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LINN KOCH-EMMERY
 
Die Sterne richten sich aus
Linn Koch-Emmery
Wenn man früher (also in prä-digitalen Zeiten) als Musiker berühmt werden und womöglich gar einen Plattenvertrag bekommen wollte, dann musste man sich schon etwas Mühe geben, und sich der Öffentlichkeit als Live-Musiker(in) präsentieren, um auf diese Weise vielleicht die Aufmerksamkeit eines Talentscouts zu erringen - oder einfach so erfolgreich sein, dass diese dann den Weg zu einem selbst suchten. Merkwürdigerweise scheint es aber selbst in Zeiten von Facebook, YouTube und Instagram noch Musiker(innen) zu geben, die sich freiwillig dieser Ochsentour unterziehen, obwohl es doch viel einfacher wäre, wie alle anderen einen populären Coversong aus dem heimischen Schlafzimmer hochzuladen, um berühmt zu werden. Die schwedische Songwriterin Linn Koch-Emmery machte sich jedenfalls die Mühe, ihre Live-Präsenz durch unermüdliches Touren zu etablieren, bevor sie dann endlich mal Zeit fand, ihr solides Song-Repertoire auch als Konserve einzufangen. Drei Jahre nachdem sie sich auch in unseren Breiten mit einigen erinnerungswürdigen Festival-Auftritten - etwa auf dem Reeperbahn und dem Orange Blossom Festival - als enigmatische Live-Performerin empfahl, erscheint nun endlich also ihr Debüt-Album "Being The Girl".
Linn hat sich stilistisch dabei eine attraktive Mixtur ausgesucht: Die Songs klingen entweder wie Rock-Songs im Pop-Format oder Pop-Songs im Rock-Format - je nachdem, von welcher Warte man die Sache betrachtet. Tut das Linn überhaupt - also die Sache von einer bestimmten Warte aus betrachten? "Darüber denke ich - ehrlich gesagt - gar nicht nach", räumt Linn ein, "worüber ich allerdings nachdenke, sind die Songs. Ich will jeweils den bestmöglichen Song schreiben - das ist mir schon wichtig." Und wie geht das dann? "Ich fange immer mit einer Emotion oder einer Idee an", führt Linn aus, "und dann möchte ich, dass der Song so stark wie möglich wirkt. Ich persönlich tendiere immer zu starken Gefühlen und einer gewissen Simplizität. Vielleicht ist Simplizität auch in Verbindung mit Popmusik effektiver als beispielsweise mit psychedelischer Rockmusik. Ich denke also nicht wirklich über Stilfragen und Genres nach, sondern bin nur daran interessiert, tolle Songs zu schreiben - beziehungsweise die besten Songs, die ich zu schreiben in der Lage bin." In einem Interview sagte Linn ein Mal sinngemäß, dass es zwischen ihr und ihrer Bühnenpersona eigentlich keinen großen Unterschied gäbe. Heißt das, dass ihre Songs dann wie eine Art fortwährender Kommentar ihres eigenen Lebens sind? "Ja, das sind sie", pflichtet Linn bei, "zu 100% sogar. Das Album bietet eine Art Blick auf mein bisheriges Leben in 3D. Ich vermittele dadurch einen Einblick in das, was in meinem Kopf so vorgeht." Das macht Linn auf dem Album noch deutlicher durch die Soundbits "Teething" und "The Globe In Morning Lane, June 4th". Dabei handelt es sich aber nicht um Musikstücke, sondern? "Das ist keine Musik, sondern wo etwas wie Bits aus dem Soundtrack eines Films", beschreibt Linn, "'Teething' ist der Ausgangspunkt der Scheibe, wie die Einleitung eines Buches vor dem ersten Kapitel. 'The Globe' ist aus der Tonspur eines Videos, das ich aufnahm, als ich mich mit Freuden zufällig während eines Terror-Angriffs auf der London-Bridge befand und wir dann in einem Pub namens 'The Globe' Zuflucht suchten."

