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BARBAROSSA
 
Das Gegenteil vom zweckorientierten Songwriting
Barbarossa
Authentizität fängt beim Namen an. Für James Mathé heißt das, sein optisch wohl größtes Merkmal zu seinem Künstlernamen umzufunktionieren und den roten Bart mit einer bedeutungsvollen Bezeichnung zu huldigen. Zum Glück hat der in London beheimatete Singer-Songwriter aber noch mehr zu bieten als haarige Besonderheiten dieser Art. Musikalische, zum Beispiel. Tourt er gerade nicht als Teil der Live-Band von José González durch die Welt, widmet er sich seinen eigenen Songs, die er gerne mit einem gewissen Hang zur Melancholie in einem Klangspektrum zwischen Electronics, Folk und Soul ansiedelt. Für die Arbeit an seinem Debütalbum "Bloodlines" schnappte er sich seine Songideen, sprang nach der digitalen Produktion vergangener Aufnahmen ins kalte Wasser und stellte sich der Herausforderung einer rein analogen Arbeitsweise. Ob diese glückte, verriet uns James Mathe bei einer gemütlichen Unterhaltung zwischen Tee und Keksen und räumte einmal deutlich mit dem Vorurteil auf, dass Melancholie in der Musik einen bitteren Beigeschmack hat.
GL.de: Jemand, der sein Album "Bloodlines" tauft, weckt natürlich sofort erste Assoziationen, die sich mit Spurensuche und der Vergangenheit beschäftigen. Hast du einen Hang zu solchen Dingen?

Ja, ich bin jemand, der sich schon mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Ich glaube, das ist wichtig, um überhaupt zu wissen, wo man im Jetzt steht. Ich denke viel über bereits Geschehens nach und gehe diesen ganzen Aspekt recht positiv an, indem ich versuche, durch die persönliche Spurensuche Fehler aufzudecken und aus ihnen zu lernen. Es geht mir dabei nicht darum, voller Bedauern auf die Vergangenheit zurückzublicken, sondern vielmehr um die Weiterentwicklung meiner Person. Natürlich habe ich in meinem Leben bereits viele Fehler gemacht, aber das gehört doch irgendwo dazu. Ich schäme mich nicht dafür, schon gar nicht, wenn es sich um musikalische Belange handelt. Es ist doch verrückt, wenn manche Leute versuchen, ihre Fehler zu begraben oder so gut es geht aus ihrem Sichtfeld zu halten. Das ist für mich eine sehr ungesunde Art, mit sich selbst und seinen Fehlern umzugehen. Ich glaube, jeder Künstler denkt da ähnlich.

GL.de: Und welchen Stellenwert hat die Gegenwart für dich?

Es gab einmal eine Zeit, in der es ein Ungleichgewicht bei mir gab und ich mich entweder zu viel mit der Vergangenheit oder der Zukunft beschäftigt habe. In den letzten fünf Jahren bin ich aber an den Punkt gekommen, mich eigentlich nur noch dem zu widmen, was gerade um mich herum passiert. Mein Fokus liegt nun viel stärker auf der Gegenwart. Schließlich kann ich sowieso keinen oder kaum Einfluss auf die beiden anderen Zeitsparten nehmen. Diese Philosophie ist meiner Meinung nach der beste Weg, um durch's Leben zu gehen. Es ist zwar schön, manchmal den Blick in die Ferne schweifen zu lassen, Träume zu haben und sich bestimmte Ziele zu stecken, aber es ist eben auch ein sehr unsicheres Pflaster, auf dem man sich da bewegt. Es gibt schon genügend Menschen, die sich unglaublich vom Gedanken an die Zukunft stressen lassen. Ich gehöre aber definitiv nicht dazu. Es gibt wichtigere Dinge, für die ich meine Energiereserven nutzen kann.

GL.de: Braucht es nicht auch ein wenig in die Zukunft hineinreichende Visionen für's Songwriting?

