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THE MOUNTAIN GOATS
 
Alles zu seiner Zeit
The Mountain Goats
John Darnielle ist ganz und gar einzigartig. Seit inzwischen fast 30 Jahren vermittelt der 53-jährige Singer/Songwriter, der seit Langem in Durham, North Carolina, zu Hause ist, seine in Melancholie getränkte Weltsicht in cleveren, oft ein wenig surrealistisch und impressionistisch anmutenden Indie-Folk-Songperlen seiner Band The Mountain Goats, die er anfangs noch allein und betont lo-fi mit seinem berüchtigten Panasonic-Ghettoblaster aufnahm, bevor er um die Jahrtausendwende begann, sich Schritt für Schritt zu öffnen. Veröffentlichungen auf renommierten Labels wie zunächst 4AD Records und nun Merge Records folgten ebenso wie die Hinwendung zu einem bandbetonteren Sound, für den zuletzt neben seinen langjährigen Mitstreitern Peter Hughes (Bass), Jon Wurster (Schlagzeug) und Matt Douglas (alles andere) auch eine ganze Reihe Gastmusiker verantwortlich war. Während viele andere Künstler nur zu Beginn auf Hilfe von außen zurückgreifen und später lieber allein ihren eigenen Instinkten folgen, schätzt Darnielle inzwischen sogar den Input von externen Produzenten. Im letzten Jahr gab Owen Pallett beim konzeptionell ausladenden Doppelalbum "In League With Dragons" den Ton an, beim just veröffentlichten "Getting Into Knives" dagegen saß der Grammy-prämierte Matt Ross-Spang (Jason Isbell, Margo Price, Calexico) am Mischpult.
Die Poesie in den kleinen und großen Katastrophen des Lebens treibt Darnielle auch auf dem inzwischen 19. Studioalbum seiner Band an, wenn er mit "Pez Dorado" eine Ode an einen Goldfisch verfasst oder sich bei "Picture Of My Dress" von dem Tweet einer Frau inspirieren lässt, die ihre Scheidung mit einem Roadtrip im Hochzeitskleid verarbeitet, während musikalisch ein Hauch von Memphis - wo das Album im berühmten Sam Phillips Recording Studio entstand - durch Songs wie "Get Famous" mit seinen souligen Bläserparts oder "Corsican Mastiff Stride" mit seinem dezenten Sun-Records-Vibe weht. Am Tag vor der Veröffentlichung der Platte durften wir mit John Darnielle sprechen.
GL.de: John, unsere letzten Begegnungen liegen mehr als 15 Jahre zurück. Was macht den größten Unterschied zu damals aus?

John Darnielle: Den größten Unterschied zu damals macht die Band aus. Wenn ich schreibe, ist der Prozess größtenteils unverändert, die große Neuerung aus meiner Sicht ist, dass wir jetzt gemeinsam Musik machen. Ich schreibe die Lieder, aber letztlich lege ich damit nur das Fundament. Das tatsächliche Haus - die Wände, die Decken, das Dach und die komplette Einrichtung – entsteht im kollaborativen Zusammenwirken. Das ist für mich die größte Freude. Es gibt nichts Schöneres für einen Musiker, als in einer Band mit anderen zusammenzuarbeiten. Das ist etwas, was mir einfach nicht bewusst war, als ich damals allein oder nur mit Rachel (Ware) im Duo spielte. Nach einem Jahrzehnt im Tourbus mit meiner Band weiß ich nun: Die Qualitäten eines Kollektivs kann man gar nicht hoch genug bewerten.

GL.de: Wünschst du dir rückwirkend, dass du schon früher zu dieser Erkenntnis gelangt wärst?

John Darnielle: Nein, so denke ich nie, mit einer Ausnahme: Ich habe vor einiger Zeit mit dem Laufsport angefangen. In meinem Leben habe ich viele Anläufe genommen, mich körperlich in Form zu bringen, war aber stets schnell gelangweilt davon und gab es wieder auf. Jetzt bin ich so gut in Form wie nie zuvor, ich laufe jeden zweiten Tag, und alle zwei Wochen bewältige ich die Distanz eines Halbmarathons. Das ist etwas, das ich gerne schon früher gemacht hätte, denn es macht mir unglaublich viel Freude. Was mein Tun mit den Mountain Goats anbelangt, gehe ich einfach davon aus, dass alles zu seiner Zeit passiert.

