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NIEDECKENS BAP
 
Am Fluss
Niedeckens BAP
Wenn man wollte, dann könnte man Wolfgang Niedecken so einiges vorwerfen - eines freilich nicht: Dass er sich nämlich im Laufe seiner mitterweile 40-jährigen Bandkarriere mit seinem BAP-Projekt über die Jahre nicht treu geblieben sei. Auch auf dem mittlerweile zwanzigsten BAP-Studioalbum "Alles fließt" zeigt sich vor allen Dingen die Beständigkeit als Thema des Kölschrock-Meisters. Wie üblich, fächert er dieses Thema in einem bunten Potpourri von Songs zwischen persönlicher Intensität, politischer Stellungnahme und amüsierter Verwunderung auf. Und natürlich ist "Alles fließt" auch etwas wie so eine Art persönlicher Bestandsaufnahme des nun fast 70-jährigen. Ein wehmütiges Alterswerk hingegen ist es zweifelsohne nicht. Das schon alleine deswegen nicht, weil das Musiker- und Produzentenpaar Uli Rode und Anne de Wolff - seit 2014 so etwas wie die musikalischen Leiter des BAP-Universums - Wolfgang Niedecken eine Sammlung teiweilweise recht zupackender, druckvoller Songs auf den Leib geschneidert haben.
Wie hat sich denn das Thema des Albums ergeben? Wolfgang meinte ja ein Mal, dass er es möge, dass das Eine aus dem Anderen hervorgehe. Woraus ging denn "Alles fließt" hervor? "Ulle und Anne haben ja auch das letzte Album 'Lebenslänglich' produziert", berichtet Wolfgang, "es gab dann auch eine ziemlich lange Tour und der Ulle hatte damals sehr intensiv wahr genommen, wann das Publikum aus dem Häuschen war und wo bestimmte Reaktionen kamen. Er hat mich und meine musikalischen Vorlieben auch immer besser kennengelernt, seit er 2014 dazu stieß. Er weiß, wo die Bands und Künstler sind, die mich über all die Jahre fasziniert haben, herkommen - die Beatles, die Stones, die Kinks, Dylan, Neil Young, Cohen - also die Klassiker aus den 60ern, die für mich übrigens auch niemand jemals wieder toppen wird. Ulle hat mir dann nach der 16er Tour eine CD gegeben mit 11 Layouts." Mit Demos? "Ja, er nennt das immer Layouts", führt Wolfgang aus, "das waren 11 Songs, die schon arrangiert waren - wo nur noch der Text fehlte. Ich bin dann aber noch nicht direkt dazu gekommen, mich damit zu befassen, weil ich ja erst noch dieses Familienalbum in New Orleans aufnehmen wollte. Ich habe mir aber die Sachen angehört, ein paar Sachen angemarkert, auf die ich besonders stand und mich dann dazu entschlossen, mit dem Stück 'Ruhe vor’m Sturm' anzufangen." Und die richtige Arbeit begann dann nach dem "Familienalbum"? "Ja, im November 2018 hatte ich Zeit, mich damit zu befassen und von da an ist es dann wirklich geflossen. Ich habe mir dann die Songs vorgenommen und mir gesagt: Die werden jetzt der Soundtrack meines Alltags, bis die erste Zeile kommt." Musikalisch hat sich Wolfgang dann rausgehalten? "Ja, klar", bestätigt er, "denn die Stücke waren ja schon für mich 'customized'. Ich musste mich ja eigentlich nur noch in ein gemachtes Bett legen. Ich musste ja nicht mehr mit jemandem diskutieren, der mir eine Musik verkaufen will, mit der ich nichts anfangen kann. Wir haben uns über einzelne Instrumentierungen unterhalten und die Tonarten abgecheckt, die mir liegt - in der Regel G-Dur." Und die Arrangements macht dann wer? "Zunächst Ulle und später die ganze Band - alle neune. Einige Ideen hat auch Anne als Multiinstrumentalistin beigesteuert."

Dass das Album jetzt, in der Corona-Phase, erscheinen kann, hat sich zufällig ergeben, oder? "Ja, wir hätten das Album jetzt - im April 2020 - einspielen können oder unmittelbar nach der letzten Tour. Zum Glück hatten wir uns dazu entschieden. Zwei Tage nach dem Ende der Tour auf dem Kunstrasen in Bonn standen wir in Dresden um 10 Uhr im Studio und haben dann innerhalb von einer Woche alle Grundtakes live im Studio eingespielt. Und ich habe auch direkt zu den Grundtakes gesungen. Das habe ich bei den Aufnahmen in Woodstock und New Orleans bei meinen letzten beiden Solo-LPs gelernt." Wieso - lief das vorher anders? "Ja, ich habe es immer gehasst, die Texte alleine im Studio einzusingen", erklärt Wolfgang, "weißt du - da kommt dann der große Meister und alle sitzen hinter der Glasscheibe und ziehen wie beim Eiskunstlauf ihre Karten mit den Haltungsnoten. Dann weißt du nachher nicht mehr, wovon du singst. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Es war immer mein Traum, gleich mitzusingen. Auf den letzten drei Alben habe ich dann endlich mal so gesungen, wie ich wollte - Gott sei Dank!" Geht es denn dabei darum, ein gewisses Live-Feeling einzufangen? "Sagen wir mal so: Wenn du eine Nummer 80 Mal spielst, dann ist die Sache natürlich gegessen", schränkt Wolfgang ein, "aber wir haben die Songs ja maximal vier Mal gespielt - und dann ist die Konzentration noch da. Das ist für mich eine traumhafte Situation. Es geht natürlich nur, wenn du die Songs schon kennst, und nicht, wenn dir gerade die ersten Textzeilen einfallen. Aber ich kannte die Songs ja schon in und auswendig."

