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KRISTOFER ASTRÖM
 
Der Gelassene
Kristofer Aström
Eine Eigenschaft, die den schwedischen Songwriter Kristofer Åstrøm in besonderer Hinsicht auszeichnet, ist seine Beständigkeit. Damit ist weniger eine musikalische Kategorisierung gemeint als die Tatsache, dass er konsequent seinen Weg geht, seit er 1992 mit der Band Fireside reüssierte. Während viele seiner Kollegen, die damals um die gleiche Zeit gestartet sind, ausgebrannt oder gescheitert sind bzw. sich aus dem Business verabschiedet haben, bringt Kristofer - heutzutage als glücklicher Familienvater mit einem Dayjob bei einem Computer-Service-Provider - beharrlich (wenn auch nicht unbedingt regelmäßig) neue Musik heraus. Gerade sein neues Album "Hard Times" ist dabei ein Beispiel für diese Art von Beständigkeit - vielleicht auch, weil Kristofer hier gar nicht erst versucht, das Rad neu zu erfinden, sondern stattdessen seine Inspirationen aus seinem eigenen, reichhaltigen Werk bezieht.
Eben weil Kristofer nicht regelmäßig von sich hören macht, sei die Frage erlaubt, was aus seinen Band-Projekten und Kollaborationspartnern geworden ist. "Die Band Hidden Truck gibt es leider nicht mehr", führt Kristofer aus, "wir haben uns nach dem Album 'So Much For Staying Alive' von 2005 aufgelöst. Heutzutage spiele ich mit anderen Musikern. Fireside gibt es noch ein bisschen. Wir überlegen neue Songs aufzunehmen und wollen mal sehen, was passiert. Die Band ist nicht total tot - aber wir machen im Moment keine Promo. Und Britta Persson, mit der ich in der Vergangenheit schon zusammengearbeitet habe und mit der ich auf der neuen Scheibe das Duett 'Another Love' aufgenommen habe, hat im letzten Jahr eine neue LP herausgebracht - allerdings auf Schwedisch und in Form von Kinderliedern. Sie hat gerade ihr zweites Kind bekommen und ist demzufolge gut beschäftigt" Bei einem früheren Gespräch sagte Kristofer, dass jede seiner neuen LPs eine Reaktion auf die Scheibe zuvor angelegt sei. Nun ist Kristofs letzte LP "Story Of A Heart's Decay" ja schon etwas älter - und die neue LP klingt auch weniger als die Reaktion auf irgendetwas, sondern wie die kontinuierliche Fortsetzung dessen, was Kristofer am liebsten tut: Nachdenklich/melancholische Balladen zu schreiben, nämlich. "Da hast du wohl recht", räumt Kristofer ein, "es ging mir tatsächlich früher um Reaktionen - aber diese sind mir dann irgendwann ausgegangen. Das neue Album ist tatsächlich eine Art Fortsetzung dessen, was ich auf dem letzten Album gemacht hatte - es gibt aber auch eine gewisse Weiterentwicklung, wie ich denke. Auf 'Story Of A Heart’s Decay' hatte ich ja noch versucht, in Richtung California-Rock zu gehen - dieses Mal wollte ich aber mehr auf mich selbst konzentrieren und auf das zurückzublicken, was ich früher gemacht hatte - ohne mich dabei allerdings wiederholen zu wollen." Es gibt ja auf dem neuen Album überwiegend akustische Elemente. Ist das Ganze denn geradeheraus als Singer/Songwriter-Album konzipiert worden? "Im Grunde genommen, ja", räumt Kristofer ein, "alle Songs sind auf der akustischen Gitarre geschrieben und könnten auch auf einer akustischen Gitarre gespielt werden. Das mache ich sonst nicht immer, denn manchmal schreibe ich die Songs schon für eine Band-Umsetzung - nicht aber dieses Mal."

