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RUNNNER
 
"Ich lasse mich von Gefühlen leiten, nicht von der Geschichte"
Runnner
"Always Repeating" heißt das erste Album, das Noah Weinman alias Runnner weltweit und mit Unterstützung des renommierten Labels Run For Cover veröffentlicht, und den LP-Titel darf man ruhig wörtlich nehmen, schließlich finden sich auf dem Album neue Aufnahmen seiner ältesten Songs. Es sind Lieder, mit denen er auch textlich in der Vergangenheit kramt: Es geht darum, sich über das eigene Leben im Unklaren zu sein. Das Gefühl der Rastlosigkeit, der Wurzellosigkeit hat auch in Weinmans Herangehensweise in seinem zugleich schlicht, aber auch ambitioniert anmutenden Indie-Folk-Sound Spuren hinterlassen. Traditionelle Songwriter-Tugenden vermischen sie dabei mit einem zeitgemäßen Elektronikklangteppich. Live sind Runnner inzwischen zwar eine siebenköpfige Band, die Aufnahmen dagegen verwirklicht der in Los Angeles heimische Singer/Songwriter, Multiinstrumentalist und Produzent zumeist im Alleingang und spielt Gitarre, Bass, Trompete, Banjo, Piano und Synthesizer mit seinem mobilen Set-up kurzerhand selbst ein. Trotzdem ist Weinman kein klassischer Eigenbrötler. Früher tauchte er oft als Gitarrist in den Bands von Freunden und Bekannten auf, doch seit er letzten Sommer seiner Partnerin half, ihre Visionen für ihr viel beachtetes Debüt als Skullcrusher Realität werden zu lassen, ist er auch vermehrt als Produzent aktiv. Mitte Juni hatten wir die Gelegenheit, mit dem sympathischen Musiker über sein Album und vieles mehr zu sprechen.
GL.de: Noah, was macht dich derzeit als Mensch und Musiker besonders glücklich?

Noah Weinman: Ich habe es sehr genossen, die Musik im zurückliegenden Jahr etwas in den Hintergrund rücken zu lassen. Ich hatte die Gelegenheit, in mich selbst hineinzuhorchen, denn lange Zeit war die Musik das Einzige, was mich beschäftigte. Im Mai des vergangenen Jahres habe ich zum Beispiel angefangen, mit meinem College-Zimmergenossen online Schach zu spielen, und das macht mir viel Freude, ich bin viel gewandert, habe viel gelesen und viel gekocht. Das sind alles Dinge, die mich glücklich machen. In Sachen Musik macht es mich glücklich, die erste Version eines Demos fertigzustellen und sie mir dann anzuhören. Zu wissen, diese Aufnahme hat vor einer Stunde noch nicht existiert, aber jetzt gibt es sie, und ich bin der Erste, der sie hört… Ich blende dann für einen Moment aus, dass ich den Song selbst aufgenommen habe, aber dieses Gefühl, das erste Demo zum ersten Mal zu hören - genau darum geht es mir!

GL.de: Musikalisch prallen in deiner Musik bisweilen Welten aufeinander. Elektronisch umwehter Indie-Folk ist fraglos sehr hip und zeitgemäß, du fügst dem Soundkosmos mit dem Banjo allerdings oft und gerne ein betont traditionelles, ja altbackenes Instrument hinzu. Wie kam es dazu?

Noah Weinman: Ich hab mich immer von Folkmusik und dem ganzen Singer/Songwriter-Kram angezogen gefühlt. Ich habe zuvor in verschiedenen Bands gespielt und wir haben Sachen auf die Art und Weise aufgenommen, die ich für richtig hielt: Du fährst in ein Studio und versuchst, gute Takes hinzubekommen, aber ich merkte schnell, dass mich das frustrierte. Also fing ich an, zu Hause zu produzieren, und das hat dazu geführt, dass ich interessante Wege entdeckt habe, Sachen aufzunehmen und Electronica zu benutzen, um die Tatsache zu kompensieren, dass ich allein keine Band bin.

GL.de: Bedeutet dein Interesse an DIY-Frickelei, dass du weniger ein Musiker im klassischen Sinne, sondern eher ein musikbegeisterter MacGyver bist?

