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Interview-Archiv

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FRANZ FERDINAND
 
Glasgow ist ein raues Pflaster
Franz Ferdinand
Entspanntheit und ein offenes Lächeln machen sich im Gesicht von Franz Ferdinand-Gitarrist Nick McCarthy breit, als wir diesen vor der einzigen Deutschland-Show seiner Band in diesem Jahr in Berlin treffen. Grund zur guten Laune hat er allemal - veröffentlichte er mit seinen drei schottischen Freunden und Kollegen doch gerade das vierte Album der Bandgeschichte "Right Thoughts, Right Words, Right Action" und machte damit nach einem etwas müde wirkenden Zwischenstopp des dritten Werks wieder scheinbar alles richtig. Die zwar lobenswerte, aber wenig zündende Experimentierfreude ist einem neu gewonnenen Enthusiasmus gewichen, der die Songs lebhaft und vor allem unbeschwert wirken lässt. Nach zehn Jahren kehrt das Quartett an den Ort zurück, an dem es seine erste Show außerhalb von UK spielte und ist zudem das i-Tüpfelchen des "Glasgow Weekends" in Berlin, das die Kultur- und Musikszene der schottischen Heimat der vier Musiker feiert. Mit einem Augenzwinkern und freundlichen Knurren in der Stimme verrät uns Nick McCarthy zu Beginn des Gesprächs, dass er es hasst über Musik zu reden. Nur um gleich darauf den charmanten Alleinunterhalter mit viel Wortwitz zu miemen, der uns gedanklich auf eine Reise mit nach Glasgow nimmt, anschaulich bizarre Fahrraderlebnisse schildert und uns erklärt, warum es sich im Leben lohnt, auch einmal gegen den Strom zu schwimmen.
GL.de: Der Startschuss zum "Glasgow Weekend" ist gefallen. Heute Abend seid ihr so etwas wie die musikalischen Botschafter jener Stadt, von der ihr als Band aus in die Welt hinausgezogen seid. Mit welcher Botschaft seid ihr nach Berlin gereist?

Die Botschaft, die wir für alle Berliner mitgebracht haben, existiert allein in Notenform. Musik liegt in der Luft! Das war schon immer unsere einzige Botschaft. Wir wollten noch nie etwas anderes von der Musik, als unsere Songs vor einem Publikum zu spielen.

(Die Lautsprecher im Dressing Room knacken: "Der Bühnenmeister bitte zur Bühne!" - "Oh, das bin ich", lacht McCarthy.)

GL.de: Inwiefern fühlt ihr euch der Musikszene und Kultur Glasgows auch nach all den Jahren immer noch verbunden?

Glasgow besitzt eine pulsierende Musikszene. Was mich am meisten daran reizt, ist die musikalische Vielfalt, die es dort gibt. Ich hoffe, unsere Musik hat auch etwas davon abbekommen und geht nicht nur streng in eine Richtung.

(Wieder eine Lautsprecherdurchsage: "Bitte ein Kollege der Maschinerie zur Bühne! - "Das bist du!", scherzt der gut aufgelegte Franz Ferdinand Gitarrist.)

Ich liebe es in Glasgow zu sein. Es ist so ein interessanter Ort, an dem man viel Spaß haben kann. Auf der anderen Seite ist es so grau und regnerisch, dass man kaum glauben mag, dass dort künstlerisch gesehen so viel passiert. Vielleicht sind das aber auch die besten Voraussetzungen dafür, dass Leute sich zurückziehen, um kreativ zu sein. Man verbringt automatisch viel Zeit drinnen. Außerdem fühlen sich viele Künstler von der Stadt angezogen, weil es dort vergleichsweise billig ist zu leben. Man kommt völlig damit aus, nur zwei oder drei Tage in der Woche arbeiten zu gehen und den Rest der Zeit kann man seinen jeweiligen künstlerischen Neigungen nachgehen, bis man seinen Traum irgendwann lebt oder loslässt. In London hätte man dagegen überhaupt nicht die Möglichkeit, sich so intensiv mit seiner Musik zu beschäftigen, weil man dazu gezwungen ist, die hohen Lebensunterhaltungskosten zu decken. Berlin und Glasgow sind sich vermutlich sehr ähnlich, was das angeht. Mit der Ausnahme, dass ihr wenigstens einen richtigen Sommer habt. (lacht)

GL.de: Dieser Punkt geht eindeutig an Berlin.

