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JULIEN BAKER
 
"Wer bin ich eigentlich und was macht mich glücklich?"
Julien Baker
Früher hieß es, was nicht kaputt ist, kann man auch nicht reparieren. In unserer schnelllebigen Gegenwart hat dagegen selbst in der Kreativwelt der Zwang zur ständigen Veränderung den verständlichen Wunsch nach künstlerischer Weiterentwicklung längst abgelöst. Dass dabei bisweilen genau das auf der Strecke bleibt, was viele junge Künstlerinnen und Künstler zu Beginn ihrer Karriere ausgezeichnet, ja, vielleicht sogar einzigartig gemacht hat, wird dabei oft als ein zu verschmerzender Kollateralschaden betrachtet. Julien Baker beweist nun, dass es auch anders geht. Auf ihrem dritten Album, "Little Oblivians", zeigt sich die inzwischen in Nashville, Tennessee, heimische 25-jährige Indie-Folk-Heroine offen für klangliche Neuerungen, vergisst dabei aber auch ihre Wurzeln nicht und sorgt so dafür, dass der emotionale Kern ihrer Lieder intakt bleibt. Waren ihre Lieder in der Vergangenheit spartanisch und bisweilen gewollt rau, formuliert Baker die seelenvolle Songkunst, die sie seit frühesten Tagen zu einer Ausnahmeerscheinung gemacht hat, jetzt mit einem facettenreichen Bandsound aus, der kräftig, dynamisch und dunkel zugleich ist. Der Weg dorthin war allerdings weit und steinig. Auf "Little Oblivians" dokumentiert Baker die harte Zeit, die nun zum Glück hinter ihr liegt, und schont in ihren scharfsinnig beobachtenden Texten, mit denen sie sich introspektiv, intensiv und berührend durch ihr Leben navigiert, weder sich selbst noch ihr Publikum.
Als vor sechs Jahren ihr famoses Debütalbum "Sprained Ankle" erscheint, ist Julien Baker noch keine 20 Jahre alt, hat aber schon eine Menge zu verarbeiten. Mit beeindruckender Deutlichkeit und Dringlichkeit verhandelt sie schonungslos offen Depression, Sucht und Glaubenskrisen in ihren auf Stimme und Stromgitarre reduzierten, oft geradezu zerbrechlich wirkenden Songs, um im Spannungsfeld ihres religiös geprägten Südstaaten-Umfeldes und der Punkrock-Ideale, die ihr schon früh neue Horizonte eröffneten, ihre eigene queere Identität zu finden. Nur wenige Monate später geht sie erstmals auf Welttournee, und aus der unbekannten Studentin, die zuvor mit ihren Bands The Star Killers und Forrister kaum mehr als die lokalen DIY-Läden von Tennessee kennengelernt hat, wird fast über Nacht ein weltweit gefeierter Shootingstar der Indie-Folk-Szene. Ende 2017 geht es mit dem zweiten Album, "Turn Out The Lights", weiter nach oben auf der Erfolgsleiter, bevor sie mit Phoebe Bridgers und Lucy Dacus das Dream-Team Boygenius zusammentrommelt und zum Ausklang des Folgejahres nach einer gemeinsamen EP die mit Abstand größten Auftritte ihrer jungen, steilen Karriere absolviert.

Doch hinter der perfekten Fassade beginnt es in der jungen Künstlerin zu rumoren. "Ich hatte mir nur einen einzigen Weg für mein Leben ausgemalt: den als Musikerin", erinnert sie sich im Interview mit Gaesteliste.de. "In der Realität drehte sich aber vieles in erster Linie um die logistischen Herausforderungen. In welcher Stadt müssen wir morgen sein? Wann müssen wir aufbauen? Muss ich noch irgendwo Inhalte abliefern? Meine Tagträume beschränkten sich deshalb auf Dinge wie: Ich würde gerne mit Künstler X oder Künstlerin Y auf Tour gehen. Nie dachte ich: Hoffentlich werde ich eines Tages mal den Appalachian Trail in Tennessee abwandern können oder endlich mal zu dem Buch kommen, das ich schon immer lesen wollte." Das, was sie eigentlich hätte glücklich machen sollen, das Songschreiben, das Unterwegssein, der wachsende Erfolg, die finanzielle Unabhängigkeit, all das bringt Baker nicht die erhoffte, die ersehnte Zufriedenheit. Stattdessen verfällt sie mehr und mehr in alte Muster und sucht wie zuvor schon als Teenager Ablenkung in Alkohol und anderen Rauschmitteln.

