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THIS IS THE KIT
 
Groß gedachter Minimalismus
This Is The Kit
Bemerkenswert waren die Platten von Kate Stables alias This Is The Kit schon immer, jetzt aber gelingt ihr mit "Off Off On" ein kleiner, großer Geniestreich. Ohne ihr goldenes Händchen für spartanisches Songwriting vollends aus den Augen zu verlieren, stürzt sich die in Frankreich lebende Britin auf ihrem fünften Album in volltönend-detailverliebte Songs jenseits des klar abgesteckten Indie-Folk-Rahmens. Angespornt durch das Faible ihres Produzenten Josh Kaufman fürs Experimentelle und mit den famosen Musikern ihrer langjährigen Band im Rücken, verhandelt Stables hier nicht nur im Pandemiejahr 2020 relevante Themen wie Widerstandsfähigkeit und Neubeginn ("Started Again"), Spagat zwischen Privatleben und Beruf ("Slider"), Liebe und Einsamkeit ("Shin Bone Soap") genauso wie Angst ("This Is What You Did") in beeindruckend komplexen Songs voller unkonventioneller Schnörkel und einnehmender Melodien. Wenige Tage vor der Veröffentlichung der LP hatten wir das große Vergnügen, mit Stables über diese Lehrstunde in Sachen einfallsreicher Weiterentwicklung zu sprechen.
Den Traum, die Musik zu ihrem Lebensinhalt, zu ihrer Karriere zu machen, verfolgt Kate Stables praktisch seit ihrer Kindheit. In den Schoß gefallen ist ihr der Erfolg nie, allerdings sie ein Paradebeispiel dafür, dass sich Qualität am Ende doch durchsetzt - solange man einen langen Atem hat, kontinuierlich an sich und der eigenen Musik arbeitet, um sie zu verbessern, und sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen lässt. "Schon als ich aufgewachsen bin, hatte ich immer die Hoffnung, dass ich der Musik das Hauptaugenmerk in meinem Leben würde widmen können", verrät sie. "Als ich noch in England lebte, habe ich das versucht, musste aber immer noch nebenbei andere Jobs annehmen. Erst als ich vor 15 Jahren nach Frankreich gegangen bin, wurde die Musik zu meiner einzigen Beschäftigung. Das war ein wichtiger Moment für mich, die Erkenntnis, dass es funktionieren kann, wenn ich nur all meine Energie in diese eine Sache investiere - auch wenn das Ganze nicht ohne Opfer und Kompromisse möglich war. Seitdem denke ich von Tag zu Tag, oder besser: von Jahr zu Jahr. Ich sage mir nie: Okay, das ist es jetzt für alle Zeiten! Ich sage mir lieber: So weit, so gut, es funktioniert!"

Als Stables 2008 mit dem Album "Krülle Bol" debütierte, brauchte sie kaum mehr als ihre Stimme und ein fast hundert Jahre altes Zither-Banjo, um aus dem Stand gehörig Staub aufzuwirbeln. Doch das war für sie erst der Anfang. "Mit jeder Platte, die ich aufgenommen habe, bin ich gewachsen und habe viel gelernt - das ist zumindest die Idee dahinter. Für das neue Album bedeutet das, dass ich nun hoffentlich etwas mutiger und weiser bin als zu Zeiten meiner letzten Platte", sagt sie. Über die Jahre wurden die Arrangements größer und ihre Band - Rozi Leyden, Neil Smith, Jamie Whitby-Coles und Jesse D. Vernon - gewann zunehmend an Gewicht. "Ich schätze mich wirklich glücklich, dass ich die Gelegenheit habe, mit anderen zusammenzuarbeiten, weil ich so die Chance habe, mich zu verbessern. Sehr glücklich macht mich derzeit auch, die Mitstreiter meiner Band zu haben. Wir sind gemeinsam zu einem Organismus gewachsen. Wir spielen wirklich toll zusammen und ich bin sehr froh, dass ich sie habe, denn durch sie werden meine Songs richtig... schön!"

