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FLOCK OF DIMES
 
Unperfekt, aber echt
Flock Of Dimes
Das vergangene Jahr war kein leichtes für Jenn Wasner. Innerhalb weniger Wochen wurde das ganze Leben der als Frontfrau von Wye Oak bekannt gewordenen Amerikanerin durcheinandergewirbelt. Auf eine schmerzhafte Trennung folgte der Ausbruch der COVID-19-Pandemie und plötzlich stand die aus Baltimore stammende Musikerin nicht nur privat, sondern auch beruflich vor einem Neuanfang. Kopfüber stürzte sie sich deshalb in die Arbeit und schrieb in den ersten Wochen des Lockdowns im Frühjahr 2020 die Songs, die nun auf "Head Of Roses", ihrem zweiten Solowerk als Flock Of Dimes, zu hören sind. Entstanden sind dabei aber keine simplen Herzschmerz-Lieder, vielmehr betrachtet sie die Situation aus einer dualistischen Perspektive und schildert so die Erfahrung, das eigene Herz gebrochen zu bekommen und gleichzeitig das Herz eines anderen zu brechen. Den eigenen Schmerz bringt sie so mit der Einsicht in Einklang, dass es unmöglich ist, durch das Leben zu gehen, ohne für jemand anders die Quelle großen Schmerzes zu sein. Doch nicht nur textlich übersetzt Wasner ihre Emotionen auf der neuen Platte unmittelbarer und unverfälschter als zuvor in Songs - auch klanglich rückt sie mit Unterstützung von Gästen wie Meg Duffy (Hand Habits), Matt McCaughan (Bon Iver), Adam Schatz (Landlady) und ihrem Wye-Oak-Partner Andy Stack ihre elektronisch umspielten Indie-Pop-Songs an der Seite von Sylvan Essos Nick Sanborn in dessen frisch eröffnetem Studio Betty's in Chapel Hill, North Carolina, in ein neues Licht. Mitte März hatten wir Gelegenheit, mit Jenn Wasner zu sprechen und so Einblicke in die Welt dieser ungewöhnlichen Künstlerin zu erhaschen.
GL.de: Jenn, das war ein verrücktes Jahr, oder? Trotz all der Dinge, die wir alle und du ganz speziell zu verarbeiten hatten: Es war nicht alles nur schlecht, oder?

Jenn Wasner: Oh nein, auf keinen Fall! Zu Beginn hatte ich etwas damit zu kämpfen, dass alles sich plötzlich verlangsamte, aber je mehr Zeit verging, desto bewusster wurde mir, dass viele der Dinge, die ich tat und viele Entscheidungen, die ich in meinem Leben traf, vor allem auf Gewohnheit beruhten oder vielleicht auch darauf, dass sie mir halfen, nicht bei mir selbst sein zu müssen. Zunächst hat mein Gehirn die Idee des totalen Stillstandes in Gänze abgelehnt. Ich sagte mir: "Nein, nein, nein! Ich habe mir all diese Bewältigungsmechanismen zurechtgelegt und mein ganzes Leben darauf ausgerichtet, sie aufrechtzuerhalten. Ich bin nicht bereit zu erfahren, was sich dahinter verbirgt!" Allerdings hatte ich in dieser Situation nun wirklich keine anderen Möglichkeiten (lacht)!

GL.de: Letztlich hast du schon wenige Tage nach Beginn des Lockdowns im März 2020 begonnen, die neuen Lieder zu schreiben. Vor dem Hintergrund des gerade Gesagten: In welcher Hinsicht waren diese Songs anders als deine früheren?

