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BRIGHT EYES
 
One For You, One For Me - oder die Einheit des Seins
Bright Eyes
Wenn ein Künstler nichts mehr zu sagen hat, ist das meist ein Anzeichen für das Ende seines Schaffens. Obwohl Conor Oberst als Kopf von Bright Eyes bereits auf eine Karriere von mehr als fünfzehn Jahren zurückblicken kann, scheint er noch meilenweit davon entfernt zu sein, an diesen Punkt zu gelangen. Das Gegenteil ist der Fall, denn seine Musik und seine Texte zeugen durchgängig davon, dass er immerfort mit wachem Geist und scharfsinnigem Verstand zu Werke geht. Eine Scheu vor heiklen Themen ist ihm dabei ebenso fremd wie der zimperliche Umgang mit kritischen Äußerungen, die er, wenn nötig, stets eloquent zur Sprache bringt. Auch das siebte Studioalbum "The People's Key" knüpft an diese Tradition an und wirft einen prüfenden Blick auf die Gesellschaft und die Komplexität des Weltgeschehens, die Conor gründlich und vorausschauend unter die Lupe nimmt. Wir trafen ihn zusammen mit seinem Freund und Bandkollegen Mike Mogis in Berlin und luden zum Gespräch über Glaubensfragen, intellektuelle Ansprüche und Wissbegierigkeit.
In einer Welt, wo die tägliche Berichterstattung in den Nachrichten zum Teil mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert, kontinuierlich und effektiv Meinungen beeinflusst werden und man angesichts der negativen Schlagzeilen fast dazu übergehen möchte, den Kopf dauerhaft in den Sand zu stecken, stellt sich die Frage, woran es sich heutzutage überhaupt noch lohnt zu glauben. Conor Oberst, der in der Vergangenheit wiederholt auch in politischer Hinsicht öffentlich seinen Unmut über verschiedene Missstände bekundet hat, lässt diesen Aspekt auch in seiner Musik nicht unbeachtet. So finden sich auch auf "The People's Key" wieder einige angriffslustige und analysierende Passagen, die sich auch mit der Glaubensfrage beschäftigen. Doch was bedeutet der Glaube für Conor Oberst und was für eine Rolle spielt er für ihn ganz persönlich? Eine Frage, die er mit Bedacht aufnimmt und deren Beantwortung er als schwierig einstuft: "Das ist eine knifflige Frage. Ich finde es jedes Mal erstaunlich, wenn ich Menschen begegne, die voll und ganz an nur eine bestimmte Sache glauben und sich dann an diese klammern. Ganz egal, ob es sich dabei um ein religiöses, naturwissenschaftliches oder philosophisches System handelt und wie abgefahren dabei die Ansichten über die Menschheit oder unseren Platz im Universum sind. All diese Theorien sind ziemlich faszinierend. Was meinen persönlichen Glauben angeht, ist das schwer in Worte zu fassen... Ich glaube fest an solch grundlegende Dinge wie Liebe, Rock'n'Roll... oder auch Freundschaft." Diese Werte sind in seinen Augen von immenser Bedeutung, aber dennoch gibt es manchmal Zeiten, in denen es nicht immer einfach ist, sich von den alltäglichen Lasten und Problemen zu befreien und in denen man unter Umständen auch einmal den Glauben verlieren kann: "Das Leben an sich ist gewissermaßen wie eine Serie von Enttäuschungen, denen man sich stellen muss. Dennoch gibt es die Möglichkeit, jeder dieser Enttäuschungen oder dieser Defizite auch etwas Positives gegenüber zu stellen, auf das man seine Aufmerksamkeit lenken kann. Es liegt bei einem selbst, ob man diese Wahl treffen möchte oder nicht. Wenn ich einen guten Tag habe, dann ist das meine Art, mit dem Leben umzugehen und ich versuche mich auf die positiven Dinge um mich herum zu konzentrieren, nicht die negativen. Es ist natürlich immer einfacher gesagt als getan, aber an einem guten Tag lässt sich das gut umsetzen."

