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KEVIN MORBY
 
Alles eine Nummer kleiner
Kevin Morby
Unser letztes Treffen mit Kevin Morby vor 18 Monaten fand im Michelberger Hotel in Berlin statt, dieses Mal lädt uns der Indierock-Tausendsassa zu sich nach Hause ein. Es ist noch früh am Morgen in den USA, als wir Mitte September per moderner Kommunikationstechnologie um die halbe Welt reisen und von einem gut gelaunten Musiker in seinem Heimstudio in Kansas City begrüßt werden, wo ihm nicht nur Pappkamerad Elvis stets über die Schulter schaut, sondern auch der Grundstein gelegt wurde für "Sundowner", sein betont zurückgenommenes neues Album, auf dem er emotional, authentisch und autobiografisch ganz andere Töne anschlägt als auf dem großspurigen Vorgänger "Oh My God".
Kevin Morby sitzt nicht gerne still. Selbst die COVID-19-Pandemie kann ihn trotz einer Vielzahl abgesagter Konzerte kaum bremsen. Während andere noch den Kopf in den Sand stecken oder depressiv die eigenen vier Wände anstarren, ist der smarte 32-Jährige schon wieder voll in seinem Element und veröffentlicht mit "Sundowner" eine ganz auf ihn selbst reduzierte und konzentrierte LP, die bisweilen ein wenig klingt wie ein Quarantäne-Album, tatsächlich aber bereits vor fast zwei Jahren erste Formen annahm. Sein wichtigstes Hilfsmittel dabei? Ein Vierspur-Tonbandgerät von Tascam.

Eigentlich hatte sich Morby sein neues "Spielzeug" zunächst nur zulegt, um neue Arbeitsweisen zu entdecken und den Vorgänger "Oh My God" fertigzustellen, stattdessen aber entstand gleich das Material für eine komplette weitere, spürbar anders klingende Platte, für die "Weniger ist mehr" die passende Beschreibung ist. "Die Vierspur-Maschine hat mir geholfen, mich zu beschränken", gibt er zu. "All die Parts, die ich schrieb, waren ziemlich rudimentär." Doch auch wenn es für einen Serientäter wie Morby - "Sundowner" ist sein sechstes Album in nur sieben Jahren - vollkommen normal ist, stets im kreativen Fluss zu sein: Dass bei seinen Fingerübungen mit dem Tascam-424-Rekorder gleich ein komplettes weiteres Album entstand, war selbst für ihn eine Überraschung. "Ja, in der Tat!", bestätigt er. "Ich schreibe meine Lieder zwar stets allein, aber wenn es dann an die Aufnahmen für ein Album geht, habe ich mir bislang immer die dafür passende Band gesucht. Die neuen Nummern dagegen fühlten sich so persönlich an, dass ich zuerst überlegt habe, sie unter einem anderen Namen herauszubringen oder erst viel später oder auch gar nicht zu veröffentlichen. Letztlich hörte mein Freund Brad Cook die Songs und er ermunterte mich, daraus eine Platte zu machen." Mit Cook als Co-Produzent an seiner Seite und James Krivchenia von Big Thief als Mitstreiter bei einigen ausgewählten Stücken spielte Morby die Lieder bereits im Januar 2019 im Sonic Ranch Recording Studio in Tornillo, Texas, erneut ein und übernahm wie bei den vorangegangenen Homerecordings Leadgitarre, Schlagzeug, Mellotron und Pumporgel kurzerhand selbst, um die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte und die besondere Atmosphäre der Demos auch auf dem Album greifbar zu machen.

