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JET
 
In der Wirklichkeit angekommen
Jet
Um nach Australien zu kommen, muss man eine halbe Weltreise machen. Einer ähnlichen Reise haben sich auch Jet unterzogen. Ihre war zwar mentaler Natur, aber trotzdem ungemein anstrengend. Wo der gestresste Tourist leicht überfordert aus dem Flieger steigt, haben Jet jedoch eine glückliche Landung hingelegt und fühlen sich nach den überstandenen Strapazen lebendiger als jemals zuvor. Das dritte Album namens "Shaka Rock" im Handgepäck und um so einige Erfahrungen reicher, düsen sie mit viel Energie weiter und lassen dabei gleich mehrere gewohnte Dinge aus ihrem Umfeld hinter sich. Wieso die Band 2009 einen Neustart hinlegt und sich gleichzeitig von Altem trennen will, erzählt uns der Drummer und Songschreiber Chris Cester mit Blick auf das sommerliche Berlin und viel Ausdauer bei hohen Temperaturen.
GL.de: Welchen Status würdest du eurem jetzigen dritten Album "Shaka Rock" zusprechen?

Jet: Ich würde sagen, es ist das einfache Album, wenn man alle miteinander vergleicht. Zumindest fühlt es sich für uns so an. Ich weiß nicht so genau woran das liegt. Vielleicht liegt es daran, dass die großen Herausforderungen in unserem Leben bereits hinter uns liegen. Das zweite Album, zum Beispiel, erinnert mich immer sehr stark an meinen Vater, der leider verstorben ist. Wenn ich die beiden ersten Alben so nebeneinander sehe, erinnere ich mich gut daran, an welchem Punkt in meinem Leben ich mich zu dieser Zeit befunden habe. Gerade beim zweiten Album mag ich die Musik wirklich sehr, aber zur selben Zeit ist es schwer für mich, sie anzuhören, da sie so viele schmerzliche Momente wieder hervorbringt. Wir alle in der Band denken da ähnlich. Wir haben auf gewisse Weise damit abgeschlossen und es ist vorbei. Das beinhaltet auch Drogenerfahrungen und solche Sachen. Damit sind wir fertig. Der jetzige Zustand ist vom Spaßfaktor so ähnlich wie beim ersten Album. Nur, dass wir mehr Erfahrung haben. Außerdem haben wir mehr Kontrolle über unser Leben und unsere Karriere, was sich sehr gut und befreiend anfühlt.

GL.de: Schleicht sich nach einer gewissen Zeit eine Routine bei euch ein, wenn ihr ins Studio geht oder macht sich doch noch Aufregung breit?

Jet: Um ehrlich zu sein, man befindet sich immer in einer Art Zwickmühle. Wenn man im Studio ist, will man so schnell wie möglich wieder auf Tour gehen und umgedreht. Ich persönlich könnte es aber im Studio aushalten und dort wohnen. Ich habe mir sogar ein Studio im Keller meines Hauses eingerichtet und muss nur die Treppe runtergehen. Für mich gibt es da kein Limit, wenn ich an die Studioarbeit denke, da es so viel gibt, was ausprobiert werden kann. Mir könnte niemals langweilig werden. Wenn ich von einem anderen Studio nach Hause komme, fällt es mir schwer, abzuschalten und zu schlafen. Mein Gehirn beschäftigt sich dann immer noch mit hunderten von Dingen. Bevor ich nicht eine Idee zu Papier gebracht habe, bleibe ich wach, lese ein Buch oder schalte den Fernseher ein. Alles, was mit dem Aufnehmen im Studio zu tun hat, fühlt sich irgendwie neu an, egal wie viel Zeit man dort schon verbracht hat. Auf Tour hingegen, verfällt man sehr schnell in diesen bestimmten Rhythmus. Um zwei Uhr Nachmittags heißt es Soundcheck, dann ißt man noch etwas und so weiter und so fort... nach der Show trinkt man noch einen zusammen, dann schläft man im Bus ein, wacht in der nächsten Stadt auf und es folgt eine Wiederholung des Ganzen. Das kann einem im Studio nicht so leicht passieren.

GL.de: Das Studio in deinem Haus ist also der Dreh- und Angelpunkt für dich?

