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ZACHARY CALE
 
So echt wie möglich
Zachary Cale
Zachary Cale ist ein Meister des Understatements. Seit vielen Jahren begeistert der aus Louisiana stammende, aber in Brooklyn heimische Singer/Songwriter nun schon mit Platten, die das Publikum eher unterbewusst fesseln, als dass sie mit großen Gesten nach Aufmerksamkeit heischen. Auch mit seinem nun erscheinenden sechsten Album, "False Spring", ist der 41-Jährige auf einer Straße unterwegs, die geradewegs aus der Vergangenheit in die Gegenwart führt. Denn auch wenn er entlang des Weges Inspiration bei anderen findet, vermisst man nie die besondere eigene Note, wenn er klanglich abwechslungsreich und durchaus ambitioniert seine Verwirrung ob des alltäglichen Wahnsinns in seiner Heimat genauso wie seine Hoffnung auf Besserung in betont persönlich gefärbte Songs fließen lässt, die zwischen Folk, Blues, Country und Laurel-Canyon-Pop zu Hause sind. Unmittelbarer als auf dem wunderbar atmosphärisch verschleierten Vorgänger "Duskland" widmet sich Cale auf dieser in Eigenregie produzierten und veröffentlichten Doppel-LP nun einem herrlich warmtönenden Sound, mit dem er - solistisch oder mit voller Bandunterstützung, zumeist mit betont gelassenem Gesang, gelegentlich aber auch instrumental - genau die richtige Balance zwischen naturbelassenem Performance-Vibe und filigranem Können findet. Mitte Mai hatten wir die Freude, ein ausführliches Interview mit ihm zu führen.
GL.de: Zachary, wie geht es dir in diesen verrückten Zeiten?

Zachary Cale: Ich bin zu Hause in Brooklyn. Ich war seit Januar nicht mehr raus aus der Stadt. Ich kann nicht glauben, dass die Situation nun schon zwei Monate anhält. Der Tag, an dem mir der Ernst der Lage bewusst wurde, war der 13. März (zufällig Freitag der 13.). Ich hatte schon lange vorher damit gerechnet, dass die USA schwer getroffen werden würden, aber dieses Datum war der letzte Abend, an dem ich in ein Restaurant ging. Es war auch das Datum, an dem die WHO COVID-19 als Pandemie deklarierte.
Die Stimmung hier beginnt sich inzwischen zu ändern. Zu Beginn (besonders in den ersten drei Wochen) sah die Stadt verlassen aus. Es fühlte sich an wie in Vincent Price‘ "Last Man On Earth" oder "I Am Legend". Jetzt, nach acht Wochen und bei schönem Wetter, sehe ich viel mehr Leute draußen. Hier ist es immer noch sehr ernst und ich würde sagen, 90% der New Yorker tragen Masken, während die Zwei-Meter-Abstands-Regel längst in Vergessenheit geraten zu sein scheint, und ich sehe, dass viele Geschäfte wieder aufmachen.
Es war ziemlich surreal. New York ist der Ground Zero der Infektionen. Ich nehme an, der Rest der Welt beobachtet uns, um zu sehen, wie wir damit umgehen. So schlimm es auch hier ist, ich denke, wir haben jetzt die Kurve abgeflacht und werden hoffentlich weiterhin klug sein. Dass Bars und Musik-Venues bald wieder aufmachen, sehe ich nicht.

GL.de: Du hast vor 15 Jahren deine erste Platte veröffentlicht. Was hat sich seitdem für dich verändert?

