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THE WEATHER STATION
 
Immer noch auf Reisen
The Weather Station
Tamara Lindeman erfindet sich neu: Die hingetupften Laurel-Canyon-Balladen, mit denen die sympathische Kanadierin zu Beginn ihrer musikalischen Karriere als The Weather Station für Aufsehen sorgte, rücken auf ihrer neuen LP "Ignorance" genauso ein Stück weit in den Hintergrund wie der toughere Indie-Folk-Sound, mit dem sie auf dem letzten, selbstbetitelten Album ihrer Band im Jahr 2017 begeistert hatte. Bewegte sich die 36-jährige Singer/Songwriterin aus Toronto in der Vergangenheit im Dunstkreis von Joni Mitchell und This Is The Kit und betrachtete bei ihrem "Weniger ist mehr"-Credo Subtilität als das Maß aller Dinge, begibt sie sich mit ihren neuen Liedern nun auf ungewohntes Terrain abseits ihrer Folk-Wurzeln. Inspiriert nicht zuletzt durch den freigeistigen Ansatz von Natalie Merings Projekt Weyes Blood wird dabei schnell klar, dass sich ihre Stimme und ihre unverwechselbare Art zu schreiben auch mit spürbar mehr produktionstechnischem Glanz, jazzigen Akzenten und unverhohlenem Pop-Appeal im Fleetwood Mac'schen Sinne bestens vertragen. Leichtfüßig, spielerisch und unwiderstehlich eingängig - The Weather Station sind auf "Ignorance" all das.
Die Kurskorrektur, die Lindeman mit der neuen Platte vornimmt, kommt nicht von ungefähr. Nach dem Ende der langen Tournee, die ihrem letzten Album folgte, suchte sich die smarte Musikerin neue Herausforderungen und wählte für ihre neuen Lieder eine neue Herangehensweise. Auf "Ignorance", ihrem inzwischen fünften Album, ersetzt das Klavier die Gitarre als wichtigstes Instrument, eindringliche Beats, die weniger für die Großraumdisco als für den heimischen Tanzflur der Grübler und Denker gemacht sind, unterstreichen das Sendungsbewusstsein Lindemans. Schließlich kreisen die klugen Beobachtungen ihrer betont emotionalen Lieder dieses Mal nicht nur um die Fallstricke des Zwischenmenschlichen, sondern stellen vor allem ihr Umweltbewusstsein und ihre Sorge um die Folgen des Klimawandels in den Mittelpunkt - zum Glück, ohne dabei in ein schulmeisterliches Predigen zu verfallen. Entstanden ist so ein beeindruckendes Album, mit dem Lindeman konsequent und selbstbewusst neue Wege geht, ohne deshalb ihre Vergangenheit zu vergessen. Anfang Januar hatten wir Gelegenheit, ihr einige kurze Fragen zu stellen.
GL.de: Tamara, wie fühlt es sich an, dieser Tage The Weather Station zu sein?

Tamara Lindeman: Das ist eine interessante Frage. Ich denke, im Winter 2020/2021 The Weather Station zu sein, ist eine sehr metaphysische Erfahrung. Was ist The Weather Station, wenn es keine Band ist, die vor Menschen auftritt? Die Band zu öffnen und sie für mich als Rolle, als philosophisches Fragezeichen oder Performancekunst zu interpretieren, fand ich großartig. Das hat in mir viele interessante Gedanken in Bewegung gebracht, was ich in die Welt setzen möchte und warum. Ich vermisse es, unterwegs zu sein und zu spielen und mich wie beim letzten Album dem harten Tourneeleben zu widmen, aber ich fühle mich immer noch auf Reisen, wenn auch in körperloser Form. Auf diese Weise ist es jedoch leichter.

GL.de: Es ist leicht, sich bei "Ignorance" auf all die Neuerungen zu konzentrieren, allerdings scheinen sie durch die gleichen Instinkte und Impulse gesteuert zu sein, die schon das Vorgängeralbum zu einem echten Befreiungsschlag gemacht hatten. Darf man sagen, dass du auf dem neuen Album eher die mit der letzten Platte gewonnenen Freiheiten weiter auskostest, anstatt dich von der Vergangenheit distanzieren zu wollen?

Tamara Lindemann: Es geht immer um die Freiheit, keine Frage! Ich denke, es geht weniger darum, mich von dem zu distanzieren, was vorher war, als vielmehr darum, auf das zuzugehen, was sich zwingend und notwendig, was sich aufregend und frisch und wichtig anfühlt.

GL.de: Bei den Aufnahmen zum Album hast du mit einem Teil der Musiker vorher geprobt, andere kamen spontan und ohne Vorbereitung hinzu. Was steckt hinter dieser Idee?

