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DANA GAVANSKI
 
Lektionen im Loslassen
Dana Gavanski
Was andere selbst mit größten Anstrengungen nicht schaffen, klingt bei Dana Gavanski ganz leicht. Auf ihrem hinreißenden Debütalbum "Yesterday Is Gone" findet die derzeit in England heimische kanadische Singer/Songwriterin mit serbischen Wurzeln scheinbar mühelos die perfekte Balance zwischen Zeitgeist und Zeitlosigkeit, wenn sie mit dezentem Vintage-Charme und dennoch nie vergangenheitshörig eine Brücke von einschmeichelndem (Indie-)Pop zurück zu folkig-verträumter Laurel-Canyon-Ursprünglichkeit schlägt. Doch nicht nur klanglich heißt es hier "weniger ist mehr". Auch textlich brilliert Gavanski auf ihrem an dieser Stelle bereits zur Platte der Woche gekürten Erstling mit einer bemerkenswerten Sachlichkeit und Abgeklärtheit weit jenseits ihrer jungen Jahre. Denn selbst wenn sie die niederschmetternde Unvermeidlichkeit von Abschieden und Trennungen in den Fokus rückt, tut sie das weitab gängiger Herzschmerzklischees und ist so der Konkurrenz mindestens eine Nasenlänge voraus. Das Ergebnis sind zehn beeindruckende Lektionen im Loslassen.
"Ich bin in London in meiner Wohnung und starre aus dem großen Wohnzimmerfenster ins Grüne", sagt Dana Gavanski zu Beginn des Gaesteliste.de-Interviews, als sie sich wenige Tage nach der Veröffentlichung ihres LP-Erstlings Zeit für unsere Fragen nimmt. "Das Fenster ist auf und die Singvögel singen sich selbst in den Schlaf. Alles andere ist ruhig. Keine Autos, keine Flugzeuge am Himmel. Nur ein bisschen Hinterhof-Geschwätz und der sehr heimelige Sound des im Hintergrund brummenden elektrischen Bartschneiders meines Partners." Das klingt ein wenig so, als hätte Gavanski schon kurz nach der Absage ihrer für April und Mai geplanten Europatournee, die sie mit inzwischen im September neu angesetzten Konzerten in Berlin, München und Köln auch erstmals nach Deutschland führten sollte, Frieden mit der derzeitigen Ausnahmesituation gemacht, tatsächlich nagen die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie aber schon spürbar an ihr. "Persönlich fühle ich mich derzeit ziemlich durcheinander", gesteht sie. "Ich hatte kurze Momente der Klarheit und Kreativität, aber oft auch ein Gefühl von Hilflosigkeit, Unlust und Überforderung. Ich war mit meinem Partner in Belgrad, als die WHO die Situation als globale Pandemie deklariert hat." Mehrere Wochen saß Gavanski in Serbien fest und auch die Veröffentlichung von "Yesterday Is Gone" erlebte sie dort. "Wenn wir gemeinsam Spaziergänge machten und ich meine Pentax K1000 dabeihatte, fühlte ich mich wirklich inspiriert. Unser Airbnb lag fünf Gehminuten von einem Fotoladen entfernt und ich ließ eine Filmrolle nach der nächsten entwickeln", erinnert sie sich. "Zumeist ist es mir aber sehr schwergefallen, mich wirklich zu konzentrieren, wenngleich es inzwischen viel besser funktioniert, jetzt, da die ersten Wochen der Angst und Verwirrung, in denen ich Nachrichten geschaut habe, bis sich mein Kopf und meine Augen ganz benommen angefühlt haben, vorüber sind. Jetzt freue ich mich, zur Wurzel dieses Gefühls des Unbehagens vorzustoßen, und noch mehr, meinen Nachrichtenkonsum und die online verbrachte Zeit einzuschränken." Die unfreiwillige Auszeit verbringt Gavanski nun damit, mehr als sonst zu kochen und gleichzeitig erste Ideen für eine weitere Platte zu sammeln. Doch beginnen wir am Anfang.

