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INGER NORDVIK
 
Frei in Berlin
Inger Nordvik
Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Gäbe es sie nicht bereits, dann müsste man die in Berlin residierende norwegische Songwriterin Inger Nordvik dringend erfinden. Nicht, weil sie - wie viele ihrer musizierenden Landsfrauen - angenehm temperierten, melancholischen Mädchen-Folkpop mit Americana-Tendenzen dahersäuselt und sicherlich auch nicht, weil sie besser Deutsch spricht als gewöhnliche AfD-Wähler; sondern weil sie eine ganz eigene musikalische Vision entwickelt hat und diese auf eine sympathisch unbefangene, aber höchst originelle Weise implementiert. Dabei ist es gar nicht so einfach, das, was Inger Nordvik auf ihrem faszinierenden Debüt-Album "Time" musikalisch leistet, adäquat in Worte zu fassen, denn ihren ureigenen Mix aus Kook-Pop, Jazz, Klassik und liturgisch anmutenden Gospel-Ansätzen hat es in dieser Form noch nicht gegeben - weswegen Vergleiche mit anderen Musikerinnen zwangsläufig in die Irre führen müssten.
Die Frage ist, wie Inger eigentlich zu ihrem ungewöhnlichen Ansatz gefunden hat? "Ich habe in Oslo klassischen Gesang studiert und ich wollte eigentlich in Deutschland auch damit weiter machen und meinen Master in klassischer, alter und Barock-Musik machen. Ich habe mich dann aber entschieden, dass ich doch lieber eigene Lieder schreiben wollte. Die Richtung hat sich dann also sozusagen geändert." Und was ist mit dem Jazz? Denn für die Produktion des Albums "Time" tat sich Inger ja mit den Jazzern Karl-Erik Enkelmann und Dag Magnus Nervesen zusammen. "Jazz habe ich gar nicht studiert", räumt Inger ein, "aber ich habe mich immer für Jazz interessiert. Das hat schon mit 15/16 Jahren angefangen - mit Nina Simone, Ella Fitzgerald und Keith Jarret oder Jan Garbarek. Ich mochte diese nordische Jazz-Tradition, die ein wenig mit Folk gemischt ist. Das war immer ein großes Interesse von mir und ich habe auch immer schon viel auf dem Klavier improvisiert." In Ingers Bio sagt sie, dass sie sich besonders für Barock- und Alte Musik interessiert habe, weil man darin interpretatorisch mehr Freiheiten habe, als in der klassischen Musik. Wie ist das denn gemeint? "Das ist so, dass bei dieser Art von Musik die Vorgaben weniger streng sind", erläutert Inger, "die Noten sind dabei auch eher Entwürfe. Es gibt natürlich Regeln und es gibt Diskussionen, wie man diese interpretieren sollte. Improvisation war aber immer ein großer Bestandteil dieser Musik - auch damals schon. Man soll auch den Gesang variieren. Das hat dann mehr von Volksmusik als von klassischer Musik. Man hat dabei also sehr viel Freiheiten. Ich glaube sowieso, dass auch klassische Musik ursprünglich gar nicht so streng war - das kommt durch die starke Institutionalisierung. Ich finde das ein wenig schade."
Inger Nordvik
Inger ist in einer kleinen Stadt in Nordnorwegen als Tochter eines Pfarrers aufgewachsen und hat die Musik teilweise auch dort in zwei alten Kirchen eingespielt. Kommen daher vielleicht die liturgische Anmutung und die Gospel-Vibes, die in ihren Songs teilweise zum Tragen kommen? "Das glaube ich eigentlich nicht", zögert Inger, "ich war zwar viel in der Kirche, weil mein Vater ja ein Pfarrer war - aber in der protestantischen Kirche in Norwegen gibt es eigentlich keine Gospel-Traditionen - eher schon Volksmusik. Ich glaube dass die Gospel-Sachen eher von meinem Interesse am Jazz herrühren - besonders was die Grooves betrifft." Bei all dem darf nicht vergessen werden, dass Inger als Songwriterin weder Klassik, noch Jazz, noch Gospel in Reinkultur bietet. Was hat sie denn inspiriert, in die kontemporäre Songwriter-Richtung zu gehen? "Als Songwriterinnen haben mich Kate Bush und Joni Mitchell schon beeinflusst", erinnert sich Inger, "es ist teilweise schon Pop-Musik - aber sehr freie, die auch oft über Grenzen geht. Was mich bei Kate Bush begeistert hat, als ich mit 14 oder 15 ihr erstes Album 'The Kick Inside' hörte, war die Art, wie sie ihre Melodien und den Gesang in diesem hohen Stimmbereich angelegt hat. Auch Joni Mitchell hat so einen hohen Stimmbereich. Und damit gibt es mehr Möglichkeiten in den Melodien - und das finde ich faszinierend." Diese Technik wendet Inger ja in Perfektion selber auch an. Ihre Melodien folgen eigentlich nie dem üblichen Strophe/Refrain-Schema konventionellen Songwritings, sondern finden mäandernd und schlängelnd zum Ziel. Entstehen vielleicht auch die Gesangmelodien durch Improvisationen? "Ja", bestätigt Inger, "schon bevor ich auf die Idee gekommen bin, eigene Songs zu schreiben, habe ich schon viel mit der Stimme improvisiert - manchmal ohne Worte, aber mit der Zeit auch mit Texten. Ich arbeite grundsätzlich sehr frei. Es ist gar nicht bewusst, aber ich denke, wenn ich zurückblicke, dann habe ich immer diesen freien Raum im Kopf, wenn ich Songs schreibe." Lief die Zusammenarbeit mit den Musikern auf einer ähnlichen Basis ab? "Ja, die Arrangements und Melodien standen zwar schon fest, aber ich habe denen gar nicht gesagt, was sie machen sollten. Wir haben viel ausprobiert, kamen aus verschiedenen Richtungen und haben uns dann in der Mitte getroffen. Im Studio haben wir dann verschiedene Takes eingespielt - und ich habe dann entschieden, in welche Richtung es gehen sollte und wie die Songs am besten rauskommen sollten, denn bei mir geht es immer um Kommunikation."
Inger Nordvik
Obwohl die Songs grundsätzlich im Trio-Format eingespielt wurden, gibt es pro Song jedoch meistens einen zusätzlichen Akzent, der für zusätzlich Klangfarben sorgt. Beispielsweise ein Saxophon, ein Cello, ein Chor oder Streicher. "Ja, das habe ich mir ausgesucht", erläutert Inger, "ich habe mir immer überlegt, was das Lied brauchen könnte. Wie könnte ich Text, Themen oder Melodie mit mehr Klangfarben unterstützen?" War das ein Bestandteil des Songwritings? "Nein - aber als ich die Songs arrangierte, habe ich dann sozusagen Streicher im Kopf gehört. Das war alles ziemlich intuitiv. Ich habe da gar nicht so viel gedacht, sondern eher gefühlt. Vielleicht soll man auch gar nicht so viel nachdenken und definieren - sonst geht die Magie vielleicht weg." Wonach sucht Inger denn als Songwriterin? "Ich glaube, das ist immer sehr intuitiv und emotional", überlegt Inger, "es fängt auf jeden Fall immer mit etwas sehr Spontanem an. Und es ist immer etwas Persönliches - auch wenn es um politische Themen geht. Es ist aber wichtig, dass ich die Ideen, die Melodien, die Texte und die Gefühle gleich nutze. Auch wenn ich die Ideen dann weiter entwickele, ist es wichtig, dass das Gefühl immer die Basis bildet - und auch dann, wenn ein Lied fertig ist, das ursprüngliche Gefühl immer noch da ist."

