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DOTA
 
Gedankenhaken
Dota
Seit nunmehr auch fast schon wieder 20 Jahren macht Dota Kehr Musik: Anfangs als Kleingeldprinzessin, dann unter eigenem Namen. Mal alleine, mal mit brasilianischen Musikern, mal mit Freunden wie Max Prosa, dann mit ihrer Band - die früher als "Die Stadtpiraten" firmieren, aber seit 2013 zusammen mit der Chefin einfach als Dota bekannt sind, normalerweise mit eigenen Stücken, aber wie im Falle des letzten Projektes Kaléko auch mal mit "Fremdmaterial", zu Beginn als Straßenmusikerin, dann als Indie-Künstlerin und heutzutage als unabhängige Chefin mit ihres namensgebenden Labels "Kleingeldprinzessin Records". Der wachsende Erfolg via Mund zu Mund-Propaganda und Auszeichnungen wie der "Preis der deutschen Schallplattenkritik" oder der "Deutsche Kleinkunstpreis" sorgten dafür, dass die politisch stets aktive Liedermacherin heutzutage mit einem ganz neuen Selbstverständnis an die Sache herangehen kann. Nur noch gelegentlich ist sie dabei auf die Unterstützung von - wie sie sagt - "säkularen Engeln" wie zum Beispiel die kleine lila Fee aus der Klappmaulpuppenserie "Hallo Spencer" angewiesen, nach der sie im ironischen Titel ihres neuen Albums "Wir rufen dich, Galaktika" - Ausschau hält.
"Was sich für uns geändert hat, ist, dass wir jetzt zu fünft in der Band sind", berichtet Dota, "sagen wir mal so: Die Band kann jetzt fünf Leute ernähren und wir hatten alle große Lust mit Alex Binder zusammenzuarbeiten und der ist jetzt am Bass dabei. Vorher hatten wir ja immer nur Keyboard-Bass - und jetzt ist es gerade der E-Bass, der aus meiner Sicht das Album von den anderen unterscheidet." Das ist witzig, da Bassisten ja gemeinhin zu den eher unterschätzesten Musikern gehören. "Das stimmt", pflichtet Dota bei, "dabei sind sie wahnsinnig prägend." Alex Binder kennt Dota aus der Band ihres Freundes Max Prosa (der auch als Gast auf "Galaktika" zu hören ist). Er hat des Weiteren auch ein eigenes Projekt namens Impfstoff ins Leben gerufen, an dem verschiedene Musiker(innen) - so auch Dota mit dem Song "Dressed Up Auf der Couch" - als Duettpartner mit Songs zur Pandemie beteiligt sind. Apropos Bassist und Rhythmus: Früher hantierte Dota ja öfter mit Samba und Reggae-Rhythmen - die sich heutzutage kaum noch in ihrer Musik finden. Ist das eigentlich ein bewusster Prozess? "Das sind keine bewussten Entscheidungen", überlegt Dota, "ich denke einfach, dass man am Anfang, wenn man mit der Musik beginnt, die Ohren aufmacht und hört, was in der Welt an verschiedenen Einflüssen zu hören ist und lernt es, Sachen nachzuspielen und saugt all die Einflüsse auf, die einem gefallen. Was das Herz berührt findet irgendwie Eingang in die eigenen Ideen. Ja und das ändert sich dann im Laufe der Zeit. Die Summe all dieser Einflüsse über die 20 Jahre, die ich das jetzt schon mache, bildet dann ja auch so den eigenen Stil. Was mittlerweile - und besonders wenn man es schon so lange macht - eine Schwierigkeit ist, ist dann eher, dass man sich nicht selbst zu sehr zitiert - in textlich/inhaltlicher Sicht."

