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JOHANNA WARREN
 
Das wandelnde Paradoxon
Johanna Warren
Johanna Warren erfindet sich neu. Nach vier großenteils betont zurückhaltend inszenierten Solowerken zwischen Indie-Folk und Dream-Pop, die nicht zuletzt ihre spirituelle Ader betonten, widmet sich die amerikanische Singer/Songwriterin auf ihrem neuen Album "Chaotic Good" einem spürbar facettenreicheren Sound. Mit den gleichen Mitstreitern an ihrer Seite, mit denen sie vor mehr als zehn Jahren in der Psych-Folk-Band Sticklips ihre musikalische Laufbahn begonnen hatte, rückt sie nun zwischen niederschmetternden Piano-Solonummern und geradezu grungy anmutenden Bandsongs ihre Unabhängigkeit als Frau und Künstlerin selbstbewusst in den Fokus. Wurde Warren in der Vergangenheit gerne mit Hope Sandoval verglichen, schlägt sie auf ´Chaotic Good´ nun abwechslungsreich einen Bogen von feinfühlig orchestriertem Joni-Mitchell-Folk zu einem idiosynkratisch-freigeistigen Indierock à la Juliana Hatfield, vor allem aber zeigt das Album eine vollkommen verwandelte Johanna Warren, die wie Phönix aus der Asche steigt. Höchste Zeit also, uns einmal etwas genauer mit dieser ungewöhnlichen Frau zu beschäftigen, für die Musik nur eine von vielen künstlerischen Ausdrucksformen ist.
Johanna Warren hatte Glück im Unglück. Gerade noch rechtzeitig, bevor die COVID-19-Pandemie internationale Reisen schwierig bis unmöglich machte, packte die sie ihre Sachen und reiste aus den USA nach Wales zu ihrem Liebsten. Eigentlich hätten die zwei die kommenden Monate gemeinsam auf Tournee durch Europa verbringen wollen, doch statt Autobahn und Kellerclubs heißt es nun erst einmal Natur pur für Warren. "Im Moment bin ich umringt von blökenden Schafen und Brennnesseln", erzählt sie im Gaesteliste.de-Interview. "Es ist hier nicht ungewöhnlich, die ganze Woche lang keine Menschenseele zu sehen. Das Ganze könnte nicht weiter von dem Neon Chaos in Los Angeles entfernt sein, in dem ich die letzten zwei Jahre verbracht habe." Der Szenenwechsel zeigt bereits Wirkung. Die Zeit in Wales hat Warren nicht nur zur Ruhe kommen lassen, sondern ihr auch viel Zeit zum Nachdenken gegeben - über persönliche und gesamtgesellschaftliche Fehler der Vergangenheit und über die Zeit "danach". "Ich hoffe, wir nehmen uns so viel Zeit, wie wir brauchen, um den ganzen Scheiß auf die Reihe zu kriegen und eine neue Welt zu erschaffen, die mehr Sinn ergibt", sagt sie. "Ich hoffe, dass wir nicht einfach zur 'Normalität' zurückkehren und persönlich wie kollektiv erkennen, dass der alte Weg nicht funktioniert hat. Lasst ihn sterben, betrauert, was es zu betrauern gibt und lasst uns von Grund auf eine schöne neue Welt aufbauen."

In der Tat stellt Warren derzeit viele der Dinge, die sie jahrelang für selbstverständlich gehalten hat, infrage - ihr Leben als Musikerin inklusive. "Ich finde mich langsam damit ab, dass ich keine 20 mehr bin, und erlaube mir, andere Dinge zu wollen als die, die ich vor zehn Jahren glaubte zu wollen", antwortet sie auf die Frage, was für sie den größten Unterschied zum Beginn ihrer Laufbahn als Musikerin ausmacht, und erklärt auch gleich, was sie damit meint: "Als ich anfing, habe ich viel Energie investiert, um die Welt zu heilen und anderen zu helfen, oft auf Kosten meines eigenen Wohlbefindens. Erst in letzter Zeit ist mein Interesse an meinem eigenen Glück erwacht - und das macht mich in der Tat heute viel glücklicher." Konzentrierte sie sich anfangs noch auf die Musik, verbindet sie heute verschiedene im weitesten Sinne künstlerische Tätigkeiten, ist selbstständige Musikerin, wirkt als treibende Kraft hinter dem künstlerfreundlichen Connaisseur-Label Spirit House, arbeitet als Heilpraktikerin und widmet sich mit Leidenschaft der Gartenarbeit. Sie selbst beschreibt sich deshalb als wandelndes Paradoxon, doch was genau steht für sie im Zentrum ihres Tuns? "Ich bin mir sicher, dass im Zentrum all dessen das Paradoxon selbst steht", erwidert sie. "Es ist gleichzeitig stets in Bewegung und steht doch immer auch ganz still." Zur Idee, dass sich alles findet sich in allem wiederfindet, führte sie vor einigen Wochen in einem Interview mit The Creative Independent aus: "Ich glaube, ich habe mich immer als Künstlerin betrachtet, aber viele Sparten unter diesem breiten Dach praktiziert - und sogar darüber hinaus, wenn man auch das Leben als Kunstform und kreativen Akt betrachtet. Jeden Tag wird eine Art Kunst praktiziert: Kochen, Landwirtschaft und Malen. Alles ist mit allem verbunden. Für mich geht es nur darum, Harmonie und Gleichgewicht zu finden und Schönheit zu erschaffen."

