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SOPHIE CHASSÉE
 
"Kompromisse waren dieses Mal keine Option"
Sophie Chassée
"Außergewöhnlich" - das ist vermutlich das Adjektiv, das Sophie Chassée am besten beschreibt. Auf ihrem feinen neuen Album "Lesson Learned" begeistert die 24-jährige Singer/Songwriterin und Gitarristin mit fabelhafter Modern-Fingerstyle-Technik und verwandelt dabei mit einem Hauch Melancholie und einem feinen Händchen für poppige Eingängigkeit die Lektionen des Lebens, die dem Album den Namen gaben, in warmtönenden Wohlklang. Anders als bei ihren Konzerten, bei denen sie sich ganz auf ihr technisches Können verlässt und auf jegliche Effekte und Gimmicks verzichtet, fasziniert sie auf "Lesson Learned" mit nuancierten Arrangements, bei denen sie das Klangbild mit selbst eingespielten Basslines, Percussion, Satzgesang und einfühlsamen Pad- und E-Gitarrensounds behutsam ausstaffiert und so eine Brücke von der filigranen instrumentalen Virtuosität des Modern Fingerstyle zur leichtfüßigen Eleganz des Westcoast-Folk-Pop schlägt und so zwischen kraftvoller Intensität und sanfter Verletzlichkeit selbstbewusst ihren eigenen Weg findet.
Sophie Chassée
Aufgewachsen in einer musikalischen Familie, war Sophie schon früh klar, dass sie die Musik zu ihrem Lebensinhalt machen wollte. Der Traum vom Popstar à la Kylie Minogue währte nur kurz, denn kaum dem Grundschulalter entwachsen, wurde ihr Interesse an der außergewöhnlichen Welt des Modern Fingerstyle mit seinen perkussiven Elementen und seinem ungewöhnlichen Melodienreichtum geweckt. "Mit elf Jahren hatte ich Gesangsunterricht bei einer Lehrerin, die mit einem Gitarristen verheiratet war", erinnert sie sich im Gaesteliste.de-Interview. "Er war ein extrem guter Blues-Gitarrist und hatte superteures Equipment zu Hause, was mich damals immer total eingeschüchtert hat. Zu der Zeit hatte ich gerade erst mit dem Gitarrespielen angefangen und beherrschte nur die absoluten Basics. Das wusste der Mann meiner Gesangslehrerin und zeigte mir ein Video von Andy McKee auf YouTube. 'Drifting' ging damals total durch die Decke und Andy war ein Revolutionär in der Gitarrenszene. Natürlich war ich von dem Video total baff und superbeeindruckt. Dieses Video eröffnete mir einfach einen komplett neuen Horizont. Ich dachte mir: 'Oh wow, so was kann man also auch mit der Gitarre machen?!' Der gute Herr sagte dann zu mir - wie gesagt, ich war elf Jahre alt und konnte noch fast gar nix auf der Gitarre: 'So was gibt's halt auch, aber das brauchst du erst gar nicht zu versuchen, das wirst du eh nie können.' Der Spruch war zwar total unempathisch, aber ohne ihn hätte ich mich nicht danach zu Hause hingesetzt und ihm zwei Wochen später den Anfang von 'Drifting' vorgespielt!" Sie lacht, aber genau dieser Schlüsselmoment war es, der ihren weiteren Weg vorgezeichnet hat. Nur wenige Jahre später hatte sie ihre ersten Auftritte, auch ihre ersten Alben - damals noch als Sophie - veröffentlichte sie noch als Schülerin. Nach dem Abitur begann sie dann eine Ausbildung zur Zupfinstrumentenmacherin, die sie aber kurz vor der Zwischenprüfung abbrach, weil ihr bewusst wurde, dass ihr das Selbst-Musikmachen, die künstlerische Betätigung, wichtiger war als eine reine Beschäftigung in einem musikalischen Umfeld.