GL.de: Dennoch ist es bemerkenswert, wie organisch und scheinbar mühelos die Band gewachsen ist. Bei den Mountain Goats gab es nur sehr wenige Besetzungswechsel, die Musiker, die dazustießen, sind gekommen, um zu bleiben...

John Darnielle: Das liegt sicher auch daran, dass ich sehr viel Zeit benötige, um Entscheidungen zu treffen. Peter (Hughes) und ich haben von 2001 bis 2007 als Gitarre-und-Bass-Duo gespielt. Das ist eine lange Zeit, ohne sich einen Schlagzeuger zu suchen, aber es drängte sich einfach niemand auf. Dann tauchte Jon Wurster auf und wir spielten ein Set mit ihm, und das fühlte sich richtig gut an, also blieb er. 2011/12 trafen wir dann Matt Douglas, und es machte so viel Freude, mit ihm zu arbeiten, dass wir ihn baten, permanent bei uns einzusteigen. Wir haben uns einfach Zeit gelassen, zu wachsen. Wenn wir jetzt noch 75 Jahre weitermachen, kann es sein, dass wir irgendwann eine riesengroße Band sind (lacht)!

GL.de: Jemand meinte kürzlich, dass 2020 sich anfühlt, als sei ein Mountain-Goats-Song zum Leben erwacht. Hat dich die ständige Beschäftigung mit den kleinen und großen Katastrophen des Lebens besser auf die Pandemie und ihre Auswirkungen vorbereitet?

John Darnielle: In gewisser Weise sicherlich schon, allerdings fehlt ein Song, den wir im Frühjahr aufgenommen haben, auf dem neuen Album, weil er mir einfach zu morbide erschien. Wir hatten ihn eingespielt, bevor die Todeszahlen nach oben gingen, und ich sagte mir: "Ich glaube nicht, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist für einen Song, in dem alle umkommen." Damit warte ich lieber, bis wieder weniger Menschen sterben. Allerdings gibt es da dieses Gedicht des Engländers A.E. Housman, das ich bereits in einem alten Mountain-Goats-Song namens "Song For Mark And Joel" auf "Beautiful Rat Sunset" zitiert habe und das mir momentan oft in den Sinn kommt: "The thoughts of others / Were light and fleeting, / Of lovers' meeting / Or luck or fame. / Mine were of trouble, / And mine were steady; / So I was ready / When trouble came."

GL.de: In der Tat war der Beginn der Pandemie eine sehr kreative Zeit für dich. "Getting Into Knives" wurde nur wenige Tage vor der ersten Welle fertiggestellt, direkt zu Beginn des Lockdowns hast du dann solo in nur zehn Tagen das an die Frühphase der Band erinnernde Boombox-Album "Songs For Pierre Chuvin" geschrieben und aufgenommen!

John Darnielle: Mich in die Arbeit zu stürzen, ist meine Art, mit nervöser Energie umzugehen. Sobald ich merke, dass irgendetwas in meinem Leben falsch läuft, ziehe ich den Kopf ein und mache mich ans Werk. Da habe ich eine sehr utilitaristische Herangehensweise. Die Arbeit hat etwas geradezu Meditatives für mich: Meine Sorge gilt dann nicht meinen eigenen Problemen, sondern nur meinem Schaffen. Wäre ich für die körperliche Arbeit gemacht, hätte es vermutlich den gleichen Effekt, wenn ich mit der Spitzhacke Steine kloppen würde. Da ich aber nun mal Schreiber bin, sind die Worte mein Ventil.

GL.de: Was macht für dich den größten Unterschied zwischen dem neuen Album und "In League With Dragons" aus?

John Darnielle: Ich denke, der größte Unterschied war der Aufnahmeort, die Tatsache, dass wir dieses Mal in Memphis aufgenommen haben. Sowohl "In League With Dragons" als auch den Vorgänger "Goths" hatten wir im Blackbird in Nashville eingespielt, einem riesigen Studiokomplex, der große Klasse ist. Matt Ross-Spang, der beim letzten Album Tontechniker war, hat das neue produziert, und das hat dazu beigetragen, dass wir das, was wir auf "In League With Dragons" gelernt haben, auf der Platte vertiefen konnten. Bis zum letzten Album waren wir bei den Aufnahmen zumeist unter uns geblieben. Owen Pallett (Produzent der letzten LP) aber brachte eine Reihe Freunde aus Toronto mit und sagte: "Lasst uns alle gleichzeitig spielen und dann schauen wir, was dabei herauskommt." Das Gleiche haben wir nun auch bei der neuen Platte gemacht, und das kann man fühlen. Hinzu kam, dass uns der Raum in Memphis in die Karten gespielt hat. Ich mag Blackbird sehr, aber Sam Phillips Recording ist Matt Ross-Spang Stammstudio, und deshalb gab es einen gewissen Heimvorteil. Er kennt das Studio in- und auswendig und gab mir fürs Singen sein Lieblingsmikro, ein SM58, das früher beim Nashville Network zum Einsatz gekommen ist. Auch wenn es sehr nebulös klingt: Jedes Studio hat eine besondere Energie, die sich auf die Aufnahmen niederschlägt. Wo immer du aufnimmst: Du saugst die Atmosphäre des Ortes auf.