Niedeckens BAP
Wer hat dann das Sounddesign konzipiert? "Das war der Ulle. Was ich selber nämlich nicht mehr beurteilen kann, ist der Endmix, der sich ja auf jedem Gerät anders anhört", erklärt Wolfgang, "ich habe auf dem Schreibtisch zwei gute Boxen stehen, mit denen ich alles bewertet habe. Aber wenn ich das Album mit guten Kopfhörern höre, höre ich auf ein Mal Sachen, die ich über die Boxen nicht gehört habe. Ich weiß eigentlich gar nicht, wie man das Ganze objektiv hören könnte." Das heißt dann wahrscheinlich auch, dass der Mix extern erfolgt? "Ja - der Ulle und die Anne sind ins Ballsaal-Studio nach Berlin gefahren und haben dort mit dem Peter Schmidt gemischt", verrät Wolfgang, "ich wollte eigentlich auch dort hin - aber das war kurz vor dem Shutdown. Und da ich zur Risikogruppe zähle, einen Schlaganfall hatte und auf die 70 zugehe, wollte ich mich mal lieber nicht infizieren. Ich bin dann weg geblieben, obwohl ich gerne dabei gewesen wäre. Allerdings habe ich denen auch vertraut, dass sie das alles richtig machen - zumal ich mit dem Peter Schmidt vor Jahren schon zusammen gearbeitet habe." Kommen wir mal zum Thema des Albums - "Alles fließt". Dabei geht es doch gewiss um den Lauf der Zeiten, oder? "Schau mal", führt Wolfgang aus, "500 Meter von hier Rhein-abwärts sitze ich in meinem Arbeitszimmer und schaue auf den Fluss - und der beruhigt mich. Der 'levelt' mich ein; von Kind an schon. Wenn wir als Kinder am Rhein spielen durften, dann war das eine Auszeichnung. Wenn unsere Mütter uns erlaubt haben, über die Südbrücke auf die andere Seite auf die Poller Wiese zu gehen, dann war das wie ein Ritterschlag - mit Fernweh und allem, was dazu gehört. Das war die große Welt, die irgendwie mit diesem Fluss anfängt." Und welche Wirkung hat dann der Fluss heute? "Der macht mich demütig", überlegt Wolfgang, "in einem großen Zeit-Kontinuum merkst du, wie klein du bist - aber du bist trotzdem dabei. Der Fluss macht also demütig - aber er macht dich auch gelassen. Aber nicht auf einer resignierende Weise. Nicht dass du etwa sagst: 'Es ist ja sowieso alles vorbei - ist doch sowieso alles egal'. Nein - das ist ganz anders." Das heißt also, man muss sich nicht mehr aufregen, oder? "Also ich rege mich schon noch ab und zu auf - so ist es nicht", widerspricht Wolfgang, "sonst hätte ich ja 'Ruhe vor'm Sturm' nicht geschrieben."