Zachary Cale: Mein erstes Album erschien am 5. Juni 2005. Das ist also in der Tat fast genau 15 Jahre her. Es ist das einzige Datum aus der Vergangenheit, an das ich mich noch gut erinnere. Ich denke, das liegt daran, dass da alles begann. Kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Es war eine aufregende Zeit, alles schien möglich. Ich hatte so viel Energie und habe meine Zeit komplett damit verbracht, Songs zu schreiben. Das erste Album, "Outlander Sessions", wurde bereits zwei Jahre zuvor auf einer limitierten CD-R veröffentlicht. Es dauerte zwei Jahre, bis das Label New World of Sound die physische Version herausbrachte. Zum Erscheinungsdatum im Jahr 2005 hatte ich diese Platte künstlerisch schon weit hinter mir gelassen.
Für mich ist der offensichtlichste Unterschied zu damals die Branche selbst. Die Musikindustrie hat sich allein in den letzten fünf Jahren sehr verändert! Für jemanden wie mich, der ein bisschen technikscheu ist, war es schwierig, mitzuhalten. 2005 waren wir am Ende der CD-Ära und dem Beginn der iTunes-Ära, und genau da veröffentlichte ich mein erstes Album auf Vinyl! Schon damals stand ich also etwas im Widerspruch zur Branche. 2005 ging es auch mit Myspace und YouTube los, glaube ich, und das hat die ganze Blogkultur ins Rollen gebracht und auch ich habe das Internet mehr genutzt. Vor 2005 war das kaum der Fall. Spulen wir vor auf 2015: iTunes ist veraltet und Spotify hat übernommen. Jetzt geht es darum, wie viele Follower man hat, wie viel Inhalt man herauspumpen kann und dass man jeden Tag über soziale Medien mit seinem Publikum in Kontakt tritt.
Im Allgemeinen denke ich, dass man ein verrückter Exhibitionist sein muss, um heute Musiker zu sein. Es geht mehr um Branding und Social-Media-Inhalte als um Musik. Für jemanden wie mich, der es vorzieht, die Musik für sich selbst sprechen zu lassen, ist es ziemlich schwierig. Im Moment fühlt es sich fast so an, als würde ich von vorne anfangen: Ich veröffentliche meine Musik selbst, bin mein eigener Manager, buche meine Shows selbst usw. Es gibt keinen falschen oder richtigen Weg. Ich könnte morgen ein Album veröffentlichen, wenn ich Lust dazu hätte. Dieser Mangel an Struktur und der "Alles ist möglich"-Ansatz können jedoch auch überwältigend sein. Ich streame jetzt ein bisschen Musik, aber ich stelle fest, dass ich nie zu den gehörten Sachen zurückkehre. Das ist das Problem der zu großen Auswahlmöglichkeiten. Mit einer Vinyl-, CD- oder Kassettensammlung habe ich eine begrenzte Bibliothek. Es fällt mir leichter, mich darauf zu konzentrieren. Sie geben bestimmten Alben und Künstlern mehr Zeit. Heute ist alles viel schnelllebiger geworden.

GL.de: Lass uns kurz noch einen Schritt weiter zurückgehen. Wie bist du zur Musik gekommen und wann hast du dich entschieden, daraus eine Karriere zu machen?

Zachary Cale: Ich war ein Kind, als ich meine erste Gitarre bekam. Ich erinnere mich, wie ich mich mit 13 Jahren im Spiegel angesehen und gesagt habe, ich werde Gitarrist! Ha. Du merkst schon, da war eine Menge Leidenschaft im Spiel, als ich jung war. Ich war wie besessen von meinem Instrument, und als ich 16 wurde, begann ich konstant eigene Songs zu schreiben. Ich dachte damals nicht an Musik als Karriereweg, bis mich ein Plattenlabel kontaktierte, um ein Album zu veröffentlichen. Als das passierte, nahm ich es ernst. Ich denke, deshalb gibt es einen so großen Sprung zwischen der ersten und der zweiten Platte. Allerdings weiß ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr, ob ich es noch als Karriere bezeichnen würde. Von der Musik zu leben, scheint mir jetzt weiter weg zu sein als je zuvor, und damit habe ich mich abgefunden. Ich kann die Musik allerdings nicht ausschalten. Ich baue mir langsam Song für Song eine Welt auf. Das musikalische Erbe, das ich hinterlasse, ist wichtiger als das Geld.

GL.de: Die neue Platte war eine ganze Weile in Arbeit. Erste neue Songs hattest du bereits 2016. Ist dir einfach das Leben dazwischengekommen oder hattest du von Anfang an geplant, dir etwas mehr Zeit zu lassen?

