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LUCY KRUGER & THE LOST BOYS
 
Ausgrabungen zwischen den Orten
Lucy Kruger & The Lost Boys
Lucy Kruger ist aufgewacht und auf dem Weg: Mit düster funkelnden Slowcore-Perlen begeisterte die inzwischen in Berlin heimische Südafrikanerin mit ihren Lost Boys schon auf ihrem letzten Album, "Sleeping Tapes For Some Girls", auf ihrem just veröffentlichten dritten Alleingang dagegen bekommt ihr Schaffen eine neue Dimension. Schon der Titel, "Transit Tapes (For Women Who Move Furniture Around)", deutet bereits an, dass in der Musik dieses Mal mehr Bewegung steckt, zugleich weicht das Zerbrechlich-Introvertierte, das den Vorgänger bestimmt hatte, auf dem neuen Album einem volleren, deutlich stärker bandorientierten Sound, mit dem sie die Wucht ihres inzwischen aufgegebenen Projekts Medicine Boy mit André Leo und den langsam schwelenden, psychedelisch umspülten Folk ihrer bisherigen Solowerke elegant verschmelzen lässt. "The album bubbles with the quiet chaos of a volcano slowly preparing to explode", beschrieb ein Journalist aus Südafrika die Platte bereits treffend. Das Ergebnis ist ein herrlich intensiver Sound, wenngleich die Verwirrung und Verletzlichkeit, die "Sleeping Tapes" zu einem leisen Trumpf gemacht hatten, auf "Transit Tapes" nicht vollends verschwinden.
Seit 2018 ist Lucy Kruger inzwischen in Berlin zu Hause, passend zum Titel ihres neuen Albums ist sie aber immer noch irgendwie auf dem Weg in ihre neue Heimat. Da passt es, dass wir sie fürs Gaesteliste.de-Interview in Südafrika erreichen, wo sie Ende April eine Handvoll Konzerte spielt, während ihre Wahlheimat noch mitten im Lockdown steckt. "Ich bin jetzt seit fast drei Jahren in Berlin, aber es dauert länger, als ich gedacht oder erhofft hätte, mich einzuleben und Wurzeln zu schlagen", gesteht sie. "Im ersten Jahr habe ich erst einmal versucht, Fuß zu fassen, und letztes Jahr war eh alles anders." Im Vergleich dazu hatte sie in Kapstadt, wo sie nach ihrem Studium ihre ersten Gehversuche als Musikerin machte und insgesamt acht Jahre lebte, viel schneller das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. "Vielleicht liegt es daran, dass ich damals ein wenig jünger war, oder vielleicht liegt es auch in der Natur der alternativen Musikszene in Südafrika, die nicht auf die Industrie, sondern auf die Community ausgerichtet ist", überlegt sie. "Allerdings bin ich ja auch nach Berlin gezogen, damit aus der Community Industrie wird und ich mich ganz auf die Musik konzentrieren kann."

