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JIM KROFT
 
Das flüchtige Herz Amerikas
Jim Kroft
Der in Berlin lebende, schottische Songwriter, Fotograf und Filmemacher ist das, was man sich gemeinhin unter einem Bilderbuch-Troubadour und Weltenbürger vorstellen könnte. Nachdem er einige Zeit als Musiker in London sein Auskommen hatte, zog er 2007 in die Bundeshauptstadt, um zunächst mit seiner Band Myriad Creatures zu arbeiten. 2010 beschloss er dann, als Solokünstler sein Glück zu versuchen - was ihm dann auch beschieden war, denn über seine Single "Memoirs From The Afterlife" von seinem Solo-Debüt "Between The Devil And The Deep Blue Sea" schaffte er es - als Indie-Künstler ohne Label-Support - irgendwie in die Charts. Für sein zweites Album "The Hermit & The Hedonist" wandte er sich seiner zweiten Passion - dem Filmemachen - zu und produzierte eine zum Album korrespondierende Reihe von Videos. Sein drittes Album, "Lunatic Lullabies" erschien 2013 auf einem Major-Label - von dem er sich indes danach gleich wieder verabschieden musste. Ebenfalls 2013 gründete er dann seine Filmproduktionsfirma Kroft Films, mit der er seither auch kommerzielle Aufträge - etwa für Werbespots oder Videoprojekte - entgegen nimmt. Es war dann allerdings erst sein Projekt "Journeys", mit dem er seine Anliegen in geeigneter Form zusammenführte. "Journeys" ist ein Multimedia-Projekt, im Rahmen dessen er zunächst zwei seiner ausgedehnten Konzert- und Kulturreisen durch China bzw. Ostafrika jeweils mit einem Dokumentarfilm und einer passenden EP dokumentierte. 2018 gipfelte diese Serie schließlich in dem Dokumentarfilm "March Of Hope", mit dem sich Jim Kroft mit der Flüchtlingsproblematik auseinandersetzte, indem er 2016 nach Lesbos und Indomeni reiste, sich dort mit Flüchtlingen unterhielt und sich auch direkt an den Hilfsaktionen vor Ort beteiligte. Unter anderem rettete er ein Flüchtlingsmädchen namens Sara, dem er auf der korrespondierenen EP "Journeys #3" nicht nur einen Song widmete, sondern auch das Spenden- und Benefiz-Projekt "A Boat For Sara" ins Leben rief, in das dann auch die Erlöse aus dem Album-Projekt einflossen. Eine weitere Reise - dieses Mal über 32.000 km mit der Transsibirischen Eisenbahn - zeitigte dann Jims nächstes Filmprojekt "The White Arrow" im Herbst 2019. Der Grund, warum "The March Of Hope" erst 2018 erschien, obwohl die zugrundeliegende Reise nach Lesbos und Idomeni bereits 2016 stattgefunden hatte, lag unter anderem auch daran, dass Jim 2016 noch eine weitere Reise unternahm: Im Vorfeld der US-Wahlen 2016 reiste Jim nämlich von Osten nach Westen durch die USA, um dort mit jenen Menschen zu sprechen, für die in der öffentlichen Berichterstattung kein Platz war (was ja unter anderem ja zu dem Sieg Donald Trumps bei diesen Wahlen geführt hat, was wir heutzutage wissen). Den daraus entstandene Film "A Conversation With America" veröffentlichte Jim im November 2019 (free of charge) auf YouTube. Erst jetzt fand Jim die Zeit und Muße, das Projekt wiederum mit einem musikalischen Begleit-Album - "A Conversation With America (Orginal Soundtrack)" zum Abschluss zu bringen, indem er die in dem Film verwendete Musik, die aus Songskizzen und Instrumentals bestand - nun im ausformulierten Songformat - produzierte. Nachdem die Wahl 2020 ja nun mit dem Sieg Joe Bidens glücklich ausgegangen ist, konnte es sich Jim nicht verkneifen, das Album dann zum "Auguration Day" am 20.01.2021 zu veröffentlichen.