Zachary Cale: Im August ist es fünf Jahre her, seit "Duskland" veröffentlicht wurde. In dieser Zeit ist viel passiert und es gab definitiv einige Veränderungen im Leben für mich. Es gibt eine Menge Hintergrundgeschichten, aber ich weiß nicht, ob ich jetzt darauf eingehen möchte. Kurz gesagt, es gab ein weiteres Album, das nach "Duskland" entstanden ist und das nicht herauskam. Die Fünf-Jahres-Lücke ist also nicht so extrem, wenn man bedenkt, dass ich in dieser Zeit zwei Alben gemacht habe.
Ich habe vor ungefähr zwei Jahren angefangen, "False Spring" aufzunehmen. Ich habe während der Entstehung viel Zeit mit Nachdenken verbracht, aber zum größten Teil war die Verzögerung nur darauf zurückzuführen, dass ich lange Zeit benötigt habe, mir darüber klarzuwerden, wie ich sie veröffentlichen will, nachdem die Aufnahmen bereits abgeschlossen waren. Ich bin nicht mehr bei einer Plattenfirma unter Vertrag, also erscheint die neue Platte wieder bei All Hands Electric, einem kleinen Privatlabel, das ich 2007 mit einigen Freunden gegründet habe und das im Wesentlichen nur aus mir und meiner Partnerin Alfra Martini besteht. Im vergangenen Januar haben wir eine Platte von ihr unter dem Namen Virginia Plain veröffentlicht. Alles in allem dauerte es ein Jahr, bis "False Spring" fertig war.

GL.de: Bei den neuen Songs hast du deinen Mitstreitern viele Freiräume gegeben, sich in die Aufnahmen einzubringen und zur Klangfarbe des Albums beizutragen. War das eine neue Herangehensweise für dich?

Zachary Cale: Nein, so arbeite ich immer. Ich schreibe keine Parts für Musiker. Wenn ich sie einlade mitzuspielen, möchte ich sehen, was sie in der Lage sind beizutragen. Wenn ich ihnen jeden einzelnen Ton vorgeben würde, wüsste ich nicht, wie das den Musikern Spaß machen könnte. Ich habe früher in solchen Bands gespielt, und es war weder eine Erfüllung, noch hat es Spaß gemacht.
Für "False Spring" hatte ich nur die Texte und meine Gitarrenparts, und die Songs arrangierten wir dann spontan im Studio zusammen in der Gruppe. Wir haben vor der Aufnahme nicht einmal wirklich geprobt! Außer mit James Preston, dem Bassisten, hatte ich mit keinem der Musiker aus dem engsten Kreis der Mitstreiter je vorher zusammengespielt. Es gibt nichts Schöneres, als zum ersten Mal mit neuen Musikern zu arbeiten. Das gibt dem Ganzen eine besondere Dringlichkeit. All die Großen haben auf diese Weise aufgenommen: Wenig bis gar keine Planung, großartige Musiker, begrenzte Zeit usw. Die meisten Leute würden sich dadurch heute wohl eher gestresst fühlen, aber ich finde, es hilft, etwas Druck zu haben. Du musst dich der Situation gewachsen zeigen.

GL.de: Diese Herangehensweise verlangt aber auch viel Vertrauen in die Fähigkeiten Ihrer Mitarbeiter. Ist das etwas, das dir mit zunehmendem Alter leichter fällt - etwas Verantwortung abzugehen?

Zachary Cale: Ich vertraue darauf, dass alle Beteiligten alles geben. Ich hätte sie nicht gefragt, wenn ich nicht schon vorher gewusst hätte, dass sie großartig sind. Letztendlich kommt es darauf an, welche Art von Album du machen willst. Sowohl "Blue Rider" als auch "Duskland" waren etwas kontrollierter als "False Spring". Trotzdem spielten einige Gäste auf diesen Platten mit. Ich hatte noch nie ein Problem damit, wenn andere mit mir zusammenspielen, das ist also keine Alterssache. Ehrlich gesagt macht es den ganzen Prozess viel weniger einsam. Ein Singer/Songwriter zu sein, ist ein einsamer Weg! Für den Ideenaustausch brauche ich andere mit mir im Raum.

GL.de: Wie hast du die Musiker ausgesucht, mit denen du auf "False Spring" zusammengearbeitet hast, und was hast du dir von ihrem Mitwirken erhofft?