Noah Weinman: Das ist eine sehr schöne Frage! Ich denke, ich bin eher ein Musiker, denn das ist die Sicht, mit der ich mich der Musik nähere. In jungen Jahren habe ich Jazz-Trompete gespielt, und auch sonst habe ich immer die instrumentelle Seite im Kopf. Dagegen empfinde ich den Produktionsprozess bisweilen als frustrierend, weil ich gerne schneller die passende Idee hätte und wünschte, sie würde auf meinem Computer erscheinen, ohne dass ich etwas dafür tun muss. Allerdings glaube ich auch fest daran, dass ein Song einen Willen hat, dass er etwas Bestimmtes sein möchte, und deshalb kann der Produktionsprozess auch Spaß machen, weil du etwas anfängst, ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt. Du folgst einfach dem Rahmen, den der Song dir vorgibt. Was das Equipment angeht, bin ich nicht wirklich auf dem Laufenden. Inzwischen gibt es Ableton 11, ich dagegen benutze immer noch Ableton 9, aber es gefällt mir, damit amateurhaft rumzumachen.

GL.de: Inzwischen arbeitest du vermehrt auch für andere. Mit welcher Philosophie gehst du an die Produzententätigkeit heran?

Noah Weinman: Ich versuche, mich nicht zu sehr einzumischen. Ich betrachte das Ganze aus der Künstlerperspektive, und ich glaube, selbst Künstler zu sein, hilft mir, die Dinge aus diesem Blickwinkel zu betrachten. Ich frage mich: Was würde ich mir von einem Produzenten wünschen? Ich würde hoffen, dass er einerseits Ideen hat, wenn ich keine habe, andererseits aber auch seine Ideen nicht über die stellt, die ich selbst habe. Das versuche ich umzusetzen. Ich vertraue zwar darauf, dass alle Projekte, an denen ich arbeite, auf gewisse Weise meine Handschrift tragen, ich würde sie aber niemandem aufzwingen wollen. Letztlich geht es ja darum, Ergebnisse zu erzielen, die dem Künstler gefallen. Bei den letzten Produzentenjobs, die ich gemacht habe, war es allerdings schon so, dass die Leute meine Arbeit mit Skullcrusher gehört haben und etwas Ähnliches machen wollten. Am Ende sehe ich meine Aufgabe als Produzent darin, dem Künstler zu helfen, den Sound, den er im Kopf hat, zu verwirklichen.

GL.de: Trotz der großen Ideen, die oft in deinem Kopf herumspuken, zeichnet sich deine Musik dennoch durch einen willkommenen Minimalismus aus. Bedarf es viel Disziplin, die Lieder nicht noch mit fünf weiteren Instrumenten zu verstopfen?

Noah Weinman: Oh, das ist ein fortwährender Kampf für mich! Wenn man sich meine früheren Sachen anhört, vor allem die, die inzwischen etwas schwerer zu finden sind, stellt man fest, dass die viel dichter und maximaler klingen. Manche Leute denken in kleinen Bahnen und müssen dann alles aus ihrer Idee herauskitzeln, um sie aufzublasen, mir dagegen fällt es leichter, eher mehr zu machen, doch seit einer Weile arbeite ich daran, bewusst weniger zu tun. Ich bin allerdings nicht sicher, wie erfolgreich ich dabei bin. Ich höre immer mal wieder Songs von mir und denke: Das ist viel zu viel!

GL.de: Hilft dir die Erfahrung inzwischen dabei, eine Punktlandung hinzulegen, oder schießt du immer noch über das Ziel hinaus und musst dann reduzieren?

Noah Weinman: In den meisten Fällen schieße ich über das Ziel hinaus. Ich füge Parts hinzu, und wenn ich merke, dass das Ergebnis zu dicht klingt, schalte ich die Tonspur stumm, und wenn ich den Part nicht vermisse, fliegt er raus. Manchmal bedeutet das, auf etwas zu verzichten, das mir sehr am Herzen lag, aber wenn es nicht songdienlich ist, muss ich einfach darauf vertrauen, dass es sich nicht lohnt, daran festzuhalten.

GL.de: Auf deinem neuen Album, "Always Repeating", finden sich zu gleichen Teilen Neuaufnahmen von Songs aus deinem selbstverlegtem 2017er-Album-Erstling "Awash", fünf weitere stammen aus der letztjährigen EP "One Of One". Zusammen mit einer weiteren EP, "Fan On", bilden sie das, was du selbst als "Runnner - Kapitel 1" bezeichnest. Im Gegensatz zu vielen anderen Musikern, die ihre DIY-Frühwerke oft vom Markt nehmen, sobald ihre Karriere anzieht, scheint dir eine gewisse Chronologie wichtig zu sein?