Verfolgt man derzeit die Berichterstattung über "Little Oblivions", speziell in den größeren Medien, die sich nun erstmals mit Baker beschäftigen, hat das bisweilen einen Hauch von "Groundhog Day". Oberflächlich betrachtet dreht sich vieles auf dem neuen Album um ähnliche Probleme, die bereits das Debüt "Sprained Ankle" inspiriert hatten und auch damals oft der Fokus in Interviews gewesen waren. Für Baker selbst war der Rückfall allerdings nicht mit den Erlebnissen zu vergleichen, der sie bereits zu Schulzeiten zu Rauschmitteln greifen ließen. "Meine Erfahrung mit Substanzmissbrauch als Kind war eine völlig andere als die mit Anfang 20", sagt sie bestimmt. "Ich bin schon sehr früh mit Alkohol und Drogen auf die schiefe Bahn geraten, und das hat mir damals richtig Angst gemacht. Deshalb fand ich viel Trost in der ultimativen Entscheidung: Abstinenzlerin oder Süchtige. Was man dabei nicht vergessen darf: Ich war ein Kind, als ich das durchmachte und verarbeitete, wovon ich auf 'Sprained Ankle' spreche, und ich war ja praktisch immer noch ein Kind, als ich die Platte veröffentlicht habe!"

Ihre neuen Lieder kreisen deshalb auf den ersten Blick um ähnliche Themen, beleuchten die aber aus einer anderen Perspektive. "Ich will jetzt überhaupt nicht sagen, dass es eine positive Erfahrung war, erneut in die Abhängigkeit von Suchtmitteln zu geraten, aber ich habe jetzt ein besseres Verständnis davon, in welcher Weise meine Psyche sie benutzt und welchen Platz sie in meinem Leben einnehmen", sagt Baker. "Ich bin so lange straight-edge gewesen, dass ich eine sehr eindimensionale Vorstellung davon hatte, was Rauschmittel mit einem Menschen anstellen. Als ich dann feststellte, dass mein Wille allein nicht reichte, um die Abhängigkeit zu besiegen, war das eine sehr demütigende Erfahrung, denn ich hatte mir lange eingeredet, dass es eine einfache Entscheidung ist - was auf gewissem Level natürlich auch stimmt -, aber wenn man sich die Neurochemie einer Suchterfahrung genauer anschaut, ist da noch viel mehr. Um auf die ursprüngliche These zurückzukommen: Ich denke, ich werde viel darauf angesprochen, weil die Leute gerne in meiner Musik einen roten Faden finden wollen, zumal ich ja immer offen über meine Suchtmittelerfahrung gesprochen habe. Der Auslöser war bei meinem Rückfall aber ein anderer. Es ist nicht so, dass ich eines Tages zum Alkohol gegriffen haben, weil mir danach war, und dass das der Beginn einer Spirale hinunter zu Leid und Schmerz war. Ich war abhängig von allen Dingen, die es mir ermöglichten, mich vom Elend meines Lebens abzulenken, denn das war etwas, mit dem ich mich nicht auseinandersetzte. Dieses Elend war größtenteils selbst gemacht, vielleicht habe ich es mir sogar nur eingebildet, aber es war trotzdem Elend. Ich redete mir ein, dass trocken zu werden nicht der erste Schritt sein dürfte. Das ist der Grund, warum 2019 so schwierig für mich war. Viele Leute in meinem Umfeld, die mich nur als Abstinenzlerin kannten, glaubten, zum Aufhören würde es ausreichen, wenn ich mal kurz in diese oder jene Einrichtung einzuchecken. Das ist natürlich ein Teil des Ganzen, denn natürlich ist es eine Riesenhilfe, wenn ich die Substanzen, die mich labil werden lassen, nicht täglich um mich habe, aber noch wichtiger für mich war, die Dinge in Angriff zu nehmen, die mich erst in die Sucht getrieben hatten. Erst danach konnte ich die Rauschmittel vollends hinter mir lassen."
Nach außen versucht Baker zwar, bis zum Schluss gute Miene zum bösen Spiel zu machen, aber bei unserer letzten Begegnung in Darmstadt im Juli 2019 ist ihr auf und abseits der Bühne anzumerken, dass ihr die Freude am eigenen Tun abhandengekommen ist. Anstatt das Konzert in der für ihre Verhältnisse winzigen Oetinger Villa, bei dem zudem viele alte Fans der ersten Stunde die vorderen Reihen bevölkern, richtig auszukosten, kann der Abend für sie kaum schnell genug zu Ende sein. Zwei Tage später spielt sie beim Montreux Jazz Festival gemeinsam mit Bon Iver ihr bislang letztes öffentliches Konzert. Alle weiteren Shows der für den Rest des Jahres geplanten Welttournee, darunter auch ein Auftritt in der renommierten US-Fernsehshow "Austin City Limits", werden abgesagt. Erst im kommenden Herbst will Baker in den USA auf die Bühne zurückkehren, eine Europatournee mit fünf Konzerten in Deutschland ist für April und Mai 2022 bestätigt. "Als alles endgültig abgesagt wurde und ich nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte, fühlte ich mich vollkommen niedergeschlagen", erinnert sie sich. "Je länger die Pause dauerte und je größer der Abstand vom ständigen Unterwegssein war, desto mehr wurde mir aber bewusst, dass das eine wirklich positive Entscheidung war. Rückblickend war es auf jeden Fall richtig, mich gewaltsam von der einzigen Umgebung zu trennen, die ich für die vier vorangegangenen Jahre gekannt hatte, und mal einen Blick auf mich zu werfen, wenn ich nicht die Performerin bin, die jeden Abend auf der Bühne steht, und mich zu fragen: Wer bin ich eigentlich und was macht mich glücklich?"