Tamara Lindemann: Das war ein glücklicher Zufall. Ich hatte eine gut eingespielte Kernband, aber ich wollte mehr Mitstreiter auf der Platte haben, und die Umstände diktierten, dass einige von ihnen spontan und ohne Proben dazustießen. Das stellte sich allerdings als perfekt heraus: Die neuen Mitspieler brachten den Improvisationsgeist ein, die eingeprobten Musiker legten den Grundstein. Das war ein Ansatz, den ich sicherlich in Zukunft erneut verwenden werde. Es wurde zu einer Sprache, die wir im Studio verwendet haben. Den Leuten zu sagen, in welchem "Team" sie waren, gab ihnen die Art von offener Vorgabe, die beim Musikmachen so fruchtbar ist. Ich erinnere mich, dass ich das "Team"-Konzept auch für Emotionen in der Musik verwendet habe: Ich sagte den Leuten, sie sollen im "Team Anmut" und oder im "Team Schroffheit" spielen ...

GL.de: Die neuen Lieder entstanden auf dem Klavier anstatt auf der Gitarre. Was macht für dich den größten Unterschied aus?

Tamara Lindeman: Auf der Gitarre spiele ich in offenen Tunings und ändere sie von Zeit zu Zeit. Daher habe ich im Allgemeinen keine Ahnung, welchen Akkord oder welche Noten ich spiele. Das ist schön zum Schreiben, weil es bedeutet, dass ich nach Gefühl gehe und eine Art ewigen Anfängergeist habe. Als ich beim Schreiben dieser Platte zum Klavier wechselte, war es bisweilen so, dass ich dort genau diesen Anfängergeist zurückeroberte, den man nur spürt, wenn man ein Instrument nicht wirklich kennt. Infolgedessen landete ich bei ziemlich simplen Akkordstrukturen, weil ich einfach losspielte und nicht wirklich wusste, was ich eigentlich tat. Dies ist ein Teil dessen, warum die Songs so offen und einfach sind. Ironischerweise habe ich seitdem Zeit damit verbracht, Klavier und Theorie richtig zu lernen. Wenn ich jetzt am Klavier schreibe, weiß ich, was ich tue. Das hat die Musik, die ich jetzt schreibe, in eine esoterischere und harmonisch kompliziertere Richtung geführt, was ich sehr erhellend finde. Ich kann mir vorstellen, in Zukunft wieder zur Gitarre zurückzukehren, um die Offenheit der Anfänger wiederzugewinnen, während das Klavier der Ort ist, an den ich gehe, wenn ich mehr Kontrolle haben und mich mehr auf die Details konzentrieren will.

GL.de: Die Texte der neuen Lieder lassen sowohl eine persönlich gefärbte als auch eine eher kosmische Interpretationsweise zu. Hast du einen Unterscheid in der Herangehensweise festgestellt, wenn du dich statt zwischenmenschlichen Belangen eher ökologischen Themen widmest?

Tamara Lindeman: Absolut! In der Vergangenheit habe ich narrativer geschrieben, mit mehr Blick fürs Detail und Klarheit. Ich liebe diese Art des Schreibens immer noch und werde bestimmt irgendwann darauf zurückkommen, aber für dieses neue Album habe ich viel mehr Raum gelassen und zugelassen, dass einige Emotionen etwas körperlos und ohne narrative Details sind, was sie für kosmischere oder persönlichere Interpretationen öffnet.

GL.de Letzte Frage: Wonach sucht du in einem Song und wie hat sich das über die Jahre verändert?

Tamara Lindeman: Das ist aber eine große Frage! Ich habe in den letzten Jahren begriffen, dass ich mich in puncto Texte Liedern zuwende, um nach Ideen und Fragen zu suchen - Philosophie im Wesentlichen. Sehr wenige Leute schreiben so, also gibt es nicht so viele Künstler für mich da draußen, aber diejenigen, die mich begeistern, tun das auch heute noch. Das Schöne am philosophischen Songwriting ist, dass man immer wieder zum selben Song zurückkehren und neue Erklärungen finden kann. Ich liebe auch Story-Songs und ich kann mich immer noch von perfekter Handwerkskunst überzeugen lassen, aber mein Herz gehört immer den Fragestellern. Musikalisch bin ich eher ein Allesfresser. Manchmal möchte ich etwas Kraftvolles, manchmal Subtilität, manchmal Emotionen, manchmal Mathematik, manchmal Melancholie, manchmal Freude. In letzter Zeit habe ich mich fast ausschließlich für Musik interessiert, die viel Offenheit und Fragen enthält. Musik mit Raum und Ruhe.
Weitere Infos:
www.theweatherstation.net
www.facebook.com/TheWeatherStn
www.instagram.com/theweatherstation
theweatherstation.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
The Weather Station
Aktueller Tonträger:
Ignorance
(Fat Possum/Membran)

 
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