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ANNA B. SAVAGE
 
Nicht Vogelfrei
Anna B. Savage
In der Bio der Londoner Songwriterin Anna B. Savage heißt es, sie mache "Fragezeichen-Musik". Und da ist tatsächlich etwas dran, denn ein wenig rätselhaft ist es schon, was die smarte Künstlerin auf ihrem Debüt-Album "A Common Turn" präsentiert. Dabei beziehen sich die erwähnten Fragezeichen aber keineswegs auf die Suche nach Antworten, sondern auf den Fragen im allgemeinen innewohnenden, philosophischen Prozess der Selbstfindung, den Anna mit ihren Songs mittels stark codierter, poetischer Texte voller starker Aphorismen und Bilder thematisiert. Als Folk-Künstlerin möchte sich Anna sich dabei keineswegs verstanden wissen. Ihre ersten musikalischen Gehversuche machte sie mit einer EP von 2015. Hier wie da griff Anna für ihr nun vorliegendes Debütalbum zur elektrischen Gitarre und entwickelte in Zusammenarbeit mit Produzent William Doyle ein mit New Wave-Sounds, Indie-Rock-Elementen, elektronischen Bausteinen und atmosphärischen Effekten angereichertes Sounddesign, das ein ideales Gegengewicht für ihren eigentümlichen Gesangsstil und ihre wortreichen Stream-Of-Consciosness-Lyrics bietet. Anna B. Savage präsentiert sich also von vorneherein als Songwriterin mit vielen Facetten und Gesichtern. Wer oder was ist Anna B. Savage denn vornehmlich? Eine Musikerin, eine Philosophin? Eine Poetin?
"Oh, ich liebe diese Frage", freut sich Anna, "ich würde sagen, dass ich definitiv als Musikerin sehe. Ich habe aber tatsächlich ein Masters Degree in Poesie gemacht - fühle mich aber nicht wohl, mich eine Dichterin zu nennen. Ganz ähnlich ist das mit dem Begriff Philosophin." Nun ist es ja so, dass es gerade die Aufgabe eines Philosophen ist, Fragen zu stellen, um bestimmte Zusammenhänge begreifen oder erforschen zu können. Und genau das tut Anna in ihren Texten ja - und vermeidet dabei zugleich konventionelle Songwriting-Techniken. "Ja, das ist interessant", überlegt Anna, "denn ich versuche gar nicht bewusst, Konventionen zu vermeiden. Das kommt bei mir einfach so raus. Das geht bei mir sogar so weit, dass ich zum Beispiel der Meinung bin, dass etwa einer meiner Songs eine offensichtliche Struktur und griffige Refrains hat, während die Leute um mich herum meinen, dass das schon ziemlich schräg sei, was ich mache." Und wie sieht es mit den Texten aus? "Ich habe ein Notepad auf meinem Handy - das ich seit 2012 besitze", beschreibt Anna, "wann immer ich eine Idee für einen Text habe, füge ich diese hinzu. Wenn ich dann auf meiner Gitarre spiele, schaue ich mir an, ob ich da vielleicht eine Zeile finde, die dazu passt und beginne dann damit zu arbeiten. Manchmal habe ich Glück und es entsteht eine ganze Strophe oder ein Refrain - aber das passiert sehr selten, wenn ich meine Autoren-Muskeln bemühe." Die Texte von Anna ergeben keine in sich geschlossenen Geschichten, sondern bestehen des öfteren aus vielen verschiedenen Bildern und Gedanken, die aneinandergereiht und miteinander verwoben erscheinen. Das hat etwas von der Methode der Beat-Poeten um Allen Ginsberg, die verschiedene, durch Atempausen getrennte Gedanken miteinander verbanden - einfach um zu sehen, was passiert. "Meinst du das 'automatische Schreiben'?", fragt Anna, "das ist interessant. Ich habe mich nicht näher mit dieser Technik beschäftigt, es hört sich aber ähnlich an, wie das, was ich mache." Das führt dazu, dass Annas Lyrics eher einen Prozess beschreiben, als dass sie eine Geschichte erzählten. Ist dieser Prozess eigentlich abgeschlossen? Sind die Stücke fertig? "Die Songs meinst du?", fragt Anna, "ja, das schon. Es kommt aber darauf an, wie du 'fertig' verstehst, weil das ein ziemlich allgemeiner Begriff ist. Für mich ist ein Song fertig, wenn ich ihn aufgenommen habe. Ich könnte meine Songs endlos überarbeiten und muss mich manchmal dazu zwingen, damit aufzuhören und bei einer bestimmten Version zu bleiben." Zwei der Songs auf der LP ("One" und "Two") befanden sich - in vollkommen anderen Versionen - bereits auf Annas EP von 2015. "Ach so, das meinst du", sagt Anna, "das hängt damit zusammen, dass ich mit verschiedenen Produzenten gearbeitet habe. Die Struktur der Songs ist schon ziemlich gleich - aber sie klingen jetzt anders. Das ist aber auch ein Teil des Spaßes."