Passend dazu heißt es auf Sophies Facebook-Seite "Play the music, not the instrument", und das gelingt ihr auf ihren Alben wie auch live auf der Bühne ganz ausgezeichnet. Doch ist das ein Leitspruch, den Sophie instinktiv umsetzt, oder dient er ihr bisweilen auch als Erinnerung daran, den Song, die Musik trotz wachsendem Können als Instrumentalistin nicht aus den Augen zu verlieren? "Das Statement ist eigentlich gar nicht von mir, sondern geklaut", gesteht sie. "Tatsächlich weiß ich aber nicht, von wem das Zitat stammt. Den Spruch habe ich mit, ich glaube, zwölf Jahren auf einer Klassenfahrt im Hard Rock Café Amsterdam an die Wand gekritzelt entdeckt und konnte mich damit sofort identifizieren. Ich habe das Gekritzel abfotografiert, und das Foto hat lange Zeit in meinem Kinderzimmer gehangen. Den Urheber des Spruchs konnte ich nie ausfindig machen. Aber er erinnert mich seitdem immer wieder daran, dass Emotionen in der Musik die Menschen viel eher erreichen als wildes Show-off, so wie es ja häufig im Modern Fingerstyle der Fall ist. Ich würde schon sagen, dass dieses Statement seither eine Art Glaubenssatz für mich ist."

In der Tat sieht sich Sophie eher als Künstlerin und weniger als Handwerkerin. Dennoch verließ sie nach dem Abitur ihre alte Heimat am Niederrhein, um in Osnabrück Musik zu studieren. Wie passt das dazu bzw. wie verändert wachsendes theoretisches Wissen den ungefilterten, natürlichen Ausdruck von Emotionen? "Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich leider tatsächlich feststellen müssen, dass ich seit dem Musikstudium nicht mehr ganz so frei und ungefiltert Musik schreiben bzw. komponieren kann", antwortet sie. "Das habe ich auch deutlich während der Albumproduktion zu 'Lesson Learned' gemerkt. Das ist schade und ärgert mich manchmal auch. Ich hätte gerne diese unbeschwerte, endlose und ungefilterte Kreativität von früher zurück. Ich habe ein bisschen die Hoffnung, dass sich das eventuell nach meinem Examen im Sommer wieder zurück zum Ursprung verändert."
Sophie Chassée
Bei Sophies Konzerten merkt man schnell, dass es ihr um die Musik geht und dass ihr Leidenschaft wichtiger ist als Profit. Doch natürlich weiß sie sehr genau, dass sie es sich damit gerade im Zeitalter von Social Media und Streaming nicht leichter macht. "Ich entscheide mich bewusst gegen das ganze Profit- und Like-Gedöns", sagt sie bestimmt. "Am nervigsten finde ich eigentlich die Tatsache, dass Spotify praktisch nun über den Erfolg eines Künstlers / einer Künstlerin bestimmt und man schon fast gezwungen ist, das Spotify-Game mitzuspielen. Im Modern Fingerstyle ist das aber zum Glück nicht ganz so relevant wie in anderen Genres. Außerdem habe ich in gewisser Weise ein Grundvertrauen in die Menschen, die gerne Musik hören, sie schätzen und ihr eine Chance geben."

Ihre ersten drei Alben mit den betont vorwärts gerichteten Titeln "Initiation", "New Chapters" und "Progress" veröffentlichte Sophie in vergleichsweise kurzen Abständen noch im Teenageralter. Jetzt hat es fast fünf Jahre bis zu ihrem neuen Werk gedauert, und schon der Titel "Lesson Learned" deutet an, dass der Weg dieses Mal nicht schnurgerade war, bis das von Ben Howard, John Mayer, Andy McKee und Antoine Dufour beeinflusste Album fertig war. "Ich spüre eine gewisse Reife, und gerade jetzt mit dem neuen Album ist mir besonders bewusst geworden, welche Fortschritte ich (in vielerlei Hinsicht) im Vergleich zu der Sophie von 2013 gemacht habe", sagt sie über ihre Entwicklung. "Darauf bin ich stolz und ich fühle mich selbstbewusster in dem, was ich tue."

Auch deshalb sieht Sophie rückblickend betrachtet die längere Entstehungszeit des neuen Albums und die Hindernisse entlang des Weges eher als Segen denn als Fluch für sie als Mensch und Musikerin. "Sie waren auf jeden Fall ein Segen! Das Album ist ganz nach dem Motto 'Gut Ding will Weile haben' entstanden", sagt sie. "Bei den vorherigen Alben gab es hier und da immer wieder Abstriche oder ich habe mich aufgrund von Abhängigkeiten beeindrucken und einschüchtern lassen. Diesmal wollte ich einen ganz klaren Fortschritt zu allem, was ich bisher veröffentlicht habe, und deshalb war es für mich diesmal keine Option, Kompromisse zu machen oder mich von jemandem abhängig machen zu lassen. Das Ganze hat definitiv länger gedauert als bei den vorherigen Albumproduktionen, aber das war es wert."

