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NATIVE HARROW
 
Hinter der Maske
Native Harrow
Ein "Native Harrow" ist eine amerikanischer Egge aus Holz, mit der der Boden zum säen vorbereitet wird. Native Harrow ist aber auch der Projektname, unter dem die aus Upstate, New York stammende, klassisch ausgebildete Songwriterin und ehemalige Ballerina Devin Tuel seit 2015 bislang drei Tonträger - "Ghost", "Sorores" und "Happier Now" - veröffentlichte, auf denen sie sich zunächst als Folk-Songwriterin betätigte, allmählich aber mit Hilfe ihres Partners Stephen Harms ein eigenes Sounddesign mit einer musikalischen Tendenz zu Westcoast-Sounds und einer erkennbaren Vorliebe für die Hippie-Ära entwickelte. Heutzutage sind Devin und Stephen auch ein Ehepaar und auf dem nun vorliegenden, vierten Native Harrow-Album "Closeness" wird Stephen nicht nur offiziell als Bandmitglied präsentiert, sondern sorgte als "Musikdirektor" auch prägend für eine erneute Ausweitung des Sounddesigns und ein fülligeres Klangbild.
Das Witzige ist, dass das letzte Album zwar "Happier Now" hieß - es in dem Titeltrack aber lediglich darum ging, vorzuspiegeln glücklicher zu sein, um jemand anderen einen Gefallen tun. Auf "Closeness" hört sich Devin nun aber tatsächlich auch glücklicher an. Ist sie denn heutzutage tatsächlich glücklicher? "Weißt du, während wir 'Happier Now' einspielten, waren wir gerade viel auf Tour unterwegs und wir waren auch noch ziemlich jung", erinnert sich Devin, "ich habe das Gefühl, dass ich seither als Person gewachsen bin - und auf manche Art bin ich heutzutage tatsächlich glücklicher als damals. Ich bin ja im allgemeinen eher eine melancholische Person, und deswegen gibt es für mich von Zeit zu Zeit auch immer dieses Bedürfnis, nach dem Glück suchen zu müssen. Aber da uns in den letzten Jahren eine Menge guter Sachen passiert sind, bin ich heutzutage einfach deutlich selbstbewusster als früher und ich bin glücklicher meinen Job machen zu können und das schlägt sich auch in den Songs nieder. Wenn das auf 'Closeness' deutlich wird, freut mich das." Das wird auch in den Texten deutlich: Wo Devin früher oft von Zweifeln sang, geht es heute eher um Liebe und eben Nähe. "Ja, früher habe ich nämlich immer alles persönlich genommen", bestätigt Devin, "Stephen meinte auch, dass ich alles sogar zu persönlich genommen habe. Auch die Familie und die Freunde meinten das. Da ich heute selbstbewusster bin, kann ich auch zu meinen Entscheidungen stehen und brauche diese nicht mehr zu hinterfragen." Das ist natürlich sehr schön - aber wie kommt es denn, dass Devin gerade in unseren wirren, turbulenten Zeiten auf die Idee kam, ein Album über die Liebe zu schreiben - während sie doch früher eher über genau diese Turbulenzen so besorgt war? Ist "Closeness" vielleicht so etwas wie Devins Variante von Elvis Costellos "What's So Funny 'Bout Peace, Love And Understanding"? "Ja, bestimmt", pflichtet Devin bei, "als wir mit 'Happier Now' auf Tour waren, haben wir so viel gesehen und erlebt, dass ich heute das Bedürfnis habe, mich erst mal hinzusetzen und alles zu verarbeiten. Während die Umstände früher ständig gegenwärtig waren - weil ich sehr leidenschaftlich bin, was Dinge wie den Klimawandel oder die Black Lives Matter-Bewegung bin -, wollte ich 'Closeness' als Antwort auf die frustrierende Suche nach einer Lösung für unsere Probleme schreiben. Und da steht die Liebe ganz oben an." Und es ist ja auch ganz schön in Zeiten, in denen sich viele immer nur beklagen, auch mal etwas Hoffnungsvolles präsentiert zu bekommen. War das auch ein Hintergedanke? "Ja, absolut", pflichtet Devin bei, "ich war so erschöpft vom Touren und arbeiten, dass ich mir dachte, dass ich mir erst mal eine Auszeit nehmen musste, um wieder zu mir selbst finden zu können. Ich denke auch, dass ich mir selbst auch ein wenig Hoffnung vermitteln wollte. Es ist einfach ein schönes Gefühl für mich zu sehen, dass meine Kunst eine tiefere Bedeutung jenseits meiner persönlichen Bedürfnisse haben könnte."
Native Harrow
Wie entwickelte sich die Sache denn musikalisch? Auf "Closeness" - so scheint es - gibt es einfach von allem ein wenig mehr. "Als wir die neue Scheibe aufnahmen, haben Stephen und ich viel 70s Soul-Musik angehört - viel Bill Withers, viel Marvin Gaye - auf der anderen Seite hören wir auch viel Neil Young und Stephen Stills und haben versucht, das dann zu kombinieren. Das kann dir aber Stephen besser erklären." "Na klar", meint Stephen, "was ich mache, ist mir Devins Songs auf der akustischen Gitarre anzuhören und dann zu schauen, in welche Richtung das gehen könnte. Ich versuche zu ergründen, was das Skelett des Songs ausmacht - und dann vielleicht auch mal das Gegenteil daraus zu machen. Es gibt Songs wie 'Smoke Burns' auf der Scheibe, die vielleicht das repräsentieren, was die Leute von uns erwarten - und um dafür ein Gegengewicht zu erschaffen, gibt es auf der anderen Seite Songs wie 'Shake', die wir mit einem Cembalo oder verzerrten Gitarren "Wall Of Sound"-mäßig aufgeblasen haben. Wieder andere Songs wie 'Even Peace' sollten so klingen, als würden die Byrds einen von Devin vor fünf Jahren geschrieben Protest-Folk-Song covern. So sind wir bei vielen Songs vorgegangen und haben versucht, auf diese Weise verschiedene Aspekte miteinander zu verbinden."

