn das nur stärker."

Fürchtest du nicht, dass das dazu führt, dass die Songs sich immer stärker ähneln?

"Oh nein. Im Gegenteil, das hält uns davon ab, immer wieder den gleichen Song zu schreiben, weil jeder von uns darauf achtet, dass wir uns nicht wiederholen. Ich denke, unser Prinzip hilft uns. Ein Song, der es durch die vier Filter, die jeder von uns darstellt, geschafft hat, muss sehr gut sein."

Es gibt eine Platte von euch, die "The Rescue" heißt...

"Ja, da haben wir die Regeln geändert. Es gab keine Regeln mehr, wir wollten keine speziellen Stil mehr spielen. Es gab nur eine Regel: Jeder Song musste an einem einzigen Tag geschrieben und aufgenommen werden. Es wurde sehr vielfältig. Es gibt einen Ambient-Song, einen Dancetrack, einen Rocksong... Aber wenn wir ein Album schreiben, dann legen wir uns Handschellen an und müssen gucken, wie wir uns Houdini-gleich daraus befreien."

Ich finde, es klingt sehr anders als eure anderen Platten, und ich finde, es ist fast eines der besten Alben.

"Oh danke, das finde ich auch, ich mag es auch am meisten... Natürlich ich mag auch unsere anderen Platten. Aber "The Rescue" is etwas ganz besonderes. Es machte so viel Spaß, es gab kein 'Falsch'! Es gab nur 'Richtig'. Und wenn wir Alben schreiben, dann gibt es sehr sehr viele 'Falschs'. Wir dürfen dies nicht und das nicht... Und weil es so anders geworden ist, mag ich es am meisten."

Und hattest du den ein Eindruck, dass ihr Kompromisse eingehen musstet?

"Ja klar, es musste ja alles so schnell gehen."

Und fühlte sich das irgendwie schlecht an?

"Nein ganz und gar nicht. Es war viel einfach und lebendiger."

Wenn du auf einer Party bist und jemandem erzählst, dass du Instrumental-Musik machst, was ist die erste Reaktion?

"Erstmal, wir gehen so gut wie nie auf irgendwelche Parties. Aber ich weiß, worauf du hinaus willst. Die Leute können damit tatsächlich nichts anfangen. Sie stellen sich Filmmusik vor, oder Klassik. Aber ich sage ihnen, es ist Rockmusik. Nur ohne Gesang. Ich finde, das ist der beste Weg, das zu beschreiben. Und wenn sie es dann hören, dann verstehen sie was ich meine. Aber die ersten Reaktionen sind immer etwas verstört. Denn auch wenn es viele Leute gibt, die solche Musik mögen [wie auch in Köln, waren fast alle Konzerte auf der kurzen Tour Anfang 2007 ausverkauft], so gibt es doch viel viel mehr, die sowas nicht kennen."

Meinst du Instrumental-Bands haben es schwerer auf dem Markt?

"Auf jeden Fall. Musik mit Texten bietet etwas leichter Greifbares. Und es ist leichter zu konsumieren. Es ist auch eine Frage der Dauer. Ein Popsong dauert drei bis vier Minuten. Unsere Stücke sind acht oder neun Minuten lang. Das ist länger als sich die meisten Menschen auf ein Stück konzentrieren können. Jemand der singt, lässt sich auch besser vermarkten. Du hast jemanden, den du auf eine Titelseite setzen kannst, ein Gesicht. Ein absolut großartiger zehnminütiger Instrumentalsong, und ich meine einen wirklich fantastischen, lässt sich immernoch viel schwerer vermarkten als ein schlechter Popsong. Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht und Instrumental-Musik ist immernoch sehr exotisch."

Wie erklärst du dir die Länge eurer Songs, oder auch, dass andere Bands wie Mogwai oder Godspeed You Black Emperor immer so lange Songs haben?

"Keine Ahnung. Ich glaube, es gibt mehr Seitenstraßen zu erkunden oder mehr Farbschichten, um das Bild zu malen. Wir wollen keine 15-minütigen Songs schreiben. Wir wollen Drei-Minuten-Lieder schreiben. Aber wir wollen auch alles, was wir zu erzählen haben, unterbringen. Und wenn wir Lieder schreiben, dann sitzen wir da nicht mit der Stoppuhr.
Aber bei jeder Band gibt es andere Prozesse und andere Gründe, warum die Lieder die Länge bekommen die sie haben."

Seit ihr das letzten Mal hier gespielt habt, ist eine Menge passiert. Das Konzert ist seit Wochen ausverkauft...

"Wir haben ewig nicht mehr live gespielt und uns nur auf die Aufnahmen des neuen Albums konzentriert. Wir waren von der Bildfläche verschwunden und als wir wieder auftauchten, hat sich die Zahl der Fans verdreifacht. Das ist einfach fantastisch. Wir sind nun zehn mal die Band, die wir waren."

Wie erklärst du dir das?

"Wenn andere Bands sich so lange nicht melden, dann fragt man sich, ob sie sich vielleicht schon aufgelöst haben. Aber wir wurden immer populärer. Wir tourten ein ganzes Jahr und danach waren wir fertig. Danach haben wir erstmal ein halbes Jahr keine Musik mehr gemacht, wir wollten nur noch schlafen. Und dann haben wir angefangen, wieder zu proben und das neue Album in Angriff genommen. Ich denke, es war Mundpropaganda und wir wurden dabei immer stärker glorifiziert. Leute, die uns gesehen haben, haben ihren Freunden zunächst erzählt, sie hätten ein tolles Konzert gesehen. Nach einem Jahr erzählen sie, sie hätten ein ganz herausragendes Konzert gesehen und nach drei Jahren erzählen sie, es wäre das Konzert ihres Lebens gewesen... Manche Dinge werden in der Rückschau größer als sie wirklich waren. Ich glaube, so geschah das mit uns. Und nun kommen alle und wollen sehen, ob da was dran ist."

Gibt es eine Interviewfrage, die du immer vermisst hast?

"Oh ja. Ich meine... Ich bereite mich jetzt nicht konkret auf Interviews vor und sage: Diese und jene Frage werde ich so und so beantworten, und diese Frage fehlte... Aber eine Frage hätte ich doch gerne beantwortet."

Wie lautet sie?

"Was ist für dich jenseits der Musik das wichtigste Ziel?"

Und?

"Ich würde mich gerne verlieben."

Welche ein wundervolles Ende. Wer würde das nicht gerne?

Weitere Infos:
www.explosionsinthesky.com
www.explosionsinthesky.de
www.myspace.com/texasband
Interview: -Stefan Claudius-
Foto: -Pressefreigabe-
Explosions In The Sky
Aktueller Tonträger:
All Of A Sudden I Miss Everyone
(Bella Union/Cooperative Music/Rough Trade)

 
 

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