Mit ihrer Herangehensweise vermeidet Warren auch die Probleme, die zwangsläufig entstehen, wenn man alles auf eine Karte setzt oder sich zu lange immer wieder mit der gleichen Sache beschäftigt. "Ich werde Musik immer lieben, aber ständig auf Tour zu sein ist so brutal, dass ich weiß, dass ich nicht gesund oder glücklich sein kann, wenn ich so weitermache wie das ganze letzte Jahrzehnt", sagt sie. "Ich möchte an einen Punkt kommen, an dem ich genug Anhänger habe, um jedes Jahr für ein paar Wochen unterwegs zu sein, Theatersäle zu füllen und genug Geld zu verdienen, um den Rest des Jahres ein sehr bescheidenes Leben zu führen. Aber ich verfolge auch aktiv andere Wege wie Schauspiel und Drehbuch, die es mir ermöglichen könnten, weiterhin Künstler und Geschichtenerzähler zu sein, ohne mir auf die gleiche Weise Schaden zuzufügen, wie ich das in der Vergangenheit getan habe."

Dadurch, dass sie ihrem Leben regelmäßig neue Facetten hinzufügt, ergeben sich für sie - praktisch ganz wie von selbst - auch immer wieder neue Sichtweisen des Gesamtkontextes. "Das ist ein wenig so, als wenn du es da, wo du wohnst, nicht mehr länger aushälst, eine große Reise unternimmst, dann am Ende zurückkehrst und dein Zuhause mit völlig neuen Augen siehst", erklärt sie. Man sollte meinen, dass das Jonglieren all dieser Interessen einer Menge Geschick bedarf oder zumindest einen gut geführten Terminkalender verlangt, doch Warren sieht das etwas lockerer. "Früher habe ich meine Tage streng durchgeplant, um die Produktivität zu maximieren, aber mir ist klar geworden, dass mich das nicht glücklich macht. Inzwischen habe ich Zeitpläne aufgegeben", gesteht sie. "Wenn ich irgendwo auftauchen muss, um an einem Meeting teilzunehmen oder um aufzutreten, gebe ich natürlich mein Bestes, um pünktlich da zu sein. Aber wenn ich mich ganz mir selbst überlasse, lasse ich gerne Raum für meine natürlichen Instinkte und Wünsche, damit sie ihre eigene organische Strukturierung der Zeit schaffen: Aufwachen, wenn mein Körper aufwachen möchte, schlafen gehen, wenn ich müde bin, essen, wenn ich hungrig bin, Musik spielen, wenn ich spielen möchte, schreiben, wenn ich schreiben möchte. Ich finde, wenn ich mir diese Art von Freiheit gebe, gibt es für alles einen richtigen Zeitpunkt, auch für langweilige Dinge. Wenn ich wirklich aufpasse und mir die Erlaubnis gebe, genau das zu tun, was ich in einem bestimmten Moment tun möchte, wird es sich irgendwann wie der perfekte Moment anfühlen, um mein Badezimmer zu reinigen oder meine Steuern zu zahlen, eben weil ich nicht die ganze Zeit kreativ sein möchte und mein Geist manchmal eine Pause braucht. Weil es zu meinem ganzheitlichen Gefühl für richtiges Handeln und Wohlbefinden gehört, ein sauberes Badezimmer zu haben und keinen Stress mit der Steuerfahndung zu bekommen, fühlt es sich dann richtig gut an, auch diese Dinge zu erledigen."