Anna B. Savage
Ein Teil des Spaßes muss es auch sein, ein geeignetes musikalisches Format für die Songs zu finden. Sind die Texte bei Anna eigentlich immer als erstes dran? "Nein", antwortet sie - überraschenderweise ziemlich deutlich, "ich schreibe meine Songs sogar ziemlich geradlinig. Meist arbeite ich zunächst an der ersten Strophe. Ich sammele ein paar Zeilen für die erste Strophe und suche dann nach geeigneten Akkorden. Das geschieht nach einem bestimmten Ablauf. Dann erst suche ich nach einem Refrain." Wie geht Anna ihre Songs musikalisch an? Sie hat einen ziemlich eigenständigen Gitarrenstil entwickelt und arbeitet oft mit betont flachen Melodiebögen, offenen Tunings und komplexen Harmonien. Gibt es vielleicht einen Background in Sachen Jazz? "Nein eigentlich nicht - mal davon abgesehen, dass ich ein Jazz-Fan bin", verrät Anna, "meine Eltern sind indes professionelle Sänger. Als ich also klein war, habe ich viel klassische Musik gehört - oder aber Jazz, wie Ella Fitzgerald oder Nat King Cole und andere Jazz-Klassiker. Eine gewisses Gefühl für den Jazz habe ich also schon. Aber Jazz-Musiker gehören für mich zu den besten der Welt und ich würde es mir nicht anmaßen, so etwas wie eine Jazz-Musikerin sein zu wollen. Ich bin einfach nur ein Fan."

Nun ja - dennoch hat Annas Musik mehr ein Jazz- als z.B. ein Folk-Feeling - speziell in der Art, wie sie konventionelle Melodien vermeidet, sondern diese aus dem Gefühl heraus erarbeitet. "Oh, das gefällt mir", wirft Anna ein, "das ist aber keine bewusste Entscheidung. Ich habe auch nie so darüber nachgedacht. Das ist sehr interessant und du hast vermutlich recht - ich weiß aber gar nicht, wie ich mit dieser Beobachtung umgehen soll." Es hört sich also nicht so an, dass Anna diesen Aspekt ihres Tuns besonders kontrolliert. Was aber kontrolliert sie denn stattdessen? "Da stimme ich zu - darüber habe ich nicht sehr viel Kontrolle", lacht Anna, "ich denke, dass, was ich wahrscheinlich kontrolliere, sind die Texte. Ich liebe es aber ansonsten, dem Song Raum zu geben, sich zu entwickeln. Ich fühle mich wohl dabei, meine Wörter zu benutzen und ich weiß, wo ich hin will. Und das ist für gewöhnlich eine unbeantwortete Frage. Und diesbezüglich fühle ich mich ziemlich sicher, dass ich dort dann auch jeweils hingelangen kann." Woher kommt Annas kreativer, poetischer Umgang mit der Sprache? "Ich weiß auch nicht so recht, wo das herkommt", überlegt Anna, "ich würde sagen, das ist einfach meine Art mich auszudrücken. Ich liebe einfach Worte. Ich war immer eine eifrige Leserin. Ich sage Dinge, von denen ich denke, dass sie Sinn machen - auch wenn sie das vielleicht gar nicht tun. Ich bin halt einfach 'wortreich' und ein wenig verrückt und kreativ mit der Sprache. Das zeigt übrigens meine innere Welt ebenso wie die Art, in der ich mich gewöhnlich ausdrücke." Und dann ist da ja auch noch das "Vogel-Thema". Der Titel von Annas Album lautet "A Common Turn" - und das heißt so viel wie "eine gebräuchliche Wendung". Der Titeltrack allerdings ist anders geschrieben. Er heißt "A Common Tern" - und das bedeutet "gemeine Seelschwalbe". Und tatsächlich singt Anna davon - natürlich psychologisch verklausuliert - Seevögel zu beobachten. "Ich bin total von Vögeln fasziniert", gesteht Anna, "das ist insofern interessant, als dass ich Vögel überhaupt nie richtig wahrgenommen habe, bevor ich dieses Album geschrieben habe. Als