Eine Antwort auf diese Frage findet Baker in Murfreesboro an der Middle Tennessee State University, wo sie nach der Absage ihrer Tournee ihr vor fünf Jahren kurz vor dem Abschluss unterbrochenes Bachelor-Studium vollendet und dabei genau die Genugtuung verspürt, die ihr beim Musikmachen zuletzt gefehlt hat. "Ich habe immer noch meine Vorbehalte, wenn es darum geht, wie die akademische Welt entscheidet, was Teil des Curriculums ist und was nicht, was wertvolles und was unnützes Wissen ist, aber ich hatte einige wirklich tolle Professoren und es machte mir eine Riesenfreude, jeden Tag die Kurse zu besuchen und dort die Inhalte mit den anderen Studierenden - fast hätte ich 'Kids' gesagt, aber die meisten waren ein wenig älter, weil ich vor allem Aufbaukurse besuchte - zu diskutieren, die alle nur aus einem Grund dort waren: um etwas zu lernen. Das fühlte sich sehr echt und unverfälscht an."

Sich nach dieser Erfahrung nun wieder ins Hamsterrad der Musikindustrie zu begeben und schon im Vorfeld der Veröffentlichung der Platte fünf Tage die Woche in Interviews ausschließlich über sich selbst zu sprechen, ist ihr deshalb verständlicherweise nicht leichtgefallen. "Nach diesem langwierigen Prozess, den ich durchgemacht habe, ist es schon schwierig, mich nun wieder mit den Dingen zu beschäftigen, die ich für nicht erfüllend oder seelenlos halte. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich jetzt weiß, dass ich jederzeit zur Universität zurückkehren kann, um auch noch meinem Masterabschluss zu machen, oder mir - wenn vielleicht auch nicht gerade jetzt - einen Job in einem Supermarkt suchen kann und auch damit rundum glücklich werden könnte. Der große Unterschied ist, dass ich jetzt weniger Angst davor habe, das Fünkchen Macht, das ich mir mit der Musik erspielt habe, wieder zu verlieren, da ich inzwischen weiß, dass mich das sowieso nicht glücklich gemacht hat."