Zachary Cale: Nur um dir einen Überblick darüber zu geben, wer bei "False Spring" mitgespielt hat: Die Kernband war ich am Gesang und an der Gitarre, James Preston am Bass, Brent Cordero am Klavier und an der Orgel sowie Charles Burst und Jason Labbe an Schlagzeug und Percussion. Es gibt noch ein paar Gäste bei verschiedenen Songs, aber dies war der harte Kern, der alle Live-Tracks aufgenommen hat.
Die Aufnahme kam ganz natürlich zustande. Alles wurde in der Seaside Lounge in Park Slope, Brooklyn, aufgenommen. Ich bin seit Jahren mit dem Besitzer Charles Burst befreundet und habe dort zuvor mit einer Band namens Illuminations aufgenommen. Charles ist auch ein phänomenaler Schlagzeuger. Ich hatte Jason Labbe dort im Studio getroffen, wo er in Teilzeit als Tontechniker arbeitete. Jason ist auch ein phänomenaler Schlagzeuger. Im Grunde habe ich mich an beide gewandt, um gemeinsam ein Album aufzunehmen. Mein langjähriger Bassist James Preston hat auf all meinen Sachen seit "Blue Rider" gespielt, und Brent Cordero ist ein weiterer Musiker, der dort im Studio abhängt und gut mit Charles und Jason kann. Also habe ich im Wesentlichen die Seaside Lounge Studio Band an meiner Seite gehabt.
Bevor wir anfingen, wusste ich, dass sie alle großartige Musiker sind, also wusste ich bereits, dass es ihnen leichtfallen würde, den Songs ihren Stempel aufzudrücken. Es war interessant, zwei verschiedene Schlagzeuger zu haben, mit denen ich arbeiten konnte. Charles und Jason sind beide sehr hochkarätige Musiker, haben aber unterschiedliche Ansätze. Ich denke, die Songs, auf denen sie gespielt haben, haben die Einzigartigkeit ihres jeweils eigenen Stils hervorgehoben. James ist mein Fels. Er spielt nun schon so lange mit mir! Unterwegs und im Studio merkte ich, dass er genau dazu passt. Mit Brent war ein unglaublicher Musiker an Bord. Er brachte ungmein viel Melodie und Kontrast in die Songs ein.

GL.de: Deine Musik zeichnet aus, dass sie sich oft anhört, als stamme sie aus einer anderen Zeit, ohne dass ein zwanghaftes Bemühen erkennbar ist, authentisch retro zu klingen. Zielst du darauf besonders ab?

Zachary Cale: Ich glaube, mein Stil ist schon immer mit alten Sachen verglichen worden, aber ich bin 41 Jahre alt und die meisten Dinge, mit denen ich aufgewachsen bin, sind alt. Ich höre viel zeitgenössische Musik, aber ich bin auf der Hut vor Künstlern, die sich schamlos an Ideen und Stilen älterer Sachen bedienen. Sie leben im Grunde nur ihre Fantasie aus. Ich bin zuversichtlich, dass ich nach Jahren der Arbeit nach mir selbst klinge. Es ist nicht leicht, seine Stimme zu finden. Als ich jünger war, war ich meinen Einflüssen etwas zu nahe, aber jetzt habe ich das Gefühl, dass sie alle so zerfasert sind, dass sie nicht so erkennbar sind. Allerdings finde ich immer wieder neue und alte Sachen, von denen ich mich inspirieren und beeinflussen lassen kann.
Mein einziges Ziel in der Musik ist es, sie natürlich geschehen zu lassen. Ich stelle mir keine Regeln auf. Manchmal mag ich eine ausgefeilte Produktion, manchmal weniger. Manchmal benutze ich gerne mehr Effekte und manchmal keine. Manchmal suche ich nach einem lebendigen, rauen Gefühl, manchmal nach einem vielschichtigen, kalkulierten Stil. Es kommt immer darauf an. Ich denke, dass meine Musik älter klingt, rührt wahrscheinlich von meinem Schreibstil her. Texte sind mir wichtig. Ich mag es, einfallsreiche Sprache zu verwenden und kleine Geschichten in meinen Liedern zu erzählen. Ich denke, das kann als altmodisch angesehen werden. Ich singe auch immer noch lieber live, selbst mit einer Band im selben Raum. Ich kenne nicht viele Leute, die das heutzutage noch hinbekommen. Ich würde sagen, 99% der Musik wird heute von Computern gemacht, nicht von Menschen. Wenn man einen Computer verwendet, kann man jede einzelne Note des Songs ändern und verschieben. Ich selbst habe das auch schon gemacht, aber ich versuche, mich von diesen Impulsen fernzuhalten. Auf dem neuen Album habe ich versucht, so echt wie möglich zu sein.

GL.de: Mit "False Spring" lässt du das immer ein wenig an Daniel Lanois erinnernde Atmosphärische von "Duskland" hinter dir und wendest dich einem direkteren Sound zu. Wie kam es dazu?