Die Fragen, die sich zu diesem Projekt stellen, sind zunächst mal organisatorischer Natur: Warum veröffentlichte Jim den Film zur Wahl von 2016 kurz vor der Wahl von 2020 - und warum machte er - als Schotte - überhaupt einen Film über die USA (und nicht etwa einen über den Brexit)? "Nun, ich teile meine Zeit auf zwischen meinen Filmarbeiten und meiner Musik", berichtet Jim, "als ich 2016 die Filme 'March Of Hope' und 'A Conversation With America' in Angriff nahm, vernahm ich hier in Europa einen zunehmenden Einfluss des Populismus und eine allgemeine Tendenz, sich sogenannten 'starken Männern' zuzuwenden. Speziell während der Arbeiten an 'March Of Hope', als ich mich mit der Flüchtlingsthematik beschäftigte, erfuhr ich das selbst am eigenen Leib - obwohl ich meine Themen ohne bestimmte politische Präferenzen, sondern von einer humanitären Warte aus angehe. Als ich 'March Of Hope' fertig gestellt hatte, verspürte ich das Bedürfnis, mich intensiver mit dieser Thematik auseinandersetzen zu müssen." Hatte Jim denn damals bereits geahnt, dass Trump die Wahl 2016 tatsächlich gewinnen könnte? "Das ist eine sehr gute Frage", überlegt er selber, "gerade in Europa - speziell bei den politischen Eliten der Linken - sind die Leute ja bis heute so empört von Trump, dass sie immer noch nicht verstehen können, warum die Amerikaner ihn gewählt haben." Nun eine der Antworten auf diese Frage könnte ja sein, dass die Amerikaner ihn gewählt hatten, weil er vorgab, kein Politiker sein zu wollen. Das sagten auch viele der Interviewpartner, mit denen Jim in seinem Film sprach. "Ja, genau", bestätigt Jim, "aber mal allen Ernstes: Jemand von New York, der als Millionär einen Golf-Club in Florida hat, ist doch wohl einer der elitärsten Systemvertreter, den man sich vorstellen könnte. Und das ist ja das Verrückte - dass es ihm gelang, die Leute dazu zu überreden, ihm zu glauben, dass er einer von Ihnen sei. Einer der Menschen, mit denen ich sprach, sagte mit auf die Frage, warum er Trump wählen würde: 'Weil er ein echter Typ ist'. Trump ist also doch ein Politiker, der sich aber als Otto Normalbürger verkaufen kann, während er gleichzeitig ein Milliardär ist."

Die Idee, jemanden zu wählen, von dem man wissen müsste, dass er nicht in der Lage ist, seinen Job als Politiker auf der technischen Ebene auszuüben, weil sein Hauptargument ist, eben kein Politiker zu sein, ist doch von vorneherein eher abwegig. "Das liegt daran, weil du diese typisch deutsche Denkweise hast", schmunzelt Jim, "ich meine das jetzt nicht als Vorwurf - aber so zu denken ist sehr methodisch; weil die Sache eben keinen Sinn macht. Ich teile auch dein Erstaunen über diese Tatsache. Deswegen mag ich es auch, hier zu Leben. Ihr Deutschen seid immer so pragmatisch. Was aber Trump auszeichnet, ist, dass er sich in diese irrationalen Emotionen jenseits von Vernunft und Wissen einklinken kann. Wenn du mich also nach meinem Gefühl von damals fragst, dann muss ich auch sagen, dass ich zunächst dachte, dass er keine Chance hätte, wegen der ganzen unaussprechlichen Dinge, die er sagte. Aber als ich dort ankam, und die riesigen Ödflächen und heruntergekommene Landstriche und Fabriken im Rustbelt und im Süden sah und mir klar war, dass die Leute dort echt arm sind, weil kein Geld mehr aus der Industrie da ist; begann ich zu verstehen, warum die Leute jemandem wie Trump folgen könnten. Und da gibt es keinen Unterschied zu den Dreißigern. Es ist ein ökonomisches Desaster. Hitler konnte sich übrigens auch in solche Emotionen einklinken.