Jenn Wasner: Ich denke, der größte Unterschied ist, dass ich meine Gefühle in der Vergangenheit stets intellektualisiert habe und sie in Konzepte gezwängt habe, die nicht immer im Einklang mit meinen tatsächlichen körperlichen Erfahrungen standen. Das hat sich auch auf mein Songwriting niedergeschlagen. Ich suchte mir ein Gefühl, das ich mir zu eigen machen wollte, und bastelte mir um das herum einen Song. Im letzten Jahr ging es mir dagegen vor allem darum, mein Herz, meinen Körper stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Viele der neuen Lieder entstanden, weil mein Körper nach Geborgenheit suchte, ohne zu wissen, wo er sie finden könnte. Deshalb legte ich es darauf an, etwas zu erschaffen, das meinem Körper dieses Gefühl von Frieden und heilender Wirkung geben würde. In gewisser Weise war dies das Gegenteil dessen, was ich zuvor gemacht hatte. Dieses Mal kamen Körper und Herz zuerst, Verstand und Konzepte mussten zurückstehen. Das hat dazu geführt, dass der Schreibprozess spürbar anders war als alles, was ich zuvor kennengelernt hatte.

GL.de: Sind das Veränderungen, die sich allein auf den Ausnahmezustand der Pandemie beziehen, oder ist das etwas, das du auch in die - wie auch immer geartete - neue Normalität hinüberretten möchtest?

Jenn Wasner: Lustig, dass du fragst. Lange Zeit habe ich gedacht, dass ich es kaum erwarten kann, dass die Pandemie endlich vorüber ist, aber jetzt, da die Dinge langsam in Bewegung kommen und die Menschen endlich ihre Impfungen erhalten, bin ich wie gelähmt von der Vorstellung, dass die Veränderungen der letzten Monate nicht von Dauer sein könnten. Ich denke, es wird sehr wichtig für mich sein, an einer durchdachteren, absichtsvolleren Lebensweise festzuhalten, selbst wenn ich wieder mehr unter Menschen komme. Die Wahrheit ist: Ich war zuvor nicht vollkommen glücklich, weil ich einfach nicht wirklich präsent war. Es ist eine Menge Arbeit, sich diese Präsenz, diesen Raum für sich selbst, zu erschaffen, nicht zuletzt, weil es unendlich viele Ablenkungen gibt. Gerade ich mache so viele verschiedene Dinge, dass es mir leichtfallen würde, sie als Ausrede zu nutzen. Allerdings gab es in den letzten Monaten so viele Veränderungen in meinem Leben, die ich auf dem weiteren Weg nicht aus den Augen verlieren will. Ich versuche, mich für die Chancen zu begeistern, die mir das bietet, anstatt Angst zu haben, ich könnte zu meinem alten Ich zurückkehren.

GL.de: Ein wenig ist der Weg zurück zur Normalität vielleicht mit einem Leben nach dem Suchtmittelentzug zu vergleichen. Vermutlich braucht man jemanden wie einen Sponsor, den man anrufen und fragen kann: "Bin ich noch in der Spur oder besteht die Gefahr für einen Rückfall?"

Jenn Wasner (lacht): Die Leute, mit denen du dich umgibst, sind in der Tat unglaublich wichtig. Im vergangenen Jahr war es mir deshalb ein besonderes Bedürfnis, meine Beziehungen zu den Menschen zu intensivieren, die mich als Person im Ganzen sehen und mich in meinem persönlichen Wachstum unterstützen wollen. Das ist nicht immer leicht, und manchmal bedeutet es, dass du deine eigenen Bedürfnisse über die eines anderen Menschen stellen musst. Dabei bin ich, mit all den Erfahrungen, die ich in der Vergangenheit gemacht habe, eigentlich jemand, der immer zuerst einmal an andere denkt - ihre Bedürfnisse und was sie von mir brauchen, anstatt mein eigenes Wohl in den Fokus zu rücken. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, in die Beziehungen zu investieren, die für mich bedeutungsvoll, sind und dafür bin ich sehr dankbar.

GL.de: Das führt uns zur Produktion des neuen Albums. Für "Head Of Roses" hast du eng mit Nick Sanborn zusammengearbeitet. In einem anderen Interview hast du bereits erwähnt, dass er dir dabei geholfen hat, die Details in deinen Songs stärker herauszuarbeiten, die du ob deiner eigenen Ungeduld sonst oft übersehen hättest. Was hat dazu geführt, dass du ihm dein Vertrauen geschenkt hast?