Ebenfalls positiv gestimmt, gibt sich sein Freund Mike Mogis: "Das einzige, was ich versuche umzusetzen, ist so viel wie möglich positiv zu denken bei allem, was ich tue. Immerhin gibt es da draußen so viel Schlechtes. Ich habe zwei Kinder und das hat für mich einiges verändert. Ich habe gelernt, weitaus weniger eigennützig zu sein und meine Augen viel mehr für die Dinge um mich herum zu öffnen. Bevor ich vor sechs Jahren zum ersten Mal Vater wurde, war das noch nicht so sehr der Fall. Ich versuche das aber weiterhin fortzusetzen." Auch im weiteren Verlaufe des Gesprächs blitzt diese positive Einstellung zum Leben und der optimistische Gedanke immer wieder auf und lässt spürbar erkennen, dass die Lebensphilosophie der beiden sich nach diesen Prinzipien gestaltet. Dennoch räumt Conor ein, dass es für ihn keinen universellen Weg gibt, um mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Die immer fortwährende Streitfrage um den "richtigen" Glauben betrachtet er aus einer kritischen Perspektive und betont dabei, wie undurchsichtig diese Debatte ist: "Ich denke, es gibt viele Glaubensrichtungen, die Elemente beinhalten, die sowohl Zweifel als auch Ungläubigkeit bei anderen hervorrufen können." Aus ganz persönlicher Erfahrung fügt er hinzu: "Meine Großmutter, zum Beispiel, ist ihr ganzes Leben lang eine fromme Katholikin gewesen und sie hat in ihrem Stuhl sitzend den Rosenkranz gebetet. Das war ihr ganzes Leben lang schon so und dieser Glaube hat ihr Trost gegeben, wenn sie ihn brauchte oder er hat ihr geholfen, die Welt in einen bestimmten Kontext einzuordnen. Ihr Leben hat ganz einfach danach funktioniert und ich würde mir nicht anmaßen wollen zu behaupten, dass ich einen besseren Weg wüsste, um zu leben oder diesen gar verurteilen, denn es ist einer von vielen Pfaden, den man einschlagen kann. Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten, sein Leben zu leben und Glauben zu zulassen. Jeder von uns muss einfach seinen ganz individuellen Weg finden, der er gehen möchte und denjenigen wählen, der einen Sinn ergibt. Offensichtlich sieht jeder von uns einen etwas anderen Sinn in den Dingen."

Einen nicht unerheblichen Anreiz für einige der angesprochenen Themen auf "The People's Key" hat die Begegnung mit Denny Brewer gegeben, mit dem Conor mehrfach angeregte Unterhaltungen über die Menscheit und ihr Dasein geführt hat. Einige der spirituellen Aussagen Brewers wurden letztendlich sogar mitgeschnitten und für die Aufnahmen der Songs verwendet. Dessen spirituelle Äußerungen rahmen die nicht minder gehaltvollen Texte Obersts ein und liefern allerhand Stoff zum angeregten Nachdenken. Wie kam es jedoch zu dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit? "Ich habe ungefähr ein Jahr vor dem eigentlichen Schreiben der Songs angefangen, mich mit ihm zu treffen. Wir hatten traditionsgemäß, wie auch schon in der Vergangenheit, diese Vorstellung von einer Sound-Collage, mit der wir das Album beginnen wollten. Also haben wir unsere Köpfe angestrengt, was wir dieses Mal machen könnten. Zur selben Zeit hat Denny angefangen, ab und an bei uns vorbeizuschauen und mir ist dabei klar geworden, dass viele Ansätze der neuen Songs auf meine Gespräche mit ihm zurückzuführen sind, die allerdings über ein Jahr davor stattgefunden haben." Diese Tatsache hat auch auf natürliche Weise dazu geführt, Denny Brewer schließlich eine bedeutendere Rolle zuzuweisen: "Eine Menge der anfänglichen Ideen gehen auf Unterhaltungen mit ihm zurück und er hat in gewisser Weise die Saat für einige der Songs gestreut. Es hat einfach einen Sinn ergeben, ihn deswegen auch bei den Aufnahmen zu involvieren. Außerdem mag ich den Klang seiner Stimme sehr. Er war so etwas wie eine Art Fundgrube für uns, denn wir hatten letztendlich Tonmaterial von circa neunzig Minuten mit ihm. Die ursprüngliche Idee war also, dieses nur für das Intro zu verwenden, aber dann haben wir uns recht schnell dafür entschieden, es doch an verschiedenen Stellen auf dem Album einzubauen und damit Übergänge zwischen den Songs zu gestalten. Das Outro gefällt mir persönlich am besten. Es rundet das Album sehr schön ab wie ich finde."