Jet: Ja, das kann man so sagen. Meine Freundin sieht das etwas anders (lacht), aber wenn eine Idee raus muss, dann kann das auch mal mitten in der Nacht passieren. Schnell die Schuhe angezogen und das warme Bett verlassen... das muss dann einfach sein. Beim neuen Album bin ich etwas anders ans Schreiben herangegangen. Normalerweise spiele ich auf der Gitarre herum, aber ich musste dieses Mal auf den Bass umsteigen. Nach einem Urlaub in Marokko habe ich mich von meiner vorherigen Freundin getrennt, die auch noch alle meine Küchenutensilien mitgenommen hat, als sie ausgezogen ist. Ich stehe also in meiner leeren Küche mit gerade mal einem Messer und rede mit meinem Cousin, als ich mir aus Versehen ein Stück meiner Fingerkuppe abschneide. Das ist eine lange Geschichte.... Auf jeden Fall musste ich ins Krankenhaus und konnte nach dem Vorfall fast ein Jahr lang keine Gitarre anrühren. Das hat mich dann doch etwas geprägt und die Songs im Allgemeinen beeinflusst, da viele der Lieder ihren Ursprung in einer Bassline haben. Dadurch unterscheidet sich das neue Album für mich deutlich von den anderen beiden. Auch die elektronischen Drums haben eine große Rolle in der Entwicklung gespielt. Die Art und Weise, wie sie konstruiert sind zum Beispiel. Ich habe mich vorher nicht so viel mit elektronischer Musik im Großen und Ganzen beschäftigt, aber das hat mich jetzt doch stärker interessiert. Vorher bin ich immer davon ausgegangen, dass es recht einfach ist, einen elektronischen Song zu produzieren, aber das stimmt nicht. Jetzt weiß ich es besser und fühle mich sogar durch Elektro inspiriert. Daft Punk machen tolle Alben! Unser drittes Album hat also eine Reihe von Einflüssen... einen kaputten Finger (lacht), elektronische Drums und ein paar alte Punk-Bands über die ich gestolpert bin, wie zum Beispiel Wire. Das alles hat mir in gewisser Weise eine neue Perspektive eröffnet.

Jet
GL.de: Hat die Tatsache, dass ihr alle an unterschiedlichen Orten auf der Welt lebt, das Ergebnis des neuen Albums beeinflusst?

Jet: Oh ja, es hat alles viel teurer gemacht. Alle fünf Minuten Flugtickets zu kaufen, geht ganz schön auf's Geld! (lacht) Nein im Ernst, für uns hat es sich positiv auf das Ergebnis ausgewirkt. Wir geraten niemals an den Punkt, an dem wir uns alle nicht mehr sehen können. Wir sind sowieso immer nur so lange voneinander getrennt, bis wir uns wieder vermissen und unbedingt Musik miteinander machen wollen. Wir kommen sozusagen genau im richtigen Moment wieder zusammen und tun das mit einem Ziel vor Augen. Es ist ein wenig so, als ob man in einer Beziehung eine kleine Weile getrennt ist. Wenn man ständig aufeinander hockt, dann wird man nie herausfinden wie es ist, mal getrennt zu sein und man wird einfach andere Erfahrungen machen. Wir genießen die Zeit, wenn wir alle unsere eigenen Wege gehen und haben dann wiederum Spaß daran zueinander zu finden und uns der Musik zu widmen.

GL.de: Du hast vorhin erwähnt, dass ihr dieses Mal in einer Position wart, in der ihr insgesamt mehr Kontrolle über eure Musik hattet. Welche Dinge waren das im Besonderen?