Wir hatten dieses Jahr aber auch endlich einmal so etwas wie einen Sommer! Das war sehr schön, aber auch einer der Gründe, warum es so viele gewalttätige Auseinandersetzungen gab. Die Leute saßen einfach viel zu lange in der Sonne herum und haben währenddessen Alkohol in sich hineingeschüttet. Das geht ja bekanntlich niemals gut.

("Bitte ein Kollege vom Ton zur Bühne!" - "Damit haben wir nichts zu tun“, erklärt McCarthy ohne zu zögern.)

Ich bin kein Freund von Schlägereien oder physischen Auseinandersetzungen jeglicher Art. Da versuche ich mich so gut es geht rauszuhalten, was in Glasgow manchmal gar nicht so einfach ist. Als ich damals von München nach Glasgow gezogen bin, gab es schon aufgrund meiner Lebensweise ein wenig Konfliktpotenzial. In München ist es vollkommen normal mit dem Fahrrad zu fahren und alle Leute machen so einen gesunden Eindruck, weil sie ständig in die Berge fahren und auf ihre Fitness achten. In Glasgow ist genau das Gegenteil der Fall. Niemand benutzt Fahrräder! Du wirst ausgelacht, wenn dich jemand damit erwischt. Heute ist das vielleicht nicht mehr ganz so der Fall, aber damals konnte man sich nicht mit einem Fahrrad blicken lassen. Bei einem meiner ersten Ausflüge mit dem Rad wurde ich von einem Typen angegriffen, der mir nur deswegen ins Gesicht geschlagen hat, weil er den Anblick nicht ertragen konnte. Er kam wie aus dem Nichts mitten auf die Straße gerannt und hat mir mit den Worten "Fucking bike!" eine verpasst.

GL.de: Eine ziemlich heftige Reaktion, die dir den Spaß am Fahrradfahren vermutlich im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Schlag verdorben hat, oder?

Absolut. Dinge wie diese passieren dort ständig. Glasgow ist schon ein schwieriges Pflaster, was das angeht. Man kann nicht einfach machen, was man will. Einige Sachen, die hier als normal gelten, sind dort völlig unvorstellbar. Ich könnte mich mit diesem Shirt hier auch nicht auf der Straße blicken lassen (zeigt auf sein großflächig mit Noten bedrucktes Hemd). In meiner Zeit in München habe ich mich bewusst verrückt angezogen, weil es einfach keinen interessiert hat, wie du rumläufst. Niemand hat auch nur annähernd darauf reagiert. Als Teenager will man natürlich wahrgenommen werden und ich habe mir irgendeine Form der Reaktion gewünscht. Selbst, wenn diese negativ ausgefallen wäre. In Glasgow wiederum wird man schnell abgestempelt und bekommt sein Fett weg.

GL.de: Auch in musikalischer Hinsicht? Oder herrscht da eine größere Toleranz mit mehr Respekt untereinander?

Das gilt auch für die Musik. Man muss schon ein dickes Fell haben und selbstbewusst sein, um in einer Gegend wie dieser klarzukommen. Wenn man da auf die Bühne geht, sich introvertiert gibt und irgendeinen Mist vor sich hin spielt, dann bekommst du mit Sicherheit vom Publikum direkt die Quittung dafür, indem es dich auslacht. Das ist schrecklich, aber die raue Wahrheit.

GL.de: Und damit kommst du als Musiker gut klar? No risk, no fun?