Auch Mike Mogis nickt angesichts dieses Kommentars zustimmend und bekräftigt Conors Worte: "Da stimme ich dir zu. Es schließt den Kreis des Albums auf eine schöne und positive Weise." Dabei unterstreicht er ebenfalls die Bedeutung in ästhetischer Hinsicht, die dazu geführt hat, die Reden Denny Brewers an so signifikanten Stellen wie dem Intro und dem Outro zu verwenden: "Es war für uns wichtig, die Songs deutlich als ein Ganzes miteinander zu verbinden und damit auch inhaltlich die aufgegriffenen Thematiken zu unterstreichen. Es geht viel um die Verbindung zwischen Menschen und auch der Aspekt der Einheit spielt dabei eine wichtige Rolle. Wir wollten auf ästhetischer Ebene daran anknüpfen und den Songs selbst eine ähnliche Eigenschaft zuschreiben, damit sie untereinander ebenso verbunden sind. Ich finde, dass sie sich, so wie sie aufgebaut sind, gegenseitig komplementieren und auch stärken. Jeder einzelne Song wirkt auch allein, aber wenn sie alle als Ganzes zusammenkommen, werden sie noch einmal aufgewertet und im Rahmen des Albums gefestigt." Bright Eyes haben auch schon bei früheren Alben erkennen lassen, dass sie Fragen bezüglich der Struktur ihrer Werke nicht leichtfertig behandeln. Vielmehr verfolgen sie die Aufnahmen immer mit dem Blick auf das Ganze, was am Ende entstehen soll und wollen dem Hörer durch den bewusst erzeugten Aufbau der Songs mit auf eine Reise nehmen: "Wir gehen immer noch mit der Vorstellung an unsere Alben heran, dass sich jemand die Songs von vorne bis hinten anhört und sich daraus ein größerer Zusammenhang für den Hörer ergibt", betont Conor. "Es sind zwar jeweils immer einzelne Songs, aber diese sind so miteinander verbunden, dass ein Ganzes sichtbar wird. Das war schon immer unsere Absicht, wenn wir ins Studio gegangen sind. Mir ist bewusst, dass die Hörer nicht immer die nötige Zeit aufwenden können, um sich vierzig oder fünzig Minuten lang durchgängig und vor allem aufmerksam mit der Musik zu beschäftigen, aber heimlich hegen wir genau diesen Wunsch und verfolgen genau diesen Ansatz, wenn wir Songs aufnehmen. Ich mag es auf diese Art Musik zu machen und hoffe, dass diese Kunstform nicht irgendwann verschwinden wird. Es ist doch etwas Wunderbares, wenn ein Künstler einen auf eine kleine Reise mitnehmen kann. Es steckt doch eine bestimmte Philosophie dahinter, dass Filme nun einmal meistens eineinhalb Stunden lang sind und Bücher sich mehr oder weniger immer über ein paar hundert Seiten erstrecken."