Jet: Wo fange ich da bloß an?!? Es gibt so viele Bereiche... am Ende von "Shine On" wollte ich nie wieder mit meinem Bruder Nic sprechen. Ich wusste auch nicht, wie die Band insgesamt darüber dachte, weil wir einfach gar nicht miteinander geredet haben. Ich habe sogar zwischenzeitlich gedacht, dass wir kein weiteres Album machen würden. Für uns gab es nur einen Schritt vorwärts und das bedeutete, dass wir unser ganzes Umfeld erneuern mussten. Im Klartext hieß das Entlassungen auf vielen verschiedenen Ebenen - angefangen mit dem Management. Weißt du, sobald man Erfolg hat, versuchen alle möglichen Leute plötzlich mitreden zu wollen und dir vorzuschreiben, wie du den Erfolg am besten beibehalten kannst. Sei es der Manager, das Label oder der Produzent. Alle scheinen auf einmal die Antworten für alles zu wissen und wollen dir Vorschriften machen und Entscheidungen am liebsten selbst treffen. Das war das große Problem von "Shine On". Es gab einfach zu viele Köche, die den Brei verdorben haben... Das hat uns die Augen geöffnet und wir haben uns entschlossen, obendrein unser Label zu verlassen. Sie haben nicht versucht, uns in eine bestimmte Ecke zu drängen, aber sie haben uns auch nicht richtig zugehört und komische Vorschläge gemacht. Manchmal haben wir uns wirklich gefragt, ob sie überhaupt eine Ahnung von Rock'n'Roll Musik haben. Letztendlich haben wir uns immer mehr voneinander entfernt und schließlich beschlossen, getrennte Wege zu gehen. Wir waren also nur noch zu viert und konnten uns auf uns selbst konzentrieren. Für uns lautete die Devise, erst ein neues Album zu machen und hinterher das Umfeld von Neuem aufzubauen. Bei "Get Born" war das Freiheitsgefühl sehr ähnlich. Wir wollten uns einfach wieder wie achtzehn fühlen, als wir anfingen Musik zu machen und dafür mussten eben Änderungen vorgenommen werden. Das meinte ich mit Kontrolle. Außer uns selbst gab es keine weiteren Einflüsse, die am Albumprozess mitgewirkt haben. Wir haben die Produktion übernommen, das Artwork gestaltet und hatten eine Menge Spaß dabei.

GL.de: Wie zum Beispiel mit Feuer zu spielen und das auf dem Cover zu sehende Auto in die Luft zu jagen?

Jet: Ja, genau! Wir waren gerade in New York, als wir die Musik im Kasten hatten und unser Manager hat uns dort mit einem bekannten Fotografen zusammengebracht. Der hat u.a. schon Blondie abgelichtet. Bei dem Treffen haben wir dann aber festgestellt, dass die Ideen, die er hatte, ziemlich ähnlich denen waren, die wir schon bei den anderen zwei Alben durchgekaut hatten. Wir wollten aber etwas Neues und auf keinen Fall eine Wiederholung. Da stehen wir also auf der Straße in New York und plötzlich fährt dieser Van voll mit Graffiti an uns vorbei. Cameron, unser Gitarrist, dreht sich zu uns um und sagt halb im Scherz "Lasst uns auch so ein Ding kaufen, es vollsprühen, Jet drauf schreiben und es dann einfach in die Luft jagen. Dann hat sich die Sache!" (lacht) Aus dem Scherz wurde dann Ernst und wir haben einen Van bei eBay gekauft und ihn von zwei unterschiedlichen Graffiti-Crews aus Los Angeles ansprühen lassen. Jede Crew hat eine Seite bekommen. Es war alles eine Art von Wettkampf, um zu sehen, wer das bessere Design hinbekommen würde. Als wir uns entschieden hatten, sind wir raus in die Wüste gefahren, sogar ein Feuer-Experte war dabei. Es hat wirklich Spaß gemacht, zuzusehen wie das Ding später in die Luft flog. Manchmal ist es gut zu beobachten wie Sachen zerstört werden.... natürlich nur so lange keine Personen zu Schaden kommen (lacht).

GL.de: Ihr habt also auch beim Artwork das Zepter in die Hand genommen. Verlaufen bei euch alle diese Entscheidungen demokratisch? Immerhin schreibt ihr ja auch zusammen die Songs. Gibt es einen Punkt, an dem die Band-Demokratie vielleicht mal wackelt?

Jet: Ja, wenn ich daran rüttel! (lacht) Nein, ich mache nur Spaß. Es geht bei uns wirklich sehr demokratisch zu. Klar hat man manchmal Meinungsverschiedenheiten, aber das gehört dazu, wenn man am Ende zu einem guten Resultat kommen will. Du hörst diese Dinge wahrscheinlich ständig von anderen Bands, aber es stimmt, wir alle sind Individuen und haben unseren eigenen Kopf. Wir sind sogar so individuell, dass wir in verschiedenen Städten wohnen, weil wir uns nicht mal in dieser Hinsicht einigen können. Unser interner Demokratie-Prozess verlangsamt oftmals bestimmte Entscheidungen. Bei unserer zweiten Platte "Shine On" hat unser Produzent versucht, uns in zwei Lager zu spalten und uns einzunehmen. Es ging sogar soweit, dass er uns gegeneinander aufbringen wollte. Jedem Bandmitglied erzählte er, dass seine Position in der Gruppe die wichtigste sei und so weiter. Das ist echt tödlich. In vielerlei Hinsicht ist das neue Album das demokratischste von allen. Einer der Songs heißt "Times Like This" und es ist das erste Mal, dass alle Bandmitglieder als Songwriter genannt sind. Vorher haben Nic und ich die meisten Songs geschrieben, aber dieses Mal war es ausgeglichener.