Zachary Cale: Das ist cool, dass du den Lanois-Einfluss aus "Duskland" herausgehört hast. Er war in der Tat jemand, an den ich dachte, als ich das Album machte. Doch so sehr ich diesen Produktionsstil liebe, ich denke nicht, dass er für jede Art von Song funktioniert. Das neue Album ist abwechslungsreicher. Es gibt viele verschiedene Stile, und damit das Sinn ergibt, musste es meiner Meinung nach etwas direkter sein. Zudem wollte ich in puncto Gesang etwas klarer klingen. Diese neuen Songs sind viel persönlicher als "Duskland" und wahrscheinlich einige der simpelsten und ehrlichsten Texte, die ich je gemacht habe. Um das herauszustellen, war es am besten, wenig Atmosphärisches und möglichst keine Effekte zu verwenden. Ich habe im Vorfeld der Aufnahmen zu "False Spring" viel Gospel- und Soulmusik gehört. Nicht, dass es ein Soul-Album wäre, aber die Direktheit dieser Platten empfand ich als wirklich lebendig und frisch: Sachen wie Al Greens "Call Me"-Album oder die frühen Staple-Singers-LPs. Darüber hinaus gibt es auf der Platte wahrscheinlich ein bisschen Einfluss von The Band, ein wenig von Bert Janschs 70er-LPs wie "L.A. Turnaround" und ein bisschen von Van Morrison und der Jerry Garcia Acoustic Band, um das Ganze abzurunden. All die genannten sind ziemlich direkte und ehrliche Aufnahmen.

GL.de: Allgemeiner gefragt: Wonach suchst du heutzutage in einem Song und wie hat sich das im Laufe deiner sechs Alben verändert?

Zachary Cale: Das ist eine schwierige Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob ich aktiv nach etwas suche. Ich habe immer noch eine Schwäche für das Mysteriöse. Ich lasse gerne Dinge offen. Mir fällt es schwer, die "confessional songwriter" zu hören. Gleichzeitig musst du Leute an dich heranlassen. Mit "False Spring" wurde ich persönlicher. Ich denke, die Songs beschäftigen sich mit vielen universellen Konzepten, sodass sich jeder angesprochen fühlen kann. Das ist ein Ziel, das jeder gute Songwriter anstrebt.
Ich denke, die Hauptsache, die sich für mich geändert hat, ist gewissermaßen der Versuch, wirtschaftlicher und einfacher zu sein. Meine Songs sind elementarer geworden. Ich schreibe inzwischen weniger Songs im Erzählstil. In frühen Tagen habe ich viele Wörter in die Lieder gepackt, viel zu viele Verse usw. Jetzt mag ich es, Dinge zu dehnen und in erster Linie sicherzustellen, dass die Phrasierung gut zu singen ist. Ich habe auch das Gefühl, dass ich mich nicht mehr so sehr mit Texten beschäftige wie früher. Ich versuche, einen Ansatz zu wählen, bei dem die erste Eingebung auch die beste ist. Natürlich wird immer etwas verfeinert, aber die Kernidee entsteht normalerweise in einem Rutsch. Dann setze ich mich noch ein, zwei Tage an den Feinschliff.
Musikalisch ändert es sich immer. Manchmal möchte ich, dass die Gitarre auffälliger ist, und manchmal überhaupt nicht. Ich würde sagen, "False Spring" ist mehr durch musikalisches Können gekennzeichnet als frühere Platten. Ich hasse es, das Wort "jazzy" zu verwenden, aber wir haben die Band bei den Aufnahmen mit einer großen Offenheit eingefangen. Oft war der Schluss der Songs gar nicht vorab geplant, es ging nur ums Gefühl.

GL.de: In den Linernotes heißt es, die Songs erforschen "die Räume zwischen der Kälte, die wir zurückgelassen haben, und der Unsicherheit, die vor uns liegt". Wie ist das gemeint?