Jenn Wasner: Die Antwort auf diese Frage ist sehr komplex, weil da vieles reinspielt. Ich bin in der Tat sehr ungeduldig und denke, das wird sich auch nie ändern. Ich gewisser Weise betrachte ich das als Vorzug, denn es bedeutet, dass ich mich so sehr für das große Ganze begeistere, dass ich von einer großen Idee zu nächsten springe. Das reizt mich so sehr, dass ich mich nicht jedes Mal hinzusetzen und die Details beleuchten will. Ich versuche, das nicht als Schwäche, sondern als Stärke zu sehen, auch wenn es bedeutet, dass ich in bestimmten Situationen Aufgaben delegieren muss oder mich auf Kollaborationen mit anderen einlassen muss, die mich dazu zwingen, einer bestimmten Sache mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als ich das allein tun würde. Im Idealfall kann ich auf diese Weise so vielen Ideen nachjagen, wie ich möchte, weil ich weiß, dass es jemanden gibt, dem ich vertraue und der dafür sorgt, dass sich alles auf bestmögliche Weise zusammenfügt. Ich bin allerdings auch sehr sensibel und deshalb nicht immer bereit, mich jemandem zu öffnen, selbst wenn er die beschriebenen Fähigkeiten mitbringt. Nick dagegen war die perfekte Wahl. Wir sind seit Langem eng befreundet und ich fühle mich in seiner Gegenwart sehr wohl - persönlich und darüber hinaus. In dieser Hinsicht bringt er mehr mit als seine handwerklichen Fähigkeiten als Produzent. Bei ihm muss ich nicht ständig auf der Hut sein.
GL.de: Hast du im Laufe des Prozesses festgestellt, dass es durchaus eine Bereicherung sein kann, sich stärker auf die Feinheiten zu stürzen?

Jenn Wasner: Ja! Ich denke, es gehört zu jedem persönlichen Reifungsprozess, dass du dich den Eigenschaften widmest, die in dir nicht sonderlich stark ausgeprägt sind, und sie mit viel Mitgefühl weiterentwickelst, und ich denke, ich habe in vielerlei Hinsicht Fortschritte gemacht. Ich bin jemand, der sich nicht gerne auf nur eine Sache fokussiert: Ich bin eine Songwriterin, aber ich will auch alle erdenklichen Instrumente beherrschen, ich möchte aufnehmen und produzieren und all die kleinen Maschinen haben, die all die schrägen Geräusche machen! Ich verteile meine Aufmerksamkeit auf viele verschiedene Dinge, deshalb musste ich lernen zu akzeptieren, dass ich all diese Dinge nie in Gänze beherrschen werde. Trotzdem können sie mir alle etwas über mich selbst verraten, was dann in meine Ideen, meine Arbeit einfließt, um etwas zu kreieren, das nur ich allein erschaffen kann, das ganz auf mich beschränkt ist: die Person, die ich bin, meine Erfahrungen und meine Fähigkeiten. Das ist in der Tat eine Bereicherung, auch wenn ich mich anfangs schwer damit getan habe. Bei meinem ersten Album wollte ich jeden einzelnen Part selbst schreiben, ich wollte alles allein einspielen, ich wollte das Album eigenhändig produzieren. Der Wunsch, mit eiserner Faust Kontrolle auszuüben, entsprang dem Bedürfnis, in allem die Beste zu sein, weil ich nicht akzeptieren konnte, wer ich bin. Die Arbeit an der neuen Platte hat dazu geführt, dass ich inzwischen weniger hart zu mir bin und weniger hohe Ansprüche an mich selbst stelle. Ich habe mir erlaubt zu akzeptieren, dass ich gut genug bin, wie ich bin. Das erlaubt es mir, anders als zuvor, von Herzen zu sprechen, zu singen, zu arbeiten.

GL.de: Sich stärker auf die Details zu stürzen, kann zur Folge haben, dass Songs ihre Ursprünglichkeit verlieren, dass die berühmte First-Take-Magie verloren geht. Hat das für dich im Arbeitsprozess eine Rolle gespielt?