ich nach einem Titel für mein Album suchte, nahm ich erstmals Vögel richtig wahr. Es ist spannend, dass sich Türen zu ganz neuen Welten eröffnen, wenn man etwas bewusst wahrnimmt, was eigentlich schon immer dagewesen ist. Das ist fast, als lerne man eine neue Sprache, weil es da diese ganzen Komponenten und Dinge gibt, die man auf eine ganz neue Weise sieht. So fühlte ich mich damals, als ich mich dann generell mit Vögeln beschäftigte und diese studierte und mich bemühte die Arten um mich herum kennenzulernen." Und was war diesbezüglich der auslösende Faktor? "Als ich an einem Punkt angekommen war, an dem ich dachte, dass es mit meinem Album nicht so recht weiter gehe, hatte ich diesen Traum, in dem mein Traum-Ich zu mir sagte: 'Übrigens du bist jetzt halb fertig mit deinem Album - aber es kommen einfach zu viele Vögel darin vor'", berichtet Anna, "als ich dann am morgen aufwachte und mich daran erinnerte, dass Traum-Ich meinte, da seien zu viele Vögel auf meinem Album - reizte mich das, das Vögel Thema sogar noch intensiver zu verfolgen, weil ich meinem Traum-Ich nicht so recht vertraute. Das hatte dann viel Spaß gemacht und deswegen sickerte das Thema noch tiefer in meine Musik ein." Das hört sich ganz so an, als ginge es Anna stets darum, einen Schritt zur Seite zu treten, um die Dinge aus einer anderen, neuen Perspektive zu betrachten. "Ja - zu 100 Prozent", bestätigt Anna, "mir fallen ständig neue Sachen auf und ich versuche, mir diese dann bewusst zu machen. Das ist auch der Grund, warum ich so viel lese und warum ich es mag zu lernen. Meine Freunde lachen mich immer aus und bezeichnen mich immer als 'Musterschülerin'. Ich mag das aber. Das ist für mich so, als würde ich mir ständig versehentlich selbst Hausaufgaben aufgeben."
Eine interessantes Detail gibt es noch: Anna spielt ihre elektrische Gitarre wie eine akustische Gitarre. Was ist der Grund dafür? "Es war eine gemeinsame Entscheidung von mir und Will", erläutert Anna, "ich habe zum Beispiel alle Songs auf meiner Hohlkörper-E-Gitarre geschrieben - einfach weil ich keine andere hatte. Die akustische Gitarre, die nun auf der Scheibe zu hören ist, habe ich erst kurz vor den Aufnahmen bekommen. Ich hatte das Projekt nie als Akustik-Projekt im Sinn - für mich war es immer elektrisch. Daher könnten auch die Jazz-Vibes auf dem Album kommen, denn eine Hohlkörper-E-Gitarre ist ja ein Jazz-Instrument." Eigentlich hätte Annas Scheibe bereits im Frühjahr erscheinen sollen; ist also eigentlich schon lange fertig. Was hat sie denn in der Lockdown-Phase gemacht? "Ich habe ein wenig an neuen Songs geschrieben und versucht, meine Palette zu erweitern und ich habe mich mit meinem Masters-Degree angefangen - wofür ich in den letzten Monaten viel gearbeitet habe. Einen solchen Fokus zu haben, ist auch gut für mein Hirn." Logisch, dass Anna jetzt langsam ungeduldig wird, was die Live-Präsentation ihrer Songs betrifft. Eine Tour ist jetzt erst mal für das Ende des Jahres angesetzt. Wir werden sehen, was daraus wird.
Weitere Infos:
annabsavage.bandcamp.com
www.annabsavage.com
www.facebook.com/AnnaBSavage
twitter.com/annabsavage
www.youtube.com/watch?v=_uBbRcVktzA
www.youtube.com/watch?v=Wb_KDIDE09s
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ebru Yildiz-
Anna B. Savage
Aktueller Tonträger:
A Common Turn
(City Slang/Rough Trade)

 
 

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