GL.de: Wie kommt es eigentlich, dass du den Wert eines externen Produzenten erst jetzt richtig schätzen gelernt hast? Die meisten anderen Künstler setzen ja eher zu Beginn ihrer Laufbahn auf Hilfe von außen.

John Darnielle: Produzenten treffen in der Regel viele wichtige Entscheidungen und haben bei den Sessions das Sagen, bevor der Künstler später im Prozess Einfluss nehmen kann. Ich hatte früher stets eine sehr totalitäre Herangehensweise. Wenn jemand vorschlug: "Hier würde bestimmt ein Cello gut klingen", habe ich sofort abgeblockt, und selbst wenn sie sagten: "Wir können es ja mal probieren, und wenn du es nicht magst, lassen wir es einfach weg", antwortete ich nur: "Ich will es gar nicht erst hören, wir machen das einfach nicht!" Früher haben wir uns wegen solcher Dinge oft gestritten. Nachdem ich nun so viele Platten gemacht habe, bei denen ich alles allein entschieden habe, wollte ich wissen, was mit dem Input anderer möglich ist.

GL.de: Ist das auch eine Sache von Alter und Erfahrung?

John Darnielle: Ja, natürlich. In jungen Jahren bist du viel unsicherer. Viele Leute denken, dass der Singer/Songwriter der große Strippenzieher ist, der überall den Ton angibt, und der Druck, der dadurch entsteht, ist nur schwer auszuhalten, ganz besonders, wenn du noch jung bist. Du hast das Gefühl, dass du alles bis ins kleinste Detail im Blick haben musst, weil du allein in der Verantwortung stehst. Sobald du als Künstler etabliert bist, kannst du dich viel mehr der Musik an sich widmen. Du sagst dir dann eher: Es ist schade, wenn jemand meine neue Platte nicht mag, aber ich habe ja schon so viele andere gemacht, dann sollen sie halt mit denen glücklich werden. Die Musikalität rückt viel stärker ins Zentrum und du denkst weniger darüber nach, ob jemand die Platte gefallen wird, ob sie sich verkaufen wird oder wie sie im Vergleich mit anderen abschneidet. Wenn du an den Punkt kommst, ist es viel leichter zu sagen: "Warum sollte beim Mixing nicht derjenige bestimmen, der ständig Platten abmischt, anstatt ich, der nie Platten abmischt (lacht)"? Ich bereue nichts - meine alten Platten sind sehr eigenständig, und wirklich niemand klingt wie die frühen Mountain Goats! -, aber die Leute das machen zu lassen, worin sie gut sind, ist eine Lektion, die ich im Laufe meiner langen Karriere als Musiker gelernt habe - auch wenn ich sehr lange gebraucht habe, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.

GL.de: Nach all den Jahren bist du immer noch mit ungebrochener Leidenschaft am Werk, während viele andere Künstler deiner Generation längst den Spaß am eigenen Tun verloren haben. Gibt es da ein Geheimnis?

John Darnielle: Ich denke, das hat damit zu tun, dass ich mir nie sage, die Luft ist raus, selbst wenn ich mal eine Weile keine Lieder schreibe. Ich sage mir einfach, das ist gerade eben so, aber ich mache mir deswegen keine Sorgen und widme mich stattdessen anderen Dingen - meiner Familie, oder vielleicht schreibe ich ein Buch. Ich glaube nicht daran, dass man irgendwann über etwas hinweg ist. Vielleicht bist du einer Sache überdrüssig, aber dann machst du einfach mal eine Pause - und das gilt auch für Songwriter. Ich halte nicht nach, wie lange es her ist, seit ich mein letztes Lied geschrieben hab, aber manchmal beschäftige ich mich sechs, sieben Monate mit anderen Dingen, wissend, dass ich nicht unbedingt noch mehr Lieder schreiben muss, weil ich bereits einen so großen Back-Katalog habe. Wenn es ums Musikhören geht, kenne ich nicht die Ermüdungserscheinungen vieler Menschen meines Alters, die nur noch die Sachen hören, die sie mochten, als sie jünger waren. Ich bin jeden Tag hungrig auf neue Musik, und wenn eines in 2020 sicher ist, dann wohl, dass der Nachschub an neuer Musik nicht abreißt!