Doch nicht nur in puncto Sound ist "Sundowner" eine völlig andere Platte als "Oh My God". Hatte man beim Vorgänger das Gefühl, dass Morby keine Geste zu groß sein konnte - Doppel-LP! Achtköpfige Touringband! Ein Film zum Album! -, ist die neue Platte mit ihren solistischen, Lagerfeuer-kompatiblen Liedern eher ein beherzter Schritt als ein Riesensatz nach vorn. Eine Einschätzung, die auch Morby selbst teilt: "Natürlich bin ich als Künstler immer davon überzeugt, dass meine neue Platte besser ist als die letzte, denn sonst würde ich sie nicht herausbringen wollen, trotzdem triffst du mit deiner Einschätzung den Nagel auf den Kopf. Wir haben lange überlegt, wie wir diese Platte veröffentlichen können, denn gerade weil 'Oh My God' ein so großes Statement war, wollte ich dieses Mal alles eine Nummer kleiner haben. Ausgerechnet COVID-19 hat dann für den passenden Rahmen gesorgt."

Dennoch gibt es auch Anknüpfungspunkte. "Oh My God" war Morbys bislang ausgereiftestes Konzeptalbum und auch "Sundowner" weist gewisse konzeptionelle Bezüge auf. Wie beim Vorgänger das "Oh My God"-Mantra, taucht auch dieses Mal der Titel, mit dem Morby die Melancholie beschreibt, die ihn und seine Partnerin Katie Crutchfield (alias Waxahatchee) mit Einsetzen der Dämmerung zu überkommen schien, gleich in mehreren Texten auf, zudem ist Morbys Heimat im Mittelwesten der USA ein wiederkehrendes Thema. "Ein Konzept schleicht sich meistens unmerklich an", ist Morby überzeugt. "Es beginnt unterbewusst und entwickelt sich dann zu einer bewussten Entscheidung. Du bemerkst, wie sich bestimmte Strukturen herausschälen, und denkst: 'Oh, damit kann ich arbeiten!' und dann machst du dich daran, darauf aufzubauen."

Im Zentrum seiner Betrachtung steht auf "Sundowner" das Zwielicht des amerikanischen Mittelwestens - seine tiefe, wenn auch nicht immer unmittelbare Schönheit, die Morby gewohnt lässig in warmtönenden Klängen festhält. Denn auch wenn er mit 18 gar nicht schnell genug aus Kansas wegkommen konnte - inzwischen weiß er, wie wichtig eine echte Homebase ist. Doch welchen Reiz kann die Gegend haben für einen, der rund um den Globus getourt ist und lange in New York und L.A. gelebt hat? "Gerade weil ich die ganze Welt bereist habe, weiß ich nun, dass der Mittelwesten einzigartig ist, weil es hier - ich muss aufpassen, nicht die falschen Worte zu wählen, weil die Gegend hier oft auch sehr hässlich ist - viel Schönes zu entdecken gibt, wenn du ein bisschen genauer hinschaust und dich wirklich damit beschäftigst. Stereotypisch betrachtet gibt es hier viel Weißbrot, Erdnussbutter- und Marmelade-Sandwiches und McDonalds. Es gibt auch jede Menge Kühe, es ist hier alles sehr schlicht und rustikal, aber es gibt auch viel Tiefgang, wenn du etwas mehr eintauchst. Zudem gefällt es mir, einen Rückzugsort zu haben, der vollkommen normal ist."