Der Traum, mit der Musik den Lebensunterhalt zu verdienen, wird in Berlin praktisch zur Pflicht, denn bleiben darf nur, wer nachweisen kann, künstlerisch und finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Ist das für Kruger ein Ansporn, ihre Ziele ehrgeiziger zu verfolgen, oder fühlt sie sich bisweilen gelähmt vom Zwang, aktiv sein zu müssen? "Ich bin nicht ganz sicher, oder besser, ich bin hin- und hergerissen", gesteht sie. "Manchmal denke ich mir, um zu überleben und nicht durchzudrehen ist es notwendig, es als treibende Kraft und etwas Positives zu betrachten, in anderen Momenten denke ich, dass das lächerlich ist und ich mir das nur sage, um nicht ständig zynisch zu sein. Das ist alles sehr komplex, denn natürlich bin ich mir bewusst, dass das, was ich tue, ein echtes Privileg ist, und deshalb möchte ich mich nicht beschweren. Gleichzeitig möchte ich mein Ding auf eine ganz bestimmte Art machen, mehr noch, selbst wenn ich die Sache anders angehen wollte, wüsste ich vermutlich nicht wie! Ich kenne nur den Weg, es auf meine Art zu machen! Wenn ich diese Richtschnur nicht habe, komme ich etwas vom Weg ab." Dabei hatte sie zunächst gar keine klaren Vorstellungen davon, was sie in Berlin erwarten würde. Zuvor hatte sie die Stadt bereits einige Male auf Tournee besucht und wusste deshalb, dass sich nicht plötzlich auf magische Weise sämtliche Türen für sie öffnen würden. "Das war auch gut so", sagt sie lachend. "Ich male mir meine Zukunft nicht wirklich aus, und manchmal denke ich, es wäre besser, das zu tun, weil ich dann Ziele hätte, auf die ich hinarbeiten kann. Aber wenn es darum geht, in eine andere Stadt zu ziehen, habe ich keine besonderen Vorstellungen. Weil ich unsicher war, was mich erwarten würde, fühlt es sich jetzt so an, als sei es genauso gekommen, wie es kommen musste."

Grundsätzlich gewandelt hat sich ihre Herangehensweise an ihr Schaffen durch den Umzug allerdings nicht. "Radikale Veränderungen hat es nicht gegeben, allerdings habe ich jetzt mehr Klarheit und bin mehr darauf konzentriert, das zu tun, was sich wirklich bedeutungsvoll für mich anfühlt", erklärt sie. "Natürlich ist das stets im Fluss und es muss auch nicht immer todernst sein. Es kann auch bedeuten, dass ich mich mehr einer gewissen Verspieltheit hingebe. Vielleicht kann man sagen, dass ich manche Dinge ernster nehme als früher und manche dagegen weniger ernst als zuvor." Eine Veränderung, die sich auf "Transit Tapes" in jedem Fall bemerkbar macht, ist das bereits erwähnte Ende von Medicine Boy, denn seitdem ist das, was in Krugers Solosongs erlaubt ist, deutlich weiter gefasst. "Mir ist der Input anderer enorm wichtig und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nicht das sage, was ich wirklich ausdrücken will, wenn der Einfluss der anderen zu stark ist", sagt sie selbstkritisch. "Ich habe das Gefühl, dass ich noch dabei bin, zu entdecken, was diese Veränderung für mich bedeutet. Vermutlich wird es mir in vier, fünf Jahren viel klarer sein, wenn ich auf die Fortschritte zurückblicken kann. Dennoch sind schon jetzt die Veränderungen sehr greifbar, nicht zuletzt, weil ich gemerkt habe, dass ich meine Energie aufgeteilt habe, solange es auch noch Medicine Boy gab. Jetzt ist all meine Konzentration auf dieses eine Projekt gerichtet, gleichzeitig - und das ist etwas, auf das ich abziele - sorgt die Veränderung für mehr Nuancen. Die Aggression und Wildheit von Medicine Boy hat nun auch einen Platz in meiner Soloarbeit, und das fühlt sich richtig gut an!"

Das Ende von Medicine Boy bedeutete für Kruger also eine Zäsur, die es ihr erlaubte, ihr Soloprojekt nicht nur weiterzuführen, sondern es neu aufzustellen. Der kunstvolle Minimalismus von "Sleeping Tapes" macht auf "Transit Tapes" den Weg frei für Songs, die ausstaffierter sind als alles, was Kruger bislang unter eigenem Namen veröffentlicht hat. Großen Anteil daran hatten die neuen Mitstreiter Liù Mottes (Gitarre), Andreas Miranda (Bass) und Martin Perret (Schlagzeug). "Ich habe angefangen, Gitarre zusammen mit meiner Partnerin Liù zu spielen und mit ihr eine musikalische Konversation einzugehen, in die sie voll eingestiegen ist, weil sie wirklich ganz genau zuhört und mit ihrer eigenen Persönlichkeit antwortet. Es ist wundervoll, mit ihr zusammenzuarbeiten, denn normalerweise dauert eine Unterhaltung nur einen Moment, aber stell dir vor, du hast monatelang Zeit, an dieser Konversation zu feilen! Nicht nur 'Das ist ungefähr das, was ich fühle und sagen will', sondern 'Das ist haargenau das, was ich sagen will. Das ist genau die Form, die das haben soll!' Musiker, die bereit sind, die dafür nötige Zeit, Energie und Geduld zu investieren, findet man nur sehr selten. Manchmal ist es sogar bei deiner eigenen Arbeit eine echte Herausforderung! Jemanden zu finden, der gewillt ist, das mit dir gemeinsam zu machen und zu der Unterhaltung beizutragen, ist ein echter Glücksfall, aber ich habe das Gefühl, dass Liù und die zwei Jungs, die an der Platte mitgewirkt haben, genau das getan haben."