Doch schon, aber ich setze mich nie wirklich mit dem Vorsatz hin Songs zu schreiben. Jedenfalls nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss. Manchmal kommt man nicht umhin, weil einen die äußeren Umstände dazu zwingen, aber ich versuche, das so gut es geht zu vermeiden. Meistens bin ich gerade mit irgendetwas ganz anderem beschäftigt, wenn ich eine Idee für einen Song habe. Dann muss ich immer schnell zur Gitarre oder zum Keyboard greifen und hoffen, dass meine Reaktion schnell genug ist. Im besten Fall habe ich mein Diktiergerät bei mir und kann die Idee auf der Stelle festhalten. Der Funke, der dann überspringt, kommt meistens in dem Moment, wenn ich nicht allzu sehr damit beschäftigt bin über etwas nachzudenken.

GL.de: Fällt es dir schwer, diesen mentalen Zustand zu erreichen, in dem du völlig gedankenverloren sein und deinem Gehirn etwas Ruhe gönnen kannst?

Oh ja, denn meistens rattern die Gedanken förmlich wie von selbst und man wird durch alle möglichen Reize ständig mental auf Trab gehalten, so dass es schon etwas Arbeit braucht, um sich aus diesem Zustand zu befreien. Für die kreative Arbeit des Songwritings ist aber genau das nötig, um voran zu kommen. Es ist aber nicht so, dass ich mich in völliger Stille hinsetze, mein Gedächtnis von alldem reinige und bewusst versuche, alle Regler auf Null zu fahren. Diese Gabe habe ich leider nicht (lacht).

GL.de: Ebenso wenig funktioniert es vermutlich, sich für Inspirationszwecke wissentlich bestimmten Reizen auszusetzen, oder?

Nein, das ist nichts für mich. In der Popmusik gibt es viele Künstler, die versuchen ihre Kreativität krampfhaft durch äußere Impulse zu begünstigen, was allerdings meistens damit endet, dass das musikalische Produkt am Ende genau so klingt, als ob sie es bewusst für eine bestimmte Gruppe von Leuten geschrieben hätten. Ich habe einmal versucht, solch eine Art "Auftragsarbeit" zu erledigen und bin kläglich daran gescheitert. Das ist wirklich etwas, was ich überhaupt nicht kann. Für zweckorientiertes Songwriting bin ich nicht zu haben.

GL.de: Wie klang denn dein Versuch, wenn du so gar nicht damit zufrieden warst?

Schrecklich! Ich konnte mich überhaupt nicht damit anfreunden. Das Schlimmste daran war, dass ich zwar einen Song geschrieben, aber eigentlich nichts von mir selbst hineingegeben hatte. Meine eigene Musik ist im Gegensatz dazu so persönlich. Es klingt immer ein bisschen wie ein Klischee, aber ich lege wirklich alles von mir in meine Musik, wenn ich an Songs arbeite. Ich bin der einzige, der wahrhaftig beurteilen kann, ob ich eine Verbindung zu der Musik herstellen kann, die ich schaffe. Ist diese nicht gegeben, dann weiß ich, dass ich mich noch nicht zurücklehnen kann.

GL.de: Erst recht nicht, wenn du als Solokünstler ganz auf deine Intuition angewiesen bist.

Das stimmt. Ich habe zwar live einen Schlagzeuger, der mit mir performt, aber meistens schaffen wir es nur in UK zusammen auf der Bühne zu stehen. Wir arbeiten daran, ihn auch bei den kommenden Shows im Rest von Europa mitzunehmen. Abgesehen davon liegt es aber ganz bei mir, die Fäden bei Barbarossa zu ziehen. Das kann manchmal schon ein wenig einsam sein. Auf der anderen Seite hat es künstlerisch gesehen etwas Befreiendes an sich. Als ich jünger war, habe ich wirklich sehr viel Zeit mit Grübeln verbracht und war schlecht darin Entscheidungen zu treffen, die meine Musik betrafen.

GL.de: Und jetzt bist du geübter darin?

