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RYLEY WALKER
 
Effizienz, Authentizität und Texteintopf
Ryley Walker
Es liegen schwere Zeiten hinter Ryley Walker und nein, damit sind nicht die pandemiebedingten Probleme gemeint, die zuletzt viele Musiker plagten. Seinen persönlichen Tiefpunkt erreichte der 32-jährige Ausnahmegitarrist und Freigeist bereits im Frühjahr 2019. Mental am Ende, geriet sein Drogenkonsum so außer Kontrolle, dass er sich auf einer Tournee als Support für Richard Thompson in einem Motel 6 in New Mexico in einem finalen selbstzerstörerischen Akt das Leben nehmen wollte. Zum Glück war er so neben der Spur, dass er selbst dazu nicht mehr in der Lage war. Mit Unterstützung seines langjährigen Labels gelang ihm der Entzug, und kurz bevor COVID-19 die Musikwelt zum Stillstand brachte, war er sogar wieder auf Tour – natürlich ohne die Exzesse, die früher die meisten seiner Konzerte begleitet hatten. Jetzt veröffentlicht er sein neues Album, "Course In Faible", eine farbenfrohe Hommage an seine langjährige Heimatstadt Chicago, mit der er dem genreschmelzenden 90er-Jahre-Sound von Bands wie Tortoise, The Sea And Cake oder Gastr Del Sol den eigenen Stempel aufdrückt. Mitte März nahm er sich Zeit für ein Interview mit Gaesteliste.de.
GL.de: Ryley, wo erwischen wir dich gerade?

Ryley: Ich bin in Western Massachusetts, ziemlich isoliert, und noch dazu ist es arschkalt. Ich hoffe, der Frühling lässt nicht mehr lange auf sich warten!

GL.de: In einem Interview vor 18 Monaten hast du erzählt, dass du inzwischen dein Netzwerk von Kokaindealern gegen ein Netzwerk von Sponsoren im Rahmen des Zwölf-Schritte-Programms eingetauscht hast. Wie genau hat sich das auf seine Kreativität ausgewirkt?

Ryley: Körperlich fühle ich mich viel gesünder. Ich bewege mich mehr und kann klarer denken. Jeder Tag ist gefüllt mit Dankbarkeit und ich fühle mich derzeit sehr inspiriert. Dennoch steht die Musik hinter der Abstinenz zurück. Nichts ist für mich wichtiger als clean zu bleiben. Musik und Moneten reichen da nicht ran.

GL.de: Wir kennen dich als obsessiven Plattensammler, der stundenlang durch die Regale von Second-Hand-Läden stöbern kann. Trotzdem hast du gesagt, dass du an deinem Tiefpunkt Musik geradezu gehasst hast und sogar in Betracht gezogen hast, dich für immer von ihr abzuwenden. Wie hast du die Musik wieder lieben gelernt?

Ryley: Mit jedem Tag kommt die Freude ein bisschen mehr zurück. Momentan macht es mir mehr Spaß, Musik zu hören als selbst zu spielen. Es gibt so viel Inspiration, die in meinen Plattenregalen auf mich wartet. Das ist fast, als würde ich das Laufen neu erlernen.

GL.de: Das neue Album ist bereits treffend als "Chicago in spirit" beschrieben worden. War das von Beginn an Konzept?

Ryley: Ich habe so lange in Chicago gelebt, diese Musik ist das Fundament all dessen, was ich tue. Dass ich mit John McEntire zusammengearbeitet habe, hat diesen Sound zusätzlich in den Vordergrund gerückt. Er wird immer ein Teil von mir sein.

GL.de: Du bist sehr gut darin, viele Ideen in deine Songs zu stopfen, ohne dass sie überladen klingen. Wie gelingt dir das?