Obwohl Conor Oberst sich gerne tiefergehend mit sich und seiner Umwelt auseinandersetzt und diese kritisch in seinen Songs begutachtet, liegt ihm nichts ferner, als sich darüber den ganzen Tag den Kopf zu zerbrechen und die Geschehnisse um sich herum zu seinem Lebensinhalt zu machen, wenn sie es nicht unbedingt wert sind. Stattdessen greift er lieber zu, wenn das Glück an ihm vorbei läuft und konzentriert sich darauf, dieses auch wahrzunehmen: "Es ist nicht gut, sich über Kleinigkeiten den Kopf zu zerbrechen. Es gibt so viele kleine Dinge, die uns tagein, tagaus stressen und das für den Rest unseres Lebens tun, es aber im Grunde nicht wert sind, überhaupt von uns beachtet zu werden. Sie sind für das große Bild, welches uns vorschwebt, nicht wichtig und wir sollten aufhören den Versuch zu unternehmen, es andauernd zu verbessern. Wichtig ist, dass man diese Sachen nicht allzu sehr an sich heranlässt. Wenn man die Möglichkeit hat, jemanden oder etwas im Leben zu lieben, sollte man diese Chance unmittelbar ergreifen. Selbst wenn man dies nur durch eine kleine Tat demonstrieren oder zum Ausdruck bringen kann, ist es das wert und eines der schönsten Dinge auf der Welt, die es gibt."

Bright Eyes
Ähnlich impulsiv geht Conor auch bei der Gestaltung seiner Songtexte vor, bei denen der Hörer nicht selten auf skurrile Wörter, geschichtliche oder gar biblische Referenzen stößt. Dadurch befriedigt Conor nicht nur seine eigene Wissbegierde, sondern regt auch beim Hörer die Gehirnzellen an. "Ich setze mich nicht bewusst hin und versuche beim Schreiben der Texte dem späteren Rezipienten zu gefallen. Vielmehr versuche ich für mich Wörter zu verwenden, die interessant klingen. Ich liebe es, wenn ich einen Song höre und darin einen Begriff finde, den ich so noch nie in einem Song gehört habe und bei dem ich das Gefühl habe, dass er nicht seltsam oder erzwungen klingt. Er muss einfach zum Song passen. Genau das versuche ich auch beim Schreiben meiner eigenen Texte ab und an in dieser Form umzusetzen. Das Wort "Oscilloscope" ("Shell Games") ist ein Beispiel dafür. Ich habe das noch nie in einem Song gehört und wollte es unbedingt verwenden, weil ich es so cool fand. Ich wusste gar nicht, dass dieses Wort überhaupt existiert bis ich im Studio, wo wir das neue Album gemastert haben, ein solches Gerät vorfand. Abgesehen davon bemühe ich mich, keine Reime zu verwenden, die allzu hart klingen. Ich bevorzuge eher weichere Reime, schon allein deswegen, weil man in der Musik überall und andauernd diese harten Reime hört. Außerdem sind diese Formen meistens auch nicht so vorhersehbar. (Conor überlegt kurz und stimmt aus dem Stehgreif und mit übertriebener Betonung folgende Zeile an) 'She was standing in the light... and it felt so right.' So etwas ist doch total langweilig und wir haben das schon hundert Mal gehört!" Der intellektuelle Anspruch wird bei Bright Eyes daher einige Latten höher gelegt und bewegt sich auch auf "The People's Key" auf einem Niveau, das verdeutlicht, dass Conor Oberst immer noch zu einem der hoffnungsvollsten und bemerkenswertesten Songwritern seiner Generation gehört.
Weitere Infos:
www.saddle-creek.com/bands/brighteyes/
www.myspace.com/brighteyes
www.conoroberst.com
www.brighteyesmusic.de
de.wikipedia.org/wiki/Bright_Eyes
en.wikipedia.org/wiki/Bright_Eyes
www.last.fm/music/Bright+Eyes
Interview: -Annett Bonkowski-
Fotos: -Pressefreigaben-
Bright Eyes
Aktueller Tonträger:
The People's Key
(Polydor/Universal)
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