Überhaupt ist für Stables heute die Kollaboration mit anderen der Dreh- und Angelpunkt ihres künstlerischen Schaffens. In jüngster Vergangenheit tauchte sie bei verschiedenen Projekten anderer als Gast auf und konnte dabei neue Kraft für die Songs schöpfen, die nun auf "Off Off On" zu hören sind. Bonny Light Horseman unterstützte sie dabei genauso wie Cabane, doch den größten Eindruck hinterließ bei ihr ohne Frage die Tournee als Teil des Ensembles von The National im vergangenen Jahr, die zustande kam, nachdem sie auf "I Am Easy To Find", dem letzten Album der Band, als Duettpartnerin gastiert hatte. Dabei genoss sie es nicht nur, keine Verantwortung tragen zu müssen, weil sie nicht die "Hirtin der Herde" war, wie sie es ausdrückt, nicht zuletzt, weil die Konzerte in ganz anderen Sphären stattfanden als die, die Stables von ihren eigenen Auftritten gewohnt war. "Es ist wirklich faszinierend zu sehen, wie viele Menschen den ganzen Tag sehr hart dafür arbeiten, dass abends die Show stattfinden kann", gesteht sie. "Das ist praktisch ein geschlossenes Ökosystem. Es gibt so viele Techniker und Bühnenarbeiter, die ihren Beitrag leisten. Das ist schon toll, das zu erleben, das ist wie in einem Ameisenhaufen oder in einem Bienenstock: alle arbeiten zusammen und kooperieren. Es ist ein echtes Privileg, das mal erleben zu dürfen."

Auch ihre eigenen Konzerte finden - zumindest in Großbritannien - inzwischen längst nicht mehr in den kleinen Clubs statt, die zu Anfang ihrer Karriere ihre erste Anlaufstelle waren: Für 2021 steht im Rahmen der Albert Sessions sogar ein Auftritt in der altehrwürdigen Londoner Royal Albert Hall in ihrem Terminkalender. Allerdings hat ihr die Erfahrung mit The National auch gezeigt, dass größer nicht immer besser ist. "Ich fühle mich ganz allgemein auf einem kleinen Level wohler, auch wenn es schon Spaß macht, die Dinge ganz groß anzugehen", verrät sie. "Es wäre schon toll, wenn This Is The Kit irgendwann eine Band sein könnten, die für den Lebensunterhalt vieler Menschen sorgen kann. Wenn es allerdings um die Konzerte geht, die für mich selbst am spannendsten sind, dann finden die vor weniger als 10.000 Menschen statt! Ich bin gerne dem Publikum nah und möchte die Gesichter der Zuschauer sehen und diese Art der Interaktion haben können. Einer Band wie The National gelingt es, auch mit einer großen Menschenmenge auf wirklich persönliche, menschliche Art zu interagieren. Ich dagegen habe das Gefühl, dass ich dazu nicht in der Lage wäre, zumindest derzeit noch nicht. Wer weiß, vielleicht gelingt mir das eines Tages ja auch! Das Ganze ist ein Lernprozess. Wir kommen nie an, sondern lernen ständig dazu und werden dadurch - hoffentlich - immer besser in dem, was wir tun."

Hört man "Off Off On", kann man schnell auf den Gedanken kommen, dass Stables' Gastspielreise mit The National auf der Platte ihre Spuren hinterlassen hat. Für die Musikerin selbst war die Hinwendung zu einem volleren Sound allerdings bis zuletzt kein erklärtes Ziel. "Ich denke, das war einfach das Ergebnis der Zusammenarbeit mit dieser bestimmten Gruppe Musiker", sagt sie. "Bislang habe ich mir nie bestimmte Ziele gesetzt oder einen bestimmten Sound im Kopf gehabt, wenn es an die Aufnahmen ging. Ich habe nie eine globale Vision eines Projektes. Eines Tages möchte ich das mal ausprobieren, denn ich denke, das wäre eine gute Übung für mich, aber derzeit schaue ich einfach, wie sich die Alben entfalten, während ich gemeinsam mit anderen an ihnen arbeite."
Den größten Unterschied hat dieses Mal aber ohne Frage Produzent Josh Kaufman gemacht, der mit Stables bereits in der Vergangenheit, etwa bei Bonny Light Horseman, kollaboriert hatte und nun bei der Arbeit an "Off Off On" unglaublich viele neue Ideen und Sounds eingebracht hat. "Durch die vorherige Zusammenarbeit mit ihm bei kleineren Projekten wusste ich, dass er ein sehr feines musikalisches Gehör hat, ein ganz ausgezeichneter Instrumentalist ist und einfach eine spannende Herangehensweise an die Arbeit hat", sagt Stables über die Qualitäten ihres Mitstreiters. "Ohne Produzent würde ich mich vermutlich wieder dem zuwenden, was ich zuvor bereits gemacht habe. Deshalb ist es viel interessanter, jemand Neues an meiner Seite zu haben, der mich anspornt, mal etwas anderes zu versuchen."