Zachary Cale: Ich denke, Matt Fiander, der das schrieb, spielte mit diesem Zitat auf den Titel des Albums an. Als ich den Titel "False Spring" wählte, hatte ich nicht buchstäblich den saisonalen Wechsel, sondern eher eine Metapher im Sinn. Für mich waren die letzten vier Jahre ein langer dunkler Winter. Als Trump gewählt wurde, geschah eine schlechte Sache nach der anderen, bis wir fast an den Punkt gelangten, an dem es sich so anfühlte, als würde das Licht zurückkommen. Wenn also der Frühling die Wiedergeburt ist, mit der die Natur sich selbst zurechtrückt, deutet der Titel darauf hin, dass das Licht nur ein Trugbild ist. Wir befinden uns immer noch in den dunklen Wintertagen oder im "Winter unserer Unzufriedenheit".
In den Songs steckt viel Verwirrung: Es geht um Menschen, die im Widerspruch zu ihrer Umgebung und der Gesellschaft insgesamt stehen und auch viel um spirituelle Sehnsucht. Eine der Hauptfiguren des Albums scheint nach dem Licht zu suchen. So dunkel es auch ist, er / sie hofft, dass es besser wird. In einigen Songs gibt es einige aktuelle Bezüge, aber nichts besonders Offensichtliches. Ich kann nicht ignorieren, was heute auf der Welt passiert. All die schlimmen Dinge schleichen sich zwangsläufig ein.

GL.de: Noch einmal allgemeiner gefragt: Legst du dir vorab ein Thema zurecht, das du auf einem Album behandeln möchtest?

Zachary Cale: Nicht wirklich. Es geschieht auf ganz natürliche Weise, dass alle neuen Songs, an denen ich arbeite, einen roten Faden haben. In anderen Fällen stelle ich nur ein paar zufällige Songs zusammen, die ich im Archiv hatte oder die ich als zusammengehörig empfand. Ich denke, mit "False Spring" habe ich versucht, ein bisschen positiver zu sein, auch wenn es dunkle Momente gibt. Ich habe wie gesagt viel Gospel- und Soulmusik gehört, bevor ich das Album gemacht habe. Ich finde, in dieser Musik steckt viel Hoffnung und Licht, gleichzeitig wohnt ihr aber auch ein Gefühl des Bedauerns und der Traurigkeit inne.

GL.de: Lass uns kurz über die Pandemiesituation sprechen. Wie vielen anderen Künstlern hat auch dir der Virus einen Strich durch die Rechnung gemacht. Kannst du der Situation trotzdem etwas Positives abgewinnen?

Zachary Cale: Wenn wir nicht mitten in dieser Pandemie wären, würde ich wahrscheinlich einige Touren organisieren, aber da alle Live-Shows bis auf Weiteres verschoben werden, habe ich nicht viel vor. Die Werbung für das Album war schwierig. Ich verstehe, dass wir jetzt alle abgelenkt sind. Ich selbst schaffe es auch kaum, ein Buch zu Ende zu lesen oder mir einen Film anzusehen, aber momentan ist es oft sogar schwierig, nur eine Antwort auf eine E-Mail zu bekommen.
Ich fange an zu überlegen, was ich als Nächstes tun möchte. Ich habe ein paar Ideen. Eine besteht darin, das unveröffentlichte Album herauszubringen. Es heißt "Skywriting". Es könnte im Herbst dieses Jahres erscheinen. Eine andere ist, mich zu zwingen, mehr zu Hause aufzunehmen. Da wir isoliert sind und ich nicht mit den Bandkollegen zusammenkommen kann, muss ich sehen, ob ich etwas allein aufnehmen kann. Homerecordings sind nicht meine Stärke, denn ich habe als Tontechniker sehr wenig Geduld, aber ich denke, es könnte gut sein, daran zu arbeiten.

GL.de: Deine Beiträge auf Twitter lassen vermuten, dass du den Lockdown nicht zuletzt dazu genutzt hast, an deiner Gitarrentechnik zu feilen und tiefer in das Werk einiger berühmter Künstler einzusteigen? Bitte erzähl uns mehr!