Damit wären wir dann beim politischen Teil des Albums angekommen. "Ruhe vor'm Sturm" greift das Thema der "Kristallnaach" - und somit das wiedererstarken des Faschismus - wieder auf, mit dem BAP ja bereits 1982 auf die Parallelen zwischen den 30er Jahren und der Jetztzeit aufmerksam machten. "Ja, das war das erste Demo, mit dem ich mich beschäftigt habe", erinnert sich Wolfgang, "es ist ein ganz neues Stück, aber auch eine Art Fortsetzung von 'Kristallnaach' und enthält sogar die fünfte Zeile von dem Stück: 'Enn der Ruhe vüürm Sturm, wat ess dat? Janz klammheimlich verlööß wer die Stadt'. Ich wollte das noch ein Mal ausführen, denn es musste etwas aus mir raus." Wie ist das denn zu verstehen? "Oft kommen mir Texte, die ich schreibe, so vor, als läge ich beim Psychiater Niedecken auf der Couch und lasse etwas raus. Da hat sich über die ersten zwei Trump-Jahre bei mir etwas angestaut, das einfach raus musste. Danach konnte ich dann wieder klarer denken." Es geht in dem Stück ja um die Irrungen und Wirrungen der besorgten Neid-, Angst- und Pöbelbürger, die im Faschismus ihr Heil sehen. Hat "Verraten und Verkauft" - der andere politische Titel des Albums - auch mit diesem Thema zu tun? "Ja", bestätigt Wolfgang, "denn als ich mir 'Ruhe vor'm Sturm' angehört habe, habe ich mir gedacht, dass ich eigentlich ja nicht ganz fair zu den Leuten bin, die sich verraten und verkauft fühlen. Viele Leute haben ja das Recht, sich verraten und verkauft zu fühlen. Die wissen zwar womöglich nicht so recht, wo sie damit hin sollen und tendieren dann auch manchmal in Richtung Pegida oder so etwas - aber vom Grund her haben sie nun mal dieses Gefühl. Ich kenne selbst Leute, die sich verraten und verkauft fühlen - weniger aus meiner Generation, aber Menschen, die 10, 15 Jahre jünger sind und sich fragen, wie sie ihre Familie in diesem Neo-Liberalismus ernähren sollen - obwohl sie teilweise selber auch mit dafür verantwortlich sind." Ja, aber das gibt diesen Leuten doch nicht das Recht, sich als Faschisten zu gebärden. "Nein, auf keinen Fall", pflichtet Wolfgang bei, "aber ich will diese Leute nicht verdammen. Eigentlich will ich mit diesen Leuten reden. Mit den ganz Verbohrten geht das natürlich überhaupt nicht mehr. Aber ich würde mich gerne mit verstörten Typen, die nicht mehr wissen, wo es lang geht, so lange unterhalten, bis ich entweder sage: Es hat keinen Zweck mehr - wozu ich auch in der Lage wäre - oder bis ich sie wieder einfangen könnte. In großen Versammlungen geht so etwas natürlich nicht und ich habe ja auch gar keine Zeit dahin zu gehen. Aber ich habe mich schon unter vier Augen mit Leuten unterhalten, die dann sagten: 'Na ja, eigentlich hast du ja recht'."

Schreibt Wolfgang solche Songs mehr für sich selbst, um Dinge zu verarbeiten? "Zunächst mal schreibe ich nie einen Song, um irgendwie jemanden von etwas zu überzeugen", klärt Wolfgang auf, "ich schreibe einen Song immer zunächst für mich - und muss dann überlegen, was die Allgemeinheit betrifft. Anders herum würde es ja bedeuten, dass ich für eine Zielgruppe arbeite. Und dann bist du relativ schnell beim Polit-Rock oder so einer Art Sowjet-Kunst - im Dienst der Sache. Und dafür habe ich zu viel Respekt vor der Kunst." Dafür hat Wolfgang dann Songs wie "Huh die Jlääser, Huh die Tasse" im Gepäck - ein Trinklied auf die Helden des Alltags, das Wolfgang geschrieben hatte, um den Coolen Normalos seine Aufmerksamkeit zu widmen. Es ist natürlich nur ein Zufall, aber interessanterweise wirkt auch in dieser Beziehung die Corona-Krise als eine Art Brennglas, durch die dann plötzlich solche Themen beleuchtet werden. "Ja - das gilt für viele Sachen, die jetzt bei der Corona-Krise plötzlich rauskommen", bestätigt Wolfgang, "wer hätte zum Beispiel gedacht, dass sich jemals noch einer über Massentierhaltung und Fleischproduktion Gedanken macht? Wie oft hat man das schon gesehen? Ich bin ja seit einem viertel Jahrhundert Vegetarier und habe mich vom Fleisch verabschiedet. Ich hoffe nur, dass das alles nicht wieder vergessen wird. Wenn jetzt bei den Budgetverhandlungen in Brüssel die Umweltgedanken wieder in den Hintergrund geraten, ist das genau der falsche Weg. Ich glaube aber schon, dass sich jetzt eine größere Öffentlichkeit Gedanken über die Umweltzerstörung und die Erderwärmung macht. Hoffentlich wird das nicht von der zweiten Corona-Welle überdeckt."

Das wollen wir auch nicht hoffen. Wie es mit BAP weiter geht - insbesondere auf geplante Live-Konzerte - wird sich zeigen. Wolfgang spielt auch mit dem Gedanken, aus den Videoaufnahmen, die bei der LP-Produktion im Studio gemacht wurden, eine Art Dokumentarfilm basteln zu lassen. Das Ziel soll es jedoch sein, irgendwann dann das Album auch live zu präsentieren - etwa in der heimischen Lanxess-Arena. Wir werden sehen...

Weitere Infos:
www.bap.de
www.facebook.com/NiedeckensBAP
www.youtube.com/channel/UCo7N5YhWEGX9ovafm_YonVA
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Niedeckens BAP
Aktueller Tonträger:
Alles fließt
(Vertigo/Universal)

 
 

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