Linn singt in ihren Songs im Wesentlichen darüber, was sie selbst erlebt hat - insbesondere über ihre Beziehungen. Nun ist es ja so, dass man nur eine beschränkte Anzahl an Beziehungen haben kann. Das bringt uns dann zur Standardfrage, worüber Linn denn als nächstes zu singen gedenkt? "Also für mich ist das kein Problem", erklärt Linn, "mit diesem Album - das wir ja vor fast anderthalb Jahren begonnen hatten - schließe ich dann ja auch ein Kapitel ab. In der Zeit seither habe ich natürlich mein Leben weiter gelebt und auch angefangen, neue Musik zu schreiben. Ich mache mir also keine Sorgen darüber, dass ich nichts hätte, worüber ich schreiben könnte. Denn meine Art mit dem Leben umzugehen ist tatsächlich, Musik zu machen und Songs zu schreiben. Aber: Das ist eine gute Frage, denn jeder Musiker muss sich ja irgendwie neu aufstellen und neues erleben. Das habe ich schon mit vielen Musikern diskutiert. Es ist also eine berechtigte Frage. Es ist nur so, dass mein Geist ständig Dinge verarbeitet und analysiert, so dass das Song-Schreiben für mich ein andauernder Prozess ist. Ich schätze, dass ich einfach Glück habe, dass ich über solche Sachen nicht nachdenken muss. Für mich das ein ganz natürlicher Prozess, in meinem Kopf immer alles verdrehen und verarbeiten zu müssen. Der beste Weg, damit umzugehen, ist es einfach, Musik zu schreiben." Ein anderer Ansatz wäre ja, die eigenen Erlebnisse und Gedanken aus der Perspektive von anderen zu betrachten und beispielsweise Charaktere und Situationen in Songs zu konstruieren. "Das ist auch ein guter Punkt", zögert Linn, "denn ich bewundere Songwriter, die aus einer anderen Perspektive schreiben können. Ich bin allerdings so sehr auf mich selbst bezogen, dass mir das schwer fällt. Ich versuche es aber zumindest. 'Lasershot' habe ich zum Beispiel über das Thema geistige Krankheiten geschrieben. Und darin verwende ich etwa Äußerungen, die ich von anderen aufgeschnappt habe - das sind dann nicht meine Worte. Vielleicht versuche ich es also auf meine ganze Weise, die Perspektive anderer mit einzubeziehen - aber ich bin vermutlich noch nicht fähig, die Geschichten anderer erzählen zu können."
Folgen die Songs auf Linns Album denn einer bestimmten Chronologie? "Eigentlich nicht wirklich", überlegt sie selbst, "aber vielleicht ein bisschen, denn 'Lasershot', der letzte Song auf dem Album ist auch der letzte, den ich dafür schrieb. Es gibt aber keine durchgehende Geschichte auf dem Album. Ich würde sagen, dass es um viele verschiedene Geschichten geht, denn ich habe die Songs über einen langen Zeitraum gesammelt." Ein besonders interessanter Track auf der Scheibe ist "Linn R.I.P." - und zwar nicht nur deshalb, weil Linn hier sozusagen ihren eigenen Nachruf inszeniert, sondern auch, weil in dem begleitenden Video gleich mehrere Versionen ihrer selbst herumschwirren. Was geht denn da ab? "Also ich denke, dass alle dieser Versionen schon dieselbe Linns sind", lacht Linn, "aber es ist natürlich auch eine Visualisierung dessen, das wir alle auch gespaltene Persönlichkeiten in uns tragen und verschiedene Dinge zur selben Zeit empfinden können. Und was ich hier mit 'R.I.P.' zu Grabe trage, sind meine Ängste und Unsicherheiten und mein Selbst-Hass. Ich blicke hier sozusagen von außen auf mich selbst und kann über mich selbst lachen - stecke aber natürlich andererseits auch in meinem Körper und Geist fest. In diesem Video wollte ich nicht ausdrücken, dass am Ende eine der Linns tatsächlich stirbt - obwohl wir natürlich alle irgendwann sterben werden. Es geht hier nicht darum, wie bei Harry Potter alle Voldemorts töten zu müssen, damit Voldemort stirbt."

Wie stellt Linn eigentlich fest, ob sie das, wonach sie gesucht hat, auch gefunden hat? "Das ist einfach", meint sie kurz angebunden, "ich höre mir meine eigene Musik oft an - zum Beispiel wenn ich abends spazieren gehe. Aber nicht zur Unterhaltung - sondern um zu überprüfen, ob die Emotion, die ich hatte, als ich die Sachen aufnahm, sich wieder einstellen und die Songs somit funktionieren. Das mache ich in Situationen, in denen ich sowieso Musik anhöre - also wenn ich abends von einer Party nach Hause gehe. Dann fühle ich mich immer selbstsicher und bin gut drauf und kann dann überprüfen, ob meine eigene Musik mich dann in diesem Gefühl bestätigt. So lange es dann für mich funktioniert, bin ich stolz und happy - einfach weil es zumindest mir an einem bestimmten Punkt weitergeholfen hat. Vielleicht hilft es dann auch anderen Leuten."
Was betrachtet Linn als größte Herausforderung für sich selbst? "Ich glaube, das ist wie bei jedem Songwriter, die eigene Missgunst zu überwinden", erklärt Linn, "man schreibt einen guten Song und dann 20 richtig schlechte. Wenn man dann an den Punkt kommt, an dem man feststellt, dass man seine eigenen Sachen nicht mag, setzt diese Missgunst ein und man glaubt, nie mehr einen guten Song schreiben zu können und fragt sich, ob es das jetzt gewesen sein könnte. Diese Art von Selbstzweifel zu überwinden, ist - glaube ich - für alle Songwriter eine große Herausforderung. Das dann ist eine mentale Sache." Und dann gibt es ja auch noch die allgemeine Schreibblockade. "Natürlich - die hat ja jeder irgendwann ein Mal", pflichtet Linn bei, "die einfache Lösung dafür ist aber, einfach immer weiter zu machen. Ich rede mir dann zum Beispiel ein, dass es besser sei, 50 schlechte Songs zu schreiben als einfach nichts zu machen. Ich schreibe ja Songs, seit ich sehr jung war und ich weiß jetzt, dass - auch wenn man glaubt, nie mehr einen guten Song zustande bringen zu können - es irgendwann wieder klappen wird. Wenn es dich dann wieder packt, dann wirst du dich auch wieder großartig fühlen und sehen, dass alle Sterne sich für dich ausrichten. Und das ist das Gefühl nach dem du dich sehnst."
Weitere Infos:
www.instagram.com/linnkochemmery
www.facebook.com/linnkochemmery
www.youtube.com/watch?v=gnqv29V9gBg
www.youtube.com/watch?v=EDh-cCWB0Kw
www.youtube.com/watch?v=zBOhHoanGwI
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Jonas Carmhagen-
Linn Koch-Emmery
Aktueller Tonträger:
Being The Girl
(Boys Tears)
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