Die Scheibe erscheint in einem eigenartigen Format - indem es nämlich vier Tracks aus den Sessions für das Album gibt, die aber nicht bei den Standard-Editions enthalten sind. "Diese vier Songs werden bei der ersten Auflage der Vinyl-Edition als separate Bonus 12"-Scheibe enthalten sein", erläutert Kristofer, "später werden sie dann auch digital noch veröffentlicht. Die Sache ist die, dass ich diese vier Songs zwar durchaus mag und auch sehr damit zufrieden bin. Aber als ich das Tracklisting für das Album zusammenstellte, realisierte ich - zusammen mit meiner Plattenfirma -, dass die nun enthaltenen acht Tracks am Besten zusammen passen, wie sie jetzt sind. Warum die anderen Stücke nicht auf einer limitierten CD drauf sind, weiß ich allerdings nicht - das hat die Plattenfirma sich ausgedacht."
Kristofer Aström
Ein weiteres interessantes Detail der neuen Scheibe ist das Covermotiv. Als Kristofer feststellte, dass der Opener des Albums "Inbetweener" von vielen Leuten unterschiedlich interpretiert wurde, fragte er seine kleine Tochter, was sie davon hielte und diese malte ihm dann ein Bild, das er als Cover für die Single-Version des Tracks verwendete. Das Cover der LP zeigt indes einen Hund, der in einem Western-Shirt steckt. "Ja, der Hund auf dem Cover ist unser Hund, mit dem wir zur Zeit eine Hasslieben-Beziehung haben - was nicht ihre Schuld ist, weil sie ein netter Hund ist. Es ist nur so, dass wir nicht genügend Zeit haben, uns richtig um sie zu kümmern. Das Bild - und einige andere auf dem Artwork - hat meine Frau gemalt, worum ich sie gebeten habe. Sie zeigen den Hund dann alle in Nudie Suits." Das hat nichts mit Nacktbildern zu tun, sondern mit den mit Strass-Steinen besetzten Western-Anzügen im Grand Ole Opry-Stil, die der amerikanische Schneider Nudie Cohn für die (Country-)Größen seiner Zeit in den 60er, 70er und 80er Jahren designte. "Alle Outfits, die unser Hund im Artwork zeigt, sind Tribute für die Künstler, für die Nudie Cohn-Anzüge gestaltete und natürlich Nudie Cohn selbst. Ich liebe diese Anzüge und es wäre ein wahr gewordener Traum, wenn ich mal einen haben könnte." Was nicht ganz einfach ist, denn diese kosten schon mal gerne fünfstellige Beträge."