Aus dieser Antwort mag man bereits herauslesen, dass Sophie eher Perfektionismus anstrebt, oder ist manchmal vielleicht doch auch Unvollkommenheit okay, solange das richtige Gefühl transportiert wird? "Ich bin ein sehr perfektionistischer Mensch, wenn es um meine eigene Musik geht", gesteht sie. "Auch deshalb war diesmal alles etwas langwieriger. Bei meinem vorletzten Album 'New Chapters' sind z.B. sehr viele Fehler zu hören und vieles war damals in der Produktion gar nicht so, wie ich es eigentlich wollte. Trotzdem kam das Gefühl rüber, obwohl ich dieses Album als unvollkommen bezeichnen würde. Mit meinen damals 16 oder 17 Jahren konnte ich das auch annehmen. Heute müssen sich für mich beide Komponenten die Waage halten: Die Musik muss atmen dürfen und ein gewisses Maß an Unvollkommenheit ist wichtig, aber Perfektionismus steht für mich genauso an erster Stelle."

Natürlich fällt es leicht, sich bei Sophies Songs auf die Virtuosität ihres Gitarrenspiels und die klanglichen Eigenheiten ihres Stils zu konzentrieren, doch bei aller Liebe zu ihrem Instrument sind auch die Texte ihrer Songs für sie mehr als nur ein handwerkliches Spiel mit Worten und Bildern. "In erster Linie dienen mir die Texte - genauso wie die Musik - zur Verarbeitung von Erlebnissen und Gefühlen", erklärt sie. "Text und Musik sind für mich das Ventil, schon fast eine Form der Therapie." Das zeigt sich auch auf "Lesson Learned", zum Beispiel bei "The Green Door": "Der Text beschreibt mein innerliches Chaos von damals, als ich die Ausbildung geschmissen habe, denn ich hatte ein sehr enges, vertrautes, schon fast väterliches Verhältnis zu meinem Ausbilder. Die 'Green Door' war die Tür der Werkstatt, in der ich gearbeitet habe. Es war eine mit Efeu bewachsene grüne Holztür und steht seitdem metaphorisch für die damalige Zeit und meine Gedanken bzw. Emotionen. Hinter der 'Green Door' bin ich in meiner Persönlichkeit gewachsen und habe vieles über mich selbst gelernt."

Auch bei anderen Liedern rückt Sophie Persönliches in den Mittelpunkt ihrer Texte und unterstreicht damit, wie gut der Albumtitel gewählt ist. "Auf textlicher wie auf musikalischer Ebene ist 'Should Have Known Better' der wahrscheinlich emotionalste Song des Albums für mich", verrät sie. "Er ist praktisch der große Bruder von 'Fool's Game'. Beide Songs zusammen erzählen von einem Liebeskummerprozess. Während bei 'Fool's Game' der Herzschmerz noch sehr tief sitzt und dem anderen vor allem aus Wut und Traurigkeit Vorwürfe gemacht werden, ist es bei "Should Have Known Better" die Erkenntnis, dass man nicht zusammenpasst, dass man loslassen muss, auch wenn es wehtut, und die Einsicht, durch die man mit der Person abschließen kann." Sie lacht. "Ich bin kein Liebesexperte, alle Angaben ohne Gewähr!"

Allerdings drehen sich - zumindest vordergründig betrachtet - nicht alle Lieder auf "Lesson Learned" um emotional aufwühlende Dinge aus dem Leben der Protagonistin. Einmal scheint sogar der Wechsel der Jahreszeiten der Quell der Inspiration gewesen zu sein. "'November' fällt ein bisschen aus der Reihe", gibt Sophie zu. "Ich mag den Übergang zwischen Herbst und Winter sehr gerne, die letzten Herbsttage und die vorweihnachtliche Stimmung. Das mag absurd klingen - die meisten Leute können den November-Blues nicht ausstehen, und ich schreibe einen Song über den Monat! Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren häufig einschneidende Erlebnisse, wodurch der November für mich irgendwas Besonderes an sich hat. In dem Text habe ich daher eigentlich genauso über meine Empfindungen und Konnotationen mit der Jahreszeit geschrieben, habe aber verstärkt mit Bildern gespielt und auf Beobachtungen, die zur tristen Jahreszeit passen, gesetzt, um so wiederum Emotionen zu erschaffen."