Geboren in Vancouver als Kind einer serbischen Familie, wuchs Gavanski in einem künstlerisch geprägten Umfeld mit einem als Filmproduzent arbeitenden Vater und einer als Malerin aktiven Mutter auf. Obwohl sie schon früh ihre Liebe zum Gesang entdeckte, dauerte es bis zum Abschlussjahr an der Universität von Montreal, bis sie sich wirklich der Musik zuwendete. "Ich war zu der Zeit mit einem Jazzmusiker zusammen und war in dem Café, in dem ich arbeitete, von vielen großartigen Musikern umgeben", erzählte sie kürzlich den kanadischen Kollegen von Groovy Tunes. "Ich glaube, ich war ein wenig eifersüchtig auf sie, und dadurch wurde mir klar, dass ich auch Musik machen wollte!" Selbst als sie anfing, eigene Songs zu schreiben, aufzunehmen und ohne große Hintergedanken auf Bandcamp zu veröffentlichen, hegte sie noch keine echten Karrierepläne. "Es gab keinen großen Knall, es war eher ein beständiges Wachsen", erinnert sie sich. Schnell fiel es ihr aber zunehmend schwerer, ihre eigenen Ambitionen zu untergraben. Wenige Wochen nach der DIY-Veröffentlichung ihrer "Spring Demos" im Frühjahr 2017 ("Das ist mir sehr schwergefallen, diesen Schritt zu machen", sagt sie rückblickend) erhielt sie begeistertes Feedback von GoldFlakePaint-Autor Trev Elkin, mehr noch, der Schreiber stellte den Kontakt zu James Smith vom Connaisseur-Indielabel Fox Food Records her, der Gavanskis Debüt-EP im Herbst 2017 auf Cassette herausbrachte. Bald wurde auch das englische Label Full Time Hobby aufmerksam, das nun "Yesterday Is Gone" veröffentlicht.

Doch so bezaubernd der oft nur wie dahingetupft wirkende Indie-Folk der EP auch war - für ihr Debütalbum hatte Gavanski von Beginn an größere Ideen. "Ich habe viel über Melodien nachgedacht und darüber, wie Melodien und Worte zusammenwirken", erklärt sie ihre veränderte Herangehensweise. "Daher schätze ich Songs, die in dieser Hinsicht erfinderischer, explorativer und performativer sind, zum Beispiel die Musik von David Bowie, Cate le Bon, Kate Bush oder Aldous Harding. Früher habe ich viel Richtung Folk deutende Musik gehört, oft nur Stimme und Gitarre, zumeist war das melancholischer Folk aus den 60er-Jahren. Auch wenn ich den Folk immer noch liebe: Jetzt, da sich mein Sound ausdehnt und ich mehr über mich erfahre und eine bessere Musikerin werde, fange ich an, Dinge zu hören und zu bedenken, die ich mir vorher nicht vorstellen konnte." Bei der Umsetzung hatte sie Hilfe von zwei Co-Produzenten, dem Kanadier Sam Gleason, den sie vor einigen Jahren noch vor ihrem zwischenzeitlichen Umzug nach Toronto bei einem Hauskonzert in Montreal kennengelernt hatte, und Mike Lindsay von den britischen Folktronica-Helden Tuung. Mit ihnen gelingt es Gavanski auf "Yesterday Is Gone", die zartbesaitete Ursprünglichkeit der "Spring Demos" in vollere Arrangements zu übersetzen, die nie dem Song an sich im Wege stehen. Ihre Mistreiter dienten dabei oft weniger als Übersetzer, sondern eher als Verstärker von Gavanskis Ideen. "Das ist schwer in Worte zu fassen, aber jeder auf seine Art gab mir das Gefühl, dass ich etwas zu sagen hatte, und sorgte dafür, dass ich mich mit meinen eigenen Ideen wohlfühlen konnte." Viele der kleinen Geistesblitze, die "Yesterday Is Gone" so besonders machen und für die der unerwartet treffende Saxofoneinsatz beim Titelstück nur eines von vielen Beispielen ist, kamen dabei recht spontan zustande. "Mit den Melodien und den einzelnen Parts habe ich mich erst kurz vor dem Aufnahmeprozess beschäftigt und teils erst währenddessen", verrät sie. "Als wir im Studio waren und uns die Songs anhörten, hatte ich viele Ideen in puncto Melodie. Die Umsetzung geschah dann nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Das Saxofon etwa wurde erst einige Monate nach dem ersten Aufnahmedatum aus dem Moment heraus hinzugefügt."