Der Titel des Albums - "Hard Times" - ist nicht nur eine Metapher für das, worüber Kristofer singt, sondern er ist dem Titel eins Songs entnommen: "Hard Times Come Again No More". "Ja, das ist ein alter Song von Stephen Foster, der 1854 zum ersten Mal als Sheet Music veröffentlicht wurde", erklärt Kristofer, "er wird manchmal als jener Song bezeichnet, mit dem das ganze Country-Genre anfing. Ich weiß nicht, ob das stimmt - aber ich mag den Song und habe ihn sogar auch schon mal aufgenommen. Ich bin von diesem Song ziemlich beeinflusst und wollte ihn deshalb für den Titel des Albums verwenden, denn es sind ja ziemlich schwierige Zeiten, in den wir gerade leben. Dabei passt es ganz gut, dass die Sache jetzt, während der Pandemie rauskommt - obwohl es in den Songs nicht um die Pandemie geht, denn schließlich sind diese Zeiten für die meisten Menschen ziemlich hart. Wir waren weitestgehend fertig mit den Aufnahmen, als das losging und ich habe nur noch ein paar Gesangsspuren während der Pandemie hinzugefügt. Natürlich war der Plan, mit der Scheibe dann auch nach Deutschland zu kommen und live zu spielen und die ganzen üblichen Sachen zu machen. Aber das ist dann ja nicht passiert. Ich spiele ein paar Solo-Shows in Schweden im November - und so bald das möglich ist, holen wir dann den Rest nach."
Das Bemerkenswerte an dieser Scheibe ist der Umstand, dass Kristofer die neuen Songs mit einer gewissen heiteren Gelassenheit präsentiert, obwohl er sich inhaltlich allen möglichen, desaströsen Szenerien und Geschichten widmet. Insofern erscheint das Album dann zwischen Melancholie und Optimismus sogar besonders ausbalanciert. "Das ist eine interessante Beobachtung", zögert Kristofer, "denn in der Tat klingt das zuweilen sogar irgendwie optimistisch, während es in den Texten eher düster zugeht, weil diese halt von schweren Zeiten handeln. Ehrlich gesagt, wollte ich aber eigentlich, dass das Album sogar noch düsterer werden sollte." Ist das Ganze denn nicht autobiographisch? "Nein", widerspricht Kristofer, "die Geschichten basieren zwar auf tatsächlichen Ereignissen, es geht aber nicht alleine um mich und ich habe vieles dann auch übertrieben und erfunden." Wie kam es denn dazu? "Ich denke, früher war ich sehr viel persönlicher, was meine Texte betrifft", gesteht Kristofer, "heutzutage nehme ich mein Leben und bastele Geschichten daraus. Das ist insofern schwierig, als dass meine Geschichten hauptsächlich von unglücklichen Beziehungen handeln - ich selbst aber gerade ein glücklich verheirateter Mann bin, der sich sehr gut fühlt. Ich musste also tief in mich hineinblicken um kleine Momente der Unsicherheit zu finden, die ich für die Texte verwenden - und diese dann ausbauen und aufblasen könnte." Hatte Kristofer eine Art Handlungsbogen im Sinn, als er die acht Tracks, die nun im Kern die LP ausmachen, zusammenstellte? "Der rote Faden waren die schweren Zeiten, über die ich singen wollte", bestätigt Kristofer diese Vermutung, "mit Ausnahme des Songs 'Michelle', den ich für meine Frau geschrieben und ihr bei unserer Hochzeit vorgesungen habe. Der ist ja aber nicht auf der eigentlichen LP drauf." Was hat Kristofer musikalisch inspiriert? Im Prinzip ist die Scheibe ja in einer Art Country-Setting angelegt - ohne dass es dabei um Country-Musik geht. "Das weiß ich eigentlich gar nicht so genau", zögert Kristofer, "ich wollte einfach gute Songs schreiben. Auf dem letzten Album zielte ich ja in Richtung eines 70s Feeling und Leute wie Tom Petty und Jackson Browne. Das habe ich aber dieses Mal nicht gemacht und mich stattdessen mehr an meiner eigenen, früheren Musik orientiert. Vielleicht war das die treibende Inspiration." Ist dadurch das Album vielleicht deswegen "skandinavischer" ausgefallen? "Vielleicht ja", überlegt Kristofer, "das ist auch eine Sache, an die ich nicht gedacht habe, aber wenn du das sagst, dann stimmt es schon, denn zuletzt orientierte ich mich ja schon mehr in Richtung der US."

Um es mal so zu formulieren: Wonach suchte Kristofer denn dieses Mal? "Nach etwas, das Besitz von dir ergreift", sagt er, "das kann eine Textzeile, ein Gitarren-Solo oder auch nur eine Bassnote - ein Ton - sein. Ein guter Song muss nicht mal eine gute Melodie haben, wenn er dieses gewisse Extra hat. Ich meine - das hilft natürlich schon - ist aber nicht notwendig. Hauptsache, du fühlst etwas, wenn du den Song hörst." Was ist denn die größte Herausforderung bei der Suche nach diesem Song? "Es ist schwer, in einem konventionellen Setting, wie dem meinen, etwas wirklich Außergewöhnliches zu finden, was zuvor noch nicht versucht wurde - einfach weil schon so viele Songs geschrieben wurden. Ich denke, ich muss einfach versuchen, herauszuarbeiten, was mich persönlich auszeichnet. Was zeichnet meine Stimme und mein Harmonieverständnis aus? Ich denke, zumindest das ist ziemlich einzigartig, weil ich nicht vieles höre, was sich genauso anhört wie ich. Ich versuche also einfach gute Songs zu schreiben. Ich habe es allerdings aufgegeben, Erwartungshaltungen erfüllen zu wollen, wie ich das auf einigen Alben mit Hidden Track versucht habe, weil das Radio auch in Schweden mittlerweile Musik wie die meine nicht mehr spielt. Seit also dieser Druck nicht mehr über mir hängt, kann ich mich mehr auf mich konzentrieren, herumexperimentieren und machen, was ich mag."
Weitere Infos:
kristoferstrm.bandcamp.com
www.facebook.com/kristoferastromofficial
www.youtube.com/channel/UCmHZWzqVNYD9HoJGEVe8_ng
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ellika Henrikson-
Kristofer Aström
Aktueller Tonträger:
Hard Times
(Startracks/Indigo)

 
 

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