GL.de: Mit den ersten beiden Alben seid ihr weltweit recht erfolgreich gewesen. Was wollt ihr der Welt und vor allem euch selbst mit "Shaka Rock" beweisen?

Jet: Ich habe das Gefühl, dass ich mir das größte Stück bereits selbst bewiesen habe. Nach dem letzten Album gab es eine Zeit, in der ich herum saß und mich gefragt habe, ob es die Sache wert sei, dass das viele Trinken und die Drogen meine Musik kaputt machen und ob die Musik selbst wichtig genug für mich ist. Am Ende habe ich festgestellt, dass es für mich nichts wichtigeres gibt. Die Tatsache, dass wir überhaupt zurückgekommen sind und ein neues Album aufgenommen haben, nach all dem, was passiert ist, das sind schon die ersten 50 Prozent, die wir uns selbst beweisen können. Nun wollen wir mit den restlichen 50 Prozent der Welt zeigen, dass Jet eine Band ist, die noch für eine lange Zeit Musik machen will. Das ist es, was ich mir wünsche, mit diesem Album zu erreichen. Je älter wir werden, umso erwachsener werden auch unsere Songs. Wir wollen beweisen, dass nach den offensichtlichen Einflüssen auf den ersten beiden Alben ein Stück mehr Individualität zu hören ist. Wenn ich mir die Musikszene momentan so ansehe, gibt es viel zu wenig Eigenständigkeit. Es gibt gerade so viel Disco-inspirierte Sachen. Ich bin jetzt kein Gegner davon oder von Popmusik im Allgemeinen, aber ich hasse es, wenn auf einmal alle gleich klingen. Obwohl ich zum Beispiel MGMT sehr mag, gibt es da draußen einfach so viele Bands, die genau diesen Sound reproduzieren und als Kopie dastehen. Das gleiche gilt für Justice und mich langweilt es ungemein, wenn man mit ähnlichen Sachen überschwemmt wird.

GL.de: Es wirkt teilweise so, als ob bei vielen Bands eben dieser aufrichtige Ansatz verloren geht und das Kopieren von erfolgreichen Stilen an erster Stellt steht, statt dem Vorsatz seinen eigenen Weg zu finden. Ist man als Künstler automatisch besser, wenn man ehrlich sich selbst gegenüber ist und das eigenständige Streben in den Vordergrund rückt?

Jet: Hmm, naja... guck dir zum Beispiel David Bowie an. Ich finde, dass seine Figur Ziggy Stardust unglaublich ist, aber ist sie auch bis in die Wurzeln authentisch? Es geht nicht immer nur darum, sein eigenes Ich so ehrlich wie möglich rüberzubringen. Für mich bedeutet diese Aufrichtigkeit auch immer ein bisschen, mir meiner eigenen Wurzeln bewusst zu werden. Es gehört für mich als Australier dazu, eine aufrichtige Lebensweise zu haben. Das ist ein Stück der Mentalität bei uns. So offen und ehrlich, wie ich jetzt mit dir rede, genau so mache ich auch meine Musik. Ich verstelle mich nicht oder ändere mich plötzlich. Dieselbe Person, die dir gerade gegenüber sitzt, steht auch so auf der Bühne. Jet machen sich selbst und anderen niemals etwas vor. Wir sind einfach so, wie wir sind und Ehrlichkeit gehört für uns dazu. Ich hoffe, dass das auch in unserer Musik rüberkommt. Wir wollen einfach real wirken und nicht aufgeblasen.

GL.de: Wenn du sagst, dass ihr viel Wert auf Realität legt, müsstet ihr laut eurer Musik also eine recht lässige und ungezwungene Mentalität als Personen besitzen. Stimmt das?