Doch wie farbenfroh und im Vergleich zu den This-Is-The-Kit-Frühwerken geradezu üppig die Arrangements der neuen Songs auch sein mögen - gleichzeitig scheinen Stables' Einflüsse auf "Off Off On" stärker durch als je zuvor, wenn sie sich stärker an Größen wie Sandy Denny anlehnt, anstatt ihrem Einfluss bewusst auszuweichen. "Ich hoffe, dass du recht hast", sagt sie. "Ich selbst kann das nur sehr schwer bewerten, weil ich das Gefühl habe, dass ich zu tief drinstecke, um mir ein objektives Urteil zu erlauben, aber es würde mir gefallen, wenn meine Einflüsse jetzt deutlicher durchscheinen. Auch schon früher habe ich mich des Öfteren gefragt, ob das der Fall ist, weil ich auch viele Sachen mag, die so gar nicht klingen wie meine eigene Musik. Ich lege es zwar nie darauf an, jemand klanglich zu kopieren, aber vielleicht schleicht sich unterbewusst etwas ein, und das ist dann auch vollkommen in Ordnung."

Eingespielt wurde das Album in Peter Gabriels fabelhaftem Real World Studio in der Nähe des englischen Bath, und ein bisschen darf man sich einbilden, dass die bei aller Komplexität wunderbar organisch fließenden und in großer Eleganz erstrahlenden neuen Lieder ein wenig den Geist des Ortes atmen, an dem sie entstanden. "Auf diese Weise habe ich es noch gar nicht betrachtet, aber ich hoffe wirklich, dass das der Fall gewesen ist", sagt Stables. "Wir haben viel Zeit dort verbracht, weil Real World ein sogenanntes Residential Studio ist, das heißt, wir haben dort nicht nur aufgenommen, sondern auch geschlafen und unsere Mahlzeiten mit den anderen Leuten geteilt, die dort auf dem Gelände für eine Vielzahl an Aktivitäten verantwortlich sind, zum Beispiel hat das WOMAD dort sein Festivalbüro. Es wäre wirklich schön, wenn sich die Energie, die Geschichte des Ortes unterbewusst auf unsere Aufnahmen niedergeschlagen hat."

Früher hat Stables sehr sparsam instrumentierte Platten gemacht, und auch wenn sie heute bereits beim Schreiben der Songs einzelne Arrangementideen entwickelt, sieht sie ihren Job als Songwriterin lediglich darin, das Fundament zu legen. "Das mag auch daran liegen, dass die Musik, die ich selbst gerne höre, oft, aber nicht immer in instrumenteller Hinsicht eher minimalistisch ist", überlegt sie. "Mir gefällt Musik, die viele Lücken hat. Als ich jünger war, begeisterten mich Musiker wie Jonathan Richman oder Billy Bragg, die allein mit der Stromgitarre auf der Bühne standen, und deshalb ist es mir bis heute wichtig, dass meine Lieder auch auf diese Art funktionieren."
Aber auch abseits der Musik versucht Stables, nicht einfach mit dem Strom zu schwimmen. Kürzlich erwähnte sie in einem Interview, dass sie die Großkonzerne der Netzwelt wie Google und Facebook versucht zu meiden, aber das gilt auch jenseits der virtuellen Welt. "Natürlich ist es immer gut, einen Bogen um die großen Konzerne zu machen und Firmen wie Nestle oder Monsanto nicht zu unterstützen", sagt sie bestimmt. "Wenn du in einer Gesellschaft im 21. Jahrhundert lebst, ist es unmöglich, ihnen ganz zu entgehen, trotzdem kann jeder für sich mit ein bisschen Nachdenken einen kleinen Beitrag dazu leisten, diese riesigen Monster nicht weiter zu füttern, und stattdessen die lokale Gemeinschaft und die unabhängigen kleinen Läden unterstützen. Das ist etwas, das wir tun sollten, weil es einfach besser ist."

Dass viele vor dem schwierigen Unterfangen zurückschrecken und lieber den Kopf in den Sand stecken, findet Stables schade. "Auch wenn es nicht vollkommen gelingt, müssen wir es doch versuchen", ist sie überzeugt. "Das liegt doch in der menschlichen Natur. Wir werden nie in einer perfekten Gesellschaft leben, es wird immer Unzulänglichkeiten geben, dennoch müssen wir stets das Beste geben, alles so gut wie möglich zu machen! Ich werde auch manchmal schwach, wenn ich ärgerlich oder traurig bin, und vielleicht kaufe ich dann einen Schokoriegel von der falschen Firma, aber ich denke, es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig anspornen. Wenn ich jemanden sehe, der etwas Verantwortungsvolles tut, denke ich sofort: Ja, das will ich auch machen! Das ist geradezu ansteckend, und wenn genug Menschen mitziehen, kann das irgendwann zur Normalität werden, anstatt elitär oder trendy zu sein. Es sollte darum gehen, etwas Positives zu tun, um einen Unterschied zu machen - weil wir es können!
Weitere Infos:
thisisthekit.co.uk
www.facebook.com/thisisthekit
www.instagram.com/thisisthekit
thisisthekit.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Phillipe Lebruman-
This Is The Kit
Aktueller Tonträger:
Off Off On
(Rough Trade Records/Beggars Group/Indigo)

 
 

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