Jim Kroft
Wie wir ja inzwischen wissen, hat es Trump dieses Mal - außer in seiner Vorstellung - ja nicht geschafft, gewählt zu werden. Die Problematiken, die er für seine Zwecke ausnutzte, sind aber ungelöst nach wie vor vorhanden. "Genau", bestätigt Jim, "die Gesellschaft in den USA ist heute ja eine jüngere. Die Erinnerungen an den Krieg verblassen und die Probleme, die in Europa mit dem Krieg einhergingen, existierten in den USA ja nicht. Die USA sind niemals besetzt oder - bis auf Pearl Harbour - angegriffen worden oder gar ausgebombt worden. Es gibt also für Amerikaner keine Möglichkeit zu erkennen, wohin Entwicklungen wie die jetzigen hinführen können. Für die Amerikaner ist die jetzige Situation mit der Wahl und der Spaltung und der Pandemie so etwas wie ein perfekter Sturm." Dazu zählt ja wohl - nachträglich betrachtet - auch das ganze Gezetere um die gestohlene Wahl. "Trump macht das ganz geschickt", erläutert Jim, "dazu gehört, dass er Zweifel an der Briefwahl hegte und von vorneherein darauf setzte, dass die Wahlentscheidung knapp werden könnte, denn die Amerikaner sind - aufgrund des komplexen Systems - nicht geübt darin, per Briefwahl abzustimmen und sie sind auch darauf konditioniert, am Wahlabend zu erfahren, wer ihr nächster Präsident ist, was aber zunächst mal nur durch die Hochrechnungen der Medien ausgerufen und erst später zertifiziert und bestätigt wird. Trump setzte darauf, als Sieger ausgerufen zu werden, bevor die Auszählung beendet war - und verstand es meisterlich, seine Anhänger auf dieses Szenario einzuschwören und darauf vorzubereiten, eventuelle endgültige Ergebnisse nicht anzuerkennen."

Wie Jim in der Einleitung zu seinem Film sagte, wollte er sich dabei auf die Suche "nach dem flüchtigen Herz Amerikas" machen. Dass Jim danach nicht unbedingt im etablierten System danach suchen würde, war von vorneherein klar. Ein interessanter Aspekt ist deswegen dann der, dass er seine Interviews überwiegend mit People of Colour führte. Was ist denn seine Erklärung dafür, dass vergleichsweise viele Afroamerikaner und Latinos für Trump stimmen - oder zum Beispiel auch die Frauen? "Das ist eine sehr gute Frage", überlegt Jim, "denn die Mehrheit genau dieser Gruppen wählen ja für gewöhnlich gar nicht. Es gibt aber einige verschiedene Gründe. In Bezug auf die hispanische Gesellschaft ist zu sagen, dass viele dieser Leute viele Narben von linksorientierten Systemen haben. Viele von ihnen kommen ja aus Kuba oder linksgeführten Diktaturen Südamerikas. Im Falle der Frauen habe ich mich das selbst gefragt. Viele von ihnen, mit denen ich gesprochen habe, sagen sich einfach: 'So wie Trump redet, sprechen Männer halt eben untereinander - die meinen das doch nicht so.' Auf der anderen Seite hat man dann die Me-Too-Debatte. Aber die Frauen, die Trump wählen, sagen sich halt - das ist halt so wie Männer reden. Und außerdem ist es ja unterhaltsam, was Trump sagt und sie mögen es auch, wenn er Sachen sagt, die die Liberalen verschrecken. Das ist ein Problem, das aus der politischen Korrektheit entsprungen ist, denn du kannst ja heutzutage kaum noch etwas Ironisches sagen, ohne jemanden zu beleidigen - wie das früher einfach möglich war. Einer der Gründe, warum Wähler ihn wählen, ist der Umstand, dass sie Angst davor haben, dass sich die Welt in eine Richtung verändert, die sie nicht mögen und sie deswegen ihren Lebensstil ändern müssten. Eine Frau in New Orleans mit der ich sprach, als man anfing, die Statuen von Südstaatengeneralen zu entfernen, fragte mich, woher das alles nur komme, dass man sich nun von den althergebrachten Gewohnheiten verabschieden wolle." Nun vielleicht daher, dass sich die Amerikaner nie kritisch mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt haben? "Genau", bestätigt Jim, "denn es gab diesbezüglich eine Kultur des Schweigens in den USA und vielen war das auch ganz recht. Bei euch in Deutschland ist das ja ein wenig anders. Ihr habt natürlich einen dunklen historischen Schatten über euch hängen - aber ihr habt euch in eurer Generation gemeinschaftlich damit auseinandergesetzt, das analysiert, verarbeitet und kritisch betrachtet. Das ist aber etwas Außergewöhnliches - was es ansonsten nicht so gibt. Das vereinigte Königreich hatte zum Beispiel auch nie diese dunkle Unterhaltung über unser Empire mit sich selbst. Genauso ist das in den USA etwa mit dem Problem der Sklaverei." Was ist denn Jims Fazit dieser Beobachtungen? "Wie du schon gesagt hast: Die Amerikaner waren nie dazu gezwungen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen", überlegt er, "während ihr euch mit eurer Geschichte beschäftigt habt, indem ihr die Düsternis dessen, was passiert ist, eben nicht ausgeblendet habt, habt ihr einen Heilungsprozess angestoßen, der den Amerikanern noch bevorsteht."