Ihre Gefühle und Gedanken unumwunden in Songs fließen zu lassen und sich damit so ehrlich, so wahrhaftig wie möglich auszudrücken, ist und bleibt allerdings ein Markenzeichen Bakers. "Viele der Lieder, die ich zuvor geschrieben habe, grenzten an Selbstzerstörung. Ich kann nicht sagen, dass es dieses Mal wirklich anders war", gesteht sie. Trotzdem haben sich die Vorzeichen etwas verändert. Das Storytelling ihrer ersten beiden Alben lässt Baker auf "Little Oblivions" nicht vollends hinter sich, trotzdem haben viele der neuen Lieder mehr von einer Reportage, mehr von einem Bericht "aus dem Schützengraben", wie sie das selbst nennt, als das noch auf ihren ersten beiden Alben der Fall war. Früher schrieb sie oft mit gehörigem zeitlichen Abstand über schmerzliche Erinnerungen, dieses Mal entstanden die Lieder gewissermaßen in Echtzeit. "Weil ich auf 'Sprained Ankle' und 'Turn Out The Lights' über Ereignisse aus meiner Vergangenheit schrieb, empfand ich es als hilfreich für meine junge Seele, dafür ein klar abgestecktes Narrativ als Bewältigungsmechanismus zu konstruieren. Ich denke, das machen alle: Du entwirfst dir deine eigene Mythologie, um dich selbst zu verstehen und herauszufinden, was deine Identität ist. Ganz plötzlich wurde all das für mich zerstört… und dann habe ich die neue Platte gemacht!"

Viele der Lieder, die nun auf "Little Oblivions" erscheinen, schrieb Baker bereits, bevor die Fassade zu bröckeln begann. Auch den ersten großen Schritt in Richtung ihres dritten Albums machte sie schon früh. "Im Januar 2019 habe ich etwa 20 Demos aufgenommen, um mal das ganze Material zusammenzustellen, das sich im vorangegangenen Jahr angesammelt hatte. Während ich begann, diese Lieder auszuformulieren, schrieb ich eine Handvoll weiterer Songs, denn das war die Zeit, als all diese Dinge… passierten. 'Hardline' und 'Favor' endstanden ziemlich hastig, während ich mittendrin steckte in all dem, was ich auf der Platte beschreibe. 'Song In E' und 'Heatwave´ dagegen waren Lieder, an denen ich bereits sehr lange herumbastelte, bis ich endlich die Zeit fand, mich hinzusetzen und ernsthaft an ihnen zu arbeiten. Am Ende war es eine Mischung. Einige Songs schwirrten mir schon lange im Kopf herum, andere entstanden spontan ob der Umstände."

Auch klanglich geht Baker spürbar andere Wege als zuvor. Faszinierte sie in der Vergangenheit vor allem durch einen auf emotionale Direktheit ausgerichteten "Weniger ist mehr"-Ansatz, bricht sie mit "Little Oblivians" nun aus den altbekannten Solostrukturen aus. Um Klavier und Stromgitarre herum arrangiert Baker einen kunstvoll ausgestalteten Bandsound der großen Gesten. Die verschiedenen Parts spielte sie, bis auf wenige Ausnahmen, komplett allein ein. Doch es ist nicht die größere Instrumentierung allein, die bei vielen der neuen Songs eine bisher von Baker in dieser Form nicht gekannte Musikalität zutage treten lässt. Auch wenn sie weiterhin zumeist auf gängige Refrains verzichtet, sind die Lieder kompositorisch spürbar ausformulierter. Fast könnte man glauben, sie habe nun zum ersten Mal richtige Songs geschrieben, anstatt die Musik ausschließlich als Vehikel für ihre Texte zu benutzen. "Ich weiß genau, was du meinst, und ich sehe das genauso", stimmt sie zu. "Ich gehe dieser Tage sehr hart mit 'Turn Out The Lights' ins Gericht, aber das Album vermittelt mir ein Gefühl von Zögerlichkeit. Ich war aus dem Nichts auf ein Level katapultiert worden, das ich nie erwartet hatte zu erreichen, und deshalb waren meine musikalischen Entscheidungen plötzlich von Angst und Gewohnheit bestimmt. Ich war gut darin, eine bestimmte Art von Musik zu machen, also schrieb ich noch ein paar Songs, die genauso waren. Damals dachte ich mir: Vielleicht ist das einfach meine Identität als Musikerin, vermutlich ist das einfach die Musik, die ich mache? Es fühlte sich auch nicht unehrlich an, ich war damals einfach noch sehr jung. Weil ich es nicht besser wusste, habe ich einfach den gleichen Prozess wiederholt: Meine ersten beiden Platten wurden praktisch innerhalb weniger Tage aufgenommen, weil ich es nicht anders kannte."