Ja, mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, auf mich selbst gestellt zu sein. Man ist ja quasi gezwungen, Antworten auf Fragen zu finden. Manchmal ist es toll, allein verantwortlich zu sein und zu sagen, wo es langgehen soll. Erst recht, wenn man all seine Zeit und sein Geld in so ein Projekt steckt. Was das Album angeht, bin ich sehr froh darüber, dass die Dinge so gut für mich gelaufen sind und sich meine Entscheidungen als richtig erwiesen haben. Es war wichtig für mich, Entscheidungen wie den Aufnahmeort und die beteiligten Musiker in meiner Hand zu wissen. Schließlich bist du im Studio ein Team.

GL.de: Wie hast du die Aufnahmen zu "Bloodlines" empfunden?

Wenn man nicht allzu viel Geld zur Verfügung hat, dann kann so ein Schritt ins Studio zu gehen schon etwas beängstigend sein. Doch ich glaube, wenn man sich aufrichtig einem Projekt wie diesem widmet, dann wird man am Ende auch dafür belohnt. Wir haben ein tolles Label gefunden, sind von einem super Team umgeben und fühlen uns in diesem Umfeld sehr gut aufgehoben, was das Wichtigste ist. Ich wollte ein Album machen, auf das ich stolz sein kann und Songs schaffen, die in allererster Linie mich bewegen.

Barbarossa
GL.de: Heißt das auch, dass du dir kaum Meinungen von aussen einholst, wenn es um deine Arbeit geht?

Nicht ganz. Ich bin ein sehr loyaler Mensch und kann mich zum Glück voll und ganz auf meine engsten Vertrauten verlassen. Es ist sehr schön, wenn man so eine Verbundenheit zu einem Menschen hat, der einem genau das wieder zurückgibt. Ich bin niemand, der sich mit falschen Freunden schmückt und der es gerne hat, wenn mir in musikalischer Hinsicht Honig um's Maul geschmiert wird. Ich verlange von meinen Freunden ehrliche Antworten und würde es grauenhaft finden, mich mit Leuten zu umgeben, die sich verstellen, weil sie meine Gefühle nicht verletzen wollen. In meinem Freundeskreis gibt es keine absoluten Jasager. Wenn ich so darüber nachdenke, gibt es vermutlich eher Neinsager! (lacht)

GL.de: Gilt das auch für deine Familie?

Absolut. Ich spiele meine Songs gerne meinen Eltern vor, weil sie ganz unbefangen darauf reagieren und einfach geradeheraus sagen, was sie darüber denken. Sie kennen sich nicht sonderlich gut mit Musik aus, aber genau deswegen schätze ich es umso mehr, wenn ich etwas mit meinen Songs in ihnen auslösen kann. Sie sind von vielerlei Arten von Musik recht unbeeindruckt und es freut mich immer, wenn sie positiv auf meine Songs reagieren. Ich liebe die Tatsache, dass Musik keine Grenzen kennt und sich jede Person dieser Form von Kunst öffnen kann. Mir gefällt der Gedanke, dass meine Songs theoretisch jedem zugänglich sind und ich mich nicht darauf versteife, Musik für ein bestimmtes Publikum zu machen. Ich spiele meine Songs meiner elfjährigen Nichte ebenso vor wie meiner Oma, die dieses Jahr neunzig geworden ist. Ich finde es sehr interessant, die unterschiedlichen Reaktionen von zwei Generationen zu sehen, die so weit auseinander liegen. Du musst kein großer Kenner von Musik sein, um dich mit ihr verbunden zu fühlen. Da reicht es schon, wenn dir ein Song gefällt und du dazu einfach mit dem Fuß den Takt mitklopfst.

GL.de: Vieles auf deinem Debüt lässt einen dagegen eher ruhig verharren und stimmt einen auch bisweilen nachdenklich. Woher all die Zuneigung zur Melancholie?

