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FEE.
 
Hadern für den Song
Fee.
Als die Frankfurter Liedermacherin Fee. im letzten Jahr daran ging, über Songs für ihre zweite Solo-LP nachzudenken, sah die Welt ja noch ein wenig anders aus. Damals konnte man die Musik ja noch mit einer gewissen Unbeschwertheit angehen. Das tat Fee. dann auch mit ihrer Stand-Alone-Single "Beweg Dein Arsch", die im Wesentlichen einen ermunternden Denkanstoß darstellte, die eigene Lethargie zu überwinden. Fee. hatte dann das Glück, dass es ihr gelang, die Songs, die nun ihr zweites Album "Nachtluft" ausmachen, noch vor der Corona-Krise fertig zu schreiben - im Anschluss allerdings das Pech, dass sie sich entschloss, dieses Mal alles indiemäßig selber anzugehen und die Scheibe mittels Crowdfunding vorzufinanzieren und schon mal eine Tour zu buchen, um die Songs dann auch gleich präsentieren zu können. Das zog sich dann so lange hin, dass die Aufnahmen und die Produktion der Songs dann erst im ersten Lockdown erfolgen konnten. Ist das vielleicht letztlich der Grund, warum die neuen Songs deutlich nachdenklicher und melancholischer daherkommen, als die eher unbekümmerten Tracks des Debüts "Ein Zimmer Küche Bad" und die Single "Beweg Dein Arsch"?
"Den bewegten 'Arsch'-Track habe ich unabhängig als Single herausgebracht, was vor allen Dingen daran lag, dass ich eine sehr lange Soundfindungs-Phase hinter mir habe", berichtet Fee., "ich habe mich gefragt, wie ich klingen möchte, da man sich ja auch persönlich verändert und weiterentwickelt. Der Track passte dann stilistisch nicht zu dem, was ich dann auf 'Nachtluft' machen wollte. Ich wollte lieber, dass das Album dann in sich stimmig ist und gut am Stück gehört werden kann und deswegen ist der Track auch nicht auf dem Album. Es gibt aber Songs wie 'Landebahn' oder 'Cherie', die nach vorne gehen." Aber viele sind eben auch melancholisch angelegt. "Ja, ich würde schon sagen, dass viele Songs einen nachdenklichen Touch haben", überlegt Fee., "das liegt daran, dass ich mich mehr und intensiver mit den Dingen, die mich umgeben, beschäftige. Ich finde, dass die Songs aber trotzdem auch eine positive Grundhaltung haben. Es ist kein trauriges Gejammer, sondern eher nachdenklich und hinterfragend." Das ist ja im allgemeinen so, dass die Herren der Schöpfung im Deutschpop immer eine Möglichkeit sehen, sich jammernd zu beklagen, während die Damen eher dazu neigen, melancholisch zu kontemplieren. "Interessant - ist das so? Darüber habe ich tatsächlich noch nicht nachgedacht", meint Fee., "das werde ich aber mal tun." Zu welchem Schluss ist Fee. denn bei ihren aktuellen Betrachtungen gekommen - oder geht es darum gar nicht? "Ich brauche manchmal sehr lange, um finale, wichtige Entscheidungen zu treffen und deswegen gibt es immer einen sehr langen 'Haderprozess'", führt sie aus, "und ich glaube, der spiegelt sich auch ein bisschen in dem Album wieder." Wann entstehen dann die Songs? Fee. ist ja auch öfter im Urlaub - ist das denn keine gute Gelegenheit, Songs zu schreiben. "Das passiert sehr selten", zögert Fee., "ich habe mir lange auch immer gedacht, dass ich meine Gitarre mitnehmen sollte, um dann zu schreiben - aber ich komme da nicht in den Modus rein. Ich schreibe meistens dann, wenn es mir dreckig geht - und im Urlaub habe ich ja eher eine gute Zeit und bin dann mit Freund oder Freunden unterwegs und entdecke Sachen. Es ist dann vielleicht so, dass ich diese Sachen dann später in meinen Songs unterbringe - aber nicht während ich dort bin."
Ein besonderer Track des neuen Albums ist "Utopie" - weil sich Fee. hier erstmals an so etwas wie Sprechgesang bzw. Rap-Ästhetik versucht, weil sich dieser Song einer konventionellen Songstruktur entzieht und weil Fee. diesen mit dem Rapper Joke von Zersitz, der auch selber mitsingt, schrieb. "Joke von Zersitz ist der Sänger der Leipziger Band Zweiersitz, den ich kennengelernt habe, als wir letztes Jahr beide den Udo Lindenberg Panik-Preis gewonnen haben", berichtet Fee., "wir haben uns direkt musikalisch ineinander verliebt und machen seither viel zusammen. Wir haben schon mehrere Songs zusammen geschrieben, die aber noch nicht alle veröffentlicht sind und unterstützen uns zusammen bei unseren Songs, wenn wir mal Hänger haben. 'Utopie' habe ich geschrieben, über eine Situation, die ich mit Joke erlebt habe und habe ihn dann gebeten, eine zweite Strophe zu schreiben. Ich mag, wie in diesem Song mit zwei Akkorden immer alles hoch oder runtergeht wie in einem Tunnel und ich mag diesen Sprechgesang und glaube, dass ich davon auch noch mehr machen werde." Der Song ist ja ganz anders als Fee.s andere Songs - und davon handelt er in gewisser Weise auch. "Ja, ich hatte mich nämlich irgendwie 'überspielt'", gesteht sie, "ich hatte zwar keinen Burnout, aber ich hatte einfach zu viele Konzerte gespielt. Ich hatte mich musikalisch schon weiter entwickelt, spielte aber der Bühne ja immer noch die alten Songs, weil die anderen ja noch nicht draußen waren. Dann ist man auf der Bühne eine andere Person als man eigentlich ist. Ich hatte meine Art zu schreiben schon sehr verinnerlicht, und deswegen ist es schön, mal in einer anderen Richtung zu arbeiten - und das versuche ich jetzt auch mehr zu machen. Und deswegen hat der Song für mich auch eine sehr tiefgründige Bedeutung."