Wie schreibt Dota ihre Songs? "Also ich schreibe die Stücke erst mal alleine und es gibt von jedem Lied auch eine Fassung alleine mit der Gitarre", führt sie aus, "aber das, was auf der Scheibe dann zu hören ist, geht ja weit darüber hinaus, denn das erarbeite ich dann mit den Musikern zusammen - also alle Instrumentalteile und Arrangements." Zwar ist das nach der kleinen lila Fee aus der Klappmaulpuppenserie "Hallo Spencer" benannte Album kein wirkliches Lockdown-Projekt - da die meisten Songs bereits vor der Pandemie geschrieben wurden, aber mit dem Titeltrack - indem Dota spaßeshalber die kleine Fee Galaktika zur Hilfe ruft, um all unsere aktuellen Probleme zu lösen, weil die Menschen das ja nicht fertig bringen und dem Social-Media-kritischen "Ich hasse das", in dem sich Dota mit den Versuchungen, Manipulationen und Gefahren der sozialen Medien in Zeiten der Pandemie beschäftigt, gibt es doch Songs die sich thematisch mit den Folgen von Corona beschäftigen. Gilt das auch für den Song "Bademeister*in" ? Beschreibt Dota hier nicht einen Menschen mit Blockwartmentalität - was in Zeiten von Impfneid und vermeintlicher Meinungsdiktatur ja auch wieder Hochkonjunktur hat? "Nein - ich finde das wirklich ein Loblied auf den Bademeister", wehrt Dota ab, "und außerdem wollte ich immer schon etwas über Gendersprache schreiben." Eine schöne Steilvorlage: Wie verhält sich denn Dota zu den seltsamen Auswüchsen, die die Gendersprache mit sich bringt? "Zum Beispiel 'Gast' und 'Gästin', oder?", meint sie, "das lassen wir doch bitte. Ich möchte voranstellen, dass ich alle Argumente für die Gendersprache total wichtig finde und verstehe und ich es auf jeden Fall gut finde, das zu machen. Besonders mit Bezug auf die Kinder, denn wenn man denen immer nur von Rechtsanwälten und Ärzten erzählt, dann sehen die keine Rechtsanwältinnen und Ärztinnen. Das sehe ich alles total ein. Mein Hauptproblem damit ist aber ein ästhetisches. Ich wurde bereits angesprochen, warum ich in meinen Texten nicht 'gendere'. Dann sage ich immer: 'Na dann mach mal vor, wie das gut klingt und ins Versmaß passt und so weiter'. Und das ist es ja, was ich in dem Lied 'Bademeister*in' aufgreife: Die Bademeisterin kann alles genauso gut wie der Bademeister - nur dass sie sich leider nicht so gut reimt. Und ich finde, das muss ein völlig ausreichendes Argument sein. Die ganze Sache hat auch etwas sehr Gängelndes und Bevormundendes." Und es gibt ja auch gewiss Relevanteres, über das man sich Gedanken machen müsste, oder? "Ich finde, was dabei manchmal ein bisschen in Vergessenheit gerät, ist, dass die Sprache dann auch irgendwo nur ein Nebenschauplatz der ganzen Sache ist", überlegt Dota, "es bedeutet nämlich nicht automatisch, dass wenn es in der Sprache angekommen ist, es auch im Denken angekommen ist. Eine Freundin von mir arbeitet bei einem sozialen Träger und die Geschäftsleitung besteht dort darauf, dass jeder Bericht perfekt 'gegendert' ist - zahlt aber allen Männern ein höheres Einstiegsgehalt. Offensichtlich zieht also hier das eine Bewusstsein nicht zwangsläufig das andere nach sich. Man kann also das eine tun und das andere trotzdem nicht lassen. Ich weiß nicht - manche Leute kämpfen diesen Kampf mit einer Verbissenheit, als wäre damit schon alles erreicht."
Dota
Wie hat sich das eigentlich für Dota angefühlt, auf ihrem letzten Album "Kaléko" mit Texten von jemand anderem - nämlich Masha Kaléko - zu arbeiten? War das vielleicht sogar in gewisser Hinsicht befreiend? "Ja, das war es", bestätigt Dota, "es hat sich ganz wunderbar und leicht angefühlt - man war für nichts verantwortlich und es gab so viel Spielfreude. Ich habe auch Spielfreude, wenn ich eigene Stücke spiele - aber ich hänge da mit dem Kopf viel mehr drin. Der Text ist ja gegeben und an dem darf ich ja nichts verändern - und dann einfach nur Komponistin und Sängerin zu sein war schön. Ich schreibe natürlich auch gerne, aber es hatte eben eine große Leichtigkeit, mal nur für die musikalischen Teile verantwortlich zu sein." Was ist denn für die Songwriterin Dota die größte Herausforderung als Liedermacherin? "Also ich würde sagen, dass es mir an Ideen, Themen, Melodien und Harmoniefolgen nie mangelt", meint Dota, "wenn man schon relativ viele Lieder geschrieben hat, wird es allerdings schwierig, sich für eine neue Idee zu begeistern und herauszufinden, was denn daran originell sein könnte. Ich bin da knallhart - auch bei anderen - und denke, dass wenn ein Lied nicht originell ist, es auch keine Existenzberechtigung hat. Wenn es nur einfach etwas nachmacht, was ein anderes Lied schon gemacht hat, dann ist das andere Lied vielleicht einfach ausreichend für die Welt. Natürlich ist es auch so, dass durch die sich ständig verändernde Gegenwart immer wieder neue Kommentare und Reflektionen ihren Platz haben - aber ich bin da wirklich hart in diesem Urteil." Und was macht einen guten Song aus - außer dass er originell sein sollte? "Er muss auch eine formale Schönheit haben", ergänzt Dota, "und es ist wichtig, dass die Zeilen einen guten Rhythmus und Sprachklang haben und dass es auch im besten Fall noch originelle Reime gibt. Ein guter Song muss mich natürlich auch irgendwie berühren - das ist fast noch wichtiger als alles andere. Und inhaltlich sollte es irgend eine Art von Komplexität geben, denn ich mag es nicht wenn etwas flach und einfallslos ist." Genau diese Art von Komplexität haben die neuen Songs ja auch auf der musikalischen Seite. Was hält die Sache dann - außer dem Gesang - für Dota zusammen? "Ich finde eigentlich, dass es der Band-Sound selbst das alles auch ganz gut zusammenhält", sagt Dota, "es gibt auch schon ein paar inhaltliche Ebenen, die das Ganze zusammenhalten - aber ich bin da fast gar nicht die richtige Person, das zu sagen, weil ich da zu dicht dran bin. Es ist auf jeden Fall kein Konzeptalbum." Geht Dota überhaupt mit einem Konzept an eine neue Scheibe heran? "Nein - jeder Song entsteht aus sich selbst heraus", erläutert Dota, "aus seiner eigenen Notwendigkeit und folgt seiner eigenen Logik."