Noah Weinman: Ja! Meine frühen Songs sind immer noch wichtig für mich, ich mag sie immer noch sehr. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich die Art und Weise, wie ich sie damals produziert habe, nicht mehr mag, allerdings war "Awash" auch die allererste Platte, die ich je produziert habe. Ich brachte mir die Kunst des Produzierens bei, während ich das Album machte! Das sind die Lieder, die ich bei jedem Runnner-Konzert von 2017 bis zu dem Zeitpunkt, als es mit den Konzerten aufhörte, gespielt habe. Dabei haben sie ganz neue Formen angenommen, und deshalb war ich froh über die Gelegenheit, sie noch einmal aufzunehmen. Gleichzeitig ist aber auch Chronologie wichtig für mich. Ich habe mein erstes Album zwar von den Streaming-Plattformen entfernt, aber es ist immer noch auf Bandcamp und in den Untiefen von YouTube zu finden. Wer meine Musik genug schätzt, um danach zu suchen, kann es finden.

GL.de: Textlich widmest du dich gern Banalitäten und Alltäglichem. Heißt das, der Ausdruck echter Gefühle, der Ausdruck deiner</i> Gefühle ist dir wichtiger, als bei der Themenauswahl möglichst originell zu sein?

Noah Weinman: Ja! Wenn ich Songs schreibe, steht zumeist ein Gefühl am Anfang, und dann suche ich mir die passende Sichtweise, mich ihm zu nähern. In der Regel ist das für mich der Songtitel, denn bei den meisten meiner Lieder ist der Titel das erste, was feststeht. Ich kenne niemanden sonst, der das tut, und viele Leute halten mich für bescheuert, weil ich das so mache, aber das versorgt mich mit der Perspektive. Manchmal suche ich mir auch Titel aus, weil ich glaube, dass noch nie jemand zuvor ein Lied unter diesem Titel verfasst hat oder weil ich ein interessantes Wort finde, das man nicht so oft hört. Das kann richtig Spaß machen! In gewisser Weise geht es also doch ein wenig um Originalität, aber im Großen und Ganzen ist sie mir nicht wichtig, weil ich befürchte, dass sie mich daran hindert, ehrlich das zu sagen, was ich ausdrücken will.

GL.de: In deinen Liedern steckt gern ein Quäntchen Traurigkeit, du selbst wirkst aber gar nicht melancholisch...

Noah Weinman: Ich denke schon, dass eine Menge Traurigkeit in mir steckt, allerdings bin ich auch sehr extrovertiert, und das hilft mir, die Traurigkeit zu kaschieren - was ich sehr gerne tue. Doch auch wenn ich nicht wie ein trauriger Mensch wirke, greife ich doch nach der Musik, um genau diese Gefühle zu transportieren, ohne sie in Worte fassen zu müssen. Ich beschreibe mich gerne als extrovertiert, aber introspektiv, und das gibt meine Gefühlslage ganz gut wieder. Ich verarbeite die Melancholie beim Schreiben, wenngleich es sich dabei zumeist um Erinnerungen handelt und nicht um etwas aus meinem gegenwärtigen Alltag. Oft habe ich das Gefühl, dass ich über Geschehnisse erst Jahre später schreiben kann, wenn ich die Chance hatte, das Ganze aus der Weitwinkel-Perspektive zu betrachten.

GL.de: Mit Blick auf die Zukunft: Ist diese Herangehensweise konkurrenzlos, oder kannst du dir vorstellen, dass es auch andere Wege für dich gibt?

Noah Weinman: Natürlich wird sich das irgendwann ändern müssen, da ich kein bodenloses Fass voller Erinnerungen bin, und schon jetzt bewege ich mich ein wenig in diese Richtung. Früher habe ich nur ab und zu Tagebuch geschrieben, aber in diesem Jahr tue ich es jeden Morgen, und das hat mir geholfen, mich mehr in die Sprache meines Alltags-Ichs - im Gegensatz zur Sprache meines nostalgischen Ichs - einzufühlen. Tatsächlich habe ich dieses Jahr noch nicht viele neue Songs geschrieben, aber das liegt auch daran, dass ich gerade in Gedanken eher beim Aufnehmen bin, denn ich sitze auf einem ganzen Haufen Songs, die noch gar nicht eingespielt sind. Abgesehen davon vermische ich bisweilen auch Erinnerungen mit der Gegenwart. Ich lasse mich von Gefühlen leiten, nicht von der Geschichte.
Weitere Infos:
runner.band
www.facebook.com/runnnermusic
instagram.com/runnner_music
runnner.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Helen Ballentine-
Runnner
Aktueller Tonträger:
Always Repeating
(Run For Cover/Cargo)
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