Der bereits erwähnte Song "Shake" klingt dabei sogar so, als habe Devin ihre ursprünglichen Ambitionen, mal so wie Patti Smith sein zu wollen, nun verwirklicht. "Danke das du das sagst", meint Devin, "ich liebe Patti Smith. Sie ist ein so großes Vorbild - als geistige Kraft, wie sie die Welt sieht und als Autorin - weil sie vom Herzen schreibt. Dieser Vergleich ist ein riesiges Kompliment für mich, denn wenn ich auch nur eine Spur von Patti Smith in mir trage, dann habe ich bestimmt etwas, das auch ich beitragen könnte." Patti Smith wird ja oft - und zu recht - als Poetin betrachtet. Mit welchem Selbstverständnis nähert sich Devin denn ihren Texten? "Für gewöhnlich habe ich ein Thema im Kopf, mit dem ich beginne", überlegt Devin, "der Prozess des Schreibens hat dann etwas von einer Meditation. Ich habe viel Zeit damit verbracht, Gedichte zu schreiben - 15 Jahre sind das nun -, aber wenn es um die Sprache meiner Songs geht, versuche ich schon, diese poetisch klingen zu lassen; aber nicht in dem Sinne, dass ich versuche, alles in Reimform zu packen. Es muss alles im Augenblick Sinn machen - und ich kann mir dann später ja noch überlegen, was das alles bedeuten könnte. Manche Songs sprudeln einfach aus mir heraus, an manchen laboriere ich länger herum. Ich mag es sehr, eine beschreibende Sprache zu verwenden - aber in Bezug auf die Landschaft, die Natur, Erfahrungen und Emotionen. Mich auf die Gefühle zu konzentrieren, ist mein Ziel." Dabei können natürlich keine Storytelling-Songs entstehen. Wie sieht Devin das denn? "Oh, ich liebe diese Frage", wirft Stephen ein, während Devin überlegt: "Mal nachdenken - als ich anfing Songs zu schreiben, habe ich schon Geschichten geschrieben, weil das ja ein guter Startpunkt ist. Aber ich mag eigentlich keine Songs, die einen klaren Anfang, eine Mitte und ein Ende haben, weil es - meiner Meinung nach - bei einem Song um ein emotionales Erlebnis geht, das sich immer und immer wiederholt. Eine Geschichte, die sich immer und immer wiederholt, ist hingegen schließlich irgendwann langweilig. Warum soll ich also Geschichten erzählen? Ich versuche dann lieber, Tagträume in meinen Songs einzufangen. Das ist auch universeller." Über wen singt Devin denn, wenn sie NICHT über sich selbst singt? "Also meistens singe ich schon über mich selbst", räumt sie dann doch ein, "manchmal verwende ich auch eine Geschichte, die ich gelesen oder von der ich gehört habe oder von der ich ein Teil war. Manchmal singe ich über meinen Mann Stephen, manchmal über Freunde und über Geschichten, die diese mir erzählt haben und dann wieder über etwas, was uns zum lachen bringt, etwas, was ich in einem Buch gelesen habe oder einen Charakter, der mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Aber die Gefühle, über die ich singe, sind Gefühle, die in mir vor sich hin brodeln. Das Ganze muss man sich so vorstellen, wie eine Version meiner selbst, wenn ich eine Maske trage." Dabei geht es dann wohl um Authentizität, oder? "Genau", bestätigt Devin, "ein Song, der mich fasziniert, muss vor allem in Bezug auf den Gesang ehrlich sein. Die Texte müssen auf eine gewisse Art enthüllend und nachhaltig sein. Die Musik muss dann der Stimme und dem Format folgen und diese Texte dann unterstützen."

Natürlich sind auch Native Harrow ein Opfer der Corona-Pandemie geworden. Das bedeutet aber nicht, dass sie ihre Fans vergessen haben: Eigentlich hätten Native Harrow auf dem diesjährigen Static Roots Festival (das natürlich auch ausgefallen ist) auftreten sollen. Davin und Stephen liegt es demnzufolge sehr am Herzen, darauf hinzuweisen, dass sie dann im nächsten Jahr dabei sein wollen - und ggf. dann auch eine angedachte Tour in unseren Breiten realisieren möchten. Um das zu untermauern, haben sie eine exklusive Performance im Rahmen der vom Static Roots Festival als "Überbrückungshilfe" ins Leben gerufene "Stay Safe Sessions" eingespielt, die Mitte September online gehen soll.
Weitere Infos:
nativeharrow.com
www.facebook.com/nativeharrow
twitter.com/nativeharrow
staticrootsfestival.com/static-roots-festival-stay-safe-sessions/
www.facebook.com/StaticRootsFestival
www.youtube.com/watch?v=7dH5LmX1PrM
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Parri Thomas-
Native Harrow
Aktueller Tonträger:
Closeness
(Loose/Rough Trade)

 
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