Doch nicht nur in klanglicher Hinsicht macht Gavanski mit "Yesterday Is Gone" einen Riesensatz nach vorn. Der Grund dafür ist nicht zuletzt einfach wachsende Erfahrung. "Als ich vor einigen Jahren anfing zu schreiben, hatte ich keinen Schimmer, was ich da tat", gibt sie zu, "denn ich lernte praktisch gleichzeitig erst, Gitarre zu spielen. Als ich aufwuchs, fehlte es mir oft an Disziplin oder Konzentration, aber ich erkannte, dass ich mich wirklich hinsetzen und so lange auf ein leeres Blatt Papier starren muss, bis etwas dabei herauskommt." Inzwischen betrachtet Gavanski das Songwriting mehr als einen Job, als eine tägliche Routine. "Ich habe irgendwo gelesen, dass Nick Cave Songwriting wie einen regulären Job behandelt, und das ergab damals wirklich Sinn für mich", sagt sie. "Es war die Erkenntnis, dass ein Song sich nicht von selbst schreibt und dass es viel konsequente Arbeit braucht, um etwas Gutes zu erschaffen. Oder so…" Während viele ähnlich inspirierte Singer/Songwriterinnen heutzutage gerade auf ihren ersten Platten gerne auf die ungefilterte Emotionalität ihres Tagebuchs zurückgreifen, versucht Gavanski, selbst in Liedern mit autobiografischem Kern eine gewisse emotionale Distanz zu wahren und sich das Erlebte wie eine Beobachterin von außen anzuschauen. Im Presseinfo zum Album sagt sie: "Du musst in der Lage sein, Dinge geschehen zu lassen, und bisweilen auch akzeptieren, die Kontrolle zu verlieren", wenngleich sie zugibt, dass es für sie ein immer noch andauernder Lernprozess ist, das tatsächlich auch in die Tat umzusetzen. "Ich versuche immer noch, lockerer beim Schreiben zu werden", bestätigt sie. "Wenn die Kontrolle zu verlieren bedeutet, dass ich das Lied für sich sprechen lassen kann und nicht zu viel nachdenke, dann ist mir das vielleicht am ehesten bei den letzten Songs, die ich für das Album geschrieben habe, gelungen - vor allem bei 'One By One'."

Tatsächlich glänzt nicht nur die von Gavanski erwähnte Singleauskopplung mit einer für eine junge Künstlerin Mitte 20 ganz und gar nicht selbstverständlichen, geradezu philosophischen Gelassenheit, mit der sie die Idee transportiert, dass alles im Fluss ist und selbst kurzfristige Veränderungen unabdingbar Teil des Lebens und Lernens sind. "Ich denke, der Ausgangspunkt dafür ist mein Bestreben, mein Bedürfnis nach Kontrolle zu überwinden", überlegt sie, "zu lernen, loszulassen und mich und meinen Verstand besser zu behandeln, weil ich zuvor sehr darunter gelitten habe, ständig Kontrolle zu brauchen und haben zu wollen. Es kommt auch davon, zu schüchtern zu sein, Dinge zu fordern und absolutistische Aussagen in meinen Texten zu machen, auch wenn ich die Schüchternheit in diesem Punkt langsam ablege. Meine Baka (Oma auf Serbisch) hat in dieser Hinsicht einen großen Einfluss auf mich. Ich lebte mit ihr und meiner Mutter zusammen, bis ich etwa 22 Jahre alt war und verbrachte viel Zeit ihr. Wir haben uns oft gegenseitig das Herz ausgeschüttet und viel diskutiert. Wir stehen uns sehr nahe." So ist Gavanski nicht nur als Songwriterin, sondern auch als Mensch in den vergangenen Jahren gewachsen. "Verglichen mit der Dana, die die 'Spring Demos' aufgenommen hat, ist die 'Yesterday Is Gone'-Dana selbstbewusster, schrulliger und weniger ernst", sagt sie abschließend über sich selbst. "Letzteres ist vermutlich das Wichtigste!"
Weitere Infos:
danagavanski.com
www.facebook.com/danagavanski
twitter.com/danagavanski
www.instagram.com/danagavanski
danagavanskifth.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Dana Gavanski
Aktueller Tonträger:
Yesterday Is Gone
(Full Time Hobby/Rough Trade)

 
 

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