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HALF WAIF
 
"Der einzige Weg, den ich kenne, ist mein eigener"
Half Waif
Intim, unverfälscht, majestätisch - mit "The Caretaker", dem vierten Album ihres Projekts Half Waif, gelingt Nandi Rose Plunkett der perfekte Brückenschlag zwischen kühler elektronischer Eleganz und dunkel funkelnden Emotionen. Bruchlos lässt die amerikanische Electro-Pop-Visionärin mit indisch-ugandischen Wurzeln auf ihrer vierten LP Beats aus der Dose und Synthesizer mit Klavier, Gitarre, Streichern, Querflöte, Klarinette und (Kontra-)Bass in einem herrlich ambitionierten Art-Pop zusammenfließen, der mit sorgfältig ausgefeilten Melodien und tiefempfundenen, kraftvoll-poetischen Texten Kopf und Herz gleichermaßen ins Visier nimmt und mit pulsierenden Breitwand-Arrangements das auf dem Vorgänger "Lavender" vor zwei Jahren Begonnene in höhere Sphären trägt. Dabei findet sie wie einst Patti Smith Sinn und Bedeutung in kleinen Details und macht in der Rolle des "Caretaker" aus persönlichen Erfahrungen und Ängsten universelle Wahrheiten. Ganz nebenbei entpuppt sich das Album auch noch als idealer Soundtrack für das Leben in Zeiten der Kontaktsperre.
Als Plunkett vor knapp zwei Jahren damit begann, allein daheim in Upstate New York Lieder zu schreiben, die das Gefühl eines sich verlangsamenden Lebens aufgreifen, nicht selten um das Thema Isolation kreisen und Antworten auf die Frage suchen, wie sich zwischenmenschliche Beziehungen mit der Zeit verändern, konnte sie natürlich nicht ahnen, wie brandaktuell diese Gedanken im Zuge der Restriktionen gegen die Ausbreitung des Coronavirus sein würden. Vielleicht auch deshalb nimmt sie die Pandemie-bedingte Absage ihrer US-Tournee trotz verständlicher Enttäuschung und Sorge um die finanziellen Auswirkungen bewundernswert gelassen. In einem kleinen Essay für die Kollegen von Esquire kann sie der globalen Krise sogar fast noch positive Seiten abgewinnen und freut sich über den Back-to-the-roots-Charakter der derzeit auf allen Social-Media-Kanälen aus dem Boden schießenden Web-Konzerte. Auch sie selbst wird am Veröffentlichungstag ihrer neuen Platte (27. März 2020) gemeinsam mit ihrem Ehemann Zack Levine - wie sie selbst sonst auch bei Pinegrove aktiv - live in ihrem Wohnzimmer im Hudson Valley auf Sendung gehen. Fraglos wird sie auch dabei mit der unschlagbaren Melange aus Charisma im Überfluss und liebenswerter Begeisterungsfähigkeit fesseln, die in ihrer Musik genauso allgegenwärtig ist wie bei unserem Interview. Doch der Reihe nach.

Den Grundstein für "The Caretaker" legte Plunkett allein. Denn obwohl sie Half Waif im Jahre 2012 als Solprojekt ins Leben gerufen hatte, konnte sie sich in den letzten Jahren stets auf die Unterstützung ihrer Band verlassen. Auch "Lavender", ihr viel beachtetes 2018er-Album, war das Resultat eines spürbar kollaborativen Prozesses. Doch schon wenige Monate nach der Veröffentlichung der Platte stand Plunkett ohne Mitstreiter da. "Eine Band ist eine echte Herausforderung", sagt sie. "In vielerlei Hinsicht gleicht sie einer romantischen Beziehung, und aus verschiedenen Gründen kamen wir an einen Punkt, an dem unsere gemeinsame Dynamik nicht mehr funktionierte. Wir hatten keine persönlichen Differenzen, denn wir sind alle Freunde, aber es war einfach Zeit für meine Mitstreiter, weiterzuziehen."

Das brachte Plunkett ziemlich in Zugzwang. Um neue Musiker zu finden und mit ihnen für die im September 2018 geplante Europa-Tournee zu proben, fehlte die schlichtweg Zeit, also was tun? Eine Weile spielte sie mit dem Gedanken an eine Absage, entschied sich letztlich aber dafür, die Gastspielreise solo anzutreten - und ist rückblickend sehr glücklich darüber. "Die Tournee war ein Riesenspaß und hat mir das Selbstvertrauen gegeben, das ich brauchte, um meinen Weg allein weiterzuverfolgen", erinnert sie sich. "So hatte ich die Chance, die Führung des Projekts zurückzuerobern und mich um jeden Aspekt des neuen Albums, von der Musik bis zum Artwork, selbst zu kümmern und mir eine ganze Welt für diese Platte auszumalen."