Was auffällt, ist dass der Gesang auf dem neuen Album irgendwie gelassener rüberkommt, als man das von der ansonsten gerne auch mal quirligen Dame gewohnt ist. Woran liegt denn das? "Ich habe den Gesang zu Hause während der Hochzeit des ersten Lockdowns bei mir im Homestudio in meinem Schlafzimmer aufgenommen", erläutert Fee., "und ich fand, dass das etwas ganz Schönes hatte, weil alles so ein bisschen entschleunigt war, da ja alle zu Hause waren und niemand so recht wusste, wie es weitergehen könnte, weil ja auch alles abgesagt war. Ich habe dann alles so gemacht, wie es gerade gut war. Man ist dann auch emotionaler bei der Sache, als wenn man sich sagt dass man das Ganze in zwei Wochen im Studio machen muss." Dabei setzt Fee. ja auch vermehrt auf die Zusammenarbeit mit anderen Musikern. "Ja, ich finde jegliche Zusammenarbeit gut, weil man merkt, dass man nicht mit einer Situation alleine ist", bestätigt Fee., "ich finde es wichtig und richtig, dass - wenn man etwa nach außen trägt - auch andere Dinge vermittelt als nur die eigenen Songs. Damit meine ich politische Dinge oder soziale Missstände. Das klappt mit Zusammenarbeiten jeglicher Art besonders gut. Ich mache jetzt auch demnächst wieder etwas im Zusammenhang mit Moria und ich spiele - wenn das möglich ist - bei 'Rock gegen Rechts' Demos oder bei 'Fridays For Future' und finde es wichtig, wenn man vermittelt, wofür man gesellschaftlich und politisch steht - wenn auch nicht immer in den Songs. Es ist nämlich super schwierig einen politischen Song zu schreiben. Ich würde das gerne mal hinbekommen, aber bisher ist es mir noch nicht so gelungen, dass ich sagen würde, dass es gut genug so ist."
Kann man denn heute noch irgend etwas mit Musik und Kunst bewegen? Schließlich ist das ja nicht mehr so, wie in den 60s, wo es noch keine alternativen Fakten und Community-Bubbles gab, in denen sich jeder seiner eigenen Realität zurechtschneidert. "Ja - ich glaube aber dass es heutzutage anders herum funktioniert", überlegt Fee., "wo es früher vielleicht so war, dass eine Band gerade weil sie politische Songs gemacht hat, bekannt geworden ist, ist es heute eher so, dass du dir einen Bekanntheitsgrad erspielen musst, und dann die Möglichkeit hast, durch Musik und Kunst etwas zu verändern. Ich glaube daran - aber ich denke auch, dass es schwieriger geworden ist, weil die Leute alle irgendwie reizüberflutet sind nicht mehr wissen, auf was sie sich fokussieren sollen, weil ja alles so wichtig erscheint. Man muss auch mal ausblenden können, weil es einfach zu viel ist."

Das ist dann ja fast schon zu viel verlangt. "Also wenn ich hier manchmal so in Europa durch die Straßen gehe, und manche Sachen beobachte, dann denke ich mir oft wo und wie die Leute eigentlich leben. Nicht über den Tellerrand schauend und nur in der eigenen Blase lebend und sich gar nicht dafür interessierend, was eigentlich wirklich passiert. Nimm zum Beispiel Moria. Da kommen dann irgendwelche Touristen und haben fließendes Wasser im Hotel und direkt neben ihnen dürfen die Leute nicht raus und sterben. Wir sollten alle mehr Bewusstsein entwickeln und ich glaube, dass man - wenn man in irgend einer Form in der Öffentlichkeit steht - da auch klar Flagge zeigen sollte." Wie denn zum Beispiel? "Nun, wenn bekannte Pop-Schlager-Persönlichkeiten wie Helene Fischer sich mal positionieren würden, dann würde die ja viel mehr Leute erreichen als ich es jetzt tue - und das hätte dann eine ganz andere Wirkung als wenn eine DIY-Liedermacherin da etwas sagt." Nun ja, wünschen dürfen wir uns ja alles und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Und bis bis es so weit ist könnte man sich ja mal mit Fee.s neuem Album beschäftigen. Die Tour für das Frühjahr 2021 steht ja erst mal noch - zumindest bis zum nächsten Lockdown.
Weitere Infos:
www.feemusik.de
www.facebook.com/feemusik
www.instagram.com/feemusik
www.youtube.com/feemusik
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Christoph Seubert-
Fee.
Aktueller Tonträger:
Nachtluft
(O-Tone/edel)
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