Auch wenn die Stadt vom Charakter her sehr direkt ist und manchmal etwas grausam sein kann, liebe ich es, dort zu sein. Das Publikum gehört zu einem der besten, die ich kenne. Wenn man als Band auf der Bühne steht, rufen einem die Leute ständig Sachen zu und teilen dir mit, was sie gerade fühlen. Man wird fast schon schikaniert und gleichzeitig unter Druck gesetzt, sein Bestes zu geben, was einen natürlich ungemein anspornt. Wenn man weiß, wie man damit umzugehen hat, dann kann das sehr unterhaltsam sein! Ich kenne kein anderes Publikum auf der Welt, das so offen mit seinen Gefühlen umgeht.

Franz Ferdinand
GL.de: Was macht die Stadt für dich besonders liebenswert, einmal von der rauen Schönheit und den verbalen Keulen abgesehen, die einen unweigerlich treffen?

Was mir gut an Glasgow gefällt, sind all die tollen Geschichten, die man dort aufschnappen kann. Es gibt immer jemanden, der dir eine interessante und meist sehr lustige Geschichte erzählen kann und die Stadt ist voll davon. Du kannst praktisch jeden auf der Straße danach fragen und bekommst ständig neue zu hören. Das macht gerade das Taxifahren in Glasgow so toll!

Die ganze Gewalt hingegen ist ein echtes Problem. Das ist vermutlich die einzige Sache an Glasgow, die ich absolut verabscheue. Es ist unglaublich, wie sehr Schlägereien und schlimmere Delikte Überhand genommen haben. Es gibt Kinder, die mit Messern umher rennen, als wäre das ganz normal. Ein Freund von mir wurde einmal von zwei 15-Jährigen angegriffen, die ihm mehrfach in den Rücken gestochen haben, was er zum Glück schwer verletzt überlebt hat. Ein anderes Mal wurde einem Bekannten von mir mit der Machete das Gesicht zerschnitten. Er ist so ein netter, ruhiger Kerl und er wollte einfach nur nach Hause gehen. Das ist doch verrückt!

GL.de: Auf jeden Fall eine Realität, die man gerne durch positivere Bilder ersetzen möchte. Heute Abend werdet ihr Glasgow zum Glück in ein besseres Licht rücken. Schon eine Idee, wie ihr das Publikum davon abhalten werdet, auf den roten Sitzpolstern zu ruhen, die gerade dazu einladen Gemütlichkeit weilen zu lassen?

Ich fürchte, wenn alles nichts nützt, muss ich mich auf jeden Einzelnen werfen und ihn von seinem Stuhl zerren! Die Leute werden also hoffentlich nicht sitzenbleiben, sonst hätte das böse Folgen für sie! Es ist nicht so einfach, wenn man als Band an einem Ort spielt, an dem es so viele Sitzplätze gibt. Ich bin immer froh, wenn sich das vermeiden lässt. So lange alle aufstehen, ist alles gut. Normalerweise ist das bei unseren Shows auch kein Problem. Da wird selten herumgesessen. Unsere Musik ist nicht darauf ausgelegt, dass man still dasitzt. Man muss sich schon etwas dazu bewegen. Außerdem ist die Show heute Abend recht früh angesetzt. Da sind die Leute noch frisch und haben sich noch nicht im Alkohol verloren. (lacht) Die Volksbühne ist eigentlich perfekt für uns. Es ist so ein schöner Ort für ein Konzert. Nur die Sitzplätze hätten sie rausreissen müssen! (lacht) Ich mag es an Orten zu spielen, die eine lange Geschichte hinter sich haben, die auch heute noch darin mitschwingt. Berlin ist wie gemacht dafür.

GL.de: Neue Trends kommen und gehen fast täglich. Gitarrenbands scheinen jedoch nie wirklich aus der Mode zu kommen und halten sich wacker. Auch Franz Ferdinand profitieren in gewisser Weise von diesem ungebrochenen Verlangen nach guter Gitarrenmusik. Meinst du, es wird immer einen Platz für diese Form von Musik geben?