Zachary Cale: Als der Virus auftauchte, dachte ich zunächst, dass das ein guter Zeitpunkt sein könnte, um mehr zu Hause zu schreiben und aufzunehmen, aber da die meisten meiner Gedanken um "False Spring" kreisten, war es schwierig, mich bereits auf das nächste Projekt zu konzentrieren. Ich habe auch nicht so viel geprobt, wie ich sollte, aber ich denke, das liegt daran, dass Live-Shows eh nicht so schnell zurückkommen werden. Ich spiele jeden Tag ein wenig Gitarre und versuche dabei abzuschalten. Das ist eine Art von Meditation. Ich habe eine Menge musikalischer Ideen gesammelt und sie gespeichert, allerdings bin ich noch nicht tief ins Schreiben eingetaucht.
Gelegentlich tauche ich in YouTube ein und schaue mir einige andere Gitarristen an, um zu sehen, ob ich etwas Neues lernen kann. Es ist verrückt, wie viel mehr es zu lernen gibt. Ich habe versucht, mich im Standard-Tuning zu verbessern und zu lernen, wie man ein besserer Leadgitarrist wird. Darauf habe ich mich nie zu sehr konzentriert. Ich denke hauptsächlich in Rhythmus und Melodie. Aber ich stelle fest, dass neue Akkordgriffe mir helfen, mein Verständnis des Gitarrenhalses zu vergrößern. Ich habe mir auch selbst beigebracht, wie man Klavier spielt, und das, obwohl ich noch nie Unterricht hatte oder etwas online nachgeschlagen habe. Ich improvisiere einfach! Ich denke, der beste Weg, ein Instrument zu lernen, besteht darin, einfach einzutauchen und sich einzufühlen. Schreib ein Lied mit deinen begrenzten Fähigkeiten und lerne es auswendig. So habe ich im Grunde gelernt, wie man Gitarre spielt. Meine musiktheoretischen Kenntnisse sind ziemlich gering, obwohl ich feststelle, dass mir mit dem Erlernen des Klaviers der theoretische Teil viel klarer wird.
Abgesehen davon gibt es immer Musik und Filme, in denen man sich verlieren kann. Es gibt immer Neues zu entdecken. Manchmal stecke ich fest und höre die gleichen Dinge, aber in letzter Zeit habe ich mich in das Werk von Sun Ra und Alice Coltrane eingehört. Es ist ein großes Unterfangen mit Künstlern, die ein so großes Werk haben. Jazz ist auch deshalb interessant, weil man die Entwicklung eines jeden Musikers durch seine Beiträge auf den Platten anderer verfolgen kann. Bei Sun Ra und Alice finde ich, dass ihre Arbeit unglaublich viel Melodie enthält. Alice ist für mich gerade besonders tröstlich. Es ist sehr spirituelle Musik, Sun Ra ebenso. Seine Reichweite ist noch größer. Seine Arbeit kann einschüchternd sein, da es einfach so viel gibt! Ich denke, dass er technisch der produktivste Musiker aller Zeiten ist. Seine Discografie ist riesig. Ich habe eine Schwäche für Künstler, die ein großes Oeuvre besitzen. Dylan, Nina Simone, Willie Nelson, Fela Kuti, Eno, The Fall usw. Sie waren alle kompromisslos und unermüdlich. Sie arbeiteten zu ihren eigenen Bedingungen, ohne auf den Geschmack der Industrie einzugehen.

GL.de: Ganz zum Schluss: Was macht dich als Musiker derzeit besonders glücklich?

Zachary Cale: Es war ein großartiges Gefühl, die Unterstützung der Menschen in dieser Zeit zu sehen. Selbst veröffentlichte Musik ist heutzutage eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. Institutionen wie Bandcamp helfen mir wirklich dabei, denn dort bildet sich eine neue Community. Diese Mentalität des Teilens bringt viele Menschen zusammen. Ich hoffe, dass in der Zukunft mehr Leute Bandcamp anstatt Spotify, Apple oder Amazon nutzen, denn die Seite bietet Musikern eine direkte Verbindung zu ihrer Fangemeinde.
Gleichzeitig habe ich die Konkurrenz in der Musikindustrie ziemlich satt, die ständigen Versuche, auf coole Labels zu kommen oder beim guten Konzertveranstalter zu landen. Ich stelle fest, dass die Dinge etwas demokratisierter werden. Obwohl es den Anschein hat, dass "Subscribe, like, follow"-Mentalität nicht so schnell verschwindet, ist es zumindest einfacher als je zuvor, Musik zu entdecken und eine direkte Beziehung zu den Künstlern aufrechtzuerhalten, die man liebt.

Weitere Infos:
zacharycale.com
www.facebook.com/zacharycalemusic
twitter.com/zacharycale
www.instagram.com/zachary_cale_music/
zacharycale.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Matthew Placek-
Zachary Cale
Aktueller Tonträger:
False Spring
(All Hands Electric/Import)

 
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