Jet: Ja, diese Nonchalance in unserer Musik spiegelt für mich unsere Lebenseinstellung wider und ist dadurch gleichzeitig sehr real. Natürlich ist niemand rund um die Uhr glücklich und kann so durch's Leben gehen. Ich kenne ein paar Leute, die das aber versuchen und ich könnte wetten, sie sterben bevor sie überhaupt dreißig sind! Sie können wahrscheinlich nicht auf ihr eigenes Ich hören und wissen nicht, wie sie mit gewissen Situationen umgehen sollen und setzen immer eine gute Miene auf. Durch ähnliche Dinge kommt es dazu, dass Leute an einer Überdosis sterben und vieles einfach zu weit getrieben wird. Man muss lernen, sich auch mal mit traurigen Aspekten im Leben auseinanderzusetzen. Es nützt nichts, wenn man diese Sachen immer nur von sich wegschiebt und alles in einem positiven Licht sehen will. Was die Lässigkeit unserer Songs angeht, bin ich der Meinung, dass man diese einfach braucht, um einen guten Popsong zu machen. Für mich gehört es auf jeden Fall dazu, dass man zum Beispiel mitsingen kann. Manche Leute sehen genau das als trügerisch an und stempeln einen Song schnell ab, sobald er dieses Potenzial hat. Meiner Meinung nach ist das nichts Verfängliches oder Schlimmes. Was ist falsch daran, einem Song Leben einzuhauchen, in dem man ihm eine einprägsame Melodie verpasst? Es ist immerhin eine Kunst, eine Melodie so zu gestalten, dass sich sich in den Köpfen von vielen Menschen festsetzt. Es ist unglaublich schwer das zu erreichen. Sobald du anfängst einer Melodie nachzujagen, hast du verloren und kannst einpacken. Sie muss schon zu dir kommen. Wenn du dir das Ziel setzt, eingängige Parts zu schreiben und es bewusst darauf anlegst, einen Ohrwurm zu zaubern, dann geht das meistens in die Hose. Wenn ich Songs schreibe, habe ich zu einer Melodie immer sofort einen Text im Kopf. Ich sitze nicht im Wohnzimmer und singe "Lalalalala" ins Aufnahmegerät (lacht). Worte und Musik kommen bei mir immer gleichzeitig. Es ist so, als wäre man eine Antenne und müsste darauf warten, ein bestimmtes Signal zu empfangen, bevor es an einem vorüber geht. Nur dann kann man echt sein, real wirken und sich auch weiterentwickeln. Ich möchte nicht das Songwrititing führen, sondern von ihm geführt werden.

GL.de: Und euer Co-Produzent Chris Smith hat euch dabei nach euren Vorstellungen unterstützt?

Jet: Absolut. Dave Sardy, der Produzent unserer ersten beiden Alben, war eher ein Business-Mann. Nachdem er mit uns gearbeitet hatte, wirkte er noch bei Oasis, Hot Hot Heat und Wolfmother mit. Plötzlich war er eine große Nummer und wollte schon bei unserer zweiten Platte zu viel mitreden und hat unsere Position nicht so respektiert wie wir es uns gewünscht hätten. Chris Smith war einmal in einer Band namens Young Heart Attack und die ganze Zeit über, bis sich die Band schließlich trennte, war er in Kontakt mit uns und wollte unbedingt ein Album mit uns machen. Wir haben es aber nie wirklich geschafft, zur selben Zeit am selben Ort zu sein oder waren in der passenden geistigen Verfassung dazu, mit ihm zu arbeiten. Es kam aber dazu, dass wir dann doch in Miami unterwegs waren und aufeinander trafen, als wir einen Song namens "The Wild One" mit Iggy Pop zusammen gemacht haben. Es war auch das erste Mal, dass wir wieder als Band zusammenkamen. Die Arbeit mit Iggy hat so viel Spaß gemacht, dass wir danach sehr schnell angefangen haben, auch musikalisch aktiv zu werden. Man kann fast schon sagen, dass es ein erster Schritt in die richtige Richtung war und wir uns sofort inspiriert gefühlt haben. Er ist schon so lange im Geschäft und genießt immer noch das, was er tut. Das hat uns unheimlich gefallen. Wir waren schon auf dem Weg nach New York und wollten mit den Aufnahmen beginnen, als man von uns plötzlich mehr Geld verlangte, um alles zu realisieren. Darauf hatten wir keine Lust und haben kurzerhand Chris Smith angerufen. Er wollte sowieso unbedingt mit uns zusammenarbeiten und wir konnten sicher sein, dass er es aus den richtigen Gründen machen und uns nicht abzocken wollte. Er war sofort dabei und fünf Tage später waren wir in Texas bei ihm und blieben ganze drei Monate dort.