Ja, es wird vermutlich immer Rock Bands geben, die gute Gitarrenmusik machen. Jedenfalls so lange, bis ein anderes Instrument es schafft, diesen Platz einzunehmen. Die Gitarre ist ein Instrument, dessen Spiel sehr viel auf Intuition beruht. Man kann mittels der Gitarre sein ganzes Wesen und seine Seele für andere offenbaren. Blasinstrumente sind da vom Ausdruck her ähnlich und können Gefühle unheimlich gut transportieren. Bei Synthesizern ist das zum Beispiel gar nicht der Fall, auch wenn es Spaß macht, sie zu benutzen. Letztendlich ist es doch das Menschliche, was uns so an guter Musik berührt. Elektronische Musik hat dafür andere Qualitäten, die ich sehr schätze. Ich mache mir ehrlich gesagt keine großartigen Gedanken darum, ob wir nun als Gitarrenband wahrgenommen werden oder nicht. Ja, wir benutzen Gitarren in unseren Songs, aber das ist eher ein Produkt des Zufalls. Wir haben festgestellt, dass Gitarren unsere Songs bereichern und der Klang für uns als Band funktioniert. Gäbe es ein anderes Instrument, das ebenso gut funktionieren würde, hätten wir das auf unseren Alben.

GL.de: Was macht für dich einen guten Gitarrensound aus?

Für mich gibt es zwei komplett gegensätzliche Arten des Gitarrensounds, die mich faszinieren und die ich auch auf dem neuen Album in die Songs miteinfließen lasse. Ich springe gerne zwischen beiden hin und her. Zum einen ist das ein Talking Heads-Sound, der vom Klang her darauf ausgelegt ist, sehr clean zu sein, was mir unheimlich gut gefällt. Damit haben wir auch das neue Album aufgenommen. Dann wiederum spiele ich momentan eine Gibson SG, die auch AC/DC benutzen. Ich liebe den Rock'n'Roll-Appeal dieser Gitarre und die Tatsache, dass ich damit sehr laut und fordernd sein kann. Gleichzeitig könnte ich damit nicht weiter von dem entfernt sein, was die Leute normalerweise von mir gewohnt sind. Ich liebe das! Da eine Entscheidung zu treffen, fällt mir sehr schwer.

GL.de: Euer neues Album "Right Thoughts, Right Words, Right Action" hat sich diesen jugendlichen Elan und das Vorwärtsdrängen bewahrt, das euch einst auf die musikalische Bildfläche befördert hat. Wie schafft man es, nach vier Alben daran festzuhalten und sich dennoch als Künstler weiterzuentwickeln?

Ich bin sehr mit unserem neuen Album zufrieden, auch was meine Entwicklung als Musiker angeht. Mir gefällt es, dass wir nach all den Jahren noch frisch klingen können. Über die Zeit sind wir mit unserer Musik immer ernsthafter geworden und wir haben es alle sehr genossen, uns davon zu befreien und den Spaß zurückzuholen. Natürlich schleichen sich nach so vielen Jahren ein paar Gewohnheiten ein, gerade was das eigene Spiel betrifft. Da muss man manchmal schon sehr kämpfen, um daraus auszubrechen und die ganze Angelegenheit auch für sich selbst interessant zu gestalten. Sei es der Einsatz von anderen Instrumenten oder eine andere Herangehensweise ans Songwriting selbst. Dieses Mal haben wir alle Songs zunächst auf der Akustikgitarre geschrieben, was Neuland für uns war. Wir haben uns gefühlt, als würden wir um ein imaginäres Lagerfeuer herumsitzen und im Einklang "lalala" singen. (lacht)

GL.de: Was für eine Vorstellung! Und statt euch am Lagerfeuer-Vibe zu verbrennen, habt ihr stattdessen musikalisch neues Feuer entfacht?

Genau! Es war schön, einmal nicht sofort in die Vollen zu gehen, sondern die ganzen Beats und alles weitere später hinzuzufügen. Wir hatten also zuerst Akustik-Versionen der Songs und haben erst danach so eine Art Dance-Cover-Songs daraus gemacht, was ziemlich gut funktioniert hat. Das eigentliche Songwriting ist vergleichsweise einfach für uns. Es erfordert allerdings sehr viel harte Arbeit, die ursprünglichen Ideen dann auch richtig umzusetzen und die Arrangements auszuarbeiten. Das Gefühl muss stimmen und das lässt sich nicht immer auf Knopfdruck erzeugen. Gerade, wenn man schon drei Alben gemacht hat und schnell von bestimmten Dingen gelangweilt ist. Ich glaube schon, dass auch unser neues Album immer noch sehr nach Franz Ferdinand klingt oder nachdem, was unsere Fans mit unserer Musik verbinden. Für mich persönlich hat sich jedoch vieles im Zusammenhang damit verändert, wie wir unsere Songs anpacken.

