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ADULT MOM
 
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Stevie Knipe kann (bzw. möchte) sich nicht so recht entscheiden. Das gilt sowohl für die Musik, die sie unter dem Projektnamen seit 2012 zunächst als Bedroom-Projekt und später zusammen mit ihrer Partnerin, der Drummerin Olivia Battell und der Gitarristin Allegra Eidinger im Trio-Band-Format veröffentlichte, wie auch für ihre Identität. Nachdem sie zunächst als Steph Knipe firmierte, entschloss sie sich, im Rahmen ihres Coming Outs den Vornamen auf das neutralere "Stevie" zu ändern, denn ihre Geschlechterrolle möchte sie nicht in eine bestimmte Richtung festlegen und bezeichnet sich selbst als "genderqueer" oder gar "gender-weird-queer" - in unserem Sprachgebrauch mittlerweile in etwa gleichzusetzen mit dem leicht verzweifelt klingenden Begriff "divers". Kurzum: Sie möchte sich ergo alle Möglichkeiten offen halten. Musikalisch schlägt sich diese Identitätssuche vor allen Dingen inhaltlich nieder, denn in ihren stilistisch recht vielseitigen Indie-Pop-Songs seziert sie das eigene Seelenleben brutal offenherzig anhand recht detaillierten Anekdoten aus ihrem eigenen, offensichtlich recht turbulenten (Liebes)-Leben.
Die Songs zu dem nun vorliegenden, dritten Album "Driver" hatte sie dabei bereits Ende 2019 in der Tasche, so dass das Album - trotz der Corona-bedingten veröffentlichungstechnischen Verzögerung - kein klassisches Lockdown-Projekt wurde; auch wenn sich das stellenweise so anhört, denn in vielen der Songs spielt der Isolationsaspekt schon eine gewisse Rolle. "Ja, es stimmt - wir hatten im letzten März alles sogar schon fertig für eine Vinyl-Pressung", erinnert sich Stevie, "es handelt sich also nicht um eine Lockdown-Scheibe. Wir haben seither praktisch schon wieder eine ganze neue LP geschrieben - so cirka 15 Demos. Es ist aber schön, dass diese Scheibe nun ein paar Jahre, nachdem wir sie gemacht haben, rauskommt, denn nun fühle ich mich, dass ich sozusagen vollständig auf der anderen Seite angekommen bin." Was ist denn damit gemeint? "Nun, ich kann die Sachen mit einer gewissen Abstands-Perspektive betrachten", erklärt Stevie, "denn 'Driver' handelt von einer Zeit des Übergangs für mich." Wie spielt denn da das "Fahrer"-Thema herein? In gleich mehreren Songs des Albums geht es um Autos, Fahren, Beifahrer, Fahrer usw. "Also ich habe meinen Führerschein erst mit 21 gemacht", verrät Stevie, "also war das Fahren für mich damals neu und ich war bereits endgültig erwachsen, als ich damit anfing. Für mich bedeutete das eine Art von Freiheit - und auch eine Art Fluchtmöglichkeit aus dem kleinen Vorort, in den ich gezogen war, als ich diese Scheibe schrieb. Ich war damals zu meinen Eltern zurückgezogen und über ein Auto zu verfügen, war für mich damals sehr befreiend." Und die Metapher des Fahrers ist dann wohl ein Sinnbild dafür, die Kontrolle zu übernehmen, oder? "Absolut", bestätigt Stevie, "es geht um die Kontrolle. Es ist ja schließlich etwas anderes, ein Fahrer zu sein, als der Passagier im eigenen Leben. Es gilt aber auch für die Kontrolle über meine Kreativität."