Ryley: Ich arbeite viel nach dem Versuch-und-Irrtum-Prinzip. Zumeist fange ich mit einem Gitarrenriff an und sehe dann weiter. Oft überwiegt am Ende das Editieren. Das ist wie ein gigantisches verrücktes Manuskript, das man auf die Länge einer Kurzgeschichte zurechtstutzt.
GL.de: Mit Bassist Andrew Scott Young, Gitarrist Bill MacKay und Schlagzeuger Ryan Jewell hast du auf "Course In Fable" wieder hochkarätige Mitstreiter um dich versammelt. Sind sie dabei, weil du weißt, was du von ihnen erwarten kannst, oder weil sie in der Lage sind, dich immer noch zu überraschen?

Ryley: Ich spiele mit Andrew, Ryan und Bill nun schon seit vielen Jahren. Zwischen uns herrscht großes Vertrauen. Sie können mich immer noch überraschen, ohne dass etwas schiefgeht. Wenn wir zusammenarbeiten, gibt es wenig Gesprächsbedarf, aber auch wenige Missverständnisse. Wir fühlen uns alle wohl dabei, gemeinsam Risiken einzugehen.

GL.de: Du hast John McEntire in den gesamten Aufnahmeprozess eingebunden und ihm beim Mixing komplett freie Hand gelassen. Ist daran allein sein Legendenstatus schuld?

Ryley: Ich habe wenig Kenntnis, geschweige denn Können, wenn es um Tontechnik und das Abmischen geht, deshalb gebe ich diese Aufgaben an Profis ab, denen ich vertraue. Das gilt ganz besonders für John, er ist ein echter Meister im Studio. Es ist gut, wenn du jemand außerhalb der Band gewissermaßen als Guru, mit an Bord hast.

GL.de: Speziell in Betracht all dessen, was dir in den letzten Jahren widerfahren ist: War das Texten dieses Mal schwerer oder leichter für dich?

Ryley: Die Texte sind zusammenhangslose Versatzstücke, die ich zusammenfüge. Ich habe ein ganzes Notizbuch voll mit beliebigen Textzeilen, die ich zusammenschustere. Das ist wie Texteintopf. Die Themen, die sich dabei herausschälen, sind vollkommen zufällig, aber manchmal werden sie lebendig! Ich selbst bin auch immer wieder überrascht.

GL.de: Allgemeiner gefragt: Wonach suchst du in einem Song?

Ryley: Effizienz und Authentizität. Ich möchte so schnell wie möglich zum Kern des Songs vorstoßen und dabei eine gewisse Ernsthaftigkeit ausstrahlen. Jeder Ton ist gewollt.

GL.de: Mit Husky Pants hast du vor einiger Zeit ein eigenes Label gegründet, um deine eigene, aber auch die Musik deiner Freunde zu veröffentlichen. Wie kam es dazu?

Ryley: Dass ich im vergangenen Jahr mein komplettes Touring-Einkommen verloren habe, hat mich schwer getroffen. Ich wusste, es war Zeit für smarte Entscheidungen. Musik auf meinem eigenen Label zu veröffentlichen und die alleinige Verantwortung zu tragen, war riskant, aber letztlich lohnend. Bisher war‘s ein Erfolg. Mit Freunden zu arbeiten und sie auf direktem Wege entlohnen zu können, ist toll. Die Dinge simpel und transparent zu halten, ist dabei immer mein Ziel.

GL.de: Auch wenn es sich unter den derzeitigen Umständen ein wenig seltsam anhört: Hast du Wünsche, Träume oder Hoffnungen für die Zukunft?

Ryley: Keine Hoffnungen, keine Träume. Wichtig ist nur, weiterzuleben! Alles darüber hinaus ist ein Geschenk. Ich habe keine Erwartungen an die Musikindustrie, an die Fans, etc. Ich fühle mich wohl, wo ich bin, und ich werde weiter Musik nach eigenem Gusto machen.
Weitere Infos:
ryleywalker.com
www.facebook.com/ryleywalkerjams
twitter.com/ryleywalker
instagram.com/ryleywalker
ryleywalker.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Emma Smith-
Ryley Walker
Aktueller Tonträger:
Course In Fable
(Husky Pants Records/Cargo)

 
 

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