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SOPHIA
 
Agit-Prog mit Weisheit
Sophia
Es war alles so schön geplant: Nachdem Robin Proper-Sheppard in Berlin eine neue Wahlheimat gefunden hatte (nachdem er zuletzt in Belgien residierte), fand er Zeit und Muße, sich dort ein Studio einzurichten und neues Material für sein Projekt Sophia zu schreiben. Ausgerechnet zum Beginn der Corona-Krise war er damit fertig geworden, das neue Sophia-Album "Holding On / Letting Go" zur Veröffentlichung freizugeben und hatte die Scheibe bereits bei Bandcamp angekündigt. Sogar eine Europa-Tour im Frühjahr war bereits gebucht, als die Lockdowns begannen. Die besagte Tour wurde jetzt erst mal auf den Winter verschoben und die Veröffentlichung des Albums nun auf September verlegt. Glück im Unglück ist dabei sicherlich der Umstand, dass Robins Musik nicht an Zeiten, Moden oder Konventionen gebunden ist - und dass er sich inhaltlich und musikalisch durchaus treu blieb.
Das Album wurde mit Robins Longtime-Companion Jeff Townsin an den Drums und jener Band aus belgischen Musikern eingespielt, die Robin seit dem letzten Album "As We Make Our Way" - auch auf der Bühne - begleitet. Da es auf Robins Scheiben stets um eine Art aktuellen Statusbericht über seinen Gemütszustand geht und sich die neuen Tracks offensichtlich um die Frage Festhalten oder Loslassen drehen, sei die Frage erlaubt, zu welchem Schluss er diesbezüglich gekommen ist: Ist es denn besser, an etwas festzuhalten oder stattdessen loslassen zu können? "Im Wesentlichen spreche ich hier ja über das Leben", überlegt Robin (der sich zum Zeitpunkt des Gespräches noch gar keine großartige philosophische Promo-Strategie ausgedacht hat), "ich weiß - ehrlich gesagt - gar nicht, ob wir bewusst eine solche Entscheidung treffen könnten. Man kann das versuchen - aber sind wir doch mal ehrlich: Je mehr man versucht, etwas loszulassen, desto schwieriger wird es doch. Weißt du, in meinen 30ern - als alles um mich herum zusammenbrach - hatte ich stets die Möglichkeit, meine Mutter um Rat zu fragen, wenn ich ein Problem hatte. Als meine Mutter dann verstarb, versuchte ich unbedingt, an diesem Gefühl der Sicherheit festzuhalten. Im Laufe der Zeit ging dieses Gefühl der Unmittelbarkeit dann aber verloren. Ich denke also, dass man nicht wirklich eine Kontrolle über diese Dinge hat." Robins Alben beziehen sich ja auch des Öfteren auf Erinnerungen, oder? "Sagen wir mal so: Alle meine Albumtitel beziehen sich auf Dinge, die mich zu der Zeit, in der ich das Album aufnahm, beeinflussten", räumt er ein, "auf dem Album 'Technology Won't Save Us" ging es ja um diese Geschichte von dem Vater und seinem Sohn, die im Wattenmeer von der Flut überrascht wurden und nicht gerettet werden konnten, obwohl sie per Handy mit der Küstenwache in Verbindung standen. Diese Geschichte hatte einen solchen Eindruck auf mich gemacht, dass ich ein ganzes Album über diese Stimmung schrieb. Und jetzt bin ich an einem Punkt in meinem Leben angekommen, an dem ich gerne mehr Kontrolle über Dinge wie das 'Festhalten' oder das 'Loslassen' hätte."