GL.de: Es würde sich falsch anfühlen, mit dir zu sprechen und gar nicht auf die Texte einzugehen…

John Darnielle: Das wäre vollkommen in Ordnung für mich, weil es in der englischsprachigen Presse fast ausschließlich um die Texte geht. Ich bin sehr stolz auf das, was ich schreibe, aber inzwischen ist die Musik genauso wichtig wie die Worte, und deshalb bin ich immer froh, wenn ich auch über die Musik sprechen kann und nicht nur Textzeilen erläutern soll!

GL.de: Okay, fragen wir allgemeiner: Wonach suchst du heute mit einem Song und wie hat sich das über die Jahre verändert?

John Darnielle: Eigentlich hat es sich in all den Jahren gar nicht groß verändert, abgesehen davon, dass ich jetzt einen besseren Blick für das Wesentliche habe. Ich werde immer noch durch Kleinigkeiten inspiriert, eine Phrase, eine Vorstellung oder durch Titel. Ich habe Notizbücher, in die ich mögliche Songtitel schreibe. Ich versuche dir mal meinen Schreibprozess zu illustrieren, anhand eines Songs, den ich nie vollenden konnte: "Italian Gun". Vermutlich kam ich drauf, weil ich etwas über die Mafia gelesen habe. Die Namen von russischen Waffen wie der Kalaschnikow oder den amerikanischen Colt 45 kennt man ja, aber ich überlegte mir: Wenn sie Waffen in Italien herstellen, sind die bestimmt richtig stylisch, denn die Italiener machen ja nichts ohne Stil, ganz egal, ob es um Kleidung oder das Design von Büchern geht. Natürlich werden Waffen meist für niederträchtige Zwecke eingesetzt, also müsste es in dem Song wohl um einen Bösewicht mit einer richtig cool aussehenden Knarre gehen, und schon hast du die Grundlage für eine Geschichte nur aufgrund des Titels. Falls ich das Lied also jemals schreibe, habe ich allein durch den Titel im Notizbuch schon ein Fundament, wie die Erde, die auf die Saat wartet, oder noch besser: Die Saat, die auf Wasser wartet.

GL.de: Nach der Beschreibung hoffen wir aber wirklich, dass du dieses Lied eines Tages schreibst!

John Darnielle: Ich versuche es schon seit Jahren. Bei einem Konzert in Pittsburgh habe ich dem Publikum davon erzählt, weil ich die Idee so aufregend fand, und ich hab ihnen den Refrain vorgesungen, aber zu den Strophen bin ich dann nie gekommen!

GL.de: Letzte Frage: Was macht dich derzeit als Musiker besonders glücklich?

John Darnielle: Es gibt so viel, was mir Freude macht, aber besonders glücklich macht es mich, mit meiner Band zu spielen. Für gewöhnlich wären wir zum jetzigen Zeitpunkt des Jahres bereits Monate zusammen auf Tour gewesen, hätten jeden Abend einen Auftritt gehabt und die Zeit zusammen genossen. Ich bin zwar nicht gerne von meiner Familie getrennt und zudem schlafe ich unterwegs immer fürchterlich schlecht, aber dieses Jahr führt uns allen vor Augen, wie sehr wir das vermissen, was wir momentan nicht haben können. Vor einigen Wochen habe ich mich mit der Band getroffen, um ein Video aufzunehmen, und als wir anfingen zu spielen, war sofort wieder alles wie immer. Da habe ich gemerkt: Die Kollaboration mit meiner Band, das Spielen im Ensemble, das bereitet mir derzeit die meiste Freude!
Weitere Infos:
www.mountain-goats.com
www.facebook.com/mountaingoatsmusic
twitter.com/mountain_goats
www.instagram.com/mountaingoatsmusic
themountaingoats.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Jade Wilson-
The Mountain Goats
Aktueller Tonträger:
Getting Into Knives
(Merge Records/Cargo)

 
 

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