Es stimmt, viele meiner Songs sind sehr melancholisch. Ich weiß, dass es da draußen einige Leute gibt, die Künstler wie Nick Cave oder Radiohead nicht leiden können, gerade weil ihnen von der Presse gerne dieser Stempel der Melancholie aufgedrückt wird. Ich finde solche Art von Musik aber wunderschön und sie hat einen umgekehrten Effekt auf mich. Ich hoffe, dass die Hörer meiner Musik auch all die Hoffnung wahrnehmen, die in den Songs enthalten ist, selbst wenn sie vielleicht nicht so vordergründig erscheint. Ich glaube, dass viele Menschen, die nichts mit solch melancholischer Musik anfangen können, einfach auch der Willen fehlt, sich dieser zu öffnen. Sie wollen nicht mit Emotionen konfrontiert werden, die vielleicht unangenehm sind und ihre heile Welt aufwühlen. Dabei gehört das doch zum Leben dazu. Man kann nicht durch die Welt spazieren, als ob diese Dinge nicht existieren würden. Und ich bin trotzdem kein Mensch, der unzufrieden mit sich und seiner Umgebung ist und alles negativ sieht.

GL.de: "Bloodlines" wurde im Analogue Catalogue, einem Vintange Recording Studio, aufgenommen. Wie bist du auf diesen Ort aufmerksam geworden und was hat dich so daran fasziniert, dort aufzunehmen?

Ganz zu Beginn der Arbeit am Album hatte ich mir in den Kopf gesetzt, unbedingt analog aufzunehmen. Vorher habe ich immer sehr viel auf digitalem Wege an meiner Musik gearbeitet. Das wollte ich einfach ändern, weil ich es satt hatte, immer nur vor einem Computer zu sitzen und Logic auf Hochtouren laufen zu lassen. Es hat mich irgendwann davon abgelenkt, mich wirklich mit der Musik zu beschäftigen, weil man nur über den Bildschirm mit ihr verbunden ist. Ich wollte wieder mehr an der Quelle sitzen und habe mich dann entschieden, bei Analogue Catalogue aufzunehmen, da ich über Bekannte von dem Studio wusste, die sehr zufrieden damit waren. Das Team vor Ort war fantastisch und wir hatten viel Spaß dort aufzunehmen.

GL.de: Ein Spaziergang war es aber allem Anschein nach nicht, habe ich mir sagen lassen.

Da stimme ich dir zu. Es war es auch eine sehr intensive Zeit für uns. Mit Computern aufzunehmen, ist fast schon ein Luxus, darum war es für alle beteiligten Musiker wirklich harte Arbeit, den auf dem Album geschaffenen Sound so hinzubekommen wie er nun ist. Ich bin stolz sagen zu können, dass es keinerlei Drum-Editing auf der Platte gibt. Die moderne Produktionsweise vieler Alben lässt leider den menschlichen Aspekt allzu oft vermissen. Gerade weil meine Musik auch sehr von elektronischen Einflüssen geprägt ist, wollte ich mir mit der Wahl, analog aufzunehmen, unbedingt diesen menschlichen Kern bewahren.

Wir haben acht Tage lang sehr konzentriert an den Songs gearbeitet und in dieser Zeit das Album aus der Taufe gehoben. Das hat schon sehr an unseren Kräften gezehrt, da wir nur sehr wenig geschlafen haben und immer bis zum Anschlag konzentriert sein mussten. Eine Sache, die ich in meinem Leben gelernt habe ist, dass es keine Abkürzungen für das gibt, was man einmal erreichen möchte. Man muss schon etwas dafür tun, um an's Ziel zu gelangen. Das mag vielleicht manchmal mit Schmerzen und Hindernissen verbunden sein, aber stärkt dich dafür für deine weitere Reise durch's Leben.

Weitere Infos:
www.barbarossamusic.com
www.facebook.com/barbarossamusic
www.myspace.com/barbarossauk
Interview: -Annett Bonkowski-
Fotos: -Pressefreigaben-
Barbarossa
Aktueller Tonträger:
Bloodlines
(Memphis Industries/Indigo)
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