Die musikalische Neujustierung auf "Little Oblivions" führt Baker auch auf die Veränderungen auf persönlicher Ebene zurück. Der Neuanfang des Menschen Julien Baker ging so ganz natürlich mit der Neuausrichtung der Musikerin Julien Baker einher. "Meine ganze Identität wurde aus den Angeln gehoben. Plötzlich war ich nicht mehr die Julien, die abstinent, vegan und straight-edge war", erinnert sie sich. "Plötzlich kämpfte ich mit Suchtmitteln und meine Persönlichkeit wandelte sich. Mich zu verändern, hat mir erst einmal große Angst gemacht, denn ich befürchtete, die Menschen könnten mich für unaufrichtig halten. Künstler werden oft kritisiert, wenn sie ihre Ausrichtung verändern - Oh, jetzt machst du also ein Rockalbum? Oh, jetzt machst du plötzlich eine Pop-Platte? Oh, jetzt machst du ein Folk-Album, das ist dann wohl dein 'Nebraska'? -, aber ich habe mich davon stets ferngehalten. Ich dachte mir immer: Sie geben einfach ihr Bestes und versuchen etwas Neues! Wäre es nicht noch schlimmer, wenn sie viermal hintereinander die gleiche Platte machen würden? Warum steckt man Künstler in Schubladen und erwartet dann, dass sie die Erwartungen erfüllen, die man an sie stellt?" Für "Little Oblivions" entschied sich Baker, die zaudernden Stimmen in ihrem Kopf auszublenden, was ihr mal mehr, mal weniger gut gelang. Dass gerade die prägnanten Synth-Sounds ihre Musik in eine völlig neue Richtung schubsen, ist ihr durchaus bewusst. "Ein bisschen hatte ich schon Angst, dass die Leute glauben könnten, ich verändere meinen Sound nur, um mich dem anzubiedern, was derzeit für 'gute Musik' gehalten wird - was auch immer das genau heißt."

Viele Ideen für das veränderte Sounddesign stammen aus der Zeit nach der Absage ihrer Tournee, in der Musik für Baker eher ein schönes Hobby denn ein Job mit all den damit verknüpften Verpflichtungen war. "Ich habe Musik mit völlig anderen Ohren gehört", bestätigt sie. "Anstatt die Künstlerinnen und Künstler als Gleichgesinnte zu betrachten, habe ich ihre Songs einfach wieder und wieder gehört und mich für sie begeistert, weil mir gefiel, wie sie klangen. In meinem Kopf habe ich die Lieder auseinandergenommen und mich auf die unterschiedlichen Parts konzentriert. Mich dieser Betrachtungsweise zu öffnen, war ein Riesenspaß. Nach den ersten beiden Platten wurde ich oft gefragt: 'Was wirst du tun, wenn du irgendwann nicht mehr unglücklich bist?' Heute kenne ich die Antwort: Ich werde mehr denn je hingerissen davon sein, Songs auszugestalten."

Als "pure", also als echt, als rein, als unverfälscht bezeichnet Baker diese Phase, in der allein die Liebe zum Musikmachen und viele Experimente ohne Hintergedanken zu neuen Ideen und Ansätzen führen. "Es ist mir leichtgefallen, diese Songs intuitiv umzusetzen", sagt sie. "Vielleicht bildete ich mir das nur ein, aber für eine Weile sah es für mich so aus, als würde das mit der Musik für mich nicht funktionieren. Ich hatte zwei komplette Tourneen abgesagt, ich bin nach Hause geflogen, bevor ich meinen Auftritt für 'Austin City Limits' aufzeichnen konnte, weil ich einfach nicht mehr in der Lage war aufzutreten". Stattdessen sucht sie Zuflucht in Memphis, wo sie in vertrauter Umgebung langsam und in Ruhe an neuen Liedern feilt. "Damals habe ich aufgehört, mir ständig Gedanken darum zu machen, ob den Menschen meine Songs gefallen würden", verrät sie. "Das war prima! Natürlich möchte ich, dass sie stimmig und schlüssig sind, und natürlich sollen sie gut klingen, aber ich habe aufgehört, mir einzureden, dass ich ein Naturtalent in Sachen künstlerischer Intuition bin, und habe mir stattdessen eingestanden, dass ich einfach nur ein Mensch bin und dass ich die Musik mache, die ich mag."