Letztlich entzieht sich Sophie so dem Hang zu den Extremen, der gerade bei jungen Singer/Songwriterinnen in den letzten Jahren zu beobachten ist. Manche sind beim Texten eher verkopft, andere vertonen ungefiltert ihr Tagebuch. Sophie dagegen findet in ihren Liedern die richtige Balance aus Überlegtheit und Emotionalität. Ist das etwas ganz Natürliches für sie oder Ergebnis eines akribischen Songwriting- und Bearbeitungsprozesses? "Ich denke, es ist einerseits Intuition, andererseits aber auch Ergebnis meines Prozesses", antwortet sie. "Gerade während des Studiums habe ich mich im Hinblick auf das Komponieren selbst dazu verpflichtet, nicht zu verkopft an das Schreiben ranzugehen. Beides muss sich immer so gut es geht die Waage halten."
Sophie Chassée
Seit sie den Weg als Berufsmusikerin eingeschlagen hat, ist Sophie nicht mehr allein als Solistin unterwegs. Mit Karanoon hat sie inzwischen eine stilistisch ganz anders aufgestellte eigene Band, und als Begleiterin, etwa als Bassistin von Alli Neumann, ist sie noch mal in ganz anderen Welten aktiv. "In erster Linie haben die anderen Projekte eine motivierende Wirkung auf die wiederum anderen Konstellationen", sagt sie über die Wechselbeziehung der verschiedenen Aktivitäten. "Also wenn in der einen Band gerade eine EP produziert wird, fühle ich mich stärker dazu motiviert, auch als Solo-Künstlerin etwas Neues zu veröffentlichen. Als Inspiration wirken die anderen Projekte insofern, dass ein Jam oder eine Tour mit einer anderen Band sehr 'erfrischend' wirken und mich sozusagen von allein aus meiner 'comfort zone' herauskatapultieren, wodurch ich auf musikalischer Ebene andere Seiten von mir kennenlerne und dieses Gefühl dann wiederum in einer anderen Konstellation weitertrage. Außerdem ist es eine gute Abwechslung."

Wie vielen anderen, die ihr Geld mit der Musik verdienen, hat die COVID-19-Pandemie auch Sophie im letzten Jahr das Leben schwergemacht. Einerseits hatte sie nach vielen Konzertabsagen zwar unerwartet viel Zeit, "Lesson Learned" nach ihren Wünschen zu perfektionieren und ihr Studium bis auf die diesen Sommer anstehende Abschlussprüfung zu beenden, andererseits fällt es ihr verständlicherweise schwer, langfristig eine positive Perspektive aufzubauen, zumal sich so auch der Wunsch nach einer ersten deutschlandweiten Solo-Tournee nicht so schnell wird erfüllen lassen. Immerhin hat sie so Zeit, ganz für sich allein daheim auf ihrer neuen Lakewood-Gitarre zu spielen, ihrer ersten richtigen Signature-Gitarre, mit der für sie letztes Jahr ein Teenie-Traum in Erfüllung gegangen ist. "So eine richtige Custom-Gitarre, die ganz nach deinen Wünschen auf dich angepasst gebaut worden ist und nach dir selbst klingt, ist was ganz Besonderes", freut sie sich. "Ich genieße es momentan sehr, auf der Gitarre neue Modern-Fingerstyle-Songs zu lernen, das wirkt schon fast meditativ in dieser aufregenden Phase. Das Lakewood-Endorsement ist für mich ein ganz großer Meilenstein, was mir wiederum ein Gefühl von Bestätigung und Anerkennung als Musikerin gibt. Das alles macht mich wirklich glücklich!"
Weitere Infos:
www.sophiemusic.de
www.facebook.com/Sophie-Chassée-568936049811527
www.instagram.com/__sophiemusic__
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Christian Olschina-
Sophie Chassée
Aktueller Tonträger:
Lesson Learned
(Acoustic Music Records/Galileo Music Communication)

 
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