Wenden wir uns der Musik zu. Was war eigentlich der Auslöser, der Warren dazu brachte, mit dem Songwriting anzufangen? "Unerwiderte Liebe, sofort vom ersten Moment an! Meinen allerersten Song habe ich für den heißesten Jungen in meiner Kindergartengruppe geschrieben", verrät sie, und auch auf die Frage, an welchem Punkt sie die Musik als Karriereoption in Betracht gezogen hat, hat sie eine augenzwinkernde Antwort parat: "Wenn ich mir je die Zeit genommen hätte, Musik als Karriere wirklich in Betracht zu ziehen, hätte ich mich sicherlich nicht für diesen Weg entschieden." In der Tat lässt sich Warren in ihrem künstlerischen Tun lieber von ihren Emotionen leiten. Wie andere Musiker aus reiner Kalkulation den neuesten Trends hinterherzulaufen, um als Trittbrettfahrerin Erfolg zu haben, kommt ihr nicht in den Sinn. Sie selbst sieht das allerdings mit gemischten Gefühlen. "Ich sehe es als Vor- und Nachteil zugleich, dass ich immer nur das tun kann, was mich im jeweiligen Moment inspiriert. Ich habe es nie anders gemacht. Ich bin nicht clever!", gesteht sie. Doch auch wenn sie derzeit über eine große Kurskorrektur in ihrem Leben nachdenkt, die sie vor wenigen Wochen selbst noch nicht für möglich - oder gar nötig - gehalten hätte, erscheint jetzt ihr neues Album "Chaotic Good", das sie deutlich offener angegangen ist als das zweiteilige Konzeptalbum "Gemini", das 2016/2018 erschienen war. Für sie selbst war die veränderte Ausrichtung Neugeburt und rituelles Schlachtfest gleichermaßen. Die Gründe dafür sind erstaunlich simpel. "Mein früherer Produzent und ich gingen im gleichen Monat getrennte Wege, in dem mein Partner nach drei gemeinsamen Jahren auszog", verrät sie. "Außerdem habe ich mir ein Klavier gekauft."

Doch nicht nur deshalb ist "Chaotic Good" in gewisser Weise ein Neuanfang für Warren. Ganz das wandelnde Paradoxon, beschloss sie, das Album selbst zu produzieren und die Basistracks allein in der Garage einzuspielen, bevor sie in rund 15 quer über die USA verteilten Studios immer dann weiter an den Liedern feilte, wenn sich in Tourneepausen die Gelegenheit bot, um sich am Ende doch an ihre alten Sticklips-Mitstreiter Jim Bertini und Chris St. Hilaire zu wenden, um den Liedern ihre endgültige Form zu geben. "Das Ganze begann als sehr zurückgenommene Solo-Angelegenheit, wurde aber schließlich zu einer lebendigen Kollaborationsparty", sagt sie selbst. "Die ersten Aufnahmen machte ich allein mit einer geliehenen Heimstudioausrüstung. Dann war ich fast die gesamten folgenden drei Jahre unterwegs und sah die chaotische Vergänglichkeit meines Lebens als meinen einzigen ständigen Begleiter, obwohl viele freundliche Seelen entlang des Weges zu dem Ganzen beigetragen haben. Irgendwann führte mich dann mein Weg zurück zu Jim und Chris, die beide in New York leben. Sie verstehen meine Musik so intrinsisch, wie es niemand zuvor getan hat, und es war eine große Freude, wieder mit ihnen zu arbeiten."

Warren verwendet Wörter wie "Flickenteppich" und "Sammelsurium", um "Chaotic Good" zu beschreiben. Das Album vereint zehn klangliche Schnappschüsse, mit denen sie Erinnerungen an spezifische Orte und Begebenheiten auf ihre ganz eigene Art und Weise einfängt. Doch wonach sucht Warren heute ganz allgemein mit ihren Songs und wie hat sich das über die Jahre verändert? "Das Lied soll sich mir offenbaren", sagt sie. "Ich habe nie eine vorgefasste Vorstellung davon, worüber ich schreiben werde, wenn ich mich hinsetze. Jedes Mal, wenn ich das versucht habe, ging es schief. Ich liebe das Gefühl, von der eigenen Schöpfung überrascht und leicht besessen zu sein. Wie sich das verändert hat? Ich glaube, ich bin als Autorin mutiger geworden und habe vielleicht weniger Angst davor, die Dinge beim Namen zu nennen. Früher habe ich mich mehr versteckt." In der Tat klingt Warren auf der neuen LP selbstbewusster als je zuvor, wenn sie all ihre Erfahrung in die Waagschale wirft und sich dabei nicht nur auf die rund zehn Jahre im Musikzirkus beschränkt. "Ich hatte ein langes Leben", sagt sie ganz am Ende vielsagend. "Ich fühle mich, als sei ich 3000 Jahre alt."

Weitere Infos:
www.johannawarren.com
www.facebook.com/johannawarrenmusic
www.instagram.com/johahahanna
johannawarren.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Shervin Lainez-
Johanna Warren
Aktueller Tonträger:
Chaotic Good
(Wax Nine/Carpark/Import)

 
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