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BRIAN FALLON
 
Der Wunsch nach Veränderung
Brian Fallon
Für manche Fans mag der Gedanke schmerzlich sein, aber mit seinem neuen Soloalbum "Local Honey" unterstreicht Brian Fallon, dass die Vergangenheit für ihn abgehakt ist. Abseits der Wucht seiner alten Band The Gaslight Anthem widmet sich der inzwischen 40-jährige Amerikaner auf der betont ruhigeren, oft ein wenig melancholischen Platte ausgiebiger als je zuvor althergebrachten Americana-Traditionen, sorgt aber gleichzeitig auch dafür, dass "Local Honey" nicht angestaubt klingt, wenn er mit unumwundener Ehrlichkeit über die großen Themen - Liebe, Trauer, Schmerz, aber auch Hoffnung - sinniert. Wie es dazu kam, erklärte er uns Ende Februar im Gaesteliste.de-Interview.
Das letzte Soloalbum von Brian Fallon ist gerade einmal zwei Jahre alt, trotzdem macht der Mann aus New Jersey auf "Local Honey" einiges anders. "Es gibt zwei wesentliche Veränderungen", verrät der grundsympathische Singer/Songwriter. "Zum einen bin ich jetzt 40, zum anderen kann ich nun Klavier spielen." Beides hat tiefe Spuren auf dem neuen Album hinterlassen, dass vollgestopft ist mit herrlich zurückgelehnten Songs, die anders als viele Lieder früherer Fallon-Solowerke ganz sicher nicht auf einer Gaslight-Anthem-Platte hätten Platz finden können. "Ich stimme dir zu, das ist in der Tat so", bestätigt Fallon, "und um ehrlich zu sein: Es ist mir nicht leichtgefallen, diese Art von Platte zu machen. Aber nach der Jubiläumstournee mit The Gaslight Anthem im Jahre 2018 hatte ich das Gefühl, dass ich dieses Kapitel nun abgeschlossen hatte. Im Anschluss habe ich mir einfach die Freiheit genommen, etwas anderes zu verfolgen - und zwar genau das, was man jetzt auf dem neuen Album hört."

Die Idee, den Fuß vom Gas zu nehmen und endgültig vom Punk-infizierten Rock ins Singer/Songwriter-Fach zu wechseln, war indes nicht neu. Schon seit Jahren trug sich Fallon mit dem Gedanken, ohne zuvor Taten folgen zu lassen. "Mir fehlte es schlichtweg an Courage", sagt er rückblickend. "Außerdem war ich auch unsicher, ob mir das Publikum diesen Schlenker erlauben und sagen würde: 'Ja, mach mal, das ist cool!'" Doch nicht nur die Fan-Meinung hielt ihn bislang zurück. Auch die Tatsache, dass er zuvor bei einem Majorlabel unter Vertrag stand, das ihm mit der ständigen Frage nach Radiosingles in den Ohren lag, war ein Faktor. Die schon vor dem Einstieg in die tatsächliche Arbeit getroffene Entscheidung, die neue Platte "independent" zu veröffentlichen, wirkte so zusätzlich befreiend. Trends, das wird beim Hören von "Local Honey" schnell klar, sind Fallon inzwischen herzlich egal. Auch das Schielen auf den großen Hit hat er aufgegeben.

Doch allein der Wunsch nach Veränderung führt natürlich nicht zu Erfolg. Etwas Neues ausprobieren zu wollen, heißt schließlich nicht, dass es am Ende auch gelingt. Eine Erfahrung, die auch Fallon machte. "Ich habe Monate und viele, viele Songs gebraucht, bis ich richtig im Prozess drin war", gesteht er. "Manchmal saß ich wochenlang an meinem Schreibtisch - und nichts wollte klappen! Ich habe einfach den ganzen lieben Tag lang Krach gemacht!" Doch wonach sucht Fallon eigentlich heute in seinen Songs und wie hat sich das über die Jahre verändert? "Das Wichtigste für mich ist, dass es ein Lied vollendet anfühlt, das es ein stimmiges Ganzes ergibt", erklärt er. "Außerdem - und das geht mir inzwischen manchmal richtig auf den Keks - bin ich sehr pingelig, wenn es um die Themen und Gedanken geht, die ich in meinen Texten behandele. Es ist mir sehr wichtig, mich nicht ständig zu wiederholen und immer wieder die gleichen Begrifflichkeiten zu verwenden."