Doch welche Qualitäten sind es genau, die Kruger ganz besonders an den Musikern schätzt, die ihr helfen, ihre Ideen Realität werden zu lassen? "Es hilft, wenn sie einen guten Geschmack haben", antwortet sie und muss lachen. "Ich denke wirklich, dass das eine wichtige Rolle spielt, denn ich bin davon überzeugt, dass die Beiträge deiner Kollaborateure immer dann besonders bedeutungsvoll sind, wenn sie tatsächlich mit dir kollaborieren. Natürlich gibst du die Visionen vor, aber gleichzeitig vertraust du darauf, dass dir jemand nur etwas anbietet, wenn er selbst auch wirklich daran glaubt. Ich denke, es ist wichtig, dass meine Mitstreiter eine ähnliche Herangehensweise wie ich haben – nicht nur musikalisch, sondern vor allem auch im Denken." Die neuen Lieder mögen mit viel Zeit und Geduld entstanden sein, dennoch sind Kruger und ihre Mistreiter glücklicherweise nicht der Versuchung erlegen, in diesem langwierigen Prozess alle Kanten abzuschleifen. Im Gegenteil: So bedacht die Arbeitsweise auch war, zeichnet die Songs dennoch eine gewisse Spontaneität und Ursprünglichkeit aus. "Teil des Feilens an der Konversation ist, dafür zu sorgen, dass das Lied am Ende nicht gesetzt klingt. Letztlich geht es nicht darum, sich Zeit zu nehmen, um an dem Stück zu feilen, sondern an dem Gefühl, das man vermitteln will. Es geht nicht darum, bestimmte Töne wieder und wieder zu proben, es geht darum, so lange zu spielen, bis etwas lebendig wird. Das ist eher eine Ausgrabung als eine Fingerübung."

Tatsächlich zeichnet sich die neue Platte nicht nur durch mehr Bewegung aus, sie ist auch deutlich mutiger und unterstreicht, dass sich Kruger als Künstlerin inzwischen in ihrer Ausdrucksweise deutlich freier fühlt. "Ich versuche inzwischen, klarer beim Geschichtenerzählen zu sein", erklärt sie. "Vielleicht ändert sich das wieder, aber zumindest für dieses Album ist es wahr. Auf 'Sleeping Tapes' ist vieles auch recht klar, aber manchmal spreche ich auch verschlüsselt mit mir selbst. Ein wenig ist davon auch auf der neuen Platte noch spürbar, dennoch ging es mir stärker darum, einfach das zu sagen, was ich vermitteln will. Viele der Songs auf 'Sleeping Tapes' fühlten sich wie der Anfang von etwas an, sie sind in gewisser Weise sehr skizzenhaft, aber weil sie so zerbrechlich schienen, wollte ich nicht zu viel dazwischenfunken. Dieses Mal wollte ich etwas mehr Zeit mit den Liedern verbringen und sie ein wenig robuster klingen lassen, sie sollten in sich selbstbewusster klingen. Die Idee dahinter war, dass ich dir nur einen Song der neuen Platte vorsingen könnte und er trotzdem eine komplette Geschichte erzählen würde."