In Kansas City besitzt Morby ein eigenes Haus, oder wie er es selbst beschreibt, das erste echte Zuhause, seit er vor fast 15 Jahren in die große weite Welt auszog. Die Inspiration dazu kam, wie so oft, aus seinem Musikerumfeld. "2013 war ich mit Cate Le Bon auf Tour unterwegs, und als wir in Atlanta waren, lud uns Bradford Cox von Deerhunter in sein Haus ein", erzählt er. "Damals lebte ich in L.A. und war davor in New York gewesen, und dort kennst du nicht zu viele Menschen, die sich ein eigenes Haus leisten können, mal abgesehen von einigen 'rich and famous friends'. Auf meinem Level wäre das undenkbar. Ich erinnere mich, wie sehr es mich berührte, in das Haus von Bradford zu kommen und zu realisieren, dass er sich das - in Atlanta - tatsächlich leisten konnte. Ich sprach ihn darauf an und er verriet mir: 'Kim Deal von den Breeders hat mir geraten, wenn ich jemals genug Geld zusammenbekomme, um mir ein Haus in meiner Heimatstadt zu kaufen, sollte ich keine Sekunde zögern und es einfach tun.' Etwa sechs Monate später bekam ich meinen ersten Vorschuss von meinem neuen Label Dead Oceans und wusste, dass ich mir davon ein Haus in Kansas City würde leisten können. Was mich daran reizte, war die Freiheit. In New York hatte ich stets Mitbewohner und trotzdem reichte es kaum für die Miete, es war immer beengt, und wenn du Musik machen wolltest, musstest du dir den Proberaum mit anderen teilen. Jetzt habe ich hier mein eigenes Königreich, in dem ich selbst die Regeln aufstellen kann und wo ich Krach machen kann, wann immer ich will. Das ist toll und hat meine Kreativität definitiv beflügelt. Witzigerweise habe ich vor zwei Jahren Kim Deal auf Tournee in Australien getroffen und sie sagte mir: 'Der Ratschlag stammt eigentlich gar nicht von mir. Ich habe mir selbst nur ein Haus gekauft, weil D.J. Bonebrake, der Drummer von X, dazu geraten hatte!'"
Die Freiheit, in seinem Haus tun und lassen zu können, was er will, machte sich auch während des COVID-19-Lockdowns bemerkbar. In der Tat war Morby einer der Ersten, der auf den Schock der Pandemie kreativ reagiert hat. Schon wenige Tage nach den ersten Maßnahmen, als viele andere noch in Schockstarre verharrten, startete er gemeinsam mit seiner besseren Hälfte eine Reihe mit Livestreams aus den eigenen vier Wänden, die nicht nur für die Protagonisten, sondern auch für viele Zuschauer der perfekte Weg waren, um auf andere Gedanken zu kommen. "Die Live-Streams sind vollkommen organisch zustande gekommen", erinnert er sich. "Ich spürte den Wunsch, eine Verbindung zu den Leuten herzustellen - ganz besonders in der Zeit, als niemand überhaupt nur einen Fuß vor die Tür setzen wollte und niemand wusste, worum es sich bei dem Virus genau handelt. Es ging also in erster Linie um die Verbindung." Auch dieser Tage ist Morby wieder von zu Hause aus virtuell aktiv. In den Wochen vor der Veröffentlichung von "Sundowner" spielte er jeden Donnerstag eines seiner Alben komplett - zumeist allein, bisweilen aber auch mit Überraschungsgästen und unerwarteten "Zugaben" - und steigerte ganz nebenbei mit den interaktiven Streams die Vorfreude auf die neue Platte. Er selbst betrachtet das Ausweichen auf die Online-Konzerte als Fluch und Segen zugleich. "Das Seltsame bei den Live-Streams ist, dass ich einerseits sehr dankbar bin, dass es sie gibt, andererseits sorgen sie aber auch dafür, dass ich die echten Konzerte umso mehr vermisse. Ich freue mich auf die Zeiten, in denen wir wieder zur Normalität zurückkehren können. Auf der Suche für einen Schauplatz eines Musikvideos war ich gestern in einem Theater und als ich dort auf der Bühne stand, überkam es mich sofort: Wow, ich kann es kaum erwarten, bis ich wieder echte Auftritte habe. Ich vermisse das Gefühl ungeheuerlich!"
Weitere Infos:
www.kevinmorby.com
www.facebook.com/kevinrobertmorby
www.twitter.com/kevinmorby
wwww.instagram/kevinmorby
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Johnny Eastlund-
Kevin Morby
Aktueller Tonträger:
Sundowner
(Dead Oceans/Cargo)

 
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