Ein Stück, das ein wenig aus dem Rahmen fällt, ist der offizielle Schlusstrack "In Allem Gedankenlosen". Dieser ist nicht nur wesentlich länger als die anderen, sondern auch lyrisch irgendwie anders. In der Bio heißt es, der sei assoziativ getextet worden? "Doch, das kann man schon so sagen", bestätigt Dota, "schon die Textzeile 'in allen Gedanken ist ein Haken und in allem Gedankenlosen auch', der lässt einem ja in den Strophen genug Platz, zu machen, was man will - an Konkretem oder eben Gedankenlosen." Warum ist der Song denn anders als die anderen? "Wir fanden, dass diese Traumstimmung das eben so lange trägt mit diesem triolischen Bass, der sich so reinwindet. Auch andere Songs waren länger und wir haben dann ganze Strophen wieder rausgeschmissen - nur bei dem haben wir alles dringelassen. Ich habe nämlich oft das Problem, dass ich immer zu viele Strophen schreibe und mit der Band dann immer lange rumdiskutierem welche jetzt rausfliegen muss. Ich will dann auch immer alles drin haben, während die anderen das dann rausnehmen - zu recht." Bei dem Song "Funken Schlagen" ist ja Max Prosa als Gast dabei. "Ja, wir haben den Song zusammen geschrieben", bestätigt Dota, "es wird auch noch eine Duett-Version folgen - es ist aber jetzt erst mal die Solo-Version auf dem Album. Ich habe ja nicht viel Routine darin, mit anderen Songs zu schreiben. Ich weiß natürlich aber, dass viele Songwriter darin ganz routiniert sind, zusammen zu schreiben. Mit Max verbindet mich allerdings ein ganz besonderes Verhältnis. Wir fahren seit vielen Jahren weg, um gemeinsam zu schreiben. Es arbeitet dann jeder an seinen Songs und gelegentlich kommt dann auch mal ein gemeinsamer Song dabei heraus. Das ist jetzt das dritte Duett, was wir zusammen geschrieben haben."
Wie geht es denn weiter mit Dota? "Manche sagen ja, dass ein Optimismus dahin gehend unbegründet ist", zögert sie, "aber ich halte daran fest, dass das mit den geplanten Live-Konzerten klappt. Das wäre dann draußen mit geregeltem Abstand und Hygienekonzept - das ist eigentlich harmloser als jeder Parkbesuch. Aus Infektionssicht wäre das perfekt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das verboten wird. Dann wird es noch eine Deluxe-Ausgabe der LP geben mit zehn weiteren Stücken drauf und dann gibt es ja auch noch jede Menge Projekte zu unterstützen. Wie zum Beispiel das Berliner Volksbegehren zum Klima-Neustart und die Sache mit dem Mietendeckel. Ich beschäftige mich schon mit den aktuellen Themen und da gibt es ja viel zu tun."
Weitere Infos:
dota-kehr.bandcamp.com
kleingeldprinzessin.de
www.instagram.com/dota_kehr
www.facebook.com/dota.kehr
twitter.com/Dota_Kehr
www.facebook.com/KlimaneustartBerlin
buendnis-oekozidgesetz.de
www.dwenteignen.de
www.youtube.com/watch?v=A522GSIvIi8
www.youtube.com/watch?v=_5_WQpF6d-U
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Annika Weinthal-
Dota
Aktueller Tonträger:
Wir rufen dich, Galaktika
(Kleingeldprinzessin/Broken Silence)

 
 

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