Doch auch wenn sich Kruger gerade über die neuen Lieder viele Gedanken gemacht hat, ist sie am Ende des Tages doch eher eine Minimalistin. "Es gibt Künstler, die eine Million Strophen für ihre Lieder schreiben und alles haarklein ausarbeiten. So jemand bin ich nicht", unterstreicht sie. "Lange Zeit war es so, dass ich Lieder verworfen habe, die ich nicht in einem Rutsch fertigstellen konnte. Das Herz des Songs muss sich mir schnell und intuitiv offenbaren, denn dann weiß ich, dass daraus etwas werden kann, das ich nur noch ausformen muss. Passiert das nicht, lasse ich lieber die Finger davon. Ich mache mir keine Gedanken darum, was ein Song sein soll, bevor er existiert." Dennoch schreibt Kruger die Lieder natürlich nicht für sich allein. Viele Songs mögen auf persönlichen Erfahrungen fußen, dennoch steckt auch immer ein Stück universelle Wahrheit darin - ohne dass es die Autorin darauf besonders anlegt. "Ich denke, wenn in dem, was du schreibst, auch nur ein Fünkchen Ehrlichkeit steckt, wird das immer auf eine Art auch eine allgemeine Bedeutung besitzen", sagt sie. "Letztlich fühlen wir alle das Gleiche, wenngleich auf nuancierte, spezifische Weise. Oft denke ich, je spezifischer etwas ist, desto universeller kann es sich anfühlen. Wenn etwas ständig wiederholt wird, kann es seine Bedeutung verlieren, aber wenn du auf etwas ansprichst, was noch nicht millionenfach wiederholt worden ist, kann das ein neuer Zugang sein." Damit versucht sie an Künstler wie Tom Waits, Nick Cave oder auch Big Thiefs Adrianne Lenker anzuknüpfen, die Lieder schreiben, die zutiefst persönlich klingen und sich doch anfühlen als seien sie allein für den Hörer geschrieben worden: "Es geht darum, Geschichten zu erzählen, die etwas bedeuten."
Die Untertitel ihrer letzten beiden Alben, "For Some Girls" und "For Women Who Move Furniture Around", deuten bereits an, dass Kruger beim Storytelling die weibliche Perspektive besonders wichtig ist, wenn sie mutig ihre eigenen Erfahrungen herausstellt oder versucht, sich von Geschlechterstereotypen nicht unterkriegen zu lassen und ihre eigene Identität voll zu entfalten. "Als ich angefangen habe zu schreiben und zum ersten Mal in die Musikszene - oder die Welt ganz allgemein - eingetaucht bin, habe ich festgestellt, dass unterbewusst mein Publikum - und das durchaus weiter gefasst - männlich war und ein Großteil der Bestätigung maskulin war", erinnert sie sich. "Ein Weg für mich, das zu ändern, war, stärker auf ein weibliches Publikum abzuzielen. Es fällt mir schwer, dafür die richtigen Worte zu finden, ohne in Generalisierungen abzuschweifen, aber ich habe das Gefühl, dass Frauen weniger Berührungsängste haben, sich mit etwas auseinanderzusetzen, das scheinbar für Männer gedacht ist. Selbstverständlich sind Albumtitel wie 'Sleeping Tapes For Some Girls' und 'Transit Tapes (For Women Who Move Furniture Around)' augenzwinkernd gemeint. Natürlich sind diese Platten nicht nur für Frauen, sie sind für alle. Aber die Jungs müssen erst einmal mutig sein und sich da heranwagen - und darauf ziele ich auch ab."
Weitere Infos:
facebook.com/lucykrugerofficial
instagram.com/lucy_kruger
lucykruger.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Gabriella Achadihna-
Lucy Kruger & The Lost Boys
Aktueller Tonträger:
Transit Tapes (For Women Who Move Furniture Around)
(Unique/Membran)
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