Allerdings hatte Plunkett anfangs schon ein mulmiges Gefühl dabei, so plötzlich auf das "Sicherheitsnetz Band" und helfende Kollaborateure zu verzichten. "Natürlich hatte ich Angst", verrät sie. "Gleichzeitig empfand ich die Erfahrung aber auch als sehr befreiend und bestärkend: wieder allein das Ruder in der Hand zu haben und mit einem Blick auf mich selbst und viel Bedacht genau das zu sagen, was mir vorschwebte und wie es mir vorschwebte. Damit bin ich praktisch zu meiner eigenen Stimme zurückgekehrt."

Doch das war nicht die einzige Veränderung. Die neuen Lieder entstanden in Plunketts kleinem Arbeitszimmer daheim in Chatham, New York, das Songwriting wurde praktisch zu einer jobähnlichen täglichen Routine. "Ich hatte dieses Mal viel mehr Zeit, die Songs zu schreiben", erklärt sie. "Ich war die meiste Zeit zu Hause und saß in dem Raum, in dem ich auch jetzt gerade bin. Er ist winzig, aber ich kann die Tür hinter mir schließen, und so ist er mein ganz eigener Zufluchtsort. Einen physischen Ort zu haben, an dem ich arbeiten konnte, war ein wichtiger Faktor dabei, das Schreiben als tägliche Aktivität zu betrachten. Ich habe mich jeden Nachmittag hierhin zurückgezogen und mich mit allerlei musikalischen Übungen beschäftigt: 'Hey, heute forme ich mal einen Beat allein aus meiner Stimme' oder 'Warum schreibe ich heute nicht mal ein Instrumentalstück?' Ohne die Ablenkung, die Zerrissenheit des Unterwegsseins, hatte ich die Chance, aus einer ganz neuen Perspektive zu schreiben."

Das Arbeiten zu Hause, in einem verlangsamten Tempo und ohne weitere Verpflichtungen, führte dazu, dass sich Plunkett mehr denn je auf die Details der Lieder stürzte und am Ende trotzdem eine große Anzahl Songs hatte, aus denen sie die besten für die neue LP auswählen konnte. Allerdings bedeutete das auch, dass sich das Thema der Platte nur langsam herausschälte. "Das war anfangs ziemlich nervenaufreibend, denn ich wollte wissen, worum es auf der Platte gehen würde", gesteht sie. "Eine ganze Weile lang suchte ich nach einem Thema, nach einem Fokus. Ich wollte dem Projekt auch schon früh einen Titel geben, denn einen Namen für eine Platte zu haben, ist immer ein wichtiger Anker. Bei 'Lavender' stand der Titel bereits sehr früh fest, und das hat mir bei der Arbeit oft den Weg gewiesen. Dass das dieses Mal nicht so war, empfand ich als sehr frustrierend. Rückblickend bin ich mir allerdings sicher, dass es wichtig war, dass sich das Thema erst nach und nach zu erkennen gegeben hat. Deshalb heißt die Platte auch 'The Caretaker', denn nachdem ich all die Songs geschrieben hatte, kam es mir so vor, als gäbe es da diese Figur, diese Erzählerin, die mir Geschichten erzählt - auch wenn ich das letztlich natürlich selbst bin."

Dieses Gefühl rührt vielleicht nicht zuletzt daher, dass der Abstand zwischen Nandi Rose Plunkett, der glücklich verheirateten Frau, und Nandi Rose Plunkett, der Songwriterin, die auch weiterhin gerne die dunklen Ecken der menschlichen Existenz beleuchtet, inzwischen deutlich größer ist als zuvor. "Es stimmt, ich führe eine glückliche Ehe und lebe in geordneten Verhältnissen, aber das Songwriting hat mir schon immer dazu gedient, mich den traurigen, belastenden Emotionen zuzuwenden. Das führt dazu, dass ich diese dunkle Wolke nicht im Alltag mit mir herumtrage." Wie effektiv das sein kann, stellte Plunkett bereits fest, als sie mit 14 die Scheidung ihrer Eltern in niederschmetternden Songs verarbeitete. "Schon da wurde mir klar, was für ein wichtiges Ventil das für mich sein kann."

Auch auf "The Caretaker" verwandelt Plunkett tonnenschwere Emotionen klanglich mit spielerischer Leichtigkeit in ein Gefühl triumphierender Freude - und genau das ist ihr Ziel. "Es ist nie meine Absicht, dass die Lieder depressiv klingen", stellt sie klar. "Sie sind traurig und behandeln eine Menge düsterer Emotionen, aber indem ich mich diesen Gefühlen stelle, überwinde ich sie. Diese Erfahrungen gemacht zu haben, hilft mir, mein Leben mehr zu schätzen. Deshalb ist es mir auch immer wichtig, meine Platten mit einer hoffnungsvollen Note ausklingen zu lassen. 'Window Place' symbolisiert als letzter Song der Platte das Ende einer Reise: Okay, ich habe die Untiefen gemeistert, jetzt ist es Zeit auszuruhen. Nun kann ich mich wieder der Welt stellen, nachdem ich mich so tief in meinem Innersten vergraben habe."

