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Interview-Archiv

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ALLYSEN CALLERY
 
Der Geist des Novembers
Allysen Callery
"Ich schreibe immer noch über Liebe und Verlust, die Natur und die wundersamen Dinge, die ich mag, gleichzeitig glaube ich aber auch, dass ich inzwischen ein wenig selbstbewusster bin, wenn es um mich selbst und mein Songwriting geht", sagt Allysen Callery, und wie das klingt, kann man auf ihrem neuen Album "Ghost Folk" nachhören, das dieser Tage vom Oberhausener Connaisseur-Label Cosirecords als liebevoll gestaltete LP veröffentlicht wird. In der Vergangenheit des Öfteren mit der unvergleichlichen Sandy Denny verglichen und als "Tim Burton of Folk Music" tituliert, beeindruckt die 53-jährige Singer/Songwriterin aus Bristol, Rhode Island, nun erneut als Sängerin und Gitarristin auf den Spuren des britischen Folk-Revivals der späten 60er-Jahre mit leisen, mystisch umwehten Tönen. Die zumeist solo eingespielten Lieder auf "Ghost Folk" wirken oft wie aus der Zeit gefallen, ohne deshalb altbacken zu klingen. Denn Callery geht es nicht um Nostalgie, sondern schlichtweg darum, sich ihr eigenes Refugium zu erschaffen, ihre ureigene "Twilight Zone". Im Gaesteliste.de-Interview spricht sie über ihre Pandemie-Erfahrungen, neue klangliche Herausforderungen und die Bedeutung von Nick Drake, dem früh verstorbenen großen Meister der englischen Folk-Melancholie, für ihr Tun.
GL.de: Allysen, wo erwischen wir dich gerade und wie ist die Stimmung?

Allysen: Ich sitze in meinem kleinen Wohnzimmer, eine Kerze brennt und die Katze schnurrt in der Nähe. Die Blätter beginnen sich zu verfärben und es weht eine schwache Herbstbrise durch das Fenster.

GL.de: Um die COVID-19-Fragen gleich zu Beginn aus dem Weg zu räumen: Wie hast du die letzten Monate erlebt, und hast du trotz all der negativen Implikationen auch etwas Positives für dich aus der Situation ziehen können?

Allysen: Ich denke, wir vermissen wirklich alle, was wir verloren haben, die Freiheit, auszugehen und Freunde zu sehen, etwas zu trinken und Live-Musik zu hören. Ich habe so viel verpasst, weil ich zu ängstlich war, um auszugehen, oder müde, und jetzt habe ich das Gefühl, dass ich die ganze Zeit ausgehen möchte! Ich denke, wir werden alle unglaublich dankbar sein, wenn wir unsere Masken abnehmen und das Leben wieder genießen können.

Gl.de: Wie viele andere hast auch du in den vergangenen Monaten einige Live-Streaming-Konzerte gespielt. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Allysen: Es hat mir Spaß gemacht, online zu spielen, weil ein Großteil meiner Zuschauer so weit weg lebt und ich so die Möglichkeit habe, mit ihnen öfter in Kontakt zu treten als nur alle paar Jahre, wenn ich in Europa bin. Viele der Shows werden auch im Voraus aufgezeichnet, sodass auch ich mich zurücklehnen und zuschauen und mit allen chatten kann. Eine sehr entspannende Art, eine Show zu haben! Allerdings gibt es nichts Schöneres als Live-Musik und für die Menschen direkt vor Ort spielen zu können. Ich habe einige Hauskonzerte mit Abstandsregeln im Freien gemacht und es war lebensspendend!

GL.de: Viele Musiker versuchen sich im Laufe ihrer Karriere an verschiedenen Stilen und Genres, du dagegen hast offenbar schon in jungen Jahren deine wahre Berufung gefunden, weil du mit der Musik des British Folk Revivals der 60er-Jahre aufgewachsen bist. Hast du je überlegt, mal etwas ganz anderes zu machen?

Allysen: Es ist lustig, dass du fragst, denn ich habe angefangen, mit meinem Freund und Produzenten Myles Baer an einigen neuen Songs zu arbeiten, die eher Band-orientiert sind und in Richtung Shoegaze und Psychedelic deuten - die Art von Musik, die ich selbst am meisten höre. Als ich mein Album "Hobgoblin's Hat" herausbrachte, spielten wir gemeinsam in einer Band namens Land Of Nod, ich bereite mich gewissermaßen auf die Rückkehr nach Nod vor. Ich werde immer noch Nylonsaitengitarre spielen, aber es wäre großartig, zum ersten Mal Schlagzeug dabeizuhaben. Ich freue mich drauf!

GL.de: Im Presseinfo zu "Ghost Folk" heißt es, die Platte sei modern und spiele lediglich mit der Tradition, ihren Themen und Motiven. Fällt es dir leicht, dies Kluft zwischen früher und jetzt zu überwinden?

Allysen: Wenn ich Songs schreibe, ist das reine Inspiration, und ich gehe einfach dahin, wohin mich der Song führt. Normalerweise finde ich eine bestimmte Akkordfolge, und wenn sie mich trifft, wenn sie mir nahegeht, schreibe ich sofort einen Text dafür. Manchmal ist es umgekehrt. "November Man" zum Beispiel hatte ich ein Jahr vor meiner Vertonung als Gedicht geschrieben.