GL.de: Ist der Gedanke, dass ihr als Band so etwas wie eine klangliche Identität besitzt, die eure Musik definiert und ihr einen bestimmte Wiedererkennungswert verleiht, eher beruhigend oder abschreckend für euch?

WIr können nichts dafür, aber wir haben als Band natürlich auf eine gewisse Art und Weise einen musikalischen Charakter entwickelt, der uns anhaftet. Das hat viel damit zu tun, wie wir zwischenmenschlich miteinander agieren und mit der Tatsache, dass wir ein eingespieltes Team sind, was unsere Arbeitsweise angeht. Da passiert es wohl automatisch, dass sich bestimmte Charakteristiken entwickeln, die mal weniger stark, mal sehr direkt in den Songs zum Ausdruck kommen. Ich mag es, wenn eine Band einen Wiedererkennungswert besitzt. Irgendetwas, das einem sofort sagt, wen man da gerade hört. Eine gute Band schafft es, das ganz ohne Zwang zu haben. Alles andere ist auch total langweilig und endet damit, dass man sich ständig wiederholt. Gibt es jedoch ein kleines Detail oder Merkmal, das so typisch für eine Band ist, ohne dass man dieses vielleicht sofort deutlich ausmachen kann, dann ist das doch schön. Ich hoffe, dass wir genau das auch mit unserer Musik erreichen. Wir haben bei "Right Thoughts, Right Words, Right Action" versucht, so offen wie möglich zu sein. Es ist wie eine Einladung an den Hörer mitzukommen und sich dann von den Songs tragen zu lassen. Sie transportieren ein Gefühl von Leichtigkeit... also im übertragenen Sinne, nicht inhaltlich! (lacht) Ich finde, wenn man erst einmal eine Platte gemacht hat, die genau diese Leichtigkeit und ein gutes Maß an Unterhaltung mitbringt, dann hat man als Musiker auch das Recht das Publikum bei den Shows aus ihren Sitzen zu reißen, wenn sie nicht aufstehen wollen... Get out of your seat, you fucker! (lacht)

Franz Ferdinand
GL.de: Fällt es nach so vielen Jahren im Musikbusiness leichter, sich von diesem klanglichen Image und den daran geknüpften Erwartungen zu lösen oder ist die Herausforderung und damit die Anstrengung größer, daran festzuhalten?

Es ist definitiv leichter, sich von den alten Herangehensweisen zu verabschieden als Wege zu suchen, mit diesen eingefahrenen Vorstellungen neue Songs zu schreiben. Das ist unglaublich ermüdend. Man muss bereit sein, Veränderungen zuzulassen. Die größte Herausforderung dabei ist dieses einmal um sich herum gesteckte, typische Klangfeld zu erweitern, ohne dass man es ganz aufgibt und sich als Künstler selbst verrät. Schließlich sind Songs ein Ausdruck deiner Identität und die lässt sich schwer abschütteln. Meistens sind es eher die kleinen Zufälle, die dazu führen, dass man sich ein stückweit davon entfernt bzw. weiterentwickelt. Alles andere wäre auch nicht sehr authentisch. Nur weil man nach einer gewissen Zeit anfängt, die alten Arbeitsmethoden als langweilig zu empfinden, heißt das ja nicht, dass man seine Einstellung oder seine Person komplett verändern möchte. Es geht vielmehr darum, neue Facetten zum Vorschein zu bringen und Raum für kleine Veränderungen zu schaffen. Das heißt nicht, dass die liebgewonnenen Dinge ihrer Form nach nicht erhalten bleiben können. Mein Gitarrenspiel wird sich für viele Leute da draußen wahrscheinlich gleich anhören, aber ich habe es trotzdem aus einem anderen Blickwinkel heraus angepackt. Damit ihr's wisst! (lacht)

GL.de: Eine Band wird gerne an ihren Vorreitern, aber natürlich auch an ihrem eigenen Schaffen der Vergangenheit gemessen und beurteilt. Dein vorheriger Kommentar klingt fast wie ein Eingeständnis, dass man als Musiker nur begrenzt aus seinem Wirkungsraum ausbrechen kann.