Worüber singt Inger eigentlich? Es kommt ja häufiger vor, dass sie über andere Personen spricht - aber singt sie nicht im Grunde genommen doch eher über sich selbst? "Es entsteht natürlich alles aus meinen Emotionen", überlegt Inger, "in dem Song 'Elser' singe ich über den Widerstandskämpfer Georg Elser, weil ich den Film über ihn gesehen habe, und dieser Film hat eine Emotion in mir ausgelöst, als ich darüber nachdachte, was ich in der Position Elsers selber getan hätte - und darüber singe ich in dem Song. Es ist also alles persönlich, was ich singe." Ist Inger eigentlich mit dem Anspruch als Songwriterin angetreten, etwas machen zu wollen, was es vorher noch nicht gegeben hat? "Darüber habe ich nie so viel nachgedacht", gesteht sie, "aber ich denke, es hat mir geholfen nach Berlin zu kommen. Denn Berlin ist auch sehr frei. Hier macht jeder was er will und das war sehr wichtig für mich, um dieses Songwriting weiter machen zu können, weil mir da klar wurde, dass ich das tatsächlich machen könnte und gar nicht mit der klassischen Musik weiter machen müsste." Was war dann für Inger die größte Herausforderung? "Am Anfang hatte ich viele Herausforderungen", erinnert sie sich, "denn als ich die Entscheidung getroffen habe, als Songwriterin zu arbeiten, war es die größte Herausforderung, auf eine Bühne zu gehen - weil ich gar nicht wusste, was mich da erwartete. Das war sehr aufregend. Ich hatte also viel Angst und ich musste über diese Schwelle kommen. Dann ist es aber gut gelaufen und als ich bei meinem ersten Open-Mike-Auftritt in Berlin merkte, dass ich nachher immer noch lebte, war das dann okay und hat sich langsam so weiter entwickelt. Es hat viel Zeit gebraucht, dieses Selbstvertrauen zu entwickeln, dass ich auch Lieder schreiben kann und diese auf einer Bühne vor einem Publikum singen kann." Nun - zum Glück hat sich Inger diese Zeit genommen. Nun ist es an der Zeit, den nächsten Schritt zu wagen, und mit dem Material von "Time" auf Tour zu gehen.

Weitere Infos:
www.ingernordvik.com
www.facebook.com/ingernordvikmusic
www.instagram.com/ingernordvik
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Inger Nordvik
Aktueller Tonträger:
Time
(Asta/Broken Silence)

 
 

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