Ein Zitat aus Stevies Bio besagt, dass sie "Driver" als "schöne Meditation über die Fallgruben der Verinnerlichung" sieht. Was genau bedeutet das denn? Vielleicht, dass es ihr bislang um das Innenleben ging und die Zukunft etwas extrovertierter angehen möchte? "So könnte man das interpretieren", bestätigt sie, "bei dieser Scheibe ging es schließlich um eine Bestandsaufnahme und darin, in mich hineinzuhorchen. Das Innenleben war dabei sicherlich eine Referenz auf mich selbst." Was ist denn generell die Herausforderung als Songwriterin in einem gut abgedeckten Genre wie der Art von stilistisch vielseitigen Indie-Pop, den Stevie propagiert? "Da gibt es natürlich die große Herausforderung, originell und einzigartig zu bleiben", überlegt Stevie, "und dass man sich von der Menge auf eine gewisse Weise absetzt. Für mich ist die intensivste Herausforderung aber die, mir selbst treu zu bleiben und nicht zu versuchen, auf Erwartungshaltungen einzuschwenken. Ich möchte nicht versuchen, die Erwartungen von Leuten zu erfüllen, die meine Musik hören. Ich möchte nicht für Leute schreiben, sondern meine Identität in meinen Songs bewahren." Ist das nicht auch ein bisschen gefährlich, sich auf diese Weise sozusagen bloß zu legen? "Ja, das ist lustig - denn darüber habe ich erst neulich mit meinem Therapeuten gesprochen", führt Stevie aus, "wenn man sich so öffnet, macht man sich verletzlich - das birgt Gefahren. Speziell für Menschen wie mich, die eine Menge Traumen durchlebt haben. Es ist sowieso schwer einzuschätzen, wie andere einen wahrnehmen. Es ist aber trotzdem auch lohnend sich zu öffnen. Zum einen, weil es therapeutisch ist und zum anderen erfüllend, wenn sich andere damit identifizieren können und damit deutlich wird, dass man nicht alleine mit solchen Erfahrungen ist." Und wie erreicht man das am besten? "Für mich, indem ich Grenzen setze", erklärt Stevie, "indem ich bestimme, was ich teilen möchte und womit ich mich dabei noch wohlfühle."
Wie wichtig ist Humor für Stevie? Da gibt es ja so manche Textzeile, die zum Schmunzeln anregt. "Du meinst wahrscheinlich Sachen wie 'drinking beer & masturbating'", lacht Stevie jetzt selbst, "das ist halt die Art. wie ich denke oder wie Dinge verarbeite. Es geht mir dabei nicht unbedingt darum, mich über etwas lustig machen zu wollen, sondern darum, die Aussagen etwas abzufedern, denn ich spreche ja über ziemlich heftige Themen wie Selbstmord oder so etwas. Es ist ja manchmal auch ehrlich, lustig zu sein, so lange man das Ganze nicht als Gimmick sieht." Was die Sache auch ehrlich macht, sind dann kleine Details und Spezifika, die Stevie in ihre Songs einbaut - und diese damit greifbarer macht. "Ja, das hängt auch damit zusammen, dass das die Art ist, wie ich schreibe", bestätigt Stevie, "ich fange mit kleinen Details an. Da gibt mir eine gewisse Struktur. Es geht dabei nicht um die Metapher, sondern den Rahmen. Diese Technik habe ich mir von anderen Songwritern abgeschaut. Ich mag Taylor Swift und andere Songwriter, die mit Geständnissen arbeiten sehr gerne." Wie läuft die Sache denn musikalisch? Stevies Songs sind zum Beispiel stilistisch eigentlich kaum einzugrenzen. "Die Songs schreibe ich alleine, aber die Musik arbeiten wir zusammen aus", führt Stevie aus, "speziell auf dieser Scheibe wollte ich musikalisch alles einschließen, was ich mir zu dieser Zeit angehört habe. Und das war eine Menge Country- und Pop-Musik sowie Rockmusik wie R.E.M. R.E.M. sind ein gutes Beispiel für eine eklektische Band, die viel durcheinandergemischt haben - und dabei doch einen gewissen Zusammenhalt demonstriert haben. Was ich mit 'Driver' machen wollte, war, alle akustischen Songs hernehmen, die ich geschrieben hatte und denen auf kreative Art Dinge hinzuzufügen und dabei Sachen auszuprobieren, die ich vorher noch nicht gemacht hatte - zum Beispiel mal eine Slide-Gitarre auszuprobieren." Was hält das Ganze dann zusammen? Für den Zuhörer ist es ja wohl Stevies Gesang. "Hm", zögert Stevie, "ich denke schon, dass meine Stimme eine Art Klebstoff ist, der alles zusammen hält - aber natürlich auch der textliche Gehalt. Ach ja: Ich weiß nicht, ob das deutlich wird; aber ich achtete darauf, dass meine akustische Gitarre auf allen Songs zu hören ist."
Die Songs auf "Driver" hören sich ja - trotz der zur Schau getragenen Diversität deutlich "runder" an als noch jene auf dem Vorgänger-Album "Soft Spots". Liegt das daran, dass das Album dieses Mal professionell produziert wurde? "Ich habe dieses Mal erstmalig mit einem Produzenten namens Kyle Pulley zusammen co-produziert", verrät Stevie, "nachdem ich meine Demos aufgenommen hatten, schrieben wir die Rhythmus-Arrangements und dann haben wir einige Monate an den Demos zusammengearbeitet, die wir uns hin und hergeschickt haben. Es war also ein sehr kollaborativer Prozess." Das Ergebnis ist dann eine Indie-Pop-Scheibe, die weit weniger abrasiv klingt als viel Vergleichbares - ohne dass dabei Abstriche in Sachen Credibility gemacht werden müssten. Kann aber auch sein, dass das an Stevies musikalischer Prägung liegt. "Ja, mein Vater hat viel in Bands gespielt und mein Onkel ist ein Gitarrist", berichtet Stevie, "ich bin also mit Musik aufgewachsen. Meine Familie sind große Beatles-Fans und es wurde auch viel Neil Young gespielt. Das Lieblingsalbum meines Vaters war 'Jagged Little Pill' von Alanis Morrissette. Ich mochte die Lilith-Fair-Ära, die Cranberries, die Riot Grrrls und eigentlich alle musizierenden Frauen in dem 90ern. Davon war ich ganz besessen. So habe ich auch gelernt, Songs zu schreiben. Meine Eltern hatten mir eine Gitarre gekauft, als ich 16 war und ich habe dann eigentlich alle Songs, in die ich mich verliebt hatte, gegoogelt und mir die Akkorde beigebracht. So habe ich das alles gelernt."

Was macht Stevie heutzutage am meisten Spaß und was ist am ärgerlichsten? "Haha", überlegt Stevie, "am meisten Spaß macht es auf jeden Fall, live zu spielen - was ich zur Zeit unglaublich vemisse. Am Ärgerlichsten ist vielleicht das Touren - also nicht das Herumreisen per se, sondern ewig lange Abschnitte zwischen den Auftritten fahren zu müssen und dann jeden Abend die ganze Ausrüstung auspacken, aufbauen und wieder einpacken zu müssen. Es gibt da halt gewisse Höhen und Tiefen."
Weitere Infos:
adultmom.bandcamp.com
twitter.com/adultmomband
www.facebook.com/adultmomband
www.youtube.com/watch?v=m3q_CGXj2n0
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Daniel Dorsa-
Adult Mom
Aktueller Tonträger:
Driver
(Epitaph)

 
 

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