Obwohl die Arrangements der neuen Songs gedämpfter sind als zuvor, wird Fallon immer noch von einer Band unterstützt. Als bekennender Springsteen-Jünger hätte er ja auch eine Akustik-Solo-Platte im Stile von "Nebraska" machen können, oder? "Um ehrlich zu sein - das ist die einzige Springsteen-Platte, die ich nicht so mag", erwidert er lachend. "'Atlantik City' ist toll, und ebenso 'Reason To Believe', aber mit dem Rest des Albums bin ich nie so recht warm geworden. Trotzdem war Springsteen auch dieses Mal eine Inspiration für mich, allerdings war es eher sein Album 'The Ghost Of Tom Joad'. Der Einsatz der Keyboards auf der Platte und die Sounds im Hintergrund haben mich dazu gebracht, mehr auf Elektronik zu setzen und das Ganze noch ein ganzes Stück weiterzutreiben. Das Album war mein Ansatzpunkt. Ich habe die Platte zum ersten Mal gehört, als ich ungefähr 18 war. Seitdem kreist sie ständig in meinem Kopf herum."

Entstanden sind so Songs, die ihre Wurzeln im Roots-Sound haben, mit elektronischen Versatzstücken aber auch betont zeitgemäß klingen. Hilfe hatte Fallon bei der Umsetzung von Produzent Peter Katis (The National, Death Cab For Cutie, Interpol, Frightened Rabbit), doch warum braucht ein Musiker mit einer Erfahrung von mehr als 20 Jahren eigentlich noch Unterstützung von einem echten Hochkaräter am Mischpult? "Ich weiß, was für einen Sound ich haben will, aber deshalb weiß ich noch lange nicht genau, wie man das bewerkstelligt", gibt Fallon zu bedenken. "Ich suche auch nie nach einem Produzenten, ich suche nach einem Partner, jemand, dem ich sagen kann: 'Ich bin am Ende der kreativen Fahnenstange angekommen, was hast du noch für Ideen?' Peter war sehr gut darin, den Liedern in solchen Momenten noch eine neue Dimension hinzuzufügen."

Mit dem zurückhaltenden Sound der Platte werden auch die Texte und Fallons Storytelling stärker denn je betont. Ist die Hinwendung zum Geschichtenerzählen, die ja derzeit auch bei vielen anderen ähnlich gestrickten Musikern zu beobachten ist, vielleicht auch eine Art Realitätsflucht in Anbetracht der schwierigen Zeiten, die viele nicht nur in den USA derzeit durchmachen? "Da magst du recht haben", stimmt Fallon zu. "Ich denke, gerade bei Künstlern, die schon ein paar Platten gemacht haben, ist es vielleicht auch Ausdruck des Alters. Wenn du jung bist, dreht sich alles nur um dich. Nach einer Weile beginnt es dich zu langweilen, dass alle Lieder stets nur von dir selbst handeln, und du fragst dich: 'Warum schreibe ich nur über mich, wo es doch eine ganze Welt da draußen gibt?' Mit der Zeit lässt du diese Dinge dann in deine Schreiberei einfließen." Auch sein Leben abseits des Rock'n'Roll als glücklicher Familienvater hat in diesem Prozess Spuren hinterlassen. "Ja, Kinder zu haben hat sicherlich auch einen Einfluss, denn plötzlich gibt es da Menschen in deinem Leben, die wichtiger sind als du selbst", sagt er und fügt abschließend hinzu: "Auf einmal drehen sich die Geschichten eher um andere, ganz egal, ob sie wahr sind oder auch nicht."

Weitere Infos:
www.brianfallon.net
www.facebook.com/thebrianfallon
Interview: -Simon Mahler-
Foto: -Pressefreigabe-
Brian Fallon
Aktueller Tonträger:
Local Honey
(Lesser Known/Membran)

 
 

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