GL.de: Apropos "November Man". Der Song handelt von Nick Drake, dem auch das Album gewidmet ist. Was macht ihn in deinen Augen besonders?

Allysen: Ich hörte von Nick Drake, als ich mich in meinen 30ern wieder der Gitarre zuwandte. Je mehr ich über ihn erfuhr, desto mehr fühlte ich mich auf eine sehr seelenvolle Weise mit ihm verbunden. Die Welt ist nicht immer freundlich zu den sanften Musikern. Meine Gitarre lag lange unter meinem Bett, bis ich Jahre später die Kraft dafür hatte. Ich kämpfte darum, in lauten Clubs gehört zu werden, bis ich meinen Platz in kleinen Sälen fand und auf kleinen Labels, die sich für ihre Künstler einsetzen. Darin liegt eine unglaubliche Schönheit, die ihresgleichen sucht. Auf der Welt ist Platz für alle erdenklichen Arten von Musik, für alle erdenklichen Menschen. Der "November Man" ist derjenige, der die grauen Tage liebt und Musik in erster Linie für sich selbst macht.

GL.de: Zwei der Songs auf der neuen Platte sind nicht von dir. "Go Your Way" stammt von der schottischen Folk-Sängerin Anne Briggs, "Katie Cruel" ist ein Traditional. Was fügen diese Lieder dem Album hinzu, das du nicht mit deinen selbst geschriebenen Songs ausdrücken konntest?

Allysen: Vor einigen Jahren war ich allein beim SXSW-Festival, wo ich direkt vor Ryley Walker auftreten sollte. Ich saß in meinem Hotelzimmer und hörte seine Soloaufnahme von "Go Your Way". Ich war ergriffen, dass er sich einen Song von den britischen Inseln zum Covern ausgesucht hatte, was ich zuvor nur sehr selten gemacht hatte, und ich hatte Mühe, das Lied so zu spielen, wie er es konnte. Dann aber habe ich beschlossen, es so zu spielen, wie ich es tun würde! Es hat alles verändert, und das ist es, was Folk für mich ausmacht: Du nimmst dir ein Lied und gibt's ihm durch deine eigene Interpretation ein neues Leben. Bei "Katie Cruel" war es ähnlich: Ich war begeistert von der White-Magic-Version und alles änderte sich, als ich mich entschied, das Lied in meinem eigenen Stil zu spielen. Ich wollte traditionelle Musik auf dem Album haben, die für mich so wichtig und einflussreich war - eine Hommage.

GL.de: Aufgenommen hast du die neue Platte - wie viele deiner Frühwerke - mit Myles Baer. Was macht eure Zusammenarbeit aus?

Allysen: Myles ist seit über 15 Jahren ein lieber, sehr enger Freund! Wir machen zusammen Urlaub und verbringen die Feiertage zusammen, er ist wie Familie für mich. Wenn ich mit ihm aufgenommen habe, ist es normalerweise bei ihm zu Hause, in einem Glas-Atelier, in dem er arbeitet, oder sogar in dem Gewächshaus, wo man die Vögel singen hört und die Laubfrösche zuschauen. Er versteht mich sehr intuitiv, und ich würde heute wahrscheinlich keine Musik machen, wenn er mich am Anfang nicht ermutigt hätte. Er ist der perfekte Produzent für mich, ein wahrer Freund. Außerdem ist er ein großartiger Koch! Ich liebe ihn sehr.

GL.de: Normalerweise würden wir dich an dieser Stelle des Interviews nach deinen kurzfristigen Plänen fragen, aber dieses Jahr ist alles anders. Hast du trotzdem Hoffnungen, Träume und Wünsche?

Allysen: Wir hatten große Pläne für einen Besuch in Deutschland und den Niederlanden, aber die müssen nun warten. 2021 wird es hoffentlich wieder möglich sein, Live-Musik zu spielen, und ein Freund in Italien hat mich gebeten, bei einem kleinen Musikfestival aufzutreten, das derzeit vorbereitet wird, und ich habe immer noch den Traum, Zeit auf einem Hausboot in Amsterdam zu verbringen und abends Musik zu spielen, und ich glaube, das kann zu gegebener Zeit alles noch wahr werden. Ich freue mich darauf, in naher Zukunft die neue Musik aufzunehmen, an der ich mit Myles schreibe, und mich in diese Erfahrung zu vertiefen.

GL.de: Wenn man die Pandemie mal außen vor lässt: Was macht dich als Musikerin derzeit besonders glücklich?

Allysen: Ich freue mich sehr, "Ghost Folk" mit der Welt zu teilen, und das kleine Licht, das es in die Dunkelheit bringt, die uns alle bisweilen umgibt, damit es reflektiert wie die Sterne, wie Mondlicht auf dem Wasser. Vielen Dank für die Gelegenheit, darüber zu sprechen!
Weitere Infos:
www.allysencallerymusic.com
www.facebook.com/allysencallerymusic
twitter.com/allysencallery
www.instagram.com/allysencallery
allysencallery.bandcamp.com
cosirecords.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Ted Hayes-
Allysen Callery
Aktueller Tonträger:
Ghost Folk
(Cosirecords/Bandcamp)

 
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