Zur Seite steht ihr dabei Calvin Lauber, der sie als Tontechniker schon auf "Turn Out The Lights" begleitet hatte. "Ich kenne Calvin schon sehr lange, denn wir sind zusammen aufgewachsen", erklärt sie. "Deshalb war es sehr leicht für mich, mein ganzes Chaos einfach in die Sessions zu werfen. Ich konnte einfach sagen: 'Okay, lass mich hier mal ein paar verrückte Drums hinzufügen!', und weil er viel mehr wie ein Techniker denkt, wusste er - ganz anders als ich - sofort, wie er sie im Mix platzieren musste, damit sie Sinn ergeben. Es war unglaublich wertvoll für mich, dass es dort einen Menschen gab, den ich gut kenne und respektiere, dem ich mich anvertrauen konnte, damit er mich dabei unterstützte, meine Vision für diese Songs Realität werden zu lassen, obwohl mir selbst die Fähigkeiten fehlten, sie allein zu vollenden. So schwierig das Jahr, das ich an der Platte gearbeitet habe, für mich auch war: Sie zusammen mit meinem Freund aufzunehmen, war die helle Freude für mich."
Überhaupt wird deutlich, dass hinter Bakers musikalischem Tun inzwischen deutlich mehr Intention steckt. Wenn sie früher bedingungslos ehrlich war, weil sie keinen anderen Weg wusste, um sich auszudrücken, ist das nun eine bewusste Entscheidung. Zieht sie womöglich genau daraus jetzt die künstlerische Befriedigung, die ihr zuvor so oft gefehlt hat? "Wow… ja! Ich weiß nicht, ob ich es so ausgedrückt hätte, aber… ja!", erwidert sie. "Ich denke, eine große Rolle spielt dabei auch, dass ich mir inzwischen mehr Zeit lasse. Mit den Star Killers und mit Forrister haben wir Songs so schnell geschrieben und veröffentlicht, wie das menschenmöglich war. Wie haben Mittwoch ein neues Lied geschrieben und es am Freitag erstmals live gespielt, weil wir von dieser verrückten Leidenschaft angetrieben wurden, Musik zu machen und uns Gehör zu verschaffen, gesehen zu werden und uns selbst zu entfalten. Das hat sich auch auf die Art und Weise übertragen, wie ich als Solomusikerin zu Anfang Songs geschrieben habe: Es bricht einfach aus mir heraus und muss gehört werden! Diese Dringlichkeit spüre ich inzwischen nicht mehr, deshalb habe ich mehr Zeit, die Musik sacken zu lassen, vielleicht auch, weil ich mir mehr Zeit gebe, auch meine Gedanken und die Entscheidungen in meinem Leben sacken zu lassen. Anstelle von Kurzschlussreaktionen lasse ich mir jetzt viel mehr Zeit für alles und überlege genauer, was mich glücklich macht. Vielleicht liegt das daran, dass ich inzwischen ein wenig älter bin oder daran, dass ich eine Menge schlimmer Dinge durchzustehen hatte und ich meine Lektion gelernt habe, vielleicht ist es auch ein bisschen von beidem. Früher hatte ich keine anderen Mittel, um mich auszudrücken oder von anderen verstanden zu werden, als die puren Emotionen auszukotzen, die in meinem Kopf herumschwirrten. Heute frage ich mich eher: Wo kommen die Emotionen her? Was fühle ich tatsächlich und warum? Das gilt auch für die Musik. Warum gehört dieser Akkord hier hin? Warum habe ich mich entschieden, diese Passage ruhig zu gestalten? Musste das sein?" Sie hält kurz inne und lächelt. "Das ist eine echte Entdeckungsreise!"
Weitere Infos:
julienbaker.com
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julienbaker.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Alysse Gafkjen-
Julien Baker
Aktueller Tonträger:
Little Oblivions
(Matador/Beggars Group/Indigo)
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