Musikalisch ist das das neue Werk wieder konsequent als Album konzipiert, oder? "Absolut", bestätigt Robin, "das habe ich eigentlich immer schon versucht, aber erst jetzt - in meinen 50ern - verstehe ich meinen eigenen Prozess gut genug, um das auch erreichen zu können. Dazu gehört auch, dass meine Musiker da mitspielen. Jeff, mein Drummer, mit dem ich seit 20 Jahre zusammen arbeite, ist dessen so gegenwärtig, was ich zu erreichen versuche, dass ich ihm die Auswahl meiner Songs überlassen kann, weil er weiß, dass es darum geht, eine bestimmte Geschichte in einem bestimmten Format zu erzählen. Speziell, was die Dynamik und die Textur der Songs betrifft, unterstützen mich die Musiker dabei in besonderer Weise. Ich kann es gar nicht erwarten, mit dem Material auf die Bühne zu kommen." Auf Robins Scheiben befanden sich bislang ja immer sehr lange Stücke, auf denen er versuchte, verschiedene Aspekte - Struktur, Atmosphäre, Klang, Stimmung - episch zusammenzuführen, und sich dabei zuweilen auch ein wenig verzettelte. Dieses Mal klingt aber alles ziemlich rund und songorientiert. "Ja, stimmt", räumt Robin ein, "es gibt dieses Mal kein 'I Left You' oder 'Desert Song'. Darauf hat mich Jeff auch aufmerksam gemacht. Er meint sogar, dass dieses das poppigste Album sei, was wir bisher gemacht hätten. Ich muss zugeben, dass ich mir dieses Mal auch Mühe gegeben habe, die Songs etwas zurechtzustutzen, um zum Punkt zu kommen, während ich bislang immer der Meinung war, Dinge ausdehnen zu langsam aufbauen zu müssen. Das passte aber dieses Mal nicht zu meinen Texten." Wie ist das zu verstehen? "Nun - ich habe versucht, dieses Mal nicht so ausschließlich auf meine Erfahrungen zurückzugreifen", überlegt Robin, "stattdessen habe ich versucht, Dinge so auszudrücken, dass die Zuhörer sich vielleicht selbst darin wiederfinden könnten - so als sänge ich über sie. Bislang so war es so, dass jemand, der sich Sophia anhörte sich sagte: Da singt jemand, der Schmerzen empfindet und ich weiß, wie sich das anfühlt - während es in den Songs aber ausschließlich um mich ging." Dabei geht es aber dennoch recht persönlich zu. Der Song "Undone Again" beschäftigt sich erneut mit Astrid Williamson - die Robin gerne als "die Liebe seines Lebens" bezeichnet. "Ich will ehrlich sein", bestätigt Robin diese Vermutung, "diesen Song habe ich schon vor ein paar Jahren angefangen. Es geht hier um Reue. Ich bin ja nicht grundsätzlich ein schlechter Typ, wenn es um Beziehungen geht, aber ich bin halt ein wenig neurotisch - wie ich ja auch singe. Ich wollte aber nicht, dass dieser Song in eine einzige Entschuldigung an die Leute, die ich in der Vergangenheit geliebt habe, ausartet. Die Person, an die ich in diesem Song dachte, ist tatsächlich Astrid Williamson, weil sie mich so akzeptierte, wie ich war. Wir sind schließlich alle kompliziert und neurotisch und leicht besessen - und trotzdem gibt es da draußen jemanden, der einen für das liebt, was man ist. Und die einzige Person, die das jemals zu mir gesagt hat, war Astrid Williamson. Und dann gibt es noch den Track "Road Song" - singt Robin hier nicht sogar zu sich selbst? "Ja, ich singe hier tatsächlich zu mir selbst", überlegt Robin, "aber ich widerspreche mir auch. Es geht um die Leute, die zu mir sagen: 'Ich wünschte, du könntest dich so sehen, wie ich dich sehe'. Es geht um die Leute, die mich beobachtet haben, während ich mich quasi selbst zerstört habe."