Okay - das erklärt, warum es für Jim Kroft notwendig war, dieses Projekt anzustoßen. Wie aber wirkt sich das auf seine Tätigkeit als Songwriter aus? In dem Film selbst tauchen als musikalische Untermalung einige Songs seiner letzten Scheibe "Love In The Face Of Fear", einige Instrumentals, einige Songfragmente und einige Live-Snippets auf - teilweise als Kombination all dieser Elemente. "Also ich werde zunächst mal die Songs, an denen ich gerade noch arbeite, alle zwei Wochen veröffentlichen - bis hin zum 20. Januar, dem 'Auguration Day' (an dem Joe Biden als Präsident eingeschworen wird)", erklärt Jim, "die meisten der Songs basieren dabei auf den Instrumentals, die ich für den Film produzierte, so dass die Emotionen adäquat eingefangen werden konnten. Alle Songs sind durch den Film und das, was ich bei den Dreharbeiten erlebt habe, inspiriert. Ich hatte schon das Bedürfnis, diese Stücke als Songs aufzunehmen - einfach, weil ich das Gefühl hatte, weil ich noch etwas auf dem Herzen hatte, von dem ich dachte, dass ich es besser ausdrücken könnte, wenn ich die Musik ordentlich aufbereite. Es sind also letztlich keine Instrumentals auf dem Album, denn aufgenommen hatte ich das Ganze dann in meinem Heimstudio, weil ich schon wollte, dass sie professionell produziert sein und gut klingen sollten. Ich habe dann meinen Gesang rausgenommen, und den Rest dann als die Instrumentals, die im Film zu hören sind, verwendet." Das heißt also, dass die Musik (bis auf die, die er im Film selbst spielt) entstand, nachdem Jim den Film bereits geschnitten hatte. Das wiederum ermöglichte es ihm dann, sich inhaltlich nicht nur auf die Erinnerung auf seine Reise von 2016 zu beziehen, sondern auch auf die aktuellen Ereignisse. "Ganz genau", bestätigt Jim, "den Song 'What Will You Decide, America' veröffentliche ich zum Beispiel genau am Wahltag, dem 04. November 2020. (Das Gespräch mit Jim fand wenige Tage vor der US-Wahl statt.) Das fertige Album wird dann am Tag der Amtseinführung erscheinen - ganz egal, was genau dann passieren wird." Am 07.01.2021 - einen Tag nach dem Sturm auf das Kapitol in Washington - schrieb Jim in seinem Facebook-Blog: "Der wachsende Wahnsinn der letzten vier Jahre findet sich in dem neuen Song "The World is On Fire" (von "A Conversation With America"). Die gestrigen Ereignisse in Washington sind kein Höhepunkt, sondern eine Warnung. Zeit aufzumerken: Die Welt brennt."
Weitere Infos:
www.jimkroft.com
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Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Jim Kroft
Aktueller Tonträger:
A Conversation With America
(Radicalis)

 
 

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