Jenn Wasner: Ich weiß genau, was du meinst, und du hast vollkommen recht, dennoch habe ich das Gefühl, dass es bei meiner neuen Platte eher umgekehrt war. In der Vergangenheit hatte ich einen Hang dazu, genau diese zerbrechlichen First-Take-Momente zu kaschieren, weil ich sie als unvollkommen ansah. Nimm nur mal den Song "Hard Way". Was man nun auf dem Album hört, war ursprünglich nicht mehr als eine bessere Demo-Version. Nick und ich haben sie eines Nachmittags aufgenommen, nur um zu sehen, was später aus dem Lied werden könnte. Die Gesangsspur war eigentlich nur als Orientierungshilfe gedacht. Sie hat viele Fehler und klingt unglaublich zerbrechlich. An einem anderen Punkt in meinem Leben hätte ich gesagt: "Unter keinen Umständen wird jemand dieses Take jemals zu hören bekommen!" Jetzt dagegen konnte ich mir nicht vorstellen, den Song auf irgendeine andere Art zu singen. Denn was ich zuvor als unperfekt wahrgenommen habe, empfinde ich jetzt als echt.

GL.de: Obwohl das den Aspekt der Menschlichkeit in deiner Musik stärker betont, hast du es bisher stets bewusst vermieden, Musik unter deinem eigenen Namen zu veröffentlichen, nicht zuletzt, um so ein bisschen mehr Distanz zu deinem künstlerischen Tun zu haben. Doch wie groß ist der Unterschied zwischen dem Mensch Jenn Wasner und der Künstlerin, die als Flock Of Dimes auftritt?

Jenn Wasner: Das ist eine großartige Frage! Wenn ich ehrlich bin, ist der Unterschied nicht besonders groß, und genau deshalb ist es für mich auch so beängstigend, die neue Platte mit der Welt da draußen zu teilen. Mein Herz steckt in diesem Album. Gleichzeitig ist es aber auch ein Schnappschuss der Zeit vor genau einem Jahr. Um es mit einer Metapher zu sagen: Wenn du etwas erschaffst, zeichnest du deinen eigenen Umriss in einem bestimmten Moment nach. Doch weil die Zeit nicht stehen bleibt, gehst du deinen Weg weiter, und je weiter zu gehst, desto mehr entfernst du dich von den Umrissen, die sich immer noch am gleichen Ort befinden. Ich war die Person, die dieses Album gemacht hat, und ich bin es noch, gleichzeitig habe ich mich seitdem aber auch verändert. In gewisser Weise geht es darum, die alten Versionen deines Selbst lieben zu lernen, selbst wenn dich deine Entwicklung von ihnen fortträgt.

GL.de: Letzte Frage: Was macht dich derzeit besonders glücklich?

Jenn Wasner: Ich denke, die größte Freude machen mir im Moment die kleinen Rituale. Ich versuche, jeden Abend mit Gedanken an die Dinge einzuschlafen, für die ich dankbar bin, selbst wenn sie unbedeutend erscheinen. Ich bin dankbar dafür, morgens aufzuwachen, Kaffee zu trinken und dabei das Kreuzworträtsel zu lösen. Ich bin dankbar für die Spaziergänge in meiner Nachbarschaft und meine wundervollen Freunde, die mich auf tiefgreifende, bedeutsame Weise verstehen wollen. Ich bin dankbar, abends Yoga machen zu können, und für all die tollen Platten, die ich zum ersten Mal entdecke, wissend, dass es noch unzählige weitere da draußen gibt. Je präsenter ich in meinem eigenen Leben bin, desto glücklicher bin ich, weil mir das hilft, all das in vollen Zügen zu erleben, was vor mir liegt, anstatt mich an einen Ort zu verkriechen, der nicht wirklich real ist.
Weitere Infos:
flockofdimes.com
www.facebook.com/flockofdimes
twitter.com/flockofdimes
www.instagram.com/flockofdimes
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Graham Tolbert-
Flock Of Dimes
Aktueller Tonträger:
Head Of Roses
(Sub Pop/Cargo)

 
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