Mit "We See You (Taking Aim)" hat Robin dieses Mal auch einen politischen Song im Angebot - in dem er große Konzerne anprangert, die zur Profitmaximierung bewusst mit kriminellen Methoden agieren, für die niemand die persönliche Verantwortung zu übernehmen braucht, während Individuen selbst für kleine Vergehen hart bestraft werden, wenn sie erwischt werden. Wie kam es dazu - denn Robin erklärte mal, kein politischer Songwriter zu sein. "Als ich jünger war - zu Zeiten von God Machine -, war ich sehr viel stärker von existenziellen, philosophischen Überlegungen geprägt. Ich war aber niemals politisch. Aber gerade heutzutage - speziell in den letzten drei oder vier Jahren - hat sich die Welt doch ganz schön verdreht. Man fragt sich ja zuweilen schon, wann die Welt kaputt geht - und irgendwann wird sie zerbrechen. Ich werde ja geradezu überwältigt von dem, was ich lese und sehe. Auf dem Weg ins Studio habe ich im Guardian diesen Artikel über diese kriminellen Machenschaften in Konzernen gelesen, der mich so wütend gemacht hat, dass ich als Songwriter einfach nicht an mich halten konnte. Da gibt es auf der anderen Seite auch diese Geschichte von dem Jugendlichen in der Schweiz, der jetzt eine Vorstrafe hat, weil er versucht hatte, in einem Laden mit Spielzeuggeld zu bezahlen - oder die Geschichte von George Floyd in den USA. Das macht einem auch bewusst, wie kaputt die politischen Institutionen heutzutage sind. Das ist einfach herzzerreißend." In dem Song heißt es ja "wir sehen euch, wie ihr uns ins Ziel nehmt". Ist das eine Warnung? "Ja, wenn ich sage 'wir sehen, wie ihr Ziel nehmt', dann richtet sich das an die 1%, die uns das antun. Ich habe gerade die Jeffrey Epstein-Doku gesehen und begriffen, wie er oder seine Gehilfin Ghislaine Maxwell andere Menschen - und letztlich uns alle - behandelt haben und andere auch gar nicht als Menschen betrachten. Und in dem Sinne ist das eine Warnung an solche Menschen: Gebt acht, wie haben euch im Blickfeld." Es scheint als habe Robin da einen wunden Punkt getroffen. "Die Sache ist die", führt er aus, "wenn es um diese 'White Privilege'-Geschichten geht, dann sind wir alle insofern betroffen, als dass wir, als weiße Menschen, nur einen Bruchteil dessen nachvollziehen können, was Menschen anderer Hautfarben zu erdulden haben. Und dennoch sind wir alle - unabhängig von unserer Hautfarbe - nur eine Art Ware für die oberen 1%. Die Schlussfolgerung, die ich daraus ziehe, ist die, dass ich wegen solcher Beobachtungen jetzt, in meinen 50ern, politischer geworden bin, als ich es mir früher, als Jugendlicher, der von existenziellen Fragen geprägt war, eigentlich habe vorstellen können." Kurz gesagt: Robin Proper-Sheppard ist auf seine alten Tage noch ein Mal zu einem ganz neuen - vielleicht altersweisen - Bewusstsein gelangt. (Immerhin wählte er den Namen seiner Band deswegen, weil "Sophia" auf Griechisch "Weisheit" heißt.)
Eine Frage bleibt noch: Gerade auf dieser Scheibe, auf der Robin mit seinen bislang prägnantesten Texten seine klarsten Botschaften in seinen am konkretesten ausformulierten Songs präsentiert, arbeitet er oft mit Effekten auf den Vocals und verzerrten Stimmen. Warum macht er das? "Ich bin mir selbst nicht ganz sicher", räumt er an, "das habe ich ja von Beginn an gemacht und ich denke, dass es damit zusammen hängt, dass ich mich unsicher fühlte. Ich habe ja immer Angst, dass ich nicht gut genug sein könnte und habe deswegen früher meinen Songs mehr und mehr Elemente hinzugefügt. Das wollte ich aber dieses Mal ja nicht machen und habe mich - gerade deswegen weil die Texte so direkt sind - dazu entschlossen, dann stattdessen mit Effekten zu arbeiten. Nicht grundsätzlich, aber öfter. Das gehört einfach zum Gesamtpaket. Zuweilen geht es darum, die Energie zu verstärken und zum anderen darum, von der Direktheit der Texte vielleicht abzulenken." Auch in diesem Sinne bleibt sich Robin dann irgendwie treu. Das Album wird übrigens mit dem Instrumental-Titel "Prog Rock Arp" auf dem Robin und seine Jungs all das, was zuvor konzeptionell ausgeschlossen wurde, selbstironisch auf den Kopf stellen und sich in psychedelischer Eklektik ergehen. Insgesamt ist "Holding On / Letting Go" dann doch ein sehr "normales" Sophia-Album geworden - nur eines, das zielgerichteter, stringenter und ausbalancierter daher kommt, als gewohnt.
Weitere Infos:
sophia.bandcamp.com
www.sophiamusic.net
www.facebook.com/thesophiacollective
twitter.com/thisissophia
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Pressefreigaben-
Sophia
Aktueller Tonträger:
Holding On / Letting Go


 
 

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