Während für viele Künstler Songwriting und Arrangieren zwei verschiedene Prozesse sind, gehören sie für Plunkett fast immer untrennbar zusammen. "Abgesehen von einigen Ausnahmen wie 'Brace' oder 'Generation', die ihren Ursprung als reine Klavierlieder hatten, sind die Emotionen der Songs fest mit ihrer Klanglandschaft verknüpft", erklärt sie. "Mir ist es wichtig, dass jeder Aspekt der Produktion die emotionale Reise des Songs unterstützt. Deshalb male ich mir in der Regel beides gleichzeitig aus. Ich arbeite viel mit dem Programm Ableton, um mir mithilfe von Midi-Sounds vorstellen zu können, wie etwa Streicher bei einem Lied klingen könnten. Im Studio benutzen wir das dann als Blaupause für den Einsatz echter Instrumente, damit es mehr nach 3D klingt."

In der Tat arbeiten heute immer mehr Künstler ihre Arrangements am Computer aus. Doch ist das für eine klassisch ausgebildete Musikerin nicht seltsam, Töne per Mausklick anstatt mit echten Instrumenten zu erzeugen? Nicht für Plunkett. "Als ich im College Midi-Sounds entdeckte, hat mir das eine völlig neue Welt eröffnet", erklärt sie. "Plötzlich hatte ich diese große Soundpalette zur Verfügung und konnte Parts für Instrumente schreiben, die ich nicht beherrschte oder die ich nicht zur Verfügung hatte. Ich konnte mir anhören, wie es klingen würde, wenn ein Waldhorn eine bestimmte Stelle spielt. Ich fühlte mich allein mit dem Piano nicht nur eingeschränkt, ich befürchtete auch ein wenig das Stigma, das einer weiblichen Singer/Songwriterin am Klavier anhaftet. All diese anderen Sounds zur Verfügung zu haben, hat mir damals geholfen, das 'Mädchen am Piano' hinter mir zu lassen."

Dabei ist Pop für Plunkett kein Schimpfwort. Auf "The Caretaker" fasziniert praktisch jeder Song mit einem Refrain von epischen Ausmaßen - "Vielleicht habe ich es damit etwas übertrieben", sagt Plunkett lachend -, wenngleich die Lieder nichts von der Gleichförmigkeit haben, die viele Mainstream-Produktionen heute gähnend langweilig und zudem vollkommen austauchbar macht. "Mir gefällt es, die Eingängigkeit in eine Soundlandschaft einzuwickeln, die variantenreich und vielleicht ein bisschen mehr durch meine klassische Ausbildung bestimmt ist", sagt sie. "Ich mag die Idee, Einflüsse aus Pop, Folk und Klassik zu verschmelzen. Mit meinen Melodien und Akkordfolgen gebe ich den Menschen, was sie wollen, gleichzeitig sorge ich aber auch dafür, dass es spannend und interessant bleibt. Das Songwriting bringt mir wahnsinnig viel Freude und ist ein ständiger Prozess der Entfaltung, den ich hoffentlich noch lange weiterverfolgen kann."

Nicht zuletzt deshalb ist "The Caretaker" ein Paradebeispiel für kontinuierliche und konsequente künstlerische Weiterentwicklung, ohne dabei in der vagen Hoffnung auf kommerziellen Erfolg durch grandiose U-Turns all das aufs Spiel zu setzen, was zuvor in mühseliger Kleinstarbeit aufgebaut wurde. "Natürlich möchte ich mich weiterentwickeln, aber gleichzeitig möchte ich mir auch als Künstlerin treu bleiben", erklärt Plunkett ihr Credo, auch wenn sie zugeben muss, dass genau das in Zeiten eines immer enger werdenden Musikmarktes oft ganz schön schwierig ist. "Wenn du ständig darin erinnert wirst, dass es wichtig ist, auf bestimmten Spotify-Playlisten zu landen und leicht kategorisierbar zu sein, bekommst du es schnell mit der Angst zu tun und fragst dich: Mache ich alles richtig?", gesteht sie. Zum Glück lässt sie sich davon nicht aus der Ruhe bringen, oder wie sie abschließend lachend sagt: "Der einzige Weg, den ich kenne, ist mein eigener!"

Weitere Infos:
half-waif.com
www.facebook.com/halfwaif
twitter.com/HalfWaif
www.instagram.com/halfwaif
halfwaif.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Half Waif
Aktueller Tonträger:
The Caretaker
(Anti/Indigo)

 
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