Das stimmt. Wir können als Band nur schwer einen neuen Sound von grundauf erfinden. Die Popmusik lebt schließlich davon, sich zu wiederholen und stückweit Altes in einen modernen Kontext zu setzen, woraus sich hoffentlich etwas Spannendes ergibt. Wir wissen, dass wir keine Wegbereiter auf diesem Gebiet sind. Trotzdem empfinden wir es als wichtig, den Prozess des Songwritings so neu und interessant wie möglich für uns zu gestalten. Dazu gehört die ständige Suche nach Wegen und Mitteln, die uns dabei helfen musikalisch nicht einzurosten und das Wichtigste dabei - nicht in ein bestimmtes Muster zu fallen, dass man nur noch automatisch abspulen muss.

GL.de: Wie stellt ihr das am besten an?

Wir hören uns sehr viel Musik von anderen Künstlern an und schauen uns an, wie sie ihre Ideen umsetzen. Das hilft dabei, den eigenen Horizont zu erweitern. Ich setze mich gerne hin und analysiere Songs, um herauszufinden, was sie so besonders macht. Ich frage mich immer "Wo ist der Trick?". Und wenn ich ihn gefunden habe, dann klaue ich ihn einfach! (lacht) Selbst wenn man versucht, solche Dinge zu kopieren, hört es sich selten wie das Original an, weil die Umstände letztendlich ganz andere sind. Der Reiz liegt eher darin herauszufinden, was in den leicht festgefahrenen Strukturen des eigenen Schaffens möglich ist und wie man bestimmte Einflüsse für sich selbst nutzen kann, ohne diese haargenau zu kopieren. Zuhören heißt für mich, dazuzulernen. Für mich ist das der beste Weg, um musikalisch nicht auf der Stelle zu treten.

GL.de: "Right Thoughts, Right Words, Right Action" - seid ihr auf die Formel gestoßen, was richtig und was falsch im Leben ist und habt nun daraus eine Anleitung in Songform gebastelt?

Ich wünschte, wir hätten so eine Formel! Sagen wir es mal so - es lässt sich vieles hinein interpretieren und das ist immer der beste Ausgangspunkt, um etwas für sich persönlich daraus mitzunehmen, wie ich finde. Was mir jedoch am besten daran gefällt, ist die Tatsache, dass der Bandname auf dem Cover genau in die entgegengesetzte Richtung von alldem geht, was wir so großspurig vorneweg schicken. Diese Einstellung ist für uns am gesündesten. Selbst wenn man genau weiß, dass dieses oder jenes der vermeidlich "richtige" Weg im Leben ist, spricht doch nichts dagegen, auch einmal bewusst die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, um herauszufinden, was dieser Weg für einen bereithält. Ich möchte niemanden und schon gar nicht mir selbst vorschreiben, was richtig oder falsch im Leben ist. Der Albumtitel erinnert mich von der Art her ein wenig an einen dieser Kalendersprüche, die einen kleingedruckt moralische Werte mit auf den Weg geben. Es ist doch komisch, dass einem diese kleinen Zettel vorschreiben, was man zu tun oder zu lassen hat. Schon allein aus dem Grund folge ich nie dem, was man darauf lesen kann. (lacht)

GL.de: Da kommt das Temperament und die raue Natur Glasgows wieder zum Vorschein...