Jet
GL.de: Das klingt danach, als ob ihr euch ziemlich sicher wart, was genau ihr im Studio machen wolltet. Drei Monate ist gar keine so lange Zeit.

Jet: Ja, aber selbst in dieser Zeit hat uns der texanische Whiskey von der Arbeit abgelenkt (lacht). Lass' uns mal kurz unterbrechen... was ist denn das für ein Lärm? (Eine Autokolonne rast mit Blaulicht vorbei.)

GL.de: Prince Charles ist gerade in Berlin und bringt anscheinend ein großes Gefolge mit...

Jet: Echt? Fucking Royals! (lacht laut und streckt die Zunge in Richtung Straße heraus) Wie auch immer, ich habe den Fehler gemacht, ein paar Monate nach den Aufnahmen noch einmal nach Texas zu reisen und bin dann nach einer langen Nacht und dem guten texanischen Whiskey auf der Straße angehalten und von der Polizei eingebuchtet worden (lacht). Ich saß also eine ganze Nacht lang im dort im Gefängnis und sie haben mich sogar in diese schwarz-weiße Gefängnisuniform gesteckt.

GL.de: Und die Moral von der Geschichte ist...?

Jet: Nach 18 Stunden in der Zelle und einigem Nachdenken habe ich mir geschworen, niemals wieder ein Gefängnis zu betreten. Außerdem kann ich von Glück sagen, dass ich niemanden verletzt oder sogar umgebracht habe, als ich betrunken Auto gefahren bin. Es war nicht das erste Mal, dass ich so unvorsichtig war, aber die ganze Sache hat mich gelehrt, dass es nicht so weitergehen kann und ich auf mich und meine Umgebung aufpassen muss. Es ist so dumm von mir gewesen, mich so zu verhalten und das weiß ich jetzt. Diese Erfahrung habe ich wohl gebraucht, um aufzuwachen. Wenn man so lange ein einer Zelle sitzt und an die Wände starrt, beginnt man etwas klarer zu denken. Das Gefühl von Realität wird auf jeden Fall stärker. Viele Celebrities sitzen ihr ganzes Leben lang in einer Art Zelle und können nicht aufwachen. Sie wissen nicht, wie es außerhalb wirklich ist und fangen an zu halluzinieren. Nimm doch mal Paris Hilton oder Lindsey Lohan. Wissen die noch, wie es ist, sich normal zu verhalten?

GL.de: Wenn das Umfeld um einen herum so kaputt ist, ist das wohl nur schwer möglich...

Jet: Ich bin froh, dass ich nicht so aufgewachsen bin. Ich finde es wichtig, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und mich mit Leuten zu umgeben, die mich inspirieren und mit denen man auch mal tiefsinnige Gespräche führen kann. Über was sollte ich mich mit Paris Hilton unterhalten? Weißt du, wir haben unsere Musik, aber sie hat nur Hollywood und das ist kein guter Freund.

GL.de: Wie kommt es dann, dass du dich in Los Angeles niedergelassen hast, wo vieles so unecht wirkt und die Realität eben nicht immer die ist, für die wir sie halten?

Jet: Hm, das stimmt schon. Ich wohne in L.A., aber das heißt nicht, dass ich mit einem Cadillac auf dem Sunset Strip herumfahre und dabei eine Flasche Jack Daniel's in der Hand schwenke. Weißt du, was ich meine? Ich lebe dort trotzdem mein eigenes Leben, schneide meinen halben Finger ab und mache Platten. Realer geht's wohl kaum (lacht). Wenn du erst einmal ein Stück Finger von dir auf dem Tisch liegen siehst, dann fühlst du dich in dem Moment sehr lebendig! Nicht unbedingt auf eine schöne Art und Weise... Ich habe sogar meine ganze Arbeitsfläche in der Küche entfernt, weil ich sie nach dem Unfall nicht mehr sehen konnte. Nun kennst du die Geschichte!

Weitere Infos:
www.jettheband.ning.com
www.myspace.com/jet
Interview: -Annett Bonkowski-
Fotos: -Pressefreigaben-
Jet
Aktueller Tonträger:
Shaka Rock
(Virgin/EMI)
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