(lacht) Als ich in München aufgewachsen bin, gab es sehr viele Leute, die diese Art von Kalendern bei sich rumhingen hatten und völlig selbstverständlich jeden Morgen als Ritual einen neuen Zettel mit einer kleinen Weisheit abrissen, als könnten sie den Tag nicht ohne diese Tradition beginnen. Ich wundere mich noch heute darüber, wie diese Einzeiler so viel Anziehungskraft ausüben können, dass sich so viele Menschen an diesen recht banalen Sprüchen festhalten und denken, sie würden dabei etwas über das Leben lernen. Ganz ehrlich, Sprüche wie "Finde den perfekten Parner" haben doch noch nie jemanden geholfen! Schon allein aus dem Grund, weil es diesen perfekten Partner nicht gibt. Hallo Leben! Es ist für mich unverständlich, wie man solche Sprüche ernstnehmen kann. Richtige oder falsche Entscheidungen definieren sich bestimmt nicht über moralisch-philisophische Floskeln, die man auf Kalendern findet. Wer schreibt denn bloß sowas und steckt dahinter? Ich wüsste das nur allzu gerne! Wie skurril, dass einem Kalendersprüche dabei helfen sollen, das Leben zu meistern. (lacht)

GL.de: Dafür gibt es doch Freunde im Leben, die einem zur Seite stehen.

Ja, obwohl das auch nicht immer von Vorteil ist. Ich habe einen Freund, der mir gerne Ratschläge gibt. Das Problem dabei ist, dass er denkt, er würde mir konstruktive Kritik geben. Die Realität sieht aber so aus, dass er mir ständig auf eine sehr direkte Art und Weise mitteilt, was er nicht gut findet. Er wirft mir quasi seine Meinung an den Kopf, ohne mir Alternativen aufzuzeigen. Ich schätze seine Ehrlichkeit und nehme es mit Humor, aber im Grunde genommen putzt er mich dauernd herunter! (lacht)

GL.de: Was wirft er dir denn vor?

Von ihm kommen Sprüche wie "Deine neue Frisur lässt dich ziemlich alt aussehen!" oder "Ist es nicht erstaunlich, dass die Leute sofort aufhören zu tanzen, wenn ihr einen neuen Song spielt?". Er macht das wirklich jedes Mal, wenn ich ihn treffe! Jetzt lache ich darüber, aber es gibt Momente, da ist das weniger witzig. Ich versuche das im Nachhinein einfach mit Humor zu nehmen. Ich bin aber auch schon oft nach unseren Treffen nach Hause gegangen und habe mir den Kopf über seine Sprüche zerbrochen, weil ich dachte, er hat vielleicht Recht. Mir ist aufgefallen, dass die Menschen in Deutschland auch immer sehr unverblümt ihre Meinung zum Besten geben. Sie sind sehr ehrlich, aber das hilft einem manchmal eben nur bedingt weiter. Ich weiß nicht genau, was besser ist... der direkte Weg oder die feine englische Art, alles vornehm zu verschleiern. (lacht)

GL.de: In jedem Fall ein gesundes Mittelmaß und die Gewissheit, dass man trotz so herber Kommentare am Ende immer noch selbst entscheiden darf, was richtig oder falsch ist. Das einzig Richtige für das im Anschluss stattfindende Konzert wäre deiner Meinung dann...?

...an nichts anderes als die Musik zu denken! Das beste an Konzerten ist, dass man für eine kleine Weile alles loslassen kann, was einen im Alltag beschäftigt. Im besten Fall versetzt man sich durch die Musik in einen Zustand, der es einem erlaub, völlig frei aufzuspielen. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn man sich einfach nur vom Moment leiten lässt. Das gleiche gilt auch für das Publikum. Ich hoffe, dass niemand zu unseren Shows kommt und darüber grübelt, was wir da gerade tun, sondern sich mitreißen lässt. Du kannst uns lieben oder hassen, aber lass dich gefälligst fallen. Egal, welche Emotionen aufkommen, sie sollten eine Momentaufnahme und kein durchdachtes Resultat dessen sein, was der Kopf sagt.

Weitere Infos:
www.franzferdinand.com
www.facebook.com/officialfranzferdinand
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www.twitter.com/Franz_Ferdinand
Interview: -Annett Bonkowski-